
Eine kurze Reflexion
Oder: Der Versuch, sich einmal mit unliebsamen Dingen auseinanderzusetzen
Ich habe vor ein paar Monaten einen Beitrag geschrieben:
„Gedanken über Tango-Unterricht und das Bloggen | 30. Teil“.
Darin schrieb ich:
„Was mich immer wieder wundert (und manchmal amüsiert), ist die dogmatische Treue zu bestimmten Glaubenssätzen. Es wird an Ritualen, Regeln und Gewohnheiten festgehalten, als wären sie heilig. Kaum jemand hinterfragt, ob sie in einer deutschen Alltagskultur überhaupt Sinn machen. Selbst sinnvolle Dinge werden selten überprüft oder angepasst – man macht’s halt, ‚weil’s alle so machen‘.“
Natürlich halte ich diese Beobachtung immer noch für aktuell.
Nur ist das kein Plädoyer gegen die Ronda oder den Cabeceo. Und natürlich ist die Ronda nicht für alle Tänzer ein Genuss. Man benötigt viel Erfahrung, um intuitiv die anderen Tanzpaare im Blick zu behalten, die Partnerin, die Musik und die eigenen Bewegungsabläufe gleichzeitig zu koordinieren. Ich muss zugeben: Am Anfang hat mich das ziemlich beansprucht.
Wenn man noch mit der Technik hadert, noch nicht sicher führen kann und dabei zu viel nachdenken muss, kann ein Tanz in einer Ronda schnell zum Höllenritt werden. Wenn dann noch der eigene Tanzstil nicht ronda-kompatibel ausgebildet wurde, weil man im Unterricht lange Sequenzen gelernt hat, von denen man auf der Milonga nur noch Fragmente benutzen kann, wird ein Tango auf einer gefüllten Piste schnell zum Dilemma. Das bestreitet eigentlich niemand.
Natürlich kann es auch passieren, dass auf der Piste nur eine Spur eingehalten wird, während in der Mitte alles drunter und drüber geht. Denn in der zweiten oder dritten Spur zu tanzen ist deutlich schwieriger als am Rand. Die äußere Spur bietet mehr Orientierung und auch mehr Ruhepunkte. Vielleicht ist das der Grund, warum sich viele Paare dort aufstellen wie an der Kaufhauskasse.
Schwierig wird es, wenn dort auch noch Ungeübte tanzen, die auf dieser Linie eigentlich nichts verloren haben, weil sie zu sehr auf der Stelle tanzen und mit Dauer-Sanguichitos den Verkehr aufhalten, statt einfach vorwärts zu tanzen – was oft viel entspannter wäre, als ständig auf der Stelle herumzuorgeln. Aber das ist kein Grund, über diese Ronda-Neulinge herzuziehen, ihnen öffentlich Unvermögen vorzuwerfen, wenn man selbst als Kritiker mit der Ronda hadert. Sie haben die Zeit verdient, sich damit zurechtzufinden. Anfänger sind nämlich nicht das Problem einer Ronda, die nicht fließen will.
Wir alle mussten lernen, uns an volle Tanzpisten zu gewöhnen – oder uns eben hinzusetzen, wenn es wegen der Enge zu stressig wurde. Dass eine Ronda bei zu vielen Paaren schneller zum Stau kommt, müsste jedem klar sein. Das lässt sich mit jedem Verkehrsmodell erklären: Wenn einer steht, stehen alle.
Dass manche Milongas zu voll sind, kann man den Veranstaltern allerdings kaum vorwerfen. Man lässt Menschen ungern umsonst anreisen.
Wenn eine Ronda wirklich funktioniert
Es gibt aber auch Ausnahmen. Ein Beispiel ist Eric Jœrissen in Nijmegen, der nach einer bestimmten Anzahl von Gästen tatsächlich niemanden mehr einlässt. Alle wissen das, und viele reisen deshalb früh an – oft schon zur berühmten „Space Lab“, in der Eric in die Kunst des Ronda-Tanzens einweist.
Diese Schulung hat ihm viel Arbeit gekostet. Aber sie hat dazu geführt, dass in einer für normale Verhältnisse viel zu vollen Milonga trotzdem alle Tanzpaare auf ihre Kosten kommen. Es ist zwar rappelvoll auf der Piste – aber es funktioniert.
Erst im „El Corte“ in Nijmegen habe ich wirklich verstanden, dass eine Ronda-Kultur genial sein kann, wenn alle eingeweiht sind. Das kann man lernen. Wer kein Repertoire dafür hat, verzichtet eben auf komplexe Figuren. Hier zählt die Gemeinschaft.
Für meckernde Gäste ist dort kein Platz. Man besucht das El Corte freiwillig – und gerne.
