
Tango als Gesellschaftstanz
Warum räumlich begrenztes Tanzen allein kein Qualitätsmerkmal ist
Vielleicht müsste man beim Tango gelegentlich wieder bei den einfachsten Dingen anfangen. Nicht bei Stilbezeichnungen, historischen Legenden oder der Frage, welche Milonga angeblich den „eigentlichen“ Tango bewahrt hat, sondern bei einer ziemlich banalen Tatsache:
Tango ist ein Gesellschaftstanz.
Das bedeutet zunächst einmal nichts Geheimnisvolles. Mehrere Paare teilen sich einen Tanzraum. Und sobald mehrere Menschen dieselbe Fläche benutzen, muss dieser Raum untereinander aufgeteilt werden.
Je mehr Paare auf der Tanzfläche sind, desto kleiner wird zwangsläufig der Raum, der dem einzelnen Paar zur Verfügung steht. Das ist keine besondere kulturelle Errungenschaft des Tango und schon gar keine mystische Voraussetzung für seine Authentizität. Es ist zunächst einmal einfache Geometrie.
Eine Tanzfläche von hundert Quadratmetern bietet zehn Paaren mehr Bewegungsraum als fünfzig Paaren. Dafür braucht man weder eine Tangotheorie noch historische Quellen.
Interessant wird es erst bei der Frage, wie Tänzer mit dieser Situation umgehen.
Enge ist keine Qualität
Gelegentlich begegnet man der Vorstellung, der „wahre“ Tango müsse auf sehr engem Raum getanzt werden. Manchmal wird daraus geradezu ein Qualitätsmerkmal des Tanzes gemacht.
Dabei werden Ursache und Fähigkeit miteinander verwechselt.
Der begrenzte Raum entsteht dadurch, dass viele Menschen gleichzeitig tanzen. Die tänzerische Qualität zeigt sich anschließend darin, ob ein Paar in der Lage ist, mit diesem begrenzten Raum umzugehen.
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Ein guter Tänzer wird nicht dadurch gut, dass man ihm einen Quadratmeter Boden zur Verfügung stellt. Er zeigt vielmehr seine Qualität dadurch, dass er seine Bewegungen an den tatsächlich vorhandenen Raum anpassen kann, ohne andere Paare zu behindern, ohne seine Partnerin oder seinen Partner in gefährliche Situationen zu bringen und ohne dabei das Tanzen auf eine mechanische Minimalbewegung zu reduzieren.
Der kleine Raum ist also keine Qualität des Tango.
Die Fähigkeit zur räumlichen Anpassung ist eine Qualität des Tänzers.
Der verfügbare Raum verändert den Tanz
Auf einer fast leeren Tanzfläche kann ein Paar größere Bewegungen tanzen. Wird die Tanzfläche voller, müssen diese kleiner werden. Kommt die Ronda zum Stillstand, muss man möglicherweise warten, eine Bewegung verkürzen oder eine andere Entscheidung treffen.
Das klingt geradezu lächerlich banal.
Und doch werden um genau diese Selbstverständlichkeit erstaunlich komplizierte Theorien gebaut.
Man kann natürlich kulturelle Regeln darüber entwickeln, wie der gemeinsame Raum genutzt werden soll. Genau das ist in Buenos Aires geschehen, ebenso wie in anderen Gesellschaftstänzen und Tanzkulturen. Die Ronda organisiert Bewegungsrichtungen, verhindert unnötiges Kreuzen und schafft eine gewisse Vorhersehbarkeit.
Aber daraus folgt nicht, dass möglichst wenig Platz automatisch besseren Tango hervorbringt.
Sonst müsste eine vollkommen überfüllte Tanzfläche zwangsläufig der ideale Ort für Tango sein.
Das ist offensichtlich Unsinn.
Gesellschaftstanz bedeutet Rücksichtnahme
Der entscheidende Begriff ist deshalb für mich nicht „enger Tango“, sondern gesellschaftliches Tanzen.
Gesellschaftstanz bedeutet, dass ich nicht allein auf einer Bühne stehe.
Neben mir befinden sich andere Paare mit denselben Rechten auf Raum, Bewegung und Sicherheit. Meine tänzerischen Entscheidungen sind deshalb nicht nur Entscheidungen innerhalb meines eigenen Paares. Sie stehen immer in Beziehung zu den Menschen um mich herum.
