
Gedanken über Tango Unterricht | 50.Teil
Zwischen Ausprobieren und Zielvorgabe: Warum Tango-Unterricht mehr braucht als bloße Selbsterfahrung
Ein alter Streit über Methodik
Über Tango-Unterricht, genauer gesagt über seine Methodik, wird immer wieder gestritten. Soll der Unterrichtsstoff eher durch Probieren und Experimentieren vermittelt werden, also nach dem Prinzip „Try and Error“? Oder durch klare Zielvorgaben nach dem Prinzip „vor- und nachmachen“? Schon diese Gegenüberstellung ist allerdings schief. Denn in Wahrheit geht es gar nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein sinnvolles Sowohl-als-auch. Als Kombination ist beides vermutlich am wirksamsten.
Ich kenne diese Diskussion nicht nur theoretisch. Ich habe einen alten Tango-Freund, der stark nach dem ersten Prinzip arbeitet, weil er als ausgebildeter Alexander-Technik-Lehrer aus der Bewegungsschulung kommt. Dort spielen Wahrnehmung, Erfahrung und das eigene Erforschen von Bewegung naturgemäß eine große Rolle. Das ist nachvollziehbar und keineswegs falsch. Denn niemand lernt Bewegung wirklich, indem er bloß äußere Formen kopiert. Was nicht im eigenen Körper angekommen ist, bleibt Nachahmung.
Trotzdem bleibt für mich ein entscheidender Einwand. Und der richtet sich weniger gegen das Probieren selbst als gegen seine Verabsolutierung. Denn was mich am „Try and Error“-Prinzip am meisten stört, ist, dass Schüler dabei oft gar keinen Hinweis bekommen, worauf das Ganze eigentlich hinauslaufen soll. Sie probieren, sie sammeln Eindrücke, sie erleben Unterschiede – aber sie haben kein klares Ziel vor Augen. Wer blind vor sich hinprobiert, kann zwar Bewegungserfahrungen machen, aber ob diese Erfahrungen am Ende überhaupt funktionieren, ist damit noch lange nicht gesagt. Genau hier wird das bloße Wie leicht zur Falle, wenn man gar nicht weiß, wohin die Reise gehen soll.
Das Märchen vom lehrerlosen Tango
Hinzu kommt noch etwas anderes. Im Netz kursierten seit Jahren eine Legende, nach der das Erlernen des Tango in Buenos Aires im Grunde fast nur nach dem Prinzip „Try and Error“ funktioniert habe, obwohl eigentlich Lernen nichts anderes als „Try&Error“ ist. Gemeint ist also dabei aber oft das Lernen ohne Vorgabe, ohne klare Aufgabenstellung. Danach hätten die Leute sich den Tango einfach nur durch Ausprobieren angeeignet – ganz ohne systematischen Unterricht, fast wie durch einen natürlichen Gärungsprozess. Das klingt hübsch, ein wenig romantisch und nach verlorener Ursprünglichkeit. Aber so einfach war es offenkundig nicht.
Niemand käme auf die Idee, jungen Schülern am Gymnasium zu sagen, sie könnten sich den Lernstoff im Grunde auch allein aus Büchern aneignen, die es schließlich reichlich gibt. Lehrer wären dann nur noch überflüssige Figuren – bestenfalls Statisten, schlimmstenfalls bloß da, um ihren Machtanspruch auszuleben oder sich an der Staatskasse zu bedienen, wie ein gewisser Blogger es sinngemäß immer wieder unterstellt. Beim Tango scheint eine solche Geringschätzung von Unterricht dagegen plötzlich salonfähig zu sein. Da geht es angeblich nicht um Wissen, nicht um Können, nicht um Qualität, sondern nur um freie persönliche Entwicklung oder einfach um Spaß. Das klingt großzügig, ist aber vor allem bequem gedacht. Bogenschießen macht schließlich auch Spaß. Trotzdem käme niemand auf die Idee zu sagen, es sei völlig gleichgültig, wohin die Pfeile fliegen. Sie sollten schon in der Scheibe landen und nicht irgendwo im Gelände verschwinden.
