
Unterschiedliche Eintrittspreise mit unterschiedlichen Voraussetzungen
Über Kosten, Milonga-Modelle und falsche Vergleiche
Einleitung: Eine alte Debatte in neuem Gewand
Der Beitrag von Christian Beyreuther hat hohe Wellen geschlagen. Die Zugriffszahlen – vor allem über Facebook – gingen deutlich nach oben, und ebenso die Zahl der Kommentare. Viele Leser hielten die dort genannten Kostenaufstellungen für überzogen oder unrealistisch. Dabei beruhen diese Zahlen nicht auf Schätzungen, sondern auf den offen gelegten Angaben des Tangostudios El Abrazo in Hamburg.
Diese Diskussion kommt mir vertraut vor. Eine sehr ähnliche Debatte habe ich bereits vor rund dreißig Jahren in der Usenet-Newsgroup „tango-L“ geführt, damals ebenfalls mit Argumenten zugunsten realistischer Eintrittspreise. Allerdings bewegten wir uns zu dieser Zeit in völlig anderen Dimensionen. Die Preise waren noch in D-Mark angegeben, lagen deutlich niedriger, und viele Veranstalter arbeiteten tatsächlich eher im idealistischen als im wirtschaftlichen Rahmen.
Heute sind die Strukturen andere, und auch die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend verändert. Genau deshalb greift die aktuelle Debatte zu kurz, wenn sie nur mit einer einzigen Kostenrechnung operiert. Milonga ist nicht gleich Milonga. Es existieren sehr unterschiedliche Veranstaltungsmodelle mit jeweils eigenen wirtschaftlichen Voraussetzungen und Risiken.
In diesem Beitrag möchte ich daher differenzierter auf diese verschiedenen Milonga-Modelle eingehen. Manche Veranstaltungen funktionieren über eine Mischkalkulation mit Unterricht, andere finden in Gemeindesälen statt, wieder andere in gastronomischen Betrieben oder in dauerhaft betriebenen Milongaräumen. Hinzu kommt ein weiteres Modell, das in den letzten Jahren bekannt wurde: das sogenannte „Young Tango“.
Milonga als Teil einer Mischkalkulation (Unterricht + Veranstaltung)
Ein häufiges Modell in der Tangoszene ist die Milonga als Bestandteil eines laufenden Unterrichtsbetriebs. In diesem Fall ist die Veranstaltung wirtschaftlich nicht isoliert zu betrachten, sondern eingebettet in eine Mischkalkulation aus Kursen, Privatstunden und freien Tanzabenden. Die Milonga erfüllt hier mehrere Funktionen zugleich. Sie ist Übungsraum für die eigenen Schüler, sozialer Treffpunkt der Szene und zugleich Werbung für das eigene Unterrichtsangebot.
In solchen Konstellationen muss die Milonga nicht zwingend kostendeckend sein. Ein Teil der Fixkosten wird bereits durch die Kursgebühren getragen. Der Tanzabend dient eher als Ergänzung zum Unterrichtsbetrieb und weniger als eigenständiges wirtschaftliches Produkt. Niedrigere Eintrittspreise sind unter diesen Voraussetzungen möglich, weil die Veranstaltung querfinanziert wird.
Für Außenstehende entsteht dabei leicht der Eindruck, dass eine Milonga generell zu diesen niedrigen Preisen realisierbar sei. Genau hier beginnt das Missverständnis. Der günstige Eintritt ist nicht Ausdruck niedriger Kosten, sondern Ergebnis einer Mischkalkulation. Die tatsächlichen Raum- und Betriebskosten werden zum Teil durch Unterrichtseinnahmen gedeckt, ohne dass dies für die Gäste sichtbar wird.
Problematisch wird dieses Modell, wenn es als Maßstab für andere Veranstaltungsformen genommen wird. Eine Milonga in einem eigenständigen Raum ohne angeschlossenen Unterrichtsbetrieb kann nicht mit denselben Preisen arbeiten, weil ihr diese Querfinanzierung fehlt. Was bei der einen Veranstaltung durch Kurse ausgeglichen wird, muss bei der anderen allein durch Eintrittsgelder erwirtschaftet werden.