Das verändert den Tanz fundamental.
Ich kann nicht einfach dort hintreten, wo ich gerne hintreten möchte. Ich muss wahrnehmen, wo Raum entsteht, wie schnell sich die Ronda bewegt und welche Möglichkeiten sich im nächsten Moment eröffnen.
Damit wird Tango zu einem permanenten räumlichen Aushandlungsprozess.
Nicht im Sinne bewusster Berechnungen während des Tanzens, sondern als erworbene Fähigkeit zur Wahrnehmung und Anpassung.
Woran erkennt man eigentlich einen guten Tänzer?
Natürlich erfordert es viel Erfahrung, irgendwann auch auf einer vollen Tanzfläche mit vielen unterschiedlichen Partnerinnen souverän tanzen zu können. Wer das kann, besitzt ohne Zweifel tänzerische Qualitäten. Die interessante Frage ist aber: Worin bestehen diese eigentlich?
Ist es die Gelassenheit, auch unter schwierigen räumlichen Bedingungen immer wieder Bewegungen zu finden, die elegant wirken und sich gleichzeitig für beide Partner gut anfühlen? Ist es die Fähigkeit, eine Partnerin so durch einen begrenzten Raum zu bewegen, dass sie von der räumlichen Schwierigkeit möglichst wenig bemerkt? Oder fühlt sich das Ganze trotz äußerlich kleiner und kontrollierter Schritte an wie ein Wackelpudding auf einer Schotterpiste?
Schon daran sieht man, wie wenig der verfügbare Raum allein über die Qualität des Tanzes aussagt.
Man kann auf einem Quadratmeter immer dieselben drei oder vier Bewegungsmuster wiederholen. Man kann aber auf demselben Quadratmeter auch mit einem umfangreichen Repertoire an Möglichkeiten arbeiten, Bewegungen verändern, verkürzen, verlängern, Richtungen wechseln, Pausen entstehen lassen und musikalisch auf das reagieren, was gerade passiert.
Von außen können beide Tänze zunächst ähnlich klein aussehen.
Tänzerisch liegen möglicherweise Welten dazwischen.
Normalerweise unterscheiden wir einen erfahrenen Tänzer schließlich auch danach, ob er immer wieder auf dieselben Tapetenmuster zurückgreift oder ob ihm ein großes Repertoire an Möglichkeiten zur Verfügung steht, aus dem er situationsbezogen auswählen kann. Dabei bedeutet ein großes Repertoire keineswegs, möglichst viele Figuren abzuspulen. Im Gegenteil: Qualität zeigt sich gerade darin, aus vielen Möglichkeiten im richtigen Augenblick die passende auszuwählen – und manchmal ist die beste Entscheidung überhaupt nichts zu tun.
Wenn man dagegen allein die Fähigkeit, auf begrenztem Raum zu tanzen, zum Qualitätskriterium erhebt, verliert man einen großen Teil dessen aus dem Blick, was einen guten Tango überhaupt ausmacht.
Denn einige seiner wichtigsten Qualitäten liegen auf Ebenen, die ein Zuschauer kaum beurteilen kann.
Wie klar ist die gemeinsame Balance? Wie frei kann sich die Partnerin bewegen? Wie selbstverständlich entstehen Richtungswechsel? Wie fein werden Gewichtsverlagerungen wahrgenommen? Wie verändert sich die Umarmung mit der Bewegung? Wie gut können beide aufeinander reagieren, ohne gegeneinander arbeiten zu müssen?
Vor allem aber: Wie fühlt sich dieser Tanz für die beiden Menschen an, die ihn gerade tanzen?
Das lässt sich von außen kaum messen.
Ein Tanz kann klein, elegant und vollkommen unauffällig aussehen und sich für die Partnerin trotzdem unangenehm, instabil oder permanent korrigierend anfühlen. Ein anderer kann von außen kaum spektakulärer erscheinen und sich für beide vollkommen selbstverständlich, weich und mühelos anfühlen.
Gerade diese gemeinsame Bewegungsqualität gehört für mich zu den entscheidenden Kriterien guten Tangos.
