
Warum haben wir Nachwuchsprobleme beim Tango?
Dass die hiesige Tangoszene zunehmend überaltert, ist unübersehbar – und wird in Foren, auf Milongas und selbst in Unterrichtskreisen häufig beklagt. Doch woran liegt es eigentlich genau, dass kaum junge Menschen nachrücken?
Die populären Erklärungen kreisen meist um subjektive Eindrücke:
„falsche Musikauswahl“, „langweiliges Gekreisel“, „zu viele Regeln“, „steife Atmosphäre“. Doch wie belastbar sind diese Einschätzungen wirklich?
Wer hat systematisch Daten erhoben? Gibt es repräsentative Umfragen? Tatsächlich: Nein. Weder ChatGPT noch Gemini, noch Suchmaschinen oder wissenschaftliche Quellen liefern konkrete Erhebungen oder belastbare Zahlen. Es gibt Vermutungen, persönliche Eindrücke – aber keine fundierte Forschung.
Die häufigsten Begründungen – ein Blick auf Reddit & Co.
In einem stark diskutierten Reddit-Thread („Why is there little to none young people in tango?“) äußern sich junge Tänzer:innen selbst zu ihren Gründen – und sie zeichnen ein deutlich differenzierteres Bild als viele pauschale Kritiker.
Einige der eindrücklichsten Stimmen:
„Das liegt daran, dass alle anderen Leute, besonders die Frauen in dieser Community, alt sind. […] Junge Männer gehen nicht an einen Ort, an dem nur alte Frauen hingehen. Wenn es keine jungen Männer gibt, gehen junge Mädchen nicht hin […].“
Ein Teufelskreis also – der Mangel an Gleichaltrigen führt zur gegenseitigen Abschreckung. Und es ist ein Phänomen, das sich soziologisch leicht nachvollziehen lässt: Der Wunsch nach Peer-Gruppen, gemeinsamen kulturellen Referenzen, Flirtpotenzial oder wenigstens einem gewissen sozialen Gleichklang ist in jungen Jahren besonders stark ausgeprägt.
Also mal auf den Punkt gebracht: Warum sollte ein junger Mann, der eine Lebenspartnerin sucht, ausgerechnet 2 Jahre für das Erlernen eines komplexen Tanzen investieren, wenn er auf den realen Tango-Pisten nur ältere Frauen antrifft?
Ist es wirklich die Musik?
Manche Kommentatoren behaupten, die sogenannte „Uraltschrammel-Musik“ sei der eigentliche Grund für das Fernbleiben junger Leute. Doch auch hier gilt: Es gibt keine Hinweise darauf, dass klassische Tangomusik systematisch abschreckt. In den meisten Online-Diskussionen ist dieser Punkt nicht unter den häufig genannten Kritikpunkten.
Ein differenzierter Kommentar bringt es gut auf den Punkt:
„Es ist normalerweise nicht die Qualität der Musik selbst, sondern welche Art von Botschaft die Gesellschaft als Ganzes an die Jugend darüber sendet.“
Das Problem scheint also nicht der Stil selbst zu sein, sondern die fehlende Vermittlung und Einbettung: Es fehlt an Vorbildern, Erklärungen, an kultureller Andockfähigkeit. Klassische Musik funktioniert ebenfalls nur dort, wo sie sozial codiert und kulturell gestützt ist. Warum sollte es im Tango anders sein?
Atmosphäre: „Wie auf einer Beerdigung“?
Ein anderer Kommentar kritisiert:
„Es ist oft so wahnsinnig still in Milongas, fast wie auf einer Beerdigung. […] Lachen scheint dort verboten zu sein und wenn man sich mal versehentlich laut unterhält, wird man mit bösen Blicken bestraft.“
Hier geht es weniger um technische oder musikalische Aspekte – sondern um Stimmung, Lockerheit, sozialen Umgang. Eine junge Generation, die ihre Freizeit gewohnt ist, in offenen, ungezwungenen Kontexten zu verbringen, erlebt die häufig reglementierte Milonga-Kultur oft als kühl und abschreckend.
Das heißt nicht, dass es „falsch“ ist, Milongas respektvoll und konzentriert zu gestalten. Aber es muss Orte geben, an denen sich neue, junge Gruppen mit eigener Kultur entwickeln können – ohne den ständigen impliziten Vergleich mit „wie es sein sollte“.
