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Volle Milongas – Raum, Dichte und Gestaltung im Tango

Volle Milongas – Raum, Dichte und Gestaltung im Tango

Obwohl die Fülle öffentlicher Milongas vielerorts abnimmt, scheint sich auf manchen Tanzflächen das Gegenteil zu ereignen: Es wird enger. Weniger Veranstaltungen, dafür mehr Körper auf einer Fläche. Und genau dort stellt sich die Frage, ob Dichte wirklich ein Zeichen von Vitalität ist – oder lediglich ein Nebeneffekt begrenzten Raums.

Meine Vorliebe für viel Platz auf der Tango-Piste

Wer meine letzten Beiträge gelesen hat, könnte auf die Idee kommen, ich hätte eine Vorliebe für volle Tanzflächen. Schließlich habe ich wiederholt betont, wie wichtig klare Bewegungsregeln und Disziplin im gemeinsamen Raum sind. Man könnte daraus schließen, ich sei ein Verteidiger dichter Milongas.

Das Gegenteil ist der Fall.

Ich liebe großzügigen Raum auf der Tanzfläche. Ich tanze lieber dort, wo sich ein Schritt entfalten darf, wo eine Drehung nicht sofort abgebrochen werden muss, wo musikalische Bögen körperlich beantwortet werden können. Wenn ich wählen kann, entscheide ich mich fast immer für die Milonga mit Luft.

Dass ich dennoch Wert auf Ordnung lege, bedeutet nicht, dass ich Gedränge romantisiere. Verkehrsregeln gutzuheißen heißt schließlich auch nicht, gerne im Stau zu stehen. Regeln sind kein Selbstzweck, sondern eine Voraussetzung dafür, dass unter bestimmten Bedingungen überhaupt noch Bewegung möglich ist.

Warum ich das so deutlich sage, hat mit einer Erfahrung zu tun, die fast fünfundzwanzig Jahre zurückliegt.

Münster – und die Rückkehr zum Tanz selbst

Um 1999/2000 war ich an einem Punkt, an dem ich ernsthaft mit dem Tango abschließen wollte. Die Tanzflächen waren häufig voll, oft aber sehr unstrukturiert, und ich hatte das Gefühl, dass das Bewegungsspektrum dieses Tanzes unter den Bedingungen permanenter Enge zusammenschrumpfte. Gleichzeitig befand ich mich in einer Phase intensiver Auseinandersetzung mit Technik, Musikalität und struktureller Vielfalt. Ich wollte Möglichkeiten ausloten, nicht reduzieren.

Für mich war die Milonga immer das Ziel des Lernens gewesen. Man übt nicht für das Studio, sondern für den öffentlichen Raum. Und gerade deshalb traf mich die Erfahrung, dass dieser Raum zunehmend enger und standardisierter wurde. Ein kompakter, stark reduzierter Stil, den man „Milonguero-Stil“ nannte, (es aber  in Wirklichkeit nicht war,) setzte sich vielerorts durch. Nicht falsch – aber für meinen damaligen Zugang zu einseitig.

Ich hatte bereits beschlossen aufzuhören. Meine Website war abgemeldet.

Dann kam ein Anruf aus Münster. Ein Workshop mit Chicho & Lucía. Ein anschließendes Gespräch mit Lucía Mazer. Sie sagte sinngemäß, wer gern tanze, könne überall tanzen. Man solle sich einen Raum suchen, eine/n Partner/in – und tanzen, üben, lernen. Tango existiere nicht nur in der Milonga.

Dieser Gedanke war zunächst irritierend, aber er war befreiend. Ich hatte die öffentliche Tanzfläche unbewusst zur alleinigen Legitimation meines Tanzens gemacht. Die Rückkehr zum Tango als eigenständiger, intimer Dialog hat mich weiter tanzen lassen. Das ist bis heute mein Bezugspunkt.

Und genau deshalb wähle ich heute bewusster, wo ich tanze.

Die Faszination der vollen Milonga

Trotzdem bleibt für mich eine Frage offen: Warum üben Milongas, die bereits im Vorfeld eine gewisse Fülle versprechen, eine solche Anziehungskraft aus?