Dass man dort dem Bedürfnis vieler Tänzerinnen und Tänzer entgegenkommt, möglichst viele andere Paare zu treffen, ist nicht von allein entstanden. Es war viel Arbeit nötig, diesen Ort zu entwickeln. Arbeit, die viele Veranstalter nicht auf sich nehmen möchten. Denn dazu gehören Courage und ein gewisser Sinn für Gemeinschaft.
Natürlich ist auch das „El Corte“ nicht perfekt. Es gibt immer etwas zu verbessern. Aber es ist kein Encuentro, sondern eine öffentliche Milonga, die ziemlich gelungen ist.
Es gibt Encuentros, in denen viele Tänzerinnen und Tänzer das Thema Ronda längst als Selbstverständlichkeit akzeptiert haben und gar nicht mehr darauf verzichten wollen. Nicht umsonst fliehen viele aus den klassischen Milongas in Encuentros.
Die öffentliche Milonga ist jedoch kein Ort, an dem man sich seine Gäste aussuchen kann. Man kann sich aber die Milonga aussuchen, die am besten zu einem passt.
Wer eine perfekte Milonga sucht, wird sie allerdings nicht finden. Jeder Abend ist anders – selbst bei ähnlicher Musik. Eine Milonga lebt auch von Unzulänglichkeiten und von der Diversität der Menschen, die dort zusammenkommen. Allein deshalb muss ich damit rechnen, dass mir manches nicht gefällt.
In diesem Zusammenhang ist die Frage von Christian Beyreuther nach dem passenden Format durchaus berechtigt. Man sollte sich tatsächlich überlegen, in welchem Rahmen man sich am wohlsten fühlt.
Unverständlich ist für mich allerdings, wenn jemand ständig an etwas herummäkelt, dessen Tragweite er gar nicht versteht. Und keinen Versuch unternimmt, etwas konstruktiv zu verbessern, und keinen Lösungsvorschlag macht. Wer sich nie bemüht, Missstände zu analysieren, um sie zu lösen, sondern jahrelang dagegen anschreibt, ohne seinen Frieden damit zu finden oder seine eigenen Gewohnheiten auf der Piste anzupassen, und stattdessen wie ein Don Quichotte gegen Windmühlen anreitet, hat für mich eine ziemlich anstrengende Eigenart entwickelt.
In Deutschland ist es sehr verbreitet, gegen alles zu wettern. Diese Stimmung hat sich teilweise so tief in unser Gemüt gefressen, dass ich sie nicht auch noch in meiner Freizeit in die Milonga mitnehmen möchte.
Vielleicht liegt das Problem manchmal gar nicht in den Regeln oder Gepflogenheiten selbst, sondern darin, dass wir uns zu wenig fragen, welche Rolle wir darin eigentlich spielen. Und ob wir bereit sind, unseren eigenen Platz darin zu finden – oder ob wir nur dagegen ankämpfen.
Natürlich sehe ich auch viele Dinge kritisch. Und natürlich gibt es dieses typische Panoptikum von Figuren, die in der Milonga eine Bühne sehen, um sich zu profilieren. Wenn man sich darauf konzentriert, kann man leicht anfangen, nur noch missgünstig und griesgrämig auf dieses dunkle Feld zu schauen.
Ich bin ehrlich: Mir ist das auch schon passiert. Nach manchen Milonga-Besuchen war ich so schlecht gelaunt, dass kaum noch Spaß übrig blieb. Wenn dann noch monotone Musik und immer gleiche Abläufe dazukommen, kann sich durchaus eine gewisse Leere einstellen.
Das ist völlig normal.
Aber es ist kein Grund, anderen den Spaß abzusprechen oder ihn ihnen zu verderben. Dann zieht man sich eben eine Zeit lang zurück. Die Lust kommt irgendwann wieder – oder eben nicht. Niemand zwingt mich, Tango zu tanzen.
Und so habe ich mit manchen Dingen meinen Frieden gemacht, auch mit solchen, die mir eigentlich nicht gefallen.
Manchmal schreibe ich darüber.
Manchmal auch nicht.
Schlussgedanke
Das Wichtigste ist, zuerst zu prüfen, warum man mit etwas hadert. Liegt es wirklich an der Sache selbst – oder vielleicht auch an der eigenen Einstellung oder an äußeren Umständen?
Wer bereit ist zu reflektieren, stellt manchmal fest, dass viele Konflikte gar nicht auf der Tanzfläche entstehen – sondern im eigenen Kopf.
Und wenn man das einmal erkannt hat, tanzt es sich oft wieder erstaunlich leicht.
Mit freundlichen Grüßen