Beim Recherchieren bin ich in dem Buch Así bailaban el Tango von Gabriela Hanna auf den Abdruck eines älteren Zeitungsartikels von Mingo Castro gestoßen (siehe Titelfoto). Mingo Castro war 1950 Gewinner eines bedeutenden Wettbewerbs und ein anerkannter Profesor del Tango, also Tangolehrer. In seinem Beitrag beschreibt er den Ablauf einer bestimmten Figur Schritt für Schritt. Allein das ist bereits aufschlussreich. Denn es zeigt, dass es durchaus Lehrer gab, die nicht bloß einen Raum zum Erforschen eröffneten, sondern konkrete Bewegungsabläufe vermittelten. Wer eine Figur Schritt für Schritt erklärt, arbeitet eben nicht nach dem Prinzip bloßer Selbstfindung, sondern gibt Orientierung, Struktur und ein klares Bewegungsziel vor.
Natürlich gibt es daneben auch andere Berichte, die das Lernen stärker als einen autarken Prozess schildern, also als Beobachten, Probieren und Experimentieren. Das ist sicher nicht erfunden. Aber es wäre ein Fehler, daraus die ganze Wahrheit zu machen. Denn auch dort, wo vieles informell geschah, fand das Lernen eben nicht im luftleeren Raum statt.
Das kulturelle Umfeld in Buenos Aires
Man sollte nämlich eines nicht vergessen: Diese Leute hatten Vorbilder. Und zwar nicht nur einzelne Lehrer, sondern ein ganzes kulturelles Umfeld, an dem sie sich orientieren konnten. Sie bewegten sich in einer Umgebung, in der Tango sichtbar, hörbar und gesellschaftlich präsent war. Das macht einen gewaltigen Unterschied.
Wenn sich in Buenos Aires auf einer Milonga Hunderte oder gar Tausende Menschen auf und um die Tanzfläche versammelten, wenn junge Männer, um gesellschaftlich überhaupt bestehen und vielleicht eine junge Dame kennenlernen zu können, wenigstens Tango tanzen mussten, dann war das eine Umgebung mit klaren, wenn auch oft unausgesprochenen Vorgaben. Dort war durchaus deutlich, was als Tango galt und was nicht. Die Formen des Auftretens, die Haltung, die Umarmung, die Art des Gehens, die Musik, die Rollen, die Selbstverständlichkeiten des Miteinanders – all das war kulturell vorhanden. Man musste es nicht erst vollständig im Unterricht herstellen.
Daniel Trenner, einer der Pioniere der Tango-Szene in den USA, hat diesen Unterschied sehr treffend beschrieben. Er nennt sinngemäß drei Quellen, aus denen Argentinier ihren Zugang zum Tango gewannen. Erstens wurden sie geradezu überschwemmt von Bildern, Geschichten, Gedichten, Texten und Erzählungen, von Verwandten ebenso wie von berühmten Persönlichkeiten. Selbst ein Argentinier, der Tango nicht mochte, wusste oft erstaunlich viel darüber. Zweitens geschah viel Lernen beinahe osmotisch: Ein junger Mensch saß stundenlang an einem Tisch neben dem Parkett und beobachtete die Älteren und Jüngeren, ihr Spiel, ihre Leidenschaft, ihre Art zu tanzen. Und drittens konnte man zu einem Lehrer gehen, dessen Schrittvokabular und stilistische Vorlieben einem zusagten, weil es eine Vielzahl von Lehrern gab, unter denen man auswählen konnte.
Das bedeutet: Generationen von Unterrichtenden mussten nicht bei null anfangen. Sie mussten nicht erst das gesamte Bewegungsbild des Tango im Kopf ihrer Schüler erzeugen. Vieles war kulturell längst vorhanden oder wurde im Alltag nebenbei aufgenommen. Der Unterricht musste deshalb oft nicht mehr leisten, als Schritte, Kombinationen oder bestimmte Fertigkeiten zu lehren, weil der Charakter des Tango bereits mitgebracht wurde.