Sie ist allerdings nicht ohne Weiteres sichtbar.
Man kann den verfügbaren Raum sehen. Man kann die Größe der Schritte sehen. Die Qualität der gemeinsamen Bewegung kann letztlich nur derjenige wirklich beurteilen, der sie fühlt.
Wenn man also die Qualität eines Tangos von außen beurteilen möchte, bleiben wesentliche Aspekte verborgen. Eine wirklich objektive Beurteilung ist deshalb kaum möglich, weil ausgerechnet jene Qualitäten, die das gemeinsame Tanzen für die Beteiligten ausmachen, von außen nur teilweise sichtbar sind.
Auch viel Platz muss man beherrschen können
Interessanterweise zeigt sich tänzerische Kompetenz nicht nur auf einer vollen Tanzfläche.
Auch eine leere Piste stellt Anforderungen.
Wer nur gelernt hat, auf zwanzig Zentimetern vor sich hin zu tippeln, besitzt deshalb noch lange keine besondere soziale Kompetenz. Wenn mehr Raum vorhanden ist, darf ein Paar diesen durchaus nutzen – selbstverständlich ohne plötzlich quer über die Tanzfläche zu schießen oder die Ordnung der Ronda aufzugeben.
Auch hier gilt: Der Raum bestimmt Möglichkeiten, aber nicht automatisch die Qualität.
Ein Paar kann auf engem Raum schlecht tanzen und auf großem Raum hervorragend. Es kann auf großem Raum rücksichtslos tanzen und auf engem Raum sehr souverän.
Entscheidend ist die Anpassungsfähigkeit.
Vom Encuentro zur eigenen kleinen Tango-Gesellschaft
In den 2000er Jahren entwickelte sich in Europa zunehmend das Format der Encuentros Milongueros. Viele der Beteiligten waren erfahrene Tänzerinnen und Tänzer, die mehrfach in Buenos Aires gewesen waren und dort eine Milonga-Kultur kennengelernt hatten, die sich von vielem unterschied, was damals auf europäischen Tanzflächen üblich war.
Dazu gehörten nicht nur enge Umarmungen oder kleine Bewegungen, sondern vor allem die Códigos: Mirada und Cabeceo, eine geordnete Ronda, Rücksichtnahme beim Betreten der Tanzfläche, Tandas und Cortinas und ein Verhalten, bei dem nicht jeder seinen Tanz auf Kosten der anderen auslebt.
Wer einmal erlebt hatte, wie entspannt eine volle Tanzfläche sein kann, wenn sich nahezu alle an solche Regeln halten, konnte durchaus Schwierigkeiten haben, anschließend wieder auf einer Milonga zu tanzen, auf der ständig jemand die Spur wechselt, rückwärts in andere Paare hineinläuft oder den gerade frei gewordenen Quadratmeter für die nächste Großfigur beansprucht.
Insofern war die Idee der Encuentros zunächst vollkommen verständlich.
Man wollte unter Menschen tanzen, die ähnliche Vorstellungen von sozialem Tango hatten. Geschlossene, einladungsbasierte und selektive Veranstaltungen gab und gibt es aber nachweislich.
Damit entstand allerdings zwangsläufig auch eine Selektionskultur. Wer dazugehören wollte, musste bei manchen Veranstaltungen bekannt sein, eingeladen werden oder zumindest glaubhaft machen, dass er die entsprechenden Regeln beherrschte. Zum Teil spielten auch Empfehlungen bereits etablierter Teilnehmer eine Rolle.
Das hatte – bei allem Verständnis für die ursprüngliche Motivation – natürlich einen elitären Beigeschmack.
Eine Gruppe erfahrener Tänzer schuf sich ihre eigene kleine Tango-Gesellschaft und bestimmte selbst, wer hineinpasste. Dass ein solches System außerhalb dieser Gemeinschaft nicht überall auf Begeisterung stieß, ist kaum überraschend.
Hinzu kam eine Abgrenzung gegenüber Tänzern, die die Milonga als Bühne benutzten. Im „Tango Manifesto“ wurden solche Tänzer später als „Exhibitionists“ kritisiert. Das ist im Kern durchaus nachvollziehbar, denn ein Show-off auf Kosten anderer ist auf einer Gesellschaftstanzfläche kein Ausdruck besonderer Freiheit, sondern vor allem ein soziales Problem.
