
Warum der Hinweis auf den Dunning-Kruger-Effekt für viele so provozierend und arrogant wirkt
Ein psychologischer Exkurs (ergänzt)
Ich habe momentan ungewöhnlich hohe Zugriffszahlen auf meinen Beitrag „Gedanken über Tango-Unterricht | 39. Teil“. Offenbar bin ich in eine Facebook-Blase hineingestoßen, und genau dieser Artikel war für viele ausgesprochen provokant. Das war kein Unfall – das war gewollt. Allerdings nicht als reines Reizthema, sondern kontextbezogen: Aus jahrzehntelanger Unterrichtserfahrung weiß ich ziemlich genau, dass viele Führende glauben, beim Tanzen eine bestimmte „besondere Verbindung“ zu ihrer Partnerin zu spüren. Nur hat diese Verbindung oft herzlich wenig mit der Art von Wahrnehmung zu tun, um die es tatsächlich geht.
Das lässt sich erschreckend einfach testen: Man fragt sie schlicht, was die Partnerin gerade tanzt oder was sie als Nächstes tun soll. Die Antworten sind in etwa so vorhersehbar wie entlarvend: zu rund neunzig Prozent kommt Seltsames, Vages oder schlicht gar nichts. Kaum jemand kann klar benennen, was „sie“ gerade macht. Und zwar nicht nur in einem einzelnen Moment, sondern über einen längeren Zeitraum – kontinuierlich. Stellt euch die Frage ruhig selbst: Weiß bzw. fühle – besser antizipiere – ich wirklich jederzeit, was sie tut? Wenn ja – gut. Dann habt ihr vermutlich verstanden, worum es geht.
Und genau an dieser Stelle kommen wir zu diesem „gewissen Effekt“, der so vielen sauer aufstößt: dem Dunning-Kruger-Effekt. Der Begriff allein reicht aus, um Diskussionen zum Explodieren zu bringen. Nicht, weil die Forschung falsch wäre, sondern weil sie an einen empfindlichen Punkt rührt. Es ist ein simpler Befund: Menschen überschätzen ihre Kompetenz besonders dann, wenn ihnen genau das Wissen fehlt, um ihre eigene Inkompetenz zu erkennen. Als wissenschaftliche Erkenntnis ist das harmlos und gut belegt – aber als Kommentar in einer laufenden Debatte wirkt es wie ein Frontalangriff.
Warum? Weil der Begriff direkt in das Selbstbild greift. Die meisten Menschen sehen sich als grundsätzlich kompetent und reflektiert. Der Hinweis auf Dunning-Kruger klingt aber unausgesprochen wie: „Du weißt nicht genug, um zu merken, wie wenig du weißt.“ Das trifft den Kern der persönlichen Identität – und wer getroffen wird, verteidigt sich und interpretiert es etwa so: „Manche sind zu blöd, um zu erkennen, wie dämlich sie sind.“ Es geht dabei nicht mehr um Inhalte, sondern ums Ego.
Dazu kommt, dass der Begriff selbst wie ein elitäres Etikett klingt. Wer ihn benutzt, signalisiert automatisch: „Ich stehe über dir, ich kenne die Forschung, du bist das Beispiel.“ Ob man das so meint oder nicht, spielt kaum eine Rolle. Der soziale Beigeschmack ist sofort da – und er löst Abwehr aus. Menschen akzeptieren Kritik eher, wenn sie auf Augenhöhe kommt. Dunning-Kruger dagegen wirkt wie eine Diagnose von oben herab.
Der Effekt ist außerdem praktisch nicht zu kontern, und genau das macht ihn rhetorisch explosiv. Wer sich wehrt, bestätigt damit scheinbar nur die These. Wer schweigt, auch. Die Falle ist perfekt. Das erzeugt Hilflosigkeit – und Hilflosigkeit macht wütend.
Wer sich davon überzeugen möchte, kann ja mal eine Reaktion auf diesen Beitrag lesen.