Kosten, Zugang und der soziale Filter
Auch die finanziellen Hürden spielen eine Rolle:
„Tango ist im Vergleich zu anderen Gesellschaftstänzen ziemlich teuer.“
„Die Universitäts-Szene floriert, weil sie so aufgebaut ist, dass der Unterricht günstig oder kostenlos ist.“
Viele Tangoangebote richten sich an ein Publikum mit ökonomischem Spielraum – Menschen ab 40 aufwärts, mit festem Einkommen. Junge Menschen in Ausbildung oder im Übergang zur Berufswelt können sich Privatstunden, Festivals, Wochenendworkshops oft nicht leisten. Dort, wo Unis günstige Kurse organisieren, sieht die Sache anders aus – und das sollte zu denken geben.
Der Körperkontakt als Hürde – besonders bei jungen Frauen
Auch das Thema Nähe wird angesprochen:
„Sie war diesen Grad an Körperkontakt nicht gewohnt […]. Junge Leute sind normalerweise unsicherer, und beim Tango tanzen stellt man sich anderen Leuten sehr aus.“
Der direkte, manchmal intime Kontakt in geschlossener Umarmung ist für viele junge Menschen nicht selbstverständlich – besonders in Zeiten zunehmender Sensibilität für Grenzen, Konsens und körperliche Autonomie. Eine enge Umarmung ist im Tango essentiell – aber sie muss pädagogisch begleitet und sensibel eingeführt werden.
Tango wirkt auf viele junge Menschen technisch zu unbeeindruckend
Ein oft übersehener Aspekt: Die Außenwirkung von Tango auf der Tanzfläche.
Viele junge Menschen haben ein natürliches Gespür für Stil, Bewegung und Technik. Sie vergleichen sofort – bewusst oder unbewusst – mit dem, was sie aus Breakdance, Contemporary, K-Pop, Latin, Urban Dance oder selbst TikTok kennen: Körperbeherrschung, Ausdruck, Präzision – sichtbar, beeindruckend, komplex.
Was sie dann auf vielen Tango-Pisten sehen – gerade auf traditionellen Milongas –, ist:
- Am-Platz-Tanzen,
- minimale Bewegung,
- wenig Dynamik,
- oft gleichförmige Musik,
- kaum sichtbare technische Höhepunkte.
Das wirkt – aus ihrer Perspektive – wenig inspirierend.
Warum sollte man zwei Jahre investieren, um sich technisch zu entwickeln – wenn das Endprodukt auf der Fläche nicht „besonders“ aussieht?
Natürlich wissen wir als Tangotänzer:innen:
Gerade das Feine, Unsichtbare, das Innere ist das Meisterhafte. Doch außen sichtbar ist das für Neulinge nicht.
Der Wunsch nach „visible skill“, nach körperlicher Ausdrucksstärke, ist Teil heutiger Bewegungskultur. Wer also junge Menschen erreichen will, muss nicht den Tango neu erfinden – aber deutlich machen, welches technische Niveau möglich ist, wenn man dranbleibt.
Vorschlag:
- Mehr Showings, nicht nur Shows – z. B. kurze Impros auf Übungsabenden.
- Technische Challenges oder Skills-Battles auf Practicas.
- Einführung junger Tänzer:innen in Tangotechnik durch Vergleiche zu bekannten Bewegungsstilen.
Das Ziel: Zeigen, dass Tango nicht alt oder langsam ist – sondern tief, präzise, musikalisch herausfordernd. Tango braucht kein „Show-Off“ – aber er darf sichtbar faszinieren, besonders in der Nachwuchsarbeit.
Und dann ist da noch… der Lernaufwand
„Tango frustrierend zu lernen sein. Es gibt andere Tänze, die mehr Belohnung und weniger Aufwand erfordern.“
Hier liegt vielleicht einer der entscheidendsten Punkte:
Tango ist – im Vergleich zu vielen anderen Tänzen – ein langfristiges Projekt. Erste Erfolgserlebnisse kommen spät, die Lernkurve ist steil, die soziale Interaktion anspruchsvoll. Junge Menschen suchen oft schnelle Erfolge, sichtbare Ergebnisse, Austausch auf Augenhöhe – und keine Hierarchien aus Alters- und Kenntnisunterschieden.
Young Tango – ein Gegenmodell mit Potenzial
Die „Young Tango”-Initiative – Gruppen wie „Tango Young Munich“ oder das uruguayische „Joventango“ in Montevideo – zeigen, wie’s anders geht instagram.com+9dw.com+9reddit.com+9reddit.comfacebook.com+1dw.com+1.
Sie bieten:
- Kostenarme oder kostenlose Formate (Praktikas, Kurse, Socials), passend für Studierende oder junge Berufstätige.
- Peer-orientierte Räume, in denen Gleichaltrige aufeinandertreffen – und sich willkommen fühlen.
- Einladende Atmosphäre, weniger konventionelle Milongastruktur, mehr Offenheit gegenüber neuen Möglichkeiten.
Das lindert das Problem „zu hohe Kosten“ – allerdings kommt hier ein Dilemma ins Spiel:
Profis, die von Tangounterricht leben, investieren meist in profitable Angebote – und schaffen nur selten eigene Gratis-Angebote.
Darum bleibt Young Tango häufig initiativengetrieben, weniger von Tanzlehrenden unterstützt. Das zeigt: Der Nachwuchs ist vorhanden – aber er gedeiht, wo Strukturen junger Menschen, nicht touristischer Profit im Zentrum stehen.
Was man junge Menschen in Tangoschulen anbieten sollte:
- Peer-Netzwerke & Atmosphäre
Junge tanzen lieber mit jungen. Community-driven, nicht Status-getrieben. - Günstige Einstiegsmöglichkeiten
Finanzielle Hürden senken (freie oder studierendenfreundliche Kurse). - Niederschwellige Events
Nicht strikt nach Milonga-Regeln, eher „social“, mit Raum für Kommunikation & Freude. - Sensible musikalische Ansprache
Nicht die Musik ist das Problem – sondern wie sie kommuniziert, kuratierend eingesetzt und erklärt wird. - Outro: echte Partizipation
Junge möchten mitgestalten – sie wollen organisieren, DJ-en, Events kuratieren, kommunizieren. Sie brauchen Verantwortung und Raum.
- Peer-Netzwerke & Atmosphäre
Es erscheint schon ein wenig absurd, wenn ich, ein Tänzer aus der Boomer-Generation, sich Gedanken darüber macht, was die Jugend brauchen könnte, denn die wird sich schon selbst ihre Wege zum Tango suchen.
Aber es gibt ja bereits Bestrebungen namhafter Tangoschulen, ihr Tango-Publikum zu verjüngen und für die habe ich nur mal ein paar Ideen eingeflochten, wie’s vielleicht funktionieren könnte.
Was folgt daraus?
- Wir brauchen valide Daten.
Wer ernsthaft analysieren will, warum junge Leute nicht bleiben, muss Befragungen machen, zuhören, dokumentieren. - Tango muss nicht cooler werden, das wäre peinlich – aber nahbarer.
Wenn soziale Kälte, Unfreundlichkeit oder Ausschlussstrukturen dominieren, kann keine Musik das retten.
- Wir brauchen valide Daten.
Fazit
Die Überalterung der Tangoszene hat sozio-kulturelle Wurzeln, die weit über Musikstil und Haltung hinausgehen:
- Junge Aussteiger:innen nennen soziale Monotonie, Kosten, Lernaufwand als Gründe – nicht „die Musik“ an sich.
- Wo sich Gruppen wie Young Tango etablieren, wächst der Nachwuchs – koste es auch mal, finanziell minimal zu sein.
- Professionelle Szene und Veranstaltende müssen aktiv werden, nicht nur lamentieren: Junge Räume brauchen Unterstützung, weniger stattdringlich konventionelle Strukturen.
Du möchtest konkrete Zahlen zu Young Tango? Leider gibt es kaum Daten – Young-Tango-Gruppen veröffentlichen meist keine Statistiken. Aber ihr Erfolg spricht für sich: Wenn man junge Formate schafft, kommen junge Leute. Die Aufgabe ist, das zu vernetzen, skalieren und institutional zu unterstützen.
7 thoughts on “Warum haben wir Nachwuchsprobleme beim Tango?”