Auch in Buenos Aires ist auffälliges Tanzen auf Kosten der anderen aus unterschiedlichen Gründen verpönt. Nicht, weil jede größere Bewegung grundsätzlich verboten wäre, sondern weil das eigene Tanzen nicht wichtiger sein darf als der gemeinsame Raum.
Das Erfolgsmodell hatte allerdings Folgen
Interessanterweise haben sich viele dieser Vorstellungen inzwischen längst über die Encuentro-Szene hinaus verbreitet.
Mirada und Cabeceo sind heute auf europäischen Milongas wesentlich selbstverständlicher als noch vor zwanzig oder dreißig Jahren. Die Aufmerksamkeit für die Ronda ist gewachsen. Viele Tänzer wissen heute, dass man nicht einfach in die Tanzfläche hineinschießt, dass große Boleos auf einer vollen Piste nichts verloren haben und dass der zur Verfügung stehende Raum nicht einem selbst gehört.
Die normale Milonga-Kultur hat also manches übernommen, was ursprünglich innerhalb einer relativ kleinen Gruppe besonders gepflegt wurde.
Damit hat sich die Szene verbessert.
Sie ist deswegen noch lange nicht überall hervorragend. Aber es gibt heute viele öffentliche Milongas, auf denen sehr erfahrene Tänzer zusammenkommen und das Tanzen auf einer vollen Piste erstaunlich störungsfrei funktioniert, ohne dass dafür vorher eine soziale Aufnahmeprüfung stattfinden muss.
Und genau hier beginnt für mich ein anderes Problem.
Aus der Fähigkeit, auf einer gefüllten Tanzfläche sicher und angenehm tanzen zu können, entsteht bei manchen Tänzern ein merkwürdiges Überlegenheitsgefühl. Die Fähigkeit selbst ist durchaus eine Qualität. Wer auf engem Raum mit wechselnden Partnerinnen souverän tanzen kann, ohne die anderen zu stören, verfügt über Erfahrung, Wahrnehmung und eine gute räumliche Organisation.
Aber daraus folgt nicht, dass die Raumbegrenzung selbst zum Maßstab für Tango-Qualität wird.
Man kann hervorragend navigieren und trotzdem langweilig tanzen.
Man kann jede Tanda mit denselben drei Tapetenmustern bestreiten, niemanden anrempeln und nach außen vollkommen „milonguero“ aussehen. Sozial mag das problemlos funktionieren. Tänzerisch sagt es noch erstaunlich wenig aus.
Denn wieder kommen die anderen Ebenen ins Spiel: Wie fühlt sich die gemeinsame Bewegung an? Wie anpassungsfähig ist der Tanz an unterschiedliche Partner? Wie reichhaltig sind die Möglichkeiten? Wie selbstverständlich entstehen Bewegungen? Wie differenziert reagiert das Paar auf die Musik?
Und vor allem: Wie musikalisch wird eigentlich getanzt?
Merkwürdigerweise gerät gerade dieser Punkt schnell aus dem Blick, wenn die Qualität einer Milonga hauptsächlich daran gemessen wird, wie ordentlich ihre Ronda aussieht.
Ein Paar kann räumlich perfekt funktionieren und die Musik trotzdem lediglich mit Schritten begleiten. Ein anderes Paar kann mit sehr wenigen Bewegungen ungeheuer differenziert auf Rhythmus, Melodie, Pausen, Phrasierung und Charakter eines Orchesters reagieren.
Von außen sieht beides möglicherweise ähnlich unspektakulär aus.
Tänzerisch ist es nicht dasselbe.
Gesellschaftstanz ist mehr als Zugangskontrolle
Wenn Tango ein Gesellschaftstanz ist, dann besteht seine soziale Qualität nicht darin, eine Gruppe möglichst gleichartiger und erfahrener Tänzer zusammenzustellen, damit nichts mehr schiefgehen kann.
Das ist die einfachste Lösung.
Die schwierigere soziale Leistung besteht darin, eine Milonga zu schaffen, in der unterschiedliche Menschen miteinander zurechtkommen.