Ein Argument liegt nahe: Auf gut besuchten Abenden erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, mit unterschiedlichen Partnerinnen und Partnern zu tanzen. Das Angebot ist größer, die soziale Dynamik vielfältiger. Wer Abwechslung sucht, wird dort statistisch eher fündig als in kleiner Runde.

Aber müssen es fünfzehn oder zwanzig verschiedene Partner/innen am einem Abend sein? Ist Quantität tatsächlich ein Maß für Qualität? Oder wirkt hier noch etwas anderes?

Volle Milongas erzeugen Bedeutung. Wo viele sind, scheint etwas stattzufinden. Man wird Teil eines größeren Ganzen. Diese soziale Verdichtung erzeugt Energie – manchmal sogar Euphorie. Gleichzeitig wirkt Fülle wie ein Gütesiegel: Wenn viele kommen, muss es gut sein.

Zugegeben: In städtischen Räumen kann man wählen. In kleineren Regionen stellt sich diese Frage oft nicht. Man geht, weil es die einzige Gelegenheit ist zu tanzen. Auch die Mischung aus sehr erfahrenen und noch unsicheren Tänzern spielt eine Rolle. In dichtem Gedränge wird Unsicherheit schnell zum Stressfaktor, während nicht nur Geübte sich ausgebremst fühlen. Frustration entsteht dann nicht aus bösem Willen, sondern aus Überforderung.

Und dennoch bleibt die Frage bestehen, ob Dichte allein schon Qualität bedeutet.

Wenn Tanzen zum Vermeiden wird

Eine volle Tanzfläche kann eine ernsthafte Herausforderung sein. Musikalisch präsent zu bleiben, abwechslungsreich zu tanzen, mit wechselnden Partnern sensibel zu reagieren und gleichzeitig den knappen Raum zu respektieren, verlangt Konzentration und Technik. Wer das beherrscht, tanzt auf engem Raum nicht schlechter, sondern anders. Verdichtung kann Qualität erzeugen.

Problematisch wird es jedoch dort, wo man als Paar nicht mehr tanzt, sondern nur noch reagiert. Wenn man sich wie ein Korken im Wasser fühlt, permanent damit beschäftigt, nicht anzuecken, verschiebt sich der Fokus von Musik und Partnerin auf reine Kollisionsvermeidung. Tanzen wird zu einer Serie von Abbrüchen.

Erfahrene Tänzer wissen allerdings auch: Wer sich ausschließlich darauf konzentriert, nicht mit anderen zu kollidieren, verschlimmert oft die Situation nur. Wer abrupt stoppt, hektisch korrigiert oder in Dauerbremsung verharrt, stört den Bewegungsfluss oft stärker als jemand, der ruhig und klar weitergeht. Und wenn man nervös tanzend nur darauf wartet, dass sich das vordere Paar endlich weiter bewegt, ist das auch nicht gerade entspannend. Gute Orientierung entsteht nicht aus Verkrampfung, sondern aus peripherer Wahrnehmung. Man spürt Richtungen, Geschwindigkeiten und Spannungen im Raum und wird Teil eines gemeinsamen Bewegungsflusses.

Und dennoch gibt es Abende, an denen dieser Fluss nicht zustande kommt. Pisten, auf denen jede Lücke in Tanzrichtung sofort wieder zufällt, jede Initiative im Ansatz erstickt wird und man den eigenen Rhythmus verliert. Mit einer fremden Partnerin, mit der noch kein gemeinsames Gefühl gewachsen ist, wird es dann schwierig, musikalisch differenziert zu bleiben. In solchen Momenten ist es kein Zeichen von Schwäche, die Tanda zu beenden oder die Piste zu verlassen. Nicht jede räumliche Konstellation muss um jeden Preis ausgehalten werden.

Rebotes – Werkzeug oder Gewohnheit?

Dass auf engen Pisten bestimmte Bewegungen dominieren, überrascht nicht. Rebotes sind kompakt, kontrollierbar und rhythmisch klar. Auch der „ocho cortado“ funktioniert zuverlässig auf engem Raum. Diese Elemente gehören selbstverständlich zum Vokabular.

Doch wenn sie zum dominierenden Muster werden, entsteht Gleichförmigkeit. Drei oder vier Varianten ersetzen kein differenziertes Repertoire. Wenn die Musik wechselt, die Bewegung aber gleich bleibt, verarmt der Dialog zwischen Ohr und Körper.

Hier stellt sich nicht die Frage, ob Rebotes erlaubt sind, sondern ob sie zur universellen Lösung für jede musikalische Situation werden.

Musik im Wandel – Tanz im Rückstand?

Interessanterweise hat sich gleichzeitig der musikalische Schwerpunkt vieler Milongas verschoben. Lyrischere Orchester, gesanglich geprägte Tandas, komplexere Arrangements sind deutlich präsenter geworden. Diese Musik arbeitet mit Pausen, mit Spannung, mit Atem. Ein gesungener Akzent, eine verzögerte Phrase, ein leiser Übergang – all das verlangt nach differenzierter körperlicher Antwort.

Bevor hier ein Missverständnis entsteht: Diese Musik ist nicht mein Ding. Ich liebe Rhythmik. Klare Impulse, markierte Strukturen, eine deutlich spürbare Pulsierung – das ist der Boden, auf dem ich mich bewege. Lyrische oder stark melancholische Tangos lehne ich persönlich ab. Sie dämpfen meine Bewegungsfreude, sie ziehen meine Energie nach innen, manchmal sogar ins Schwermütige. Vor ein paar Jahren habe ich das noch schärfer formuliert, das weiß ich. Aber meine musikalische Vorliebe hat sich nie geändert. Sie begleitet mich seit Beginn meiner Tangozeit.

Gerade deshalb finde ich die Entwicklung interessant. Denn unabhängig von meiner persönlichen Präferenz ist nicht zu übersehen, dass viele DJs heute komplexere, gesanglich geprägte Musik spielen. Und diese Musik verlangt – ob man sie nun liebt oder nicht – nach einem anderen Hören und einem anderen körperlichen Zugriff. Sie bietet Pausen an, sie spannt Bögen, sie arbeitet mit Verzögerung.

Und dennoch sieht man häufig die gleichen kompakten Bewegungsmuster, selbst dort, wo die Musik nach fließender Entwicklung ruft. Die musikalische Differenzierung findet im Ohr statt, aber nicht immer im Körper.

Das ist keine Anklage, sondern eine Beobachtung. Vielleicht ist die musikalische Entwicklung vielerorts komplexer geworden, während sich auf engen Pisten ein begrenztes Bewegungsrepertoire stabilisiert hat. Die Folge ist eine gewisse Diskrepanz: feine Musik, reduzierte Antwort.

Mir persönlich liegt die rhythmische Direktheit näher. Aber selbst dort gilt: Wenn Musik Impulse setzt, sollte der Körper mehr kennen als nur drei standardisierte Antworten. Und wenn Musik Pausen anbietet, sollte man sie bewusst gestalten können – auch wenn man sie nicht liebt.

Unterricht und Gestaltung

Wenn sich bestimmte Muster auf der Tanzfläche verfestigen, entstehen sie nicht zufällig. Sie werden im Unterricht vorbereitet. Vielleicht liegt hier der entscheidende Ansatzpunkt.

Warum wird nicht systematischer daran gearbeitet, wie man auf kleinstem Raum abwechslungsreich tanzt? Wie man musikalische Bögen mit minimaler Bewegung gestaltet? Wie man Pausen bewusst einsetzt, statt sie reflexartig zu füllen?

Reduktion aus Können ist etwas anderes als Reduktion aus Not. Wer differenziert tanzen kann und sich bewusst reduziert, trifft eine Entscheidung. Wer nie gelernt hat, musikalische Nuancen körperlich umzusetzen, hat diese Wahl nicht.

Die Frage lautet daher nicht, ob volle Tanzflächen existieren dürfen. Sie lautet, ob wir uns mit einem Minimalkonsens zufriedengeben oder ob wir den Anspruch haben, auch unter räumlicher Begrenzung gestalterisch zu bleiben.

Raum als Möglichkeit

Ich tanze lieber mit Raum. Und wenn ich mich bewusst in Enge begebe, dann als Herausforderung – nicht als Ideal. Tango ist größer als die Zahl der Paare auf einer Fläche. Er ist größer als Moden, größer als einzelne Bewegungsmuster, größer als das Gedränge selbst.

Raum ist kein Luxus.
Er ist eine Möglichkeit.

Und vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe nicht darin, Dichte zu feiern oder zu beklagen, sondern die Vielfalt dieses Tanzes zu bewahren – unabhängig davon, wie viel Platz gerade vorhanden ist.

4 thoughts on “Volle Milongas – Raum, Dichte und Gestaltung im Tango

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      Nachtrag: Natürlich wirkt auch – Du hast es schon erwähnt – der Matthäus-Effekt: „De Düwel schiet altid op’n Bulten“. Tangueras gehen dorthin, wo sie die beste Chance sehen, ihre Lieblingstänzer anzutreffen oder einfach viel Auswahl zu haben. Tangueros gehen dorthin, wo sie die größte Chance sehen, ihre Lieblingstänzerinnen anzutreffen oder einfach viel Auswahl zu haben. Rinse and repeat.

      • Author gravatar

        Und „Gerhards-Klaus-Wendel-Report“ (38 Klaus-Wendel-Artikel in 2 Monaten!) hat mal wieder nur Blödsinn im Sinn:
        Zitat: „Wendel empfiehlt, den Unterricht mehr auf kleinräumige Bewegungen zu fokussieren. Es sollen also die Gäste ausbaden, was der Veranstalter nicht hinbekommt: für genügend Platz zu sorgen […]“, denn dieser sei eine selbstverständliche Voraussetzung fürs Tanzen. Also „mehr Autobahnen für mehr Autos“ und für größere Pisten für mehr Tänzer hätte „gefälligst“ der Veranstalter zu sorgen. Mit anderen Worten: der soll sich den ohnehin schon geringen Gewinn mit mehr Raummiete (die übrigens bei großen Sälen exorbitant steigt) auch noch für ronda-unfähige Leute á la Gerhard selbst verkleinern.
        Dass diese „mehr Platz=besserer-Verkehr-Trugschluss-Aktion“ weder im Tango noch im Straßenverkehr funktioniert hat (siehe A100 in Berlin), wird wieder mal wieder völlig ausgeblendet. Im Gegenteil: bei mehr Verkehr in der Stadt hilft eher eine Tempo-30-Zone, und im Tango helfen kleinere Schritte.
        Tut mir leid, liebe Veranstalter: auf meiner Milonga hätte Gerhard Riedl allein aufgrund seiner tanz-egozentrischen Einstellung, die er ja offenherzig im Blog bekundet, Hausverbot.

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      Vor Jahren bin ich, ohne es zunächst zu wissen, einem der großen Philosophen dieser Zeit begegnet, verkleidet als der Hundetrainer, den mein Enkelhund in seinem ersten Jahr hatte. Sein Lehrsatz: Du bekommst, was Du belohnst. Der Clou: Nicht das, was Du denkst, was Du belohnst. sondern das, was der Hund wahrnimmt. Inzwischen denke ich: wenn man ein dynamisches System verstehen will, muß man sich seine effektiven Belohnungssysteme anschauen.

      Volle Pisten sind vielerorts einfach eine wirtschaftliche Konsequenz aus Raum-Verfügbarkeit und Kosten/Einnahmenbilanz, in doppelter Hinsicht. Es ist anstrengend bzw. ein Kostenrisiko, Milongas zu veranstalten = weniger Milongas. Gleichbleibende Tanguero-Zahl: mehr Tangueros pro Milonga.

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        In diesem Fall möchte ich zwischen den Belohnungen „viel Raum – meine mit mir verabredete Lieblings-Partnerin – garantiert schöne Tänze“ und „wenig Raum – viele Partnerinnen – mit vielleicht schönen Tänzen“ aussuchen dürfen. Ich, für meinen Teil, bin allein schon aufgrund meiner Asthma-Erkrankung nicht mehr ganz so tanz-promiskuitiv unterwegs.

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