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Hey, während ich meine Bachelorarbeit über Tango im Kontext der Jugendarbeit schreibe, bin ich auf diesen Blog gestoßen. Und ich finde diesen super spannend! Ich habe selber Anfang meines Studiums mit Tango begonnen und fühle mich durch diesen Eintrag angesprochen 🙂
Ich bin davon überzeugt, dass die Musik ein großer Faktor ist, wenn es darum geht Jugendlichen zu „gewinnen“. Denn wenn sie sich in den ersten Stunden mit der Musik identifizieren können, dann behaupte ich, dass die Hälfte der Miete bereits bezahlt wäre. Gerade weil die Entwicklung von Skills so zeitintensiv ist, war für mich die Musik hilfreich um diese Anstrengungen als erträglich abzuspeichern. Und auch wenn ich Freunde zur Milonga eingeladen habe, scheiterte es an der Tatsache, dass ihnen diese Musik fürs „nur zuhauen“ nicht amüsierend genug war.
Dabei spreche ich natürlich nur aus meinen Erfahrungen 🙂
Liebste Grüße
Hallo Martina,
ich freue mich sehr, dass Dich dieser Artikel anspricht. Und vielleicht sollte ich den Artikel noch um Deine Erfahrungen erweitern. Ich danke Dir für Deine ergänzenden Worte.
Mit freundlichen Grüßen
Klaus Wendel
Lieber Klaus,
Zum Thema „Wer also junge Menschen erreichen will, muss deutlich machen, welches technische Niveau möglich ist, wenn man dranbleibt.“
möchte ich gerne einen Punkt ergänzen: Es ist von Vorteil, wenn die Lehrer immer mal wieder zeigen, was sie drauf haben. Du bist einer der Wenigen, die das schon machen. Aber in der Fläche sieht man das doch eher selten.
Bei uns in der Gegend mischen gerade Marianna und Daniel die Tango Community kräftig auf. Weil sie einerseits auf alle möglichen Milongas gehen und dort mit den Leuten tanzen. Da kann jeder selber spüren, wo die Reise hingehen soll. Und zweitens, weil sie immer wieder eigene Show Tänze vorführen. Siehe zum Beispiel hier: https://blancoynegrotango.de/muenchen/dtm/
Liebe Grüße,
Helge
PS: Deine Idee mit den Skill Battles finde ich genial. Jetzt müsste man nur noch Leute finden, die sich auf so etwas einlassen.
Lieber Helge,
Danke für den Link, übrigens ein fantastisches Paar, Marianna & Daniel. Übrigens trete ich überhaupt nicht mehr auf, zuletzt 2019 auf Einladung im „Vida Mia“. Bin aber auch kein guter Vortänzer, Knie kaputt, zu langweilig. Aber ich nehme wieder Unterricht bei sehr guten Tänzern: Bruna & Franco – Umarmung und „Gehen“.
Hey Boomer,
Na, plötzlich sind wir vom „Young Tango“, doch auf einmal wichtig für die alten Wichtel.
Angst vorm grossen Dino-Aussterben, was?
Vielleicht findet einer ja so ne MRNA- Impfung, damit er so’n „Tangosic Park“ mitten Paar gespritzten Halbtoten vom „Klassischen Tango“ aufmacht, wo ich und meine Chickas dann auf Highheels vorbei flanieren und euch auslachen, während ihr Stielaugen wegen uns bekommt.
Tja, ich geb Dir nochmal ne Chance: Du darfst Dich hier mal öffentlich entschuldigen für den Bullshit den Du hier über mich rausgehauen hast.
Mimi, die Retterin des zukünftigen Tango
Nun, liebe Mimi,
Sollte es sich wirklich herausstellen, dass Du in diesem Meer stürmischer Zeiten die „Retterin des zukünftigen Tangos“ sein solltest, so erscheint Ertrinken eine gnadenvolle Alternative.
Anderseits ist nicht zu leugnen, dass Du nicht zu den vertrockneten Pflaumen gehörst, sondern ganz im Gegenteil: ich würde Dich sogar als Meisterin der Pflaumen küren, da dieser Ausdruck im Original früh im Tango im Lunfardo geprägt
wurde:
„Maestro Ciruela : Maestro que no posee mucha instrucción// alusión de censura al que pretende enseñar lo que no sabe o no entiende.“
https://www.todotango.com/comunidad/lunfardo/termino.aspx?p=maestro+ciruela
Lieber Tangovifzack,
ein kleiner Ratschlag in Bezug auf Mimi: Wenn Du möchtest, dass Dich Mimi versteht, musst Du Dich schlichter ausdrücken. Wir wollen die wenigen grauen Zellen dieses „Dämchens“ doch nicht überfordern, oder? Es ist eben nicht jede/r mit dem Nötigsten ausgestattet.
Lg. Klaus