
Über Tango-DJing und Tango-Musik in Milongas
Ein sehr subjektiver Beitrag
Nachtrag (1. Dezember, abends)
Ich habe diesen Artikel nachträglich ergänzt, nachdem ich einen älteren Beitrag von Jochen Lüders aus dem Jahr 2022 gelesen hatte. Darin hält er sämtliche Bemühungen von DJs, ihre Stücke spontan an die jeweilige Situation auf der Piste anzupassen, für überflüssiges „Gedöns“ und „Geschwurbel“. Fertige Playlisten seien seiner Meinung nach deutlich sinnvoller – und würden vor allem den Stress beim ständigen Suchen vermeiden. Ich glaube das nicht und werde das auch begründen. Hier zum Nachtrag…
Heute packe ich ein heikles Thema an: Tango-DJing und Musik in Milongas.
Ich ahne schon, dass da die Fetzen fliegen könnten – aber ich bin überzeugt, dass aber manche meiner Kritikpunkte auch von DJs selbst geteilt werden.
Ich schreibe hier nicht aus Laienperspektive. Ich habe selbst mehrfach aufgelegt und kenne das Handwerk von innen. Viele der Stücke begleiten mich seit über vierzig Jahren – ich erkenne sie meist nach den ersten Takten, bei manchen kann ich sogar die Texte mitsingen.
Dann möchte ich noch betonen, dass ich mich in keiner Facebook-Gruppe von DJs aufhalte. Diskussionen über DJ-Equipment, über „mesclas“ und andere technische Feinheiten bekomme ich also gar nicht mit – und ich würde mich hüten, dort mitzudiskutieren. Diese Gespräche bewegen sich oft auf einem Spezialisten-Niveau, auf dem ich nicht mithalten könnte – und ehrlich gesagt: auch gar nicht möchte.
Ich habe, als ich noch bei Facebook war, einmal kurz hineingeschaut – und war schnell wieder verschwunden. Die Verbissenheit, mit der dort gestritten wurde, konnte mir den Spaß an der Musik glatt verderben.
Ich habe kürzlich in einem Kommentar Kritik an Tango-DJs geäußert – genauer gesagt an ihrer oft starren Haltung gegenüber bestimmten, scheinbar unumstößlichen Regeln. Hier möchte ich das etwas präzisieren und über Eigenschaften dieser „Musicalisadores“ schreiben, die mich gleichermaßen stören wie faszinieren.
Ich will dabei nicht über Musikgeschmack diskutieren – der ist bekanntlich so verschieden wie das Publikum selbst. Die eigentliche Kunst besteht ja darin, all diesen unterschiedlichen Vorlieben einen ausgewogenen Abend zu bieten, an dem möglichst viele auf ihre Kosten kommen. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, der viele DJs mit großem Engagement und viel Zeit nachgehen: aus der ohnehin begrenzten Auswahl wirklich guter Aufnahmen aus einer zeitlich eng umrissenen Epoche das Beste herauszuholen.
Dass dabei Fehler passieren, liegt in der Natur der Sache – ebenso, dass manche Gäste glücklich, andere frustriert nach Hause gehen. Auch mir haben DJs schon Abende verdorben, während andere mich überrascht, begeistert und mitgerissen haben. Namen will ich hier keine nennen – nicht aus Rücksicht, sondern weil es mir nicht um Personen geht, sondern um Haltungen. Wer sich dennoch wiedererkennt, wird wissen, warum.
Über die Kunst des Tango-DJings
Da fasse ich mich kurz: Die Aufgabe eines Tango-DJs besteht darin, aus einer begrenzten Zahl wirklich tanzbarer Titel einen Abend zu gestalten, an dem jede Tänzerin und jeder Tänzer möglichst viel Freude und musikalischen Genuss erlebt. Ziel ist, dass die Gäste möglichst viel Zeit tanzend auf der Tanzpiste verbringen und noch dazu am Ende beschwingt und mit einer Melodie auf den Lippen gutgelaunt nach Hause gehen.
Das klingt einfach – ist aber eine anspruchsvolle Kunst.
Nun muss ich leider mit Negativ-Beispielen an DJ-Prototypen, oder besser mit schlechten Gewohnheiten dieser Gattung beginnen:
1. Die „Lieblingsplatten-Aufleger“
Diese Spezies legt vor allem Stücke auf, die sie selbst lieben. Natürlich hat jeder DJ Favoriten und Titel, mit denen er gute Erfahrungen gemacht hat – Stücke, die die Piste zuverlässig füllen. Doch wer nur seine eigenen Vorlieben bedient und populäre Titel weglässt, die beim Publikum funktionieren, verwechselt eine Milonga mit seiner privaten Hörsession.