Natürlich braucht das Regeln. Natürlich kann niemand verlangen, dass erfahrene Tänzer ständig die Folgen völliger Rücksichtslosigkeit anderer ausbaden. Und selbstverständlich gibt es Veranstaltungen, die sich bewusst an bestimmte Zielgruppen richten dürfen.
Aber Zugehörigkeitsgefühl kann sehr schnell in Cliquenwesen umschlagen. Aus gemeinsam erworbener Erfahrung kann das Gefühl entstehen, einer kulturell oder tänzerisch überlegenen Gruppe anzugehören.
Spätestens dann widerspricht das einem Gedanken, der für einen Gesellschaftstanz eigentlich viel grundlegender sein sollte:
Eine gute Milonga sollte ein Ort sein, an dem sich möglichst alle Beteiligten wohlfühlen können.
Nicht weil alle gleich gut tanzen.
Nicht weil alle denselben Stil tanzen.
Und auch nicht, weil jedem dieselbe Fläche zugestanden werden kann.
Sondern weil alle verstehen, dass sie einen gemeinsamen sozialen Raum benutzen.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung der Códigos. Nicht als Ausweis der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Tango-Gruppe, sondern als Regeln, die das gemeinsame Tanzen unterschiedlicher Menschen überhaupt erst angenehm machen.
Aus einer Notwendigkeit wird eine Ideologie
Problematisch wird es immer dann, wenn aus einer praktischen Notwendigkeit ein ästhetisches Dogma gemacht wird.
Volle Tanzflächen erzwingen kleinere Bewegungen. Daraus kann eine hochentwickelte Fähigkeit entstehen, auf engem Raum differenziert und musikalisch zu tanzen.
Aber irgendwann wird aus dieser Fähigkeit gelegentlich die Behauptung, nur dieses Tanzen sei eigentlich Tango.
Damit wird die Logik auf den Kopf gestellt.
Es wäre ungefähr so, als würde man behaupten, ein guter Autofahrer müsse grundsätzlich im Stau fahren, weil sich sein Können dort besonders darin zeigt, mit wenig Raum zurechtzukommen. Aber ein deutscher Autofahrer, der sich im Verkehr von São Paulo zurechtfindet, muss durchaus über besondere Fähigkeiten verfügen. Ich persönlich würde mich im Straßenverkehr von Buenos Aires auch nicht ohne Weiteres zurechtfinden.
Das Können zeigt sich also darin, mit schwierigen Verkehrsbedingungen souverän umgehen zu können – nicht darin, schwierige Verkehrsbedingungen zum Idealzustand des Autofahrens zu erklären.
Natürlich gehört das Fahren im dichten Verkehr zum Autofahren. Aber niemand würde daraus folgern, dass eine freie Landstraße eine minderwertige Form des Autofahrens sei.
Beim Tango werden solche Schlussfolgerungen erstaunlicherweise immer wieder gezogen.
Der Tango gehört nicht einer bestimmten Raumgröße
Tango wurde und wird in völlig unterschiedlichen Räumen getanzt: in großen Sälen, kleinen Clubs, Vereinsräumen, Hinterzimmern, Salons und auf improvisierten Tanzflächen.
Die Bedingungen verändern den Tanz. Natürlich. Das tun sie überall.
Musik verändert den Tanz. Partner verändern den Tanz. Boden, Schuhe, Temperatur, Beleuchtung, Publikum und verfügbare Fläche verändern ihn ebenfalls.
Gerade darin zeigt sich die erstaunliche Anpassungsfähigkeit des Tango.
Deshalb erscheint es mir merkwürdig, ausgerechnet eine bestimmte räumliche Bedingung zum Wesenskern des Tanzes erklären zu wollen.
Tango ist nicht deshalb Gesellschaftstanz, weil wenig Platz vorhanden ist. Wenig Platz entsteht, weil viele Menschen gemeinsam tanzen.
Und die besondere Qualität dieses Tanzes zeigt sich darin, dass ein Paar unter diesen wechselnden Bedingungen gemeinsam Lösungen findet – räumlich, musikalisch, körperlich und sozial.
Vielleicht ist das weniger spektakulär als manche Theorie.
Aber manchmal sind die einfachsten Erklärungen eben die plausibelsten.