
Aufmerksamkeit ohne Inhalt?
Warum Empörung heute als Erfolg durchgeht
Ich bin heute über einen Kommentar gestolpert.
Sinngemäß stand da: Hohe Zugriffszahlen seien wichtig. Zustimmung egal. Hauptsache, man nehme seine Inhalte wahr.
Ein Widerspruch: Geht’s hier um sein Inhalte oder um hohe Zugriffszahlen?
Das kann man verstehen, wenn jemand Werbung schaltet. Klicks bringen Geld. So einfach ist das.
Nur: Anzeigen sehe ich keine.
Wahrscheinlich ist diesem Blogger noch nicht bewusst, dass seine hohen Zugriffe vielleicht sogar von „Hate Followern“ herrühren könnten. Oder weiß er das? Denn seinen Kommentar-Block hat er nach eigenen Bekundungen aufgrund der gr0ßen Zahl an „groben Pöbeleien“ geschlossen.
Also stellt sich eine schlichte Frage: Worum geht es dann eigentlich?
Ich habe mir das nicht moralisch angeschaut, sondern nüchtern.
Und die Forschung sagt etwas, das man erst mal verdauen muss: Aufmerksamkeit ist eine eigene Währung. Und sie funktioniert unabhängig davon, ob sie aus Zustimmung oder Ablehnung entsteht.
Reichweite schlägt Relevanz
Digitale Plattformen messen Interaktion. Nicht Argumente. Nicht Substanz. Sondern Bewegung.
Je mehr Reaktionen ein Beitrag auslöst, desto sichtbarer wird er. Ob diese Reaktionen zustimmend, empört oder kopfschüttelnd sind, spielt für die Mechanik kaum eine Rolle.
Studien zur sogenannten „affektiven Öffentlichkeit“ zeigen, dass emotionale Inhalte – besonders Wut – deutlich mehr Interaktion erzeugen als sachliche Beiträge. Wut wird schneller geteilt. Wut wird häufiger kommentiert. Wut zieht.
Das heißt nicht, dass alle wütenden Inhalte kalkuliert sind. Aber es heißt: Wer Emotionen auslöst, bekommt Sichtbarkeit. Wer differenziert, bekommt Ruhe.
Und Ruhe sieht im Statistik-Dashboard mager aus.
Das Belohnungssystem fragt nicht nach Moral
Neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass digitale Rückmeldungen – Likes, Kommentare, Benachrichtigungen – neuronale Belohnungssysteme aktivieren. Das Gehirn reagiert auf Resonanz. Nicht auf deren Qualität.
Mit anderen Worten: Auch Widerspruch kann sich wie Bestätigung anfühlen.
Wenn jemand also sagt: „Warum ihr mich lest, ist egal. Hauptsache, ihr lest mich“, dann ist das psychologisch nicht so absurd, wie es klingt. Resonanz reicht.
Das Problem ist nur: Resonanz ist kein Argument.
Der merkwürdige Kreislauf
Jetzt wird es unangenehm. Denn Empörung stabilisiert oft genau das, was sie kritisiert.
Man liest etwas, regt sich auf, schreibt einen langen Kommentar. Andere springen auf. Die Zahlen steigen. Der Algorithmus registriert: Da passiert was.
Provokation → Empörung → Reichweite → Bestätigung → stärkere Provokation.
Das ist keine Theorie. Das ist Mechanik.
Und irgendwann ist die Frage, ob es überhaupt noch um Inhalte geht – oder nur noch um die nächste Welle.
Eitelkeit als Antrieb
Die Persönlichkeitsforschung kennt das Modell der „Dunklen Triade“: Narzissmus, Machiavellismus, geringe Empathie. Man muss daraus keine Diagnose basteln. Es reicht, das Muster zu verstehen.
Ein starkes Bedürfnis nach Bewunderung sucht Resonanz.
Strategisches Denken nutzt Empörung als Werkzeug.