2. Die „Stimmungs-Missachter“
Das sind DJs, die so sehr in ihre Musikauswahl vertieft sind, dass sie gar nicht merken, wie die Tanzfläche leerläuft. Wenn bei einer Tanda schon nach dem zweiten Stück klar ist, dass sie nicht zündet, wäre es klug, flexibel zu reagieren. Stattdessen wird oft aus falschem Stolz an der geplanten Reihenfolge festgehalten – vier Titel gnadenlos durchgezogen, nur um die „DJ-Ehre“ zu wahren.
Sechs verlorene Minuten können reichen, um die Stimmung eines ganzen Abends kippen zu lassen.
3. Die „BPM-Durchzieher“
Natürlich gibt es Momente, in denen die ganze Piste gemeinsam in einem Groove schwingt – wunderbar. Aber man muss diesen Flow nicht über drei Tandas hinweg auf demselben Tempo festnageln. Gute Spannungsbögen sind die eigentliche Kunst des DJings. Wer die Stimmung auf der Tanzfläche spürt und richtig dosiert, kann den Abend atmen lassen. Nach einer rasanten Milonga braucht es manchmal einfach Ruhe. Ich erinnere mich an Abende mit Felix Picherna – da wollte man bei jeder neuen Tanda einfach nicht aufhören zu tanzen.
4. Die „Playlisten-Durchzieher“
Wer stur an vorgefertigten Playlisten festhält, ist kein DJ – sondern ein Bediener. Da könnte man auch eine YouTube-Liste laufen lassen und jemanden danebenstellen, der die Lautstärke regelt. Leider gibt es diese Sorte von Display-Anstarrern immer noch – oder wieder.
5. Die „Raritäten-Sucher“
Der Wunsch nach Abwechslung ist verständlich – bei der begrenzten Zahl tanzbarer Titel kommt irgendwann der Drang, etwas Neues zu probieren. Doch Vorsicht: Was man sich zuhause mit Kopfhörer „schön gehört“ hat, kann in einer vollen Milonga zum Desaster werden. Viele dieser „musikalischen Ladenhüter“ sind nicht ohne Grund in der Kiste gelandet. Gute Raritäten sind selten – und funktionieren nur in klug aufgebauten Mischungen.
Ich weiß, dass diese bisher beschriebenen DJ-Typen in städtischen Tango-Szenen, bei Encuentros oder Marathons kaum noch anzutreffen sind – dort herrscht meist ein anderes Niveau. Doch da das Hobby „Tango-DJing“ immer populärer wird und sich mittlerweile viele Musik-Laien berufen fühlen, „es besser zu machen“, nimmt die Zahl der Fehlversuche wieder zu.
Ich halte heute DJ-Ausbildungen für Neulinge für unverzichtbar – im eigenen Interesse und im Sinne eines gelungenen Abends für alle.
Hobby-DJs – fast alle, aber mit unterschiedlichem Anspruch
Persönlich habe ich noch keinen Tango-DJ kennengelernt, der oder die wirklich davon leben kann. Gibt es die überhaupt? Vielleicht die internationalen Star-DJs, die zu Encuentros oder Festivals eingeladen werden.
Die guten DJs lassen sich selbstverständlich bezahlen – und das zu Recht. Gute, seltene Musik kostet Geld, ebenso wie die Anfahrt, der Zeitaufwand für die Pflege der Sammlung, das Sichten der Aufnahmen, das Zusammenstellen der Tandas (nicht zu verwechseln mit Playlisten!) – all das sollte honoriert werden.
Die meisten aber gehören zu den unzähligen Hobby-DJs aus der Szene, die sich für wenig Geld oder sogar gratis anbieten. Doch „kostenfrei“ heißt nicht automatisch „schlecht“. Ich kenne selbst einen hervorragenden DJ aus Süddeutschland, der aus reiner Leidenschaft auflegt und kein Honorar verlangt – ein Liebhaber, kein Blender.
Trotzdem sollte man sich bei solchen Angeboten immer vorher erkundigen: nach Erfahrung, Referenzen und musikalischem Konzept. Denn nicht der Preis entscheidet, sondern das Gespür für Musik, Stimmung und Dramaturgie. Ein schlechter DJ kann einen ganzen Abend ruinieren – und das merkt man nicht erst am Ende. Sparen kann hier leicht nach hinten losgehen.
Natürlich gibt es auch Milongas mit privatem Charakter – etwa Vereinsabende oder Wohnzimmer-Milongas, bei denen Gerd oder Waltraut ihre ganz persönlichen Tango-Schätze präsentieren. Ebenso exotische Veranstaltungen, bei denen nur Musik gespielt wird, die nicht älter ist als das Publikum selbst. (Bei einem Durchschnittsalter von sechzig Jahren reicht das musikalisch übrigens schon bis in die 1950er zurück.)