Milongas in Gemeindesälen und öffentlichen Räumen
Ein weiteres verbreitetes Modell sind Milongas, die in Gemeindesälen, Bürgerhäusern oder anderen öffentlichen Räumen stattfinden. Diese Veranstaltungsorte werden meist stundenweise angemietet und stehen nur zu bestimmten Zeiten zur Verfügung. Aufbau, Abbau und Durchführung müssen innerhalb enger Zeitfenster erfolgen, und der Charakter der Veranstaltung ist stark vom jeweiligen Raum vorgegeben.
Die Kostenstruktur unterscheidet sich hier deutlich von der eines festen Studios. Häufig sind die Mietpreise vergleichsweise niedrig, weil es sich um kommunale oder kirchliche Einrichtungen handelt, die kulturelle Nutzung fördern sollen. Der Eintrittspreis kann entsprechend geringer ausfallen, da keine kontinuierlichen Fixkosten anfallen, sondern nur Kosten pro Veranstaltungstag.
Dieser Vorteil geht jedoch mit Einschränkungen einher. Die Abhängigkeit von der Verfügbarkeit der Räume erschwert langfristige Planung und Kontinuität. Gestaltungsmöglichkeiten in Bezug auf Boden, Beleuchtung und Atmosphäre sind begrenzt. Die Milonga bleibt eine temporäre Nutzung eines fremden Raumes und kein eigener Ort mit gewachsener Identität.
Problematisch wird es, wenn dieses Modell als Referenz für andere Veranstaltungsformen dient. Eine Milonga in einem dauerhaft angemieteten Raum kann nicht mit denselben Eintrittspreisen arbeiten, weil dort Miete und Nebenkosten unabhängig von einzelnen Abenden anfallen. Der Vergleich ist ökonomisch unsinnig, wird in der Praxis aber häufig gezogen.
Milongas in der Gastronomie
Ein weiteres weit verbreitetes Modell sind Milongas, die in gastronomischen Betrieben stattfinden. Hier trägt der Veranstalter nicht die volle wirtschaftliche Verantwortung für den Raum. Ein erheblicher Teil der Kosten wird vom Gastronomiebetrieb übernommen, der sich von der Veranstaltung zusätzliche Umsätze durch Getränke und Speisen verspricht.
Für den Milonga-Veranstalter bedeutet dies zunächst eine deutliche Entlastung. Mietkosten fallen entweder gar nicht an oder sind gering. Der Eintrittspreis kann entsprechend niedrig gehalten werden, weil er nicht die realen Raumkosten widerspiegeln muss. Wirtschaftlich basiert dieses Modell auf einer stillschweigenden Arbeitsteilung: Der Veranstalter bringt die Gäste, der Wirt verdient am Konsum.
In der Praxis erweist sich diese Rechnung jedoch häufig als Illusion. Tangotänzer verbringen viele Stunden an einem Ort, konsumieren aber vergleichsweise wenig. Ein Wasser oder ein einzelnes Glas Wein über mehrere Stunden hinweg stehen in keinem Verhältnis zur belegten Fläche und Aufenthaltsdauer.
Die Gutgläubigkeit vieler Gastronomen wurde dabei von Milonga-Veranstaltern gezielt ausgenutzt. Man versprach ihnen steigende Umsätze, volle Häuser und trinkfreudige Gäste. Tatsächlich bekamen sie stundenlang belegte Tische bei minimalem Konsum. Das wirtschaftliche Ergebnis war absehbar: Ernüchterung auf Seiten der Wirte und das schnelle Ende der Zusammenarbeit. Diese gastronomischen Milongas verschwanden reihenweise wieder von der Bildfläche, nicht weil Tango dort keinen Platz gehabt hätte, sondern weil das Geschäftsmodell auf Selbsttäuschung beruhte.
Hinzu kommt, dass sich die Rahmenbedingungen in der Gastronomie weiter verschärft haben. Räume werden kaum noch kostenlos zur Verfügung gestellt. Stattdessen verlangen viele Gastronomen feste Raummieten oder garantierte Mindestumsätze. Häufig muss eigenes Personal gestellt werden, und ab bestimmten Uhrzeiten fallen Zuschläge an, die die Lohnkosten deutlich erhöhen. Zusätzlich kommen GEMA-Gebühren, Versicherungen, Auflagen und Haftungsfragen hinzu. Niedrige Eintrittspreise lassen sich unter diesen Bedingungen kaum noch rechtfertigen, ohne dass jemand die tatsächlichen Kosten trägt.