Geringe Hemmung erleichtert Zuspitzung.
Das Netz belohnt diese Mischung. Sichtbarkeit wird zur Bestätigung. Nicht, weil jemand recht hat, sondern weil jemand Reaktionen erzeugt.
Das ist kein moralischer Vorwurf. Das ist eine strukturelle Beschreibung.
Vielleicht die falsche Frage
Die Frage ist also nicht: „Warum provoziert jemand?“
Die interessantere Frage ist: „Warum reagieren wir zuverlässig?“
Hate-Lesen ist ein seltsames Hobby. Man fühlt sich überlegen. Man will sehen, wie weit es noch geht. Man empört sich gemeinsam. Man fühlt sich auf der richtigen Seite.
Nur: Jede Reaktion verlängert die Bühne.
Und manchmal wäre Ignoranz wirksamer als jede Gegenrede.
Abschließende Frage
Und warum stoppe ich dann nicht mein „Radio Riedl-Wahn“, wenn doch Empörung angeblich nur füttert?
Weil es mir nicht um Empörung geht.
Ich messe keine Zugriffszahlen. Ich zähle keine Kommentare. Ich führe keine Reichweitenstatistik als Erfolgskriterium an. Wenn jemand widerspricht – gut. Wenn jemand zustimmt – auch gut. Wenn es niemanden interessiert – dann ist das eben so.
Der Unterschied liegt nicht in der Lautstärke, sondern im Motiv.
„Radio Riedl-Wahn“ ist keine Empörungsmaschine. Es ist eine Form der Analyse. Manchmal satirisch, manchmal trocken, aber immer mit einem Punkt: Begriffe sauber zu halten und rhetorische Nebelkerzen sichtbar zu machen.
Wenn das irgendwann nur noch Selbstzweck wäre, würde ich es einstellen.
Aber solange es um Unterscheidung geht – zwischen Kritik und Moralkeule, zwischen Reichweite und Relevanz, zwischen Argument und Theater – sehe ich keinen Grund, das Mikro auszuschalten.
Ignoranz ist manchmal klug. Aber Analyse ist kein Füttern. Analyse ist Aufräumen. Und das ist etwas anderes.
2 thoughts on “Aufmerksamkeit ohne Inhalt?”
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Lieber Klaus Wendel,
Du stellst in diesem Beitrag diese zwei Fragen:
》Die Frage ist also nicht: „Warum provoziert jemand?“
Die interessantere Frage ist „Warum reagieren wir zuverlässig?“ 《
Ich stelle hier eine dritte Frage: „Ist es unvermeidbar, zu reagieren?“
Auf diese dritte Frage gibt der österreichische KZ-Überlebende, Neurologe und Psychiater Viktor Frankl folgende Antwort:
„Zwischen einem äußeren Einfluss (Reiz) und unserer Antwort darauf (Reaktion) existiert ein entscheidender Raum. In diesem Raum liegt die Freiheit und Macht, bewusst zu wählen, wie wir reagieren, was persönliches Wachstum und innere Freiheit ermöglicht.“
Viktor Frankl betont, dass wir nicht automatisch auf äußere Umstände reagieren müssen. Dieser winzige Raum gibt uns vielmehr die Freiheit, unsere Reaktion selbst zu wählen.
Das bedeutet in Konsequenz, dass derjenige auf seine Freiheit und Macht verzichtet, der sich zu einer bestimmten Reaktion automatisch gezwungen sieht.
Herzlich Bernhard
Lieber Bernhard,
Da kann ich Dir nur uneingeschränkt zustimmen. Nur habe ich nirgends geschrieben, dass eine Art Zwang zur Reaktion besteht. Denn ich meine:
„Und manchmal wäre Ignoranz wirksamer als jede Gegenrede.“ Aber ich kann Deine 3. Option auch als heilsamen Ratschlag an mich auffassen und danke Dir dafür.
Mit freundlichen Grüßen
Klaus