Solche Milongas findet man meist in kleineren Städten oder auf dem Land. Dort orientieren sich die DJs verständlicherweise stärker an den Vorlieben ihres vertrauten Publikums oder Bekanntenkreises – was völlig legitim ist.
Über diese Publikums-Vorlieben schreibe ich später noch ausführlicher.
Was gute DJs auszeichnet
Nachdem ich nun reichlich über Fehlverhalten und Untugenden geschrieben habe, möchte ich auch über jene sprechen, die ihren Job wirklich verstehen – die guten DJs. Und die gibt es, zum Glück, mehr als man denkt.
Ein guter DJ ist kein Alleinunterhalter und auch kein Musikpädagoge, sondern jemand, der die Stimmung im Raum spürt, sie aufnimmt und lenkt, ohne sich selbst in den Vordergrund zu spielen. Seine Aufgabe ist nicht, sein Wissen zu demonstrieren, sondern die Tänzer in Bewegung zu halten – emotional, rhythmisch, energetisch.
Er hört nicht nur auf die Musik, sondern auf den Raum. Er erkennt, wann es kippt – wann die Luft dünn wird oder wann ein kleiner musikalischer Schub den Abend retten kann.
Gute DJs bauen Spannungsbögen, die man erst im Nachhinein bemerkt. Sie wissen, dass man eine Milonga nicht linear bespielen kann, sondern dramaturgisch. Dass es Wellen braucht, nicht Gleichstrom.
Und sie haben den Mut, ein Stück zu spielen, das vielleicht riskant ist, aber den Nerv des Moments trifft.
Es sind auch die kleinen Dinge, die den Unterschied machen: das feine Angleichen der Lautstärke, die Übergänge zwischen den Tandas, der geschickte Einsatz der Cortinas. Gute DJs wissen, wann sie die Tänzer fordern dürfen – und wann sie ihnen Raum geben müssen.
Man spürt sie, ohne sie zu sehen. Und genau das ist ihr größtes Kompliment.
Musik-Vorlieben in Deutschland
Ein DJ kann ganz unterschiedliche Vorlieben bedienen: für die energetischen, rhythmischen Typen, für die ruhigen, innigen Tänzer:innen, für die melancholisch-dramatischen Liebhaber oder die romantischen „Mitsummenden“. Normalerweise sind alle auf einer Milonga vertreten – das ist ja gerade das Spannende.
Leider aber haben in letzter Zeit für meinen Geschmack die melancholisch-dramatischen DJs die Oberhand gewonnen. Und das so sehr, dass ich als bekennender Rhythmiker manchmal fast depressiv werde.
Wer als DJ den Sänger Berón erst mit Demare, dann mit Caló kombiniert und die Tanda anschließend auch noch mit einem Pugliese mit Chanel abschließt, sollte bitte in den Keller gehen – aber nicht, um Platten zu holen, sondern Kohlen. Ich habe das erlebt.
Liegt es vielleicht daran, dass sich heute viele Paare auf der Piste lieber in Klammerblues-Manier dahin schleichen? Dass damals, in den 40ern, die Sänger der Tango-Orchester – ähnlich wie heutige Boygroups – vor allem weibliche Fans hatten, scheint sich bis heute nachzuwirken: Manch eine Milonga wirkt mittlerweile wie ein Schlafsaal, nur dass das Publikum noch steht und einige Damen scheinen – inbrünstig-gesang-lauschend in der Umarmung eingekuschelt – tänzerisch ihre Rolle lieber passiv zu umzusetzen. Ist ja auch OK. Manche bezeichnen dies als „erstrebenswerten Genussfaktor“. Ich hingegen setze mich dann lieber auf’s Sofa.
Dann verstehe ich auch nicht, warum viele DJs – besonders die EdO-Affinen – Donato oder Canaro meiden. Diese Stücke können eine Milonga unglaublich beleben. Statt Di Sarli aus den 50ern – es muss ja nicht unbedingt „Nueve Puntos“ sein – wird immer wieder das ewig abgenudelte „Bahía Blanca“ gespielt. Oder Pugliese: Wer legt heute noch die wunderbaren rhythmischen Aufnahmen aus dem Jahr 1945 auf – „Raza Criolla“, „Las Marionetas“, „Malandraca“?
Gut, das mag wie geschmacksbezogene Kritik klingen, aber mir geht es um etwas anderes: um die Stimmung, die manche Stücke erzeugen. So schön und so gut eingebettet manche Klassiker auch sein mögen – sie schaffen oft eine seltsam gedämpfte Atmosphäre.