Milongas in Kulturzentren und soziokulturellen Einrichtungen
Ein weiteres häufiges Modell sind Milongas in Kulturzentren, soziokulturellen Einrichtungen oder freien Kulturhäusern. Diese Orte verstehen sich nicht als reine Vermieter von Räumen, sondern als Träger kultureller Angebote. Tango erscheint hier als eine von vielen möglichen Sparten neben Theater, Konzerten, Ausstellungen oder politischer Bildungsarbeit.
Die Kostenstruktur dieses Modells liegt zwischen Gemeindesaal und festem Milonga-Ort. In vielen Fällen werden Räume zu vergünstigten Konditionen zur Verfügung gestellt, weil der Tango als kulturelle Aktivität anerkannt wird und in das Programmprofil des Hauses passt. Gleichzeitig gelten jedoch klare organisatorische und rechtliche Vorgaben. Technik, Brandschutz, Öffnungszeiten, Personal und Aufsichtspflichten sind verbindlich geregelt. Der Veranstalter bewegt sich nicht in einem informellen Rahmen, sondern innerhalb institutioneller Strukturen.
Für Milonga-Veranstalter bedeutet dies eine gewisse Entlastung bei den Raumkosten, aber zugleich eine stärkere Abhängigkeit von den Regeln des Hauses. Häufig müssen feste Anfangs- und Endzeiten eingehalten werden, der Ausschank wird vom Kulturzentrum organisiert, und Einnahmen aus Getränken fließen nicht an den Veranstalter zurück. Auch Programmabstimmungen und Belegungspläne schränken die Flexibilität ein.
Dieses Modell wirkt nach außen oft stabil und seriös. Gleichzeitig entsteht leicht der Eindruck, dass Milongas hier grundsätzlich günstig angeboten werden könnten, weil sie Teil eines geförderten Kulturprogramms sind. Tatsächlich werden jedoch auch in Kulturzentren reale Kosten getragen, nur nicht immer sichtbar. Personalkosten, Verwaltung, Technik und Infrastruktur werden entweder über öffentliche Zuschüsse oder über andere Veranstaltungen querfinanziert.
Problematisch wird es, wenn dieses Modell als allgemeiner Maßstab für Eintrittspreise dient. Eine Milonga im Kulturzentrum profitiert von institutioneller Unterstützung, die ein privat betriebener Tanzraum nicht hat. Wer beide Formen direkt miteinander vergleicht, übersieht, dass hier unterschiedliche Finanzierungslogiken wirken. Der Eintrittspreis spiegelt nicht die tatsächlichen Gesamtkosten wider, sondern nur den Anteil, den der Tango an einem größeren Kulturbetrieb trägt.
Hinzu kommt, dass Kulturzentren in ihrer Existenz von politischen Entscheidungen und Förderprogrammen abhängen. Ändern sich diese Rahmenbedingungen, können Tango-Veranstaltungen schnell aus dem Programm verschwinden, ohne dass die Szene darauf Einfluss hat. Die Stabilität ist institutionell, aber nicht autonom.
Milongas in Kulturzentren erfüllen dennoch eine wichtige Funktion. Sie öffnen Tango für ein breiteres Publikum, verankern ihn im kulturellen Kontext einer Stadt und schaffen Übergänge zwischen Szene und Öffentlichkeit. Sie ersetzen jedoch keine eigenständige Infrastruktur und können nicht als Beweis dafür dienen, dass Milongas generell zu niedrigen Preisen dauerhaft betrieben werden könnten.
Young Tango – das Modell der vermeintlichen Nicht-Kommerzialisierung
Ein weiteres Modell, das in der aktuellen Diskussion berücksichtigt werden muss, ist das sogenannte Young-Tango-Konzept. Dieses Modell setzt ausdrücklich auf nicht-kommerzielle Milongas und kostenlosen oder symbolisch bepreisten Unterricht. Ursprünglich richtete es sich an Studierende und junge Menschen mit begrenztem Budget und verstand sich als Gegenentwurf zu etablierten Tango-Strukturen.