Warum deutsche Anfänger eben kein Buenos Aires im Rücken haben
Die Situation eines Tango-Anfängers in Deutschland ist dagegen grundverschieden. Hier fehlt dieses Umfeld weitgehend. Die meisten Anfänger beginnen, was ihren Erfahrungshorizont angeht, tatsächlich als weißes Blatt. Sie haben vielleicht diffuse Bilder aus Filmen, Bühnenaufführungen oder aus dem Internet im Kopf, aber kein organisch gewachsenes Verständnis davon, was sozialer Tango eigentlich ist. Sie haben keine jahrelang aufgesogenen Vorbilder, keine Selbstverständlichkeit in der Wahrnehmung dieser Tanzform, keine alltägliche Umgebung, die ihnen nebenbei vermittelt, was gemeint ist.
Gerade deshalb kann sich ein Tangoschüler hier zunächst oft nur an einem Tangolehrer orientieren, der wenigstens eine optische Orientierung liefert. Dieser Lehrer wird damit fast zwangsläufig zum Bezugspunkt. Für viele Schüler sogar zur einzigen Referenz ihrer Bewegungsvorstellungen und Bewegungsziele. Das ist eine enorme pädagogische Verantwortung. Denn der Schüler lernt nicht nur irgendeinen Schritt, sondern entwickelt über diesen Lehrer sein erstes Bild davon, was Tango überhaupt sein soll.
Daraus folgt aber auch etwas Unbequemes: Wenn ein Lehrer unter solchen Bedingungen aus dem Unterricht im Wesentlichen nur eine Selbsterfahrungsgruppe macht, dann sind Enttäuschungen beinahe unvermeidlich. Denn viele Schüler kommen ja nicht, um einfach nur über ihren Körper nachzusinnen oder Bewegungsvarianten ohne Zielvorgabe zu erforschen. Sie kommen, weil sie Tango lernen wollen. Sie möchten wissen, woran sie sich orientieren können, was funktioniert, wie etwas gemeint ist, wie es sich anfühlen sollte und woran man erkennt, dass man sich einer brauchbaren Lösung nähert.
Warum bloßes Probieren nicht genügt
Damit ist das Probieren keineswegs abgewertet. Ohne eigenes Ausprobieren bleibt Unterricht tot. Schüler müssen Unterschiede erleben, sie müssen Fehler machen dürfen, sie müssen spüren, warum etwas leicht oder schwer, klar oder unklar, funktional oder eben nicht funktional ist. Denn nur was man selbst erfährt, kann man später auch wirklich anwenden. Aber genau dieses Probieren wird erst dann produktiv, wenn es auf etwas ausgerichtet ist.
Wer keine Vorstellung davon hat, wonach er sucht, kann sich lange beschäftigen, aber daraus folgt noch kein Lernen. Man kann sich auch eine ungünstige Lösung immer wieder einprägen. Man kann Bewegungen für interessant halten, die in Wirklichkeit in der Umarmung, in der Musik oder in der Ronda gar nicht tragen. Gerade im Tango, wo Bewegung immer eine Funktion innerhalb einer Beziehung, innerhalb von Musik und innerhalb eines sozialen Raumes erfüllt, genügt bloße Selbsterfahrung eben nicht. Sie braucht Kriterien.
Und genau diese Kriterien kann ein Anfänger nicht aus dem Nichts erzeugen. Er braucht Hinweise. Er braucht Zielvorstellungen. Er braucht Lehrer, die nicht nur sagen: „Spür mal nach“, sondern auch: „Darauf kommt es an.“ Das bedeutet nicht, dass alles drillmäßig vorgeführt und kopiert werden muss. Aber es bedeutet sehr wohl, dass Unterricht eine Richtung vorgibt.