Dort wird 1:1 zelebriert, wie er missdeutet wird: „Wendel hat einen sehr persönlichen Grund, die obige Theorie immer wieder zu zitieren: Der Blöde, der nicht einsieht, wie doof er ist, bin selbstverständlich ich!“
Danke für diese Einsicht, denn da bemerkt jemand nicht, dass er in die Falle getappt ist!
Gerade im Tango, wo viele ihr Selbstwertgefühl an das eigene Können oder an ein bestimmtes Selbstbild knüpfen, kann dieser Hinweis wie ein persönlicher Angriff wirken. Immerhin gibt es hier einen Vorteil: Beim Vortanzen lässt sich zumindest optisch feststellen, ob äußere Kompetenz und innere Selbsteinschätzung tatsächlich übereinstimmen – oder ob da jemand lediglich sein eigenes Wunschbild tanzt.
Und es kommt noch etwas hinzu: Der Effekt trifft besonders hart, wenn Identität im Spiel ist. Im Tango ist das ständig der Fall. Führung, Können, Stil, Verbindung, Musikalität – all das sind keine neutralen technischen Felder, sondern persönliche Baustellen. Wenn jemand dort infrage gestellt wird, fühlt es sich nicht wie eine nüchterne Beobachtung an, sondern wie eine Demütigung. Der Hinweis auf Dunning-Kruger wirkt dann nicht wie Wissenschaft, sondern wie Arroganz.
Was aber machen Menschen, die in einem bestimmten Fachgebiet über eine hohe Expertise verfügen, wenn sie auf Leute treffen, die wenig darüber wissen – aber überzeugt sind, sie seien selbst Experten?
Mit ihnen zu streiten, ist fast aussichtslos. Es fehlt die Grundlage: jahrelange Beschäftigung mit dem Thema, praktische Erfahrung, methodisches Wissen. Wenn solche Diskussionen öffentlich stattfinden, beispielsweise in einer Talkshow wie bei Lanz, entsteht ein zusätzliches Problem. Dort reden Menschen miteinander, die fachlich in völlig unterschiedlichen Universen leben. Das ebenfalls nicht fachkundige Publikum bekommt dennoch den Eindruck, die beiden stünden auf derselben Stufe. Dieses Phänomen nennt man „false balance“: eine künstliche Ausgewogenheit, in der die Kompetenzunterschiede äußerlich verschwinden – und genau deshalb manipulativ wirken.
Für denjenigen, der tatsächlich über mehr Kompetenz verfügt, ist die Lage übrigens nicht einfacher. Denn wer kann höhere Expertise eigentlich bestätigen? Jeder kann behaupten, er sei der Erfahrenere, der Bessere, der Wissendere. Ohne unabhängige Bestätigung bleibt es Behauptung gegen Behauptung. Und genau das ist das Gemeine an öffentlichen Debatten: Das Publikum kann Kompetenz oft nicht erkennen, weil ihm selbst die Sachkenntnis fehlt. Man kann keinen Unterschied sehen, den man nicht beurteilen kann.
Das öffnet Tür und Tor für die Bühne der Lauten, der Überzeugten, der Selbstdarsteller. Und hier wirkt der Dunning-Kruger-Effekt besonders perfide: Wer wenig weiß, überschätzt sich gern und tritt entsprechend selbstsicher auf. Wer viel weiß, relativiert sich – und wirkt dadurch vorsichtiger, zögerlicher, gar unsicherer. Für ein unkundiges Publikum kann das wie ein Gleichstand wirken. Oder schlimmer: wie ein Vorteil für den Lauten.
Populisten leben davon. Ein selbstbewusstes Auftreten, ein paar volkstümliche Sätze, eine gute Pose – und schon erscheint der Laie wie ein ebenbürtiger Experte. Dass das inhaltlich nicht stimmt, fällt vielen Zuschauern gar nicht auf. Derjenige, der irgendetwas behauptet, wirkt plötzlich überlegen, während echte Expertise untergeht, weil sie im Format der Oberfläche nicht glänzt.
Damit entsteht ein absurdes Paradox:
Derjenige, der wirklich mehr weiß, steht in derselben Wahrnehmungsebene wie derjenige, der nur so tut.