Typisch für dieses Konzept sind provisorische Orte wie leerstehende Gebäude, verlassene Baustellen oder zwischengenutzte Räume. Kerzenlicht, improvisierte Tanzflächen und Ghettoblaster sollen eine subkulturelle Atmosphäre schaffen. Für junge Tänzerinnen und Tänzer kann das durchaus reizvoll sein, weil es Gemeinschaft, Abenteuer und Abgrenzung vom bürgerlichen Tango verspricht.
Problematisch ist jedoch, dass dieses Modell auf Dauer nicht tragfähig ist. Es lebt von der Illusion, Tango könne ohne feste Kosten, ohne Verantwortung und ohne wirtschaftliche Struktur existieren. In Wirklichkeit werden Kosten lediglich ausgeblendet oder auf andere verlagert. Räume werden illegal oder nur temporär genutzt, Auflagen ignoriert, Versicherungsfragen nicht gestellt und GEMA-Gebühren umgangen. Was als Freiheit erscheint, basiert oft auf einem rechtlichen und organisatorischen Vakuum.
Hinzu kommt, dass kostenloser Unterricht und kostenlose Milongas eine Erwartungshaltung erzeugen, die sich später kaum korrigieren lässt. Wer über längere Zeit gelernt hat, dass Tango nichts kosten darf, wird sich schwer damit tun, reale Preise für Räume, Musik, Organisation und Unterricht zu akzeptieren. Das Modell produziert damit nicht nur kurzfristige Veranstaltungen, sondern langfristig auch ein verzerrtes Bild davon, was Tango organisatorisch und wirtschaftlich bedeutet.
Das Young-Tango-Konzept funktioniert deshalb meist nur als Übergangsphase. Entweder es verschwindet, sobald Räume nicht mehr verfügbar sind oder rechtliche Probleme auftreten, oder es wird in reguläre Strukturen überführt und muss sich dann denselben wirtschaftlichen Bedingungen stellen wie alle anderen Veranstaltungsformen. Spätestens an diesem Punkt zeigt sich, dass Nicht-Kommerzialisierung kein tragfähiges Organisationsprinzip ist, sondern höchstens eine zeitlich begrenzte jugendkulturelle Strategie.
Als subkulturelles Experiment mag dieses Modell seinen Reiz haben. Als dauerhafte Grundlage für eine Tangoszene taugt es nicht. Es erzeugt keine stabile Infrastruktur, keine Planungssicherheit und keine Verantwortung für Orte oder Menschen.
Feste Milonga-Orte und dauerhaft betriebene Tanzräume
Eine besondere Stellung nehmen feste Milonga-Orte ein, also dauerhaft betriebene Tanzräume, die als kontinuierliche Infrastruktur existieren, etwa Tango-Cafés oder Studios mit regelmäßigem Veranstaltungsbetrieb (wie zum Beispiel das Café Tango, Wuppertal.)
Hier fallen dauerhaft Fixkosten an, unabhängig davon, wie viele Gäste an einem Abend erscheinen. Miete, Energie, Instandhaltung, Verwaltung, Versicherungen und oft auch Personal müssen Monat für Monat bezahlt werden. Der Eintrittspreis ist nicht nur der Preis für einen Tanzabend, sondern ein Beitrag zur Finanzierung einer gesamten Infrastruktur.
Gerade diese Stabilität wird häufig missverstanden. Viele Gäste vergleichen den Eintrittspreis eines festen Milonga-Ortes mit dem einer Milonga im Gemeindesaal oder im Café eines Gastronomen. Dabei werden völlig unterschiedliche Kostenstrukturen miteinander vermengt.
Paradoxerweise sind es genau diese festen Orte, die im Nachhinein am meisten vermisst werden, wenn sie schließen müssen. Dann wird von einem Verlust für die Szene gesprochen. Dass dieser Verlust oft das Ergebnis jahrelanger Preisverweigerung und mangelnder wirtschaftlicher Anerkennung ist, wird selten reflektiert.
Feste Milonga-Orte sind keine Luxusangebote, sondern kulturelle Infrastruktur. Wer sie erhalten will, muss akzeptieren, dass ihr Betrieb nicht mit Eintrittspreisen improvisierter Modelle konkurrieren kann.