Natürlich hat das Verhalten der Tänzer Einfluss auf die DJs. Man könnte also sagen: „Na gut, dann achten sie eben auf die Publikumsinteressen.“ Aber wo bleiben die Spannungsbögen? Wo die Energie, die mich als Tänzer wieder aus dem melancholischen Loch herausholt? Genau da versagen viele: Sie spielen zu wenig mit positiver Kraft, zu wenig Kontrast, zu wenig Licht zwischen all dem Schatten.
Ich will am Ende eines Abends nicht weinend im Auto nach Hause fahren.
Und ich glaube auch nicht, dass wir in Europa die Melancholie im Tango so tief empfinden wie die Porteños, die diese Tristesse in den Texten wirklich verstehen und sich darin aufgehoben fühlen. Uns berührt sie anders – oft bleibt sie bloße Stimmung, nicht gelebte Geschichte. Und genau da liegt der Unterschied.
Inzwischen aber auch moderne Tango – warum auch nicht?
Dass sich DJs in den letzten Jahren immer häufiger auch an moderne Tangos wagen, finde ich grundsätzlich erfreulich. Warum auch nicht? Tango hat sich nie in einem Museum abgespielt, und gute, neue Musik kann den Abend bereichern, wenn sie klug eingesetzt wird. Entscheidend ist nicht, wann ein Stück entstanden ist, sondern was es auslöst.
Natürlich gibt es darunter auch viel Belangloses – Musik, die zwar „tangoesque“ klingt, aber weder Rhythmus noch Seele hat. Doch zwischen den Experimenten finden sich immer wieder echte Perlen: Produktionen, die mit Respekt vor der Tradition arbeiten und gleichzeitig neue Klangfarben hinzufügen. Ein moderner Tango muss nicht synthetisch, laut oder pathetisch sein – er kann schlicht anders atmen.
Was mich allerdings stört, ist, wenn DJs moderne Stücke als Feigenblatt benutzen, um den Anschein von Fortschrittlichkeit zu wahren. Wer nach zwei Stunden EdO plötzlich Gotan Project einwirft, nur um sich offen zu geben, hat das Prinzip nicht verstanden. Auch neue Musik braucht Kontext, Übergänge, Vorbereitung – sonst wirkt sie wie ein Fremdkörper.
Ich habe Milongas erlebt, bei denen zeitgenössische Stücke wunderbar eingebettet waren – als ruhige Brücke, als ironischer Kommentar oder als emotionaler Ausklang. Und andere, bei denen man sich fühlte, als sei man mitten in ein Lounge-Experiment geraten, das mit Tango nur noch den Namen teilte.
Ein guter DJ erkennt den Unterschied. Er weiß, dass ein moderner Titel denselben dramaturgischen Gesetzen folgt wie ein alter: Er braucht Raum, er braucht Nachklang, und er darf nicht aus reiner Selbstdarstellung aufgelegt werden. Wenn moderne Musik funktioniert, dann nicht trotz, sondern wegen ihrer Spannung zur Tradition.
Manchmal entsteht gerade darin etwas Besonderes: Wenn nach einer Pugliese-Tanda ein ruhiger, zeitgenössischer Tango kommt, der denselben Puls trägt – nur anders phrasiert. Dann spürt man, dass Tango kein abgeschlossenes Kapitel ist, sondern eine Sprache, die sich weiterentwickeln darf.
Dann möchte ich noch über eine besondere Gattung von DJs sprechen:
Die Audiophilen – HiFi-Sound- und Technik-Fanatiker
Wohlgemerkt: Ich rede hier über Audiophile DJ-Spezialisten, nicht über den verständlichen Wunsch nach gutem Klang in Milongas.
Audiophile DJs legen größten Wert auf Klangqualität. Sie schwärmen von warmem Vinyl-Sound, schwören auf Rotary-Mixer, Röhrenverstärker und High-Fidelity-Equipment, um ein detailreiches, möglichst „authentisches“ Hörerlebnis zu schaffen. Der Unterschied zum klassischen Laptop-DJ liegt weniger in der Technik selbst als in der Haltung: Statt die Tanzfläche zu lesen, hören sie lieber auf die Nuancen im Frequenzgang.
Ich kenne bisher nur zwei DJs, die tatsächlich mit Vinyl auflegen: Jens-Ingo Brodesser und Shahram Ahadi. Beide arbeiten allerdings meist mit den vorhandenen Anlagen der Veranstalter und bringen nur eigenes Zusatz-Equipment zum Anschluss mit.
Da ich selbst – wohl infolge jahrzehntelanger Musikbeschallung – nicht mehr das feinste Gehör habe, beneide ich jene, die zwischen Digital- und Vinyl-Klang noch unterscheiden können. Ich frage mich allerdings, wie ein Blindtest ausfallen würde, bei dem man dasselbe Stück einmal digital und einmal von Vinyl hört. Einige würden sicher Unterschiede heraushören. Ja, Vinyl klingt weicher, weniger „knüppelhart“ als so manche Digitalaufnahme – aber das funktioniert auch nur mit einer hochwertigen Anlage, die solche Feinheiten überhaupt wiedergibt. Eine gute Röhren-Vor- und Endstufen-Kombi kann da Wunder wirken – vorausgesetzt, die Plattenaufnahme selbst ist von ordentlicher Qualität.