Nicht, weil beide gleich kompetent wären – sondern weil das Publikum nicht unterscheiden kann, wer etwas sagt und wer etwas kann.
Genau dieses Problem begegnet mir in meinem langjährigen Streit mit einem „gewissen Blogger“. Für Außenstehende mögen solche Auseinandersetzungen belustigend aussehen. Für mich nicht – denn das Problem liegt nicht in der mangelnden Kompetenz selbst, sondern darin, dass die öffentliche Wahrnehmung durch seine galante Schreibweise eine scheinbare Kompetenz konstruiert. Seine Meinungen erscheinen auf dem ersten Blick durchdacht und nachvollziehbar. Wenn ich sie widerlegen möchte entsteht beim Leser eine „false balance“ im Kleinen: zwei Stimmen, aber nicht zwei gleiche Wissensstände.
Natürlich kann jeder meine Kompetenz infrage stellen. Das gehört zum Geschäft. Der Unterschied ist: Ich reflektiere mein Wissen und versuche meistens sie in meinen Artikeln zu belegen. Ich weiß sehr genau, dass niemand alles wissen kann – und dass es Menschen gibt, die in manchen Bereichen deutlich mehr wissen als ich, auch im Tango. Das ist der Kern des Dunning-Kruger-Verständnisses: Die Einsicht in die eigenen Grenzen. Und ich kann sehen, wo der „gewisse Blogger“ diese Grenzen nicht sieht, weil er sie öffentlich dokumentiert – in seinen Texten, in seinen Argumenten, in seinem berühmten Video. Dort zeigt sich, was er nicht weiß. Und leider auch, dass er es nicht bemerkt.
Selbstüberschätzung ist ein universelles menschliches Muster. Beim Autofahren. Bei Sportarten, besonders beim Klettern – jedes Jahr sterben oder verunglücken Menschen am Mount Everest, weil sie sich überschätzen. Auch beim Tango ist Selbstüberschätzung weit verbreitet, nur dort ist sie in der Regel harmlos. Viele glauben nach einem oder zwei Jahren, den Tango erklären zu können. Fachleute hingegen nicht. Wer wirklich tief im Thema steckt, kennt den Satz: „Je mehr ich glaube zu wissen, desto klarer wird mir, dass ich nichts weiß.“
Es gibt gute Tänzer, die sich weiterentwickeln wollen und Unterricht bei noch besseren Tänzern nehmen. Das ist keine Schwäche, kein Zeichen mangelnder Begabung und kein Hinweis darauf, dass sie sich „schwertun“. Im Gegenteil: Es ist ein deutliches Zeichen von Professionalität. Wer Expertise respektiert, sucht genau dort Rat, wo Kompetenz belegt ist. Das ist in Deutschland übrigens ein vollkommen normaler, vernünftiger Reflex: Man lernt von denen, die etwas besser können.
Das Gegenteil davon ist: jahrelang auf demselben Level vor sich hin dümpeln, obendrein zu glauben, mehr über Tango-Unterricht zu wissen als Tango-Lehrer, Ratschläge für besseren Unterricht geben – wohlgemerkt auf Basis bloßer Meinungen, nicht fundierten Wissens. Das ist nichts anderes als Selbstüberschätzung. Basta. Und dass er das nicht erkennen kann, ist exakt das, worum es beim Dunning-Kruger-Effekt geht. Es nicht anzuerkennen, ist derselbe Effekt in Reinkultur.
Es gibt Fakten – und es gibt Erfahrungen. Aber Erfahrungen sind nicht automatisch Fakten. Manche Erfahrungen sind nur das: subjektive Eindrücke, die für den eigenen Lebensweg wichtig sein mögen, aber keinerlei Beweiskraft haben. Fakten hingegen halten einer Überprüfung stand. Und genau an dieser Stelle trennt sich Kompetenz von Gefühlen, Wissen von Behauptung, Expertise von Meinung.
Genau deshalb lohnt es sich immer, Kompetenz nicht an Worten, sondern an Taten, Praxis und nachweisbarem Wissen zu messen. Und nicht vom heimischen Sofa, bewaffnet mit Laptop, mit YouTube-, und Wikipedia-Universität.
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