Warum Preisvergleiche ohne Modellvergleich in die Irre führen
Die aktuelle Debatte zeigt vor allem eines: Eintrittspreise werden in der Tangoszene häufig isoliert betrachtet, ohne die jeweiligen strukturellen Voraussetzungen mitzudenken. Eine Milonga im Gemeindesaal, eine Milonga in der Gastronomie, eine Milonga als Teil eines Unterrichtsbetriebs, ein Young-Tango-Projekt und ein dauerhaft betriebener Tanzraum folgen völlig unterschiedlichen wirtschaftlichen Logiken.
Niedrige Eintrittspreise sind oft kein Zeichen besonderer Effizienz, sondern Ausdruck von Querfinanzierung, Kostenverlagerung oder Kostenvermeidung. Hohe Eintrittspreise sind umgekehrt nicht automatisch Ausdruck von Gewinnstreben, sondern Folge realer Fixkosten.
Hinzu kommt, dass viele Preisdebatten von Erinnerungen an frühere Zeiten geprägt sind. In den 1990er Jahren waren Räume günstiger, rechtliche Anforderungen geringer und vieles lief auf informeller Basis. Diese Bedingungen existieren heute nicht mehr.
Wenn man die Diskussion ernsthaft führen will, muss man zuerst unterscheiden: Welche Art von Milonga ist gemeint, unter welchen Bedingungen wird sie organisiert und welche Kosten entstehen dabei tatsächlich? Erst dann lässt sich beurteilen, ob ein Eintrittspreis hoch, niedrig oder schlicht realistisch ist.
Fazit
Die Debatte um die Zahlen des Studios El Abrazo hat einen wichtigen Punkt sichtbar gemacht. Nicht, weil diese Zahlen allgemeingültig wären, sondern weil sie zeigen, was passiert, wenn wirtschaftliche Realität einmal offen benannt wird.
Milongas sind keine einheitlichen Produkte. Sie entstehen aus sehr unterschiedlichen Modellen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen. Wer über Preise spricht, muss auch über diese Modelle sprechen.
Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Gewinn dieser Diskussion. Nicht in der Frage, ob ein bestimmter Preis zu hoch oder zu niedrig ist, sondern in der Einsicht, dass kulturelle Orte nicht allein von Idealismus existieren können. Sie brauchen Strukturen, Planung und wirtschaftliche Anerkennung.
Wer das ignoriert, wird sich weiterhin wundern, warum Orte verschwinden, während man gleichzeitig behauptet, Tango müsse doch eigentlich billig sein.
Nachtrag: Großstadt, Viel-Tänzer und die Logik der Preisdebatte
Auffällig ist, dass sich die heftigsten Reaktionen auf höhere Eintrittspreise vor allem in Großstädten zeigen. Dort existieren ausgeprägte Tango-Single-Szenen, deren Mitglieder mehrere Abende pro Woche verschiedene Milongas besuchen. Für diese Gruppe summieren sich Preissteigerungen unmittelbar zu spürbaren Monatsbeträgen. Dass gerade sie in solchen Diskussionen besonders laut werden, ist daher zunächst einmal logisch.
Wer jeden Abend ins Kino gehen möchte, muss dies ebenfalls mit seinem Budget vereinbaren. Mehrfach wöchentlicher Konsum einer kulturellen Leistung führt zwangsläufig zu anderen finanziellen Belastungen als gelegentliche Teilnahme. Diese einfache Rechnung wird in der Tangoszene jedoch selten offen ausgesprochen, sondern häufig moralisch aufgeladen.
Gleichzeitig spielen genau diese Viel-Tänzer eine zentrale Rolle für die Qualität und Attraktivität einer Milonga. Sie bilden die Grundbesetzung des Abends, sorgen für Kontinuität und heben durch ihre regelmäßige Präsenz das tänzerische Niveau. Erst durch diese Gruppe entsteht jene Dynamik, die eine Milonga lebendig und für neue Gäste attraktiv macht. In diesem Sinn tragen sie nicht nur Kosten, sondern auch Verantwortung für das soziale und tänzerische Klima eines Ortes.
Hier entsteht ein Spannungsfeld, das in der aktuellen Debatte kaum thematisiert wird. Einerseits sