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Japan und sein Umgang mit fremder, traditioneller Kultur

Japan und sein Umgang mit fremder, traditioneller Kultur

„Alt? Dann schaffen wir Beethoven gleich mit ab.“

Vor ein paar Tagen rief mich eine junge Frau an, die gerne Tango lernen wollte. Einen Beginnerkurs konnte ich ihr nicht anbieten, also kamen wir ins Gespräch. Nicht über Termine, sondern über Bewegung. Über Stand. Über das, was einen Körper stabil macht.

Sie erzählte mir, sie trainiere eine japanische Kampfkunst. Ihr Lehrer – selbst Tangotänzer – habe ihr geraten, Tango zu lernen, um ihre „Beinarbeit“ zu verbessern.

Das hat mich nicht überrascht. Ich erinnerte mich an ein spielerisches Ringen vor Jahren mit einem Freund, fortgeschritten im Wing Tsun. Ich blieb erstaunlich stabil auf den Beinen. Sein Kommentar: „Du hast einen sehr guten Stand.“ (Heute allerdings, nach einer Achillessehnenruptur und OP, wohl nicht mehr so sehr.)

Offenbar gibt es zwischen Tango und Kampfkunst eine gemeinsame Grundlage: Balance, Erdung, Struktur. Form ist nicht Einschränkung, sondern Voraussetzung.

Im weiteren Verlauf erwähnte ich die besondere Rolle Japans in der Geschichte des Tango – und wusste plötzlich, dass ich darüber längst hätte schreiben sollen.

Als der Tango leiser wurde

In den 1960er Jahren verschob sich in Argentinien die kulturelle Aufmerksamkeit deutlich. Rock, Beat, später Popmusik bestimmten das Bild der Jugendkultur. Tango galt als alt. Viele Orchester lösten sich auf, Engagements wurden seltener.

Mit der Militärdiktatur ab 1976 schrumpften öffentliche Räume zusätzlich. Versammlungen waren politisch sensibel, Nachtleben wurde vorsichtiger. Tango verschwand nicht – aber er verlor seine selbstverständliche Alltagsbasis.

Das war kein romantischer Niedergang. Das war ein realer Bedeutungsverlust.

Japan – Markt, Archiv und Haltung

Die Verbindung zwischen Japan und dem Tango begann nicht erst in den 1970er Jahren. Bereits in den 1920er- und 30er-Jahren erreichten Schallplatten und Noten aus Buenos Aires Japan. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand dort eine eigenständige Tangoszene mit Orchestern, Sängern und Bandoneonisten.

In den 1960er-Jahren, als der Tango in Argentinien an gesellschaftlicher Relevanz verlor, war Japan bereits ein stabiler Außenmarkt. Entscheidenden Einfluss hatte ab 1970 die Min-On Concert Association, die eine kontinuierliche Tango-Konzertreihe etablierte. Argentinische Orchester wurden regelmäßig eingeladen – nicht einmalig, sondern wiederkehrend.

Musiker wie José Basso oder Osvaldo Pugliese tourten in Japan. Für viele bedeuteten diese Engagements planbare Einnahmen in einer Phase, in der der argentinische Binnenmarkt schwächelte.

Parallel entwickelte sich in Japan eine außergewöhnlich gründliche Sammlerkultur. 78-rpm-Schellackplatten wurden systematisch gesammelt, restauriert und katalogisiert. Während wirtschaftliche und politische Probleme in Argentinien die Archivierung erschwerten, entstand in Japan eine zweite Sicherungsebene für dieses Repertoire.

Japan war damit nicht nur Publikum.
Japan war Markt.
Und in gewisser Weise Gedächtnis.

Doch das eigentlich Entscheidende war weniger ökonomisch als methodisch.

Japan behandelte diese fremde Kultur zunächst reproduktiv. Man wollte verstehen, bevor man veränderte. Man studierte Stilistik, Phrasierung, Orchestrierung. Man reproduzierte präzise. Erst aus dieser Durchdringung entstand Eigenes.

Erst Form.
Dann Variation.

In Europa – besonders im deutschsprachigen Raum – verlief der Prozess häufig umgekehrt. Zuerst faszinierte das Modernere, Intellektuellere – etwa Astor Piazzolla. Dann entdeckte man die Tradition. Und dazwischen wurde vieles schnell gleichwertig vermischt.

Das Problem ist nicht Vielfalt.
Das Problem ist fehlende Hierarchie des Verstehens.

Wenn alles sofort gleich gültig ist, versteht man nichts wirklich.

Japan war kein romantischer Retter.
Aber es war ein Vorbild im Umgang mit fremder Kultur.

Auch für mich waren die ersten Schallplatten aus Japan der Musik-Bestand, den ich in den ersten Milongas benötigte. Hier in Europa gab es sie nicht. 
Hier ein Link zu einer interessanten Tangoseite über Japanische Tango-Entwicklung und über die heutige Szene…

Dokumentiert die institutionalisierte Konzertkultur des Tango in Japan in den späten 1960er Jahren.
Kontext:
    • Ranko Fujisawa
    • Shimpei Hayakawa
    • Orquesta Típica Tokio

Hier sieht man klar: Tango war nicht Randerscheinung, sondern reguläres Konzertrepertoire mit professioneller Organisation.

Weltkulturerbe – und Verantwortung

2009 wurde der Tango von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt – eingereicht von Argentinien und Uruguay.

Das bedeutet nicht Museum. Aber es bedeutet auch nicht Beliebigkeit.

Kultur entwickelt sich. Natürlich. Aber Entwicklung ist kein Freibrief für Substanzverlust.

Hier wird Struktur gern als Zwang diffamiert. Musikalische Präzision als Dogma. Raumorganisation als autoritär. Wer darauf besteht, gilt schnell als Museumswärter.

Das ist bequem. Wenn alles gleich gültig ist, muss man nichts mehr unterscheiden. Und wenn nichts unterscheidbar ist, muss man nichts mehr können.

Verantwortung bedeutet nicht Einfrieren. Verantwortung bedeutet Durchdringung.

Tango Nuevo und die Realität des Revival

Ich gehöre zur Generation des europäischen Tango-Revival. Deshalb kann ich eines klarstellen.

Ja, Astor Piazzolla, Juan José Mosalini und Daniel Binelli fanden in den 70er- und 80er-Jahren ein aufmerksames Publikum. Aber dieses Publikum saß in Jazzclubs, Weltmusikreihen, Kulturzentren. Tango war intellektuell interessant geworden.

Die eigentliche internationale Welle wurde jedoch durch den Bühnenerfolg von Tango Argentino ausgelöst. Diese Produktion machte den Tanz sichtbar.

Wir hatten kaum Lehrer, kaum Quellen, keine systematische Methodik. Vieles wurde abgeschaut und improvisiert. Zwischen 1980 und 1985 wurde in der wachsenden Berliner Szene überwiegend zu EdO und auch zu Piazzolla getanzt. Das Figurenmaterial stammte aus dem traditionellen Tango – und selbst das beherrschten wir nur ansatzweise.
Und jetzt das Entscheidende:
Das allgemeine Tanzniveau war anfangs rudimentär. Also schlecht.

Was zu Aníbal Troilo, Carlos Di Sarli oder Juan D’Arienzo organisch funktionierte, wirkte zu Piazzolla oft bemüht. Die Diskrepanz zwischen musikalischer Struktur und Bewegungslogik war deutlich.

Und hier eine Überzeugung, die hypothetisch klingt, aber entwicklungslogisch zwingend ist:

Der Tango hätte sich in Europa völlig anders entwickelt – oder sich aufgrund der musikalischen Komplexität womöglich nie als breites soziales Phänomen etabliert –, wenn ausschließlich Tango Nuevo die Grundlage gewesen wäre.

Komplexe Kunstformen erzeugen oft Nischenkulturen.
Sie erzeugen selten Massenbewegungen.

Die Musik der Época de Oro bot klare Periodik, erkennbare rhythmische Akzente, stabile Architektur. Sie erlaubte Orientierung – selbst bei begrenztem Können.

Tango Nuevo hingegen fordert strukturelles Hören, interpretative Bewegung, musikalisches Bewusstsein. Eine technisch schwache, unerfahrene Szene hätte darauf kaum eine stabile Milonga-Kultur aufbauen können.

Ohne die EdO hätte es keine breite Basis gegeben, von der aus man hätte experimentieren können.

Tradition war kein Hemmschuh.
Sie war die Startbahn.

Alte Musik? Ein Denkfehler.

Wenn jemand behauptet, die heutige Tango-Szene hänge überalterter Musik nach, die ins Museum gehöre, dann sollte er diese Logik konsequent zu Ende denken.

Unsere Musikkultur wird nicht allein durch das jeweils Aktuelle bestimmt. Sie lebt selbstverständlich auch von Musik, die Jahrzehnte oder Jahrhunderte alt ist. Niemand fordert ernsthaft, Beethoven oder Bach aus Altersgründen nicht mehr aufzuführen. Niemand verlangt, Opernhäuser zu schließen, weil Mozart nicht zeitgenössisch genug ist.

Diese Musik wird gepflegt, studiert, dirigiert, interpretiert – mit immensem Aufwand. Große Orchester, Opernhäuser, Solisten, ganze Apparate sind nötig, um dieses Repertoire lebendig zu halten.

Und ja: Das wird subventioniert.

Manche nennen das elitären Kulturbetrieb. Aber stelle man sich vor, diese Musik würde verschwinden, weil sie „zu alt“ ist. Der kulturelle Verlust wäre enorm.

Tango hingegen wird nicht subventioniert. Er ist – wie Popmusik – weitgehend dem Markt überlassen. Große Tango-Orchester sind wirtschaftlich kaum tragfähig. Musiker können sich Spezialisierung selten leisten. Veranstalter können große Besetzungen kaum finanzieren.

Was bleibt, sind Milongas mit DJs – und einige wenige zeitgenössische Ensembles.

Die sorgfältige Aufbereitung historischer Aufnahmen – von Schellack bis digital – verdanken wir in erheblichem Maße japanischen Sammlern, die diese Platten in Buenos Aires auf Flohmärkten erwarben, restaurierten und katalogisierten.

Eine absurde Aussage und ihre Konsequenz

Tradition ist kein Museum.
Aber sie ist auch kein Wegwerfprodukt.

Und die Anhänger des traditionellen Tangos als rückwärtsgewandt zu bezeichnen, wäre genauso absurd, wie die Liebhaber von Oper und klassischer Musik als kulturelle Bremser oder nostalgische Verweigerer der Moderne zu diffamieren.

Niemand käme ernsthaft auf die Idee, Opernbesucher als rückwärtsgewandt zu titulieren, nur weil sie Verdi oder Wagner hören. Niemand erklärt Sinfonieorchester für innovationsfeindlich, weil sie Beethoven spielen.

Warum also soll ausgerechnet im Tango gelten, dass musikalische Tradition per se ein Zeichen geistiger Stagnation sei?

Das Problem liegt nicht im Alter der Musik.
Das Problem liegt im Unverständnis dessen, was kulturelle Kontinuität bedeutet.

Alt ist kein Qualitätsurteil.
Und schon gar kein Argument.

Schlusswort: Stand

Vielleicht ist die Verbindung zur Kampfkunst kein Zufall.

In der Kampfkunst lernt man zunächst Form. Nicht, um darin stecken zu bleiben. Sondern um sie irgendwann bewusst überschreiten zu können.

Japan hat diese Haltung im Umgang mit Tango vorgelebt:
Erst Reproduktion. Dann Durchdringung. Dann Erneuerung.

Europa ging häufig den umgekehrten Weg.

Beides ist Entwicklung.
Aber nur eines erzeugt Stabilität. Ein guter Stand entsteht nicht durch Beliebigkeit. Und eine lebendige Kultur auch nicht. Wer stehen kann, kann sich bewegen.

(Ich bin gespannt, was man mir aus diesem Text noch alles unterstellen wird.
Vermutlich, dass ich Tango zur Kampfkunst erkläre. Es gibt Leute, die schaffen das.)

1 thought on “Japan und sein Umgang mit fremder, traditioneller Kultur

    • Author gravatar

      Ich glaube, ich habe mal einen ganzen Artikel dazu geschrieben – Tanz und Kampf hat ein breites gemeinsames Skillset. Für Frauen eine gute Möglichkeit, die Kämpfer -Qualitäten eines Mannes abzuschätzen, mit geringem Beschädigungsrisiko; und Schweißproben gibt es noch obendrauf. Aber Scherz beiseite: der beim Karate (oder anderen Martial Arts) antrainierte Rundumblick ist auf der Piste recht nützlich. Und wenn ich mal ausnahmsweise einen Boleo so führe/begleite, wie mein Tangolehrer es gerne hätte, merke ich, daß es auch was mit Kraft aus dem Hara zu tun hat, also Muskelanspannung im Bauchbereich.

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