Denn das Gelernte musste auch mit fremden Partnerinnen auf sehr, sehr vollen Tango-Pisten funktionieren.
Und wer nicht wahr haben möchte, dass volle Tanzflächen zur DNA des Tangos gehören, sollte mal alte Zeitungsartikel aus Buenos Aires studieren. Wer das nicht akzeptiert, sollte allein für sich üben und tanzen, wie auch ich es eine Zeit lang gemacht habe.
Warum selbst ein gutes Vorbild nicht genügt
Nun könnte man einwenden: Gut, dann braucht es eben ein klares optisches Vorbild. Der Schüler sieht, wie es aussehen soll, und orientiert sich daran. Aber auch das reicht oft nicht aus. Denn die Lehrkraft hat bei der Demonstration einer Bewegung in aller Regel ein klares inneres Konzept. Sie weiß, was sie tut, worauf sie hinauswill, welche Funktion die Bewegung hat, wie sie musikalisch gedacht ist und wie sie sich in der Verbindung mit dem Partner organisiert. All das kann der Schüler aber nicht einfach sehen. Er kann schließlich keine Gedanken lesen.
Deshalb ist auch ein rein optisches Vorbild oft keine ausreichende Lösung. Man sieht zwar etwas, aber man versteht noch nicht, warum es funktioniert. Man erkennt die äußere Form, aber nicht die zugrunde liegende Idee. Gerade im Tango ist das entscheidend. Denn dieselbe Bewegung kann äußerlich ähnlich aussehen und innerlich doch ganz verschieden organisiert sein. Was beim Lehrer klar, geführt, musikalisch und funktional ist, wird beim Schüler leicht zu einer bloßen Nachahmung der Oberfläche.
Beispiel: Das Gehen im Tango
Das Gehen im Tango ist dafür vielleicht das beste Beispiel. Es wirkt so selbstverständlich, dass viele meinen, darüber müsse man gar nicht groß sprechen. Gehen kann schließlich jeder. Das hat man kurz nach dem ersten Lebensjahr gelernt. Also schaut man zu, sieht eine scheinbar einfache Bewegung und denkt: Das wird schon nicht so schwer sein.
Spätestens nach den ersten Versuchen mit Partnerin scheitern die meisten jedoch an genau dieser scheinbaren Einfachheit. Was von außen leicht und fließend aussieht, fühlt sich für Anfänger oft stockend, verkrampft und unnatürlich an. Die Dame scheint im Weg zu stehen, wirkt eher wie ein Störfaktor als wie eine Partnerin, und genau daran zeigt sich schon, dass bloßes Zuschauen eben nicht genügt.
Denn was dort aussieht wie Gehen, ist eben nicht einfach dasselbe Gehen wie auf der Straße. Natürlich enthält der Tango-Gang Elemente des normalen Gehens. Aber darin erschöpft er sich nicht. Es geht nicht bloß um Fortbewegung. Im Tango dient das Gehen zunächst einmal der Musik. Es ist nicht einfach ein Weg von hier nach dort, sondern eine zeitlich, räumlich und partnerschaftlich organisierte Bewegung. Schon deshalb ist „gehen können“ noch lange nicht dasselbe wie „im Tango gehen können“.
Eigentlich müsste der Bezug zur Musik selbstverständlich sein. Wir sind ja im Tango-Unterricht und wollen tanzen. Aber genau da liegt oft das Missverständnis: Gehen allein ist noch kein Tanzen. Wer nur Schritte macht, hat damit noch keine Beziehung zur Musik hergestellt. Wenn wir dann auf der Piste diese zombieartigen Muster sehen, ist das also kein Wunder. Da marschieren Menschen irgendwie vor sich hin, ohne dass klar würde, warum gerade jetzt, warum in dieser Qualität und warum überhaupt so. Es fehlt nicht nur an Technik, es fehlt vor allem an Sinn.
Hinzu kommt, dass auf einer vollen Tanzfläche zum ausladenden Gehen oft gar kein Platz ist. Dann reicht es eben nicht, „schön zu gehen“, wenn man dafür eine freie Straße braucht. Im sozialen Tango muss man sich oft auf engstem Raum bewegen, manchmal fast auf der Stelle, und trotzdem muss die Bewegung noch einen musikalischen Sinn behalten. Wer die Idee hinter dem Tango-Gehen nicht verstanden hat, steht dann schnell vor einem Rätsel. Denn wenn die Fortbewegung nicht mehr das eigentliche Ziel ist, was bleibt dann noch vom Gehen übrig? Genau diese Frage müsste Unterricht beantworten.
Die entscheidende Bewegungs-Idee lässt sich nämlich nicht einfach abschauen. Man kann nicht sehen, wie der Lehrer innerlich die Musik strukturiert, wie er die Zeit füllt, wie er Gewicht organisiert, wie er den Partner mitnimmt oder wie er aus minimaler Raumveränderung überhaupt erst Tanz entstehen lässt. Man sieht nur das Ergebnis. Aber ohne die dahinterliegende Vorstellung bleibt dieses Ergebnis für den Anfänger kaum reproduzierbar.
Gerade deshalb genügt weder bloßes Zuschauen noch bloßes Probieren. Es braucht Vermittlung. Der Lehrer muss sagen können, worin der Unterschied zwischen gewöhnlichem Gehen und Tango-Gehen besteht. Er muss erklären, was der Schritt musikalisch leisten soll, wie die Partnerbeziehung dabei organisiert ist und warum eine Bewegung trotz geringer räumlicher Veränderung tänzerisch sinnvoll sein kann. Erst dann wird aus einem sichtbaren Vorbild ein verstehbares Lernziel.
Warum auch bloßes Vormachen nicht reicht
Die Gegenposition ist allerdings ebenso problematisch. Denn natürlich hat auch das reine „Vor- und Nachmachen“ seine Grenzen. Wer nur kopiert, übernimmt oft eine äußere Form, ohne deren innere Organisation zu verstehen. Dann wird aus Unterricht eine Art Schablonenproduktion. Die Schüler ahmen etwas nach, das vielleicht kurzfristig ordentlich aussieht, aber nicht wirklich begriffen wurde. Im Tango kennt man das nur zu gut: Schritte werden reproduziert, ohne dass klar ist, welche Gewichtsverlagerung, welche Richtung, welche Beziehung zum Partner und welche musikalische Setzung eigentlich dahinterstecken.
Ein guter Unterricht kann daher nicht in bloßer Imitation bestehen. Er muss erklären, erfahrbar machen und überprüfen lassen. Schüler müssen Unterschiede nicht nur sehen, sondern auch spüren. Sonst bleibt alles äußerlich.
Das ändert aber nichts an meinem eigentlichen Punkt: Zwischen sinnvollem Ausprobieren und bloßer Beliebigkeit besteht ein großer Unterschied. Und dieser Unterschied liegt in der Zielvorgabe.
Der Lehrer als Orientierungspunkt
Gerade weil das kulturelle Umfeld des alten Buenos Aires hier fehlt, muss Unterricht heute mehr leisten. Er kann nicht einfach darauf vertrauen, dass der Charakter des Tango ohnehin schon in den Schülern steckt und nur noch hervorgelockt werden müsse. Das ist in den meisten Fällen eine Illusion. Unterricht muss Orientierung geben, wo keine kulturelle Selbstverständlichkeit vorhanden ist. Er muss Zielbilder liefern, funktionale Kriterien benennen und erkennbar machen, woran man eine brauchbare Bewegungslösung von einer unbrauchbaren unterscheiden kann.