Man kann digitale Aufnahmen heute hervorragend restaurieren – aber wenn man sie anschließend wieder analog auf Vinyl überspielt, frage ich mich ernsthaft: Gibt es sowas überhaupt?
Im Übrigen ist die Beschallung vieler Milongas ohnehin problematisch. Das Spektrum reicht von Ghettoblaster bis Hi-Fi-Anlage, oft jedoch schlecht ausgesteuert. Wenn dann noch die Sampling-Raten der MP3-Dateien niedrig sind, ist der Hörgenuss schnell dahin. Ein schlechter Sound kann selbst den besten DJ zum Versager machen – und das gilt auch für Aufnahmen aus den 1930er-Jahren.
Musik-Sammlungen und Eitelkeiten
Die wenigsten DJs bauen ihre Musiksammlung von Grund auf selbst auf. Oft wird sie weitergereicht wie Gebrauchtware: kopiert, getauscht, ergänzt, fragmentiert. Das kann leicht dazu führen, dass sich heute manche DJs mehr selbst feiern als die Orchester, die diese Musik überhaupt erst geschaffen haben.
Da die Nachfahren vieler Musiker ohnehin kaum GEMA-Einnahmen sehen, scheint es manchem egal zu sein. „Wenn die Erben sowieso nichts bekommen – was soll’s?“, hört man da schon mal. Dabei kann man die Musik durchaus legal und in guter Qualität erwerben – etwa bei danza y movimiento, TangoTunes und anderen Anbietern.
Wer sich – gekauft oder geschenkt – ein gutes Sortiment der gebräuchlichsten Titel zulegt, kann eigentlich nicht viel falsch machen. Und doch schaffen es manche Möchtegern-DJs, selbst das in den Sand zu setzen.
Darum, liebe DJ-Anfänger: Lasst euch von erfahrenen Kolleg:innen beraten. Beschäftigt euch mit den Orchestern, mit ihren Musikern, mit der Geschichte dieser Aufnahmen. Hört euch diese Musik immer wieder an – am besten tanzend, auch wenn’s allein ist. Versucht sie zu verstehen. Und bitte, nutzt eine Milonga nicht als Bühne für eure Selbstverwirklichung oder um eure Lieblingsstücke zu präsentieren.
Und noch etwas:
Nach jedem Tanzabend bekommt fast jeder DJ von irgendwem ein Lob. Das klingt nett, bedeutet aber noch lange nicht, dass der Abend wirklich gut war.
Oder wie man unter DJs sagt: „Es gibt immer einen Idioten, der Euch lobt. Bildet Euch bloß nix drauf ein!“
Fazit
Ich bin kein Spezialist, kein ausgebildeter Toningenieur und auch kein professioneller DJ. Ich höre einfach seit vierzig Jahren Tango – aufmerksam, leidenschaftlich und mit wachem Ohr für das, was auf der Piste passiert. Vielleicht ist genau das der Punkt: Ich beurteile nicht technisch, sondern aus der Sicht eines Tänzers, der spürt, wann Musik trägt – und wann sie totläuft.
Was ich schreibe, sind also keine Dogmen, sondern Beobachtungen. Ich habe großen Respekt vor allen, die sich mit Hingabe in diese Nische hineinbegeben, nächtelang Tandas sortieren, Archive durchforsten und Klangqualität verbessern. Aber manchmal wünsche ich mir, dass sie dabei nicht vergessen, worum es eigentlich geht: um das Tanzen, das Erleben, das gemeinsame Atmen im Rhythmus.
Denn am Ende des Abends interessiert niemanden, ob die Samplingrate 192 oder 320 kbit/s hatte.
Wichtig ist nur, ob man die Musik gefühlt hat.
Nachtrag…
Man muss Jochen Lüders dankbar sein – selten hat jemand die Tango-Szene so gründlich erklärt wie einer, der sie für komplett verpeilt hält. Da wäre zunächst das DJ-Kapitel: Während andere passende Stücke oder Tandas suchen und am Sound feilen, spricht er endlich das erlösende Wort: „Ich drücke auf Play.“ Und die zuhause gebastelte Playlist läuft, bitte schön, soll genügen. Kein Stress, kein „Geschwurbel“, kein Blick auf die Tanzfläche – der Rest ist Theater. Wenn die Tänzer trotzdem tanzen, ist das wohl Zufall oder Herdentrieb.
Die Pointe folgt in Teil zwei seines Werkes: Wer EdO-Musik liebt, lebt im „grotesken Selbstbetrug“. Alle reden, keiner hört hin, und die, die tanzen, machen’s angeblich neben dem Takt. Die EdO-Hörer, so Lüders, sind also nicht nur selbstzufrieden, sondern auch noch rhythmisch unzurechnungsfähig. Eine schöne Diagnose – fast schon klinisch.
Natürlich gibt’s für alles eine Theorie: Gewöhnung, Gruppenzwang, Biographie – kurz, die Menschheit tanzt zu alter Musik, weil sie halt nichts Besseres weiß. Man stelle sich das mal umgekehrt vor: Die gesamte Tango-Welt irrt, nur ein Blogger aus München hat’s verstanden. Er erkennt, was keiner sieht, hört, was keiner hört – der Mann muss Spiegelneuronen aus Titan haben.
Die Vorstellung, dass jemand aus purer Lust an Musik, Geschichte oder Atmosphäre alte Aufnahmen liebt, kommt in dieser Welt nicht vor. Leidenschaft wird als Fehlschaltung des limbischen Systems gedeutet. Und wer trotzdem Spaß daran hat, gehört offenbar in die Gruppe der EdOlogen – halb Kult, halb klinischer Befund.
Aber immerhin, es gibt Hoffnung: Laut Lüders könnte das alles in sich zusammenfallen, sobald ein Michael Lavoca höffentlich bekennt, er habe jetzt das „Solo Tango Orquesta“ für sich entdeckt. Dann kippt das Dogma – plötzlich ist alles „modern“, „technisch brillant“ und „unerhört virtuos“. Offenbar genügt ein neues Glaubensbekenntnis, und das Volk der Tanzenden konvertiert kollektiv.
Vielleicht ist das ja das wahre Experiment: Nicht, ob jemand merkt, dass die Playlist läuft – sondern, wie viele merken, dass sie längst Teil einer kulturkritischen Simulation sind, entworfen von jemandem, der Tango nur noch aus der Distanz seziert.
Am Ende bleibt wohl die Erkenntnis: Wer die Szene so unentwegt für dumm erklärt, tanzt längst nicht mehr mit. Und wer bei „Play“ auf Erkenntnis hofft, sollte vielleicht wirklich lieber sitzen bleiben – das spart Energie.
11 thoughts on “Über Tango-DJing und Tango-Musik in Milongas”
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Danke, ich frage aber noch ein bisschen weiter:Zu 1 und 2 könnte man auch noch vertiefen, aber noch mehr interessiert mich 3.: woran erkennst Du, daß die Paare einen Wechsel brauchen? (Bei einer vorbereiteten Playliste wäre so ein Wechsel ja schon vorgeplant). Und gleiche Frage zu 4.: woran erkennt man „zu ernst“? Gibt es auch eine Gegenrichtung, „zu unernst“? Überfordert ist optisch erkennbar, für einen Tanzlehrer ganz sicher. Aber Unruhe aus dem Warten auf bestimmte Musik – wie erkennt man sie und vor allem die Richtung, also auf welche Musik? Als primäre Sensoren kommen ja bei alldem eigentlich nur die Augen in Frage. Welche Rolle spielen die Spiegelneuronen?
1. Ein Wechselspiel der eigenen Wahrnehmung zur laufenden Musik un Beobachtungen der Tänzer: zum Beispiel laufen gerade 2 Tandas – eine mit Tanturi Campos und – eine Biagi werden die Leute etwas tanzmüde und setzen sich nach einer Tanda entweder hin, oder werden auch monoton in Bewegungsmustern, verlangen sie sehr wahrscheinlich fließende, melodiöse Stücke.
2. mit „ernst“ würde ich eher mit unmotiviert oder bewegungs-monoton bezeichnen, man erkennt doch auch ob Tanzpaare tänzerisch aufleben oder reduzierter tanzen.
Meinst Du bei Spiegelneuronen die emphatischen Fähigkeiten als Beobachter?
Ja, Empathie. Mit der Frage nach Spiegelneuronen meine ich den Sensormodus. Ist es optisches Beobachten und quasi Bildanalyse, oder ist es das Hineinspüren in einen selbst quasi als Stellvertreter der Tänzer, aber eben mit eigener Färbung?
Verzeih, wenn ich da etwas zurückhaltend reagiere: Ich kann mich als Tangolehrer sehr gut in Tänzer:innen hineinversetzen – gerade, wenn es um Lernprozesse, Überforderung oder Unsicherheit geht. Aber so tief, dass ich den Mechanismus von „DJ-Empathie“ oder gar Spiegelneuronen wissenschaftlich erklären könnte, bin ich noch nicht eingestiegen.
So richtig wissenschaftlich meinte ich es auch nicht. Eher wie: sind es Beobachtungen, die man irgendwie beschreiben könnte, im Sinn von Kochrezept, oder eher so ein ganzheitliches Empfinden?
Nein, zumindest keine Rezepte, das ist eine ein intuitive, subjektive Einschätzung. Oder mal eine Gegenfrage: Könntest Du den Begriff „Genuss beim Tanzen“ einheitlich – für alle Tänzerinnen gültig – beschreiben?
Hier ist wohl die Kommentar-Schachtel Tiefe erreicht. Einheitlich, für alle gültig ist nicht notwendig – wenn es für 70 oder 80% der Fälle zutrifft, reicht das völlig. Das gilt auch für Vorgehensweise. Rest folgt, muß jetzt los in Richtung emotionaler Genuß bei einer Milonga:-)
Nach Deiner Taxonomie oben bin ich am ehesten Typ „Playlisten-Durchzieher“. Eigentlich auch wieder nicht, aber normalerweise ändere ich pro Milonga maximal 2-3 Tandas in Echtzeit. Und mit ändern meine ich, austauschen; Tandas in Echtzeit bauen ist sicher eine tolle Fähigkeit, aber nur dann wirklich nützlich, wenn diese Tandas dann besser funktionieren als solche, für deren Bau man sich etwas Zeit und Probehören genommen hat.
Wobei ich bei der Playlisten-Vorbereitung ja auch einige Informationen habe. Ich kenne die Location, die Uhrzeit (nachmittags ist anders als abends) und habe auch eine relativ klare Vorstellung, wie sich das Publikum zusammensetzt. Und ja, es geht darum, den Tänzern eine schlüssige stimmungsmäßige Erzählung zu bieten. ganz analog dazu, eine Geschichte zu erzählen.
Das ist keine Saure-Trauben-Sache; ich will die Leistung von Echtzeit-Playlist-Komponisten nicht herabsetzen, weil ich nicht den Ehrgeiz habe, das zu können. Es ist eine tolle Fähigkeit, nur: auf welchem Sensor-Input basiert das, und wenn man das Ganze als ein Regelsystem versteht, welche Dynamik hat es? Was kann ich wahrnehmen? Sagen wir, ich sehe, daß ein paar der Tänzer gestreßt sind. Es könnte sein, daß Musik läuft, die diese Tänzer überfordert. Dann muß ich entscheiden: Setze ich die Komplexität runter – die nächste Tanda dann nicht mehr Troilo oder Pugliese, sondern Canaro. Nur: Vielleicht sind dann andere Tänzer gelangweilt? Jedem recht machen kann man es nicht. Und zudem: Es gibt immer eine Verzögerung – außer ich ändere die Musik mitten in der Tanda, schlägt das jemand ernsthaft vor?
Zudem – um einfach mal zu sehen, wohin das Prinzip „Echtzeitkonstruktion“ führt, wenn man es konsequent durchzieht: Entstehen die besten Filme oder Erzählungen dadurch, daß man das Publikum fragt, welche Wendung in der Geschichte es als nächstes vorschlagen würde? Fragt ein Musiker das Publikum, welche Töne er als nächstes spielen soll? Er wird sicher Auswahl und Reihenfolge seiner Titel dem anpassen, was er von der Bühne aus sieht, aber er darf davon ausgehen, daß Konzertbesucher in etwa wissen, worauf sie sich eingelassen haben. Genau wie Veranstalter in etwa wissen sollten, welche Art von stimmungsmäßiger Geschichte ein bestimmter DJ erzählt, evor sie ihn buchen.
Wohlgemerkt: Ich bin als DJ ein ganz kleines Licht. Meine Hilfsmittel sind außer etwas Erfahrung im Sektor „Anlagen und Klang“ die Musik-Taxonomie von „20 Tango Orchestras“ von David Thomas plus ein paar ergänzende Dimensionen, die mir helfen, vorab eine „Stimmungskurve“ zu bauen, die nur noch Feintuning braucht. Soweit ich das beurteilen kann- eingedenk Deines „einer lobt immer“-Zitats – funktioniert das ganz gut.
Was ich manchmal beobachte – und das erlebe ich durchaus auch auf höherklassigen Veranstaltungen – sind DJs, die in eine schon volle Ronda noch hochenergetische Musik pumpen und damit das Streßlevel für Tänzer weiter steigern. Das sind Momente, wo Korrekturen notwendig sind.
Dito der Sound. Es gibt Räume, die haben eine sehr harte Akustik; viele glatte Wände und so weiter, oder vorinstallierte PAs mit mehreren Lautsprechern. Zudem klingen Räume anders, wenn Leute drin sind, ein Soundcheck am Anfang reicht oft nicht, und vom DJ-Pult aus kann man auch nicht wirklich beurteilen, wie es anderswo im Raum klingt.
Was ich damit sagen will: Die Kunst ist die richtige Mischung der Komponenten. Wenn ich eine halbwegs sinnvoll vorbereitete Playliste habe – und da gebe ich Dir vollkommen recht, da sollte Musikerziehung, „schau mal was ich gefunden habe“ und dergleichen keinen Platz haben – ist die Chance, nur wenig oder gar keine Korrekturen machen zu müssen, recht hoch. Eine mittelmäßige Anlage mit guter Klangeinstellung bringt den Tänzern mehr Genuß als eine teure Anlage, die ohne Fingerspitzengefühl für den Sound eingesetzt wird. Und so weiter.
Wenn Du ein bißchen meinen Bloginhalte verfolgt hast, weißt Du ja, was ich über die Know-how-Weitergabe beim DJing denke. Gute Musik trägt dazu bei, daß es der Tangoszene gut geht. Das ist ein bißchen wie beim Kochen. Natürlich wird das Essen, das ein richtig guter Koch zubereitet, vermutlich immer noch besser schmecken als hätte es jemand nach einem Rezept nachgekocht, das dieser Spitzenkoch aufgeschrieben hat. Nur kann eben dieser Spitzenkoch nicht gleichzeitig an zehn oder hundert Herden stehen. „Mit der Flut steigen alle Boote“: Wenn es gelingt, auch nur 30 oder 50% des „Koch-Knowhows“ in die Fläche weiterzugeben, steigt das Genußlevel in allen Milongas. Also sollte man sich Gedanken darüber machen, wie Spitzen-DJs ihr Wissen „nachkochbar“ weitergeben können.
Was nun die Frage nach „was darf es kosten“ angeht: Das muß jeder für sich selbst entscheiden. Wenn jemand richtig gut ist und einem Veranstalter nicht nur keinen Kummer macht, sondern sogar begeisterte wiederkehrende Besucher bringt, darf das auch was kosten. Was mich selbst angeht, denke ich allerdings eher, daß DJing etwas ist, wo man der Tangowelt etwas von dem zurückgeben kann, was sie einem schenkt. Und sowieso ist es win-win: Ich weiß, daß auf dieser Milonga Musik läuft, die mir gefällt, und dazu gibt es noch Applaus.
1. Ich unterscheide grundsätzlich zwischen Play- und Tanda-Listen. Viele DJs arbeiten mit vorbereiteten Tandas, die sie sammeln und dann situationsabhängig in ihre Playlist einfügen – eine Art vor-ad-hoc-Anpassung. Diese Vorbereitung ist legitim, solange sie flexibel bleibt: Eine Playlist darf höchstens ein Gerüst sein, kein Fahrplan. Auf der Milonga zählt immer das Reagieren auf die Piste.
2. Mit „Playlisten-Durchziehern“ meine ich das Negativbeispiel schlechthin: DJs, die ihre zu Hause gebastelte Liste stur abspielen, auch wenn die Tanzfläche leer ist. Zum Glück sind das heute nur noch wenige – aber es gibt sie.
3. Meine Kritik richtet sich deshalb ausdrücklich an DJ-Anfänger, nicht an erfahrene Kollegen. Letztere wissen längst, was funktioniert, und brauchen sicher keine Nachhilfe von mir.
4. Viele versuchen, DJ-Wissen weiterzugeben, scheitern aber an der Beratungsresistenz mancher Neulinge. Genau an diese richtet sich mein Artikel – als Hinweis, nicht als Lehrbuch.
5. Wer Erfahrung hat, darf sich von meiner Kritik nicht gemeint fühlen. Am Ende zählt ohnehin nur das Urteil der Tänzer – und das fällt meist klar aus, mit Applaus oder eben Schweigen.
Ich muß noch mal nachhaken, aus Neugierde, nicht weil ich den Gedanken nicht mag. Das „Reagieren auf die Piste“: wie genau läuft das bei Dir ab? Was ist Dein Input, welche Wahrnehmungen verwendest Du für Entscheidungen? Gibt es so eine Art Schwelle, d.h. ab welcher Abweichung von einer Zielgröße? Und wie schnell reagierst Du, an welchen musikalischen Schrauben drehst Du, und wie kontrollierst Du, ob es funktioniert hat?
Uii! Keine leichte Antwort:
1. Wie erreiche ich auch diejenigen, die sitzen?
2. Ist die Piste zu unruhig und bringe Ruhe hinein?
3. Sind die Paare in einem guten Flow und brauchen sie gerade einen Wechsel zu Ruhe oder mehr Tempo?
4. Wie ist die gesamte Stimmung? Zu ernst? Überfordert? Gelassen? Ist die Umgebung zu unruhig, weil sie auf bestimmte Musik wartet?
5. Usw…