
Die Sache mit der Perfektion – und was daraus gemacht wird
Im Tango-Netzwerk tauchen immer wieder Texte auf, die erstaunlich schnell ihre Kreise ziehen.
So auch diesmal.
Ausgangspunkt war ein Beitrag, der offenbar sogar Rafael Busch – sonst eher für tägliche Vortanzvideos bekannt – dazu gebracht hat, diesen Text zu kommentieren.
Der Ursprung liegt bei Marianne Jost, die ihre Erfahrungen aus Tanz, Coaching und Beziehungsarbeit zusammenführt und sich zum Thema „Perfektion“ äußert.
Der Text ist schnell erzählt, eingängig formuliert und trifft einen Nerv:
„Niemand verliebt sich in Perfektion…
…hör auf, perfekt sein zu wollen…
…sei einfach echt…“
Das klingt gut.
Und genau darin liegt das Problem.
Denn kaum ist so ein Text in der Welt, passiert zuverlässig das, was im Tango erstaunlich oft passiert: Er wird auf einer Meta-Ebene verstanden – und auf der praktischen Ebene missverstanden.
Ein aktuelles Beispiel lieferte prompt ein gewisser Blogger, der aus dieser Vorlage die bekannte Schlussfolgerung zog: Man müsse im Tango vor allem locker, entspannt und frei von „technischem Kram“ sein.
Damit ist der Weg frei für genau das, was solche Texte regelmäßig anrichten:
eine schöne Idee – und eine schlechte Umsetzung.
Das Problem mit der Meta-Ebene
Formulierungen wie „tanze mit mehr Gefühl“ oder „sei einfach du selbst“ haben einen entscheidenden Nachteil:
Sie sind nicht falsch – aber sie sind zu ungenau, um hilfreich zu sein.
Denn sie beantworten nicht die einzige Frage, die im Unterricht wirklich zählt: Was soll ich konkret anders machen?
Stattdessen erzeugen sie Interpretationsspielraum.
Und der wird im Tango gern genutzt.
Aus „Perfektion ist nicht wichtig“ wird dann schnell:
Technik ist unwichtig.
Aus „sei authentisch“ wird:
Mach einfach irgendwas – Hauptsache, es kommt von dir.
Das ist bequem.
Und genau deshalb so beliebt.
Perfektion – ein Phantom
Ein zweiter Fehler liegt im Umgang mit dem Begriff „Perfektion“. Er wird fast immer als Feindbild aufgebaut:
starr, unlebendig, distanzierend.
Tatsächlich wird hier aber etwas verwechselt.
Das Problem ist nicht Perfektion, sondern Perfektionismus – also der Zwang, fehlerlos sein zu müssen.
Der Wunsch, sich zu verbessern, ist dagegen nicht nur legitim, sondern notwendig. Ohne ihn bleibt alles beliebig.
Perfektion selbst ist ohnehin ein Phantom. Ein Ideal, kein erreichbarer Zustand.
Ich habe in all den Jahren keinen Tänzer erlebt, den man ernsthaft als „perfekt“ bezeichnen könnte.
Und das hat einen einfachen Grund: Der Tango ist zu komplex.
Zu viele Variablen.
Zu viele Möglichkeiten, Fehler zu machen. Zu viele Ebenen gleichzeitig. Alle kämpfen mit irgendetwas.
Auch die Guten.
„Sei wie du bist“ – aber wer ist das?
Die Gegenbewegung ist schnell formuliert:
Wenn Perfektion nicht funktioniert, dann sei einfach du selbst.
Auch das klingt überzeugend.
Und ist genauso ungenau.
Denn ein Anfänger ist in der Regel maximal „er selbst“.
Er zeigt alles, was da ist: Unsicherheit, Ungenauigkeit, fehlende Orientierung.
Das ist authentisch.
Aber es ist kein guter Tango.
Authentizität ist kein Qualitätskriterium.
Sie beschreibt nur, dass etwas nicht verstellt ist.
Funktion statt Gefühl
Der Begriff, der im Tango tatsächlich weiterhilft, ist ein anderer:
Funktion.
Eine Bewegung funktioniert – oder sie funktioniert nicht. Sie kommt an – oder sie kommt nicht an.
Alles andere ist Interpretation.
Ein gutes Beispiel ist Chicho Frumboli.
Sein Tanz ist weit entfernt von klassischer Eleganz.
Keine glatte Oberfläche, keine geschniegelt durchgearbeitete Form.
Und trotzdem wirkt er überzeugend.
Warum?
Weil seine Bewegung funktioniert.
Weil sie musikalisch begründet ist.
Weil sie eine klare Beziehung zum Partner hat.
Das wirkt dann „authentisch“.
Ist aber in Wahrheit das Ergebnis von funktionalem Können.
Form ist nicht der Feind
Auf der anderen Seite steht ein Tänzer wie Sebastián Arce*.
Auch hier funktioniert alles. Klar, präzise, strukturiert.
Aber die Gewichtung ist eine andere:
Die Form ist sichtbarer. Die Bewegung wirkt gestaltet, entschieden. Das ist kein Widerspruch zur Funktion. Es ist eine andere Priorität.
Beides kann sehr gut sein.
Aber es erzeugt eine unterschiedliche Wirkung:
Bei Frumboli hat man das Gefühl, dass Bewegung entsteht.
Bei Arce hat man das Gefühl, dass sie bereits entschieden ist.
*(Chicho und Sebastian haben mal eine Zeit lang sehr ähnlich getanzt, haben sich aber stilistisch sehr weit voneinander entfernt.)
Der kleine Selbstbetrug
Der eigentliche Denkfehler liegt woanders:
Authentizität wird oft als Ersatz für Können verkauft.
Nach dem Motto:
Hör auf, perfekt sein zu wollen – dann entsteht Verbindung.
Das stimmt nur zur Hälfte.
Denn man kann nur loslassen, was man vorher hatte.
Wer keine Klarheit hat, kann sie nicht loslassen.
Er bleibt nur im Ungefähren – und nennt es dann Authentizität.
Das ist der Punkt, an dem solche Texte kippen.
Nicht, weil sie falsch sind.
Sondern weil sie unpräzise sind – und damit anfällig für genau die Auslegung, die sie eigentlich vermeiden wollten.
Was wirklich verbindet
Verbindung entsteht im Tango nicht durch Perfektion.
Aber auch nicht durch deren Ablehnung.
Sie entsteht dort, wo zwei Dinge zusammenkommen:
- Klarheit in der Funktion
- Offenheit im Ausdruck
Ohne Klarheit wird es chaotisch.
Ohne Offenheit wird es leer.
Alles andere sind Begriffe.
Fazit
Die Ablehnung von Perfektion ist verständlich. Aber sie wird regelmäßig missverstanden.
Es geht nicht darum, auf Qualität zu verzichten. Sondern darum, sie nicht zum Selbstzweck zu machen.
Und Authentizität ist kein Ersatz für Können. Sie ist höchstens das, was übrig bleibt, wenn Können nicht mehr angestrengt wirkt.
Oder einfacher:
Ein Anfänger ist auch authentisch.
Nur hilft ihm das nicht weiter.
Nachtrag
Es ist immer wieder erstaunlich, wie zuverlässig solche Texte ihre eigene Karikatur hervorbringen.
Kaum fällt das Wort „Perfektion“, wird daraus „Technik ist überflüssig“.
Kaum ist von „Authentizität“ die Rede, wird sie zur Ausrede für alles, was nicht funktioniert.
Und so entsteht ein ganz eigener Stil:
Man tanzt nicht ungenau – „man ist nur besonders bei sich.“
Man führt nicht unklar – „man lässt Raum.“
Und wenn der Partner nicht mehr weiß, was gemeint ist,
dann liegt das vermutlich daran, „dass er noch zu sehr in alten Mustern denkt.“
Oder einfacher gesagt:
Nicht alles, was echt ist, ist auch gut.