Der Lehrer wird dadurch unvermeidlich zum Modell. Nicht im Sinne einer unantastbaren Autorität, sondern als sichtbarer Bezugspunkt. Seine Bewegung, sein Stil, seine Art zu führen oder zu folgen, seine musikalische Auffassung und seine Vorstellung davon, was im Tango wesentlich ist, prägen die Schüler. Wer diese Rolle herunterspielt und so tut, als sei der Unterricht nur eine offene Versuchsanordnung ohne Richtung, macht sich etwas vor.
Denn natürlich könnten Schüler auch zuhause herumprobieren. Aber womit? Mit YouTube-Videos? Wenn das wirklich reichen würde, wären Tangokurse längst obsolet. Sind sie aber nicht. Und das hat einen einfachen Grund: Lernen braucht nicht nur Material, sondern Rückmeldung, Auswahl, Ordnung, Korrektur und Orientierung. Es braucht jemanden, der aus Erfahrung sagen kann, was eine Bewegung leistet, wo sie scheitert und worauf sie hinauslaufen sollte.
Fazit: Freiheit ja, Ziellosigkeit nein
Die Gegenüberstellung von „Try and Error“ und „Vor- und Nachmachen“ ist letztlich zu grob. Guter Tango-Unterricht braucht beides: die eigene Erfahrung und die klare Orientierung. Schüler müssen ausprobieren dürfen, aber sie sollten nicht im Nebel gelassen werden. Sie müssen selbst entdecken, aber nicht ohne zu wissen, wonach. Sie sollten nicht bloß kopieren, aber ebenso wenig ziellos umherirren.
Vielleicht lässt es sich so am einfachsten sagen: Ausprobieren ist ein Mittel, nicht das Ziel. Das Ziel ist eine funktionierende, verständliche, im sozialen und musikalischen Sinn tragfähige Form des Tanzens. Und wer Schülern dieses Ziel nicht wenigstens sichtbar, spürbar und nachvollziehbar macht, verwechselt Offenheit mit Unverbindlichkeit.
Man darf Schüler suchen lassen. Aber man sollte ihnen vorher sagen, wonach.
Nachbemerkung
Besonders absurd wird die Sache dort, wo die Verherrlichung eines angeblich lehrlosen Tango-Lernens in Wahrheit nur aus der eigenen Frustration über frühere schlechte Lehrer stammt. Denn aus missratenem Unterricht folgt nicht, dass man keinen Unterricht braucht, sondern nur, dass man missratenen Unterricht erlebt hat. Wer daraus eine Methode macht, erhebt die eigene Enttäuschung kurzerhand zum pädagogischen Prinzip.
Hinzu kommt noch etwas: Solche Haltungen entstehen oft auch dort, wo Tangolehrer vor allem als Personen wahrgenommen werden, die einem ständig hereinreden, einem sagen wollen, was man zu tun habe, und einem erklären, was alles schlecht sei. Das mag unangenehm sein. Aber Unterricht ohne Korrektur, ohne Unterscheidung zwischen brauchbar und unbrauchbar, ohne Benennung von Problemen, ist eben kein Unterricht mehr, sondern bestenfalls freundliche Begleitung. Wer jede Anleitung schon als Zumutung empfindet, verwechselt pädagogische Führung mit persönlicher Bevormundung.
Das Problem liegt dann nicht unbedingt im Unterrichten selbst, sondern in der Unfähigkeit, zwischen autoritärer Gängelei und sinnvoller Vermittlung zu unterscheiden. Ein Lehrer, der erklärt, was nicht funktioniert, greift einen nicht persönlich an. Er benennt im besten Fall genau das Hindernis, an dem Lernen überhaupt erst möglich wird. Wer das schon als unzulässiges „Hereinreden“ auffasst, wird am Ende jede Form von Anleitung als verdächtig empfinden und landet zwangsläufig bei der Illusion, man könne sich Tango am besten ganz ohne Lehrer, ohne Korrektur und ohne Zielvorgabe aneignen. Das klingt frei, ist aber meist nur eine elegante Form, sich vor Kritik und vor Arbeit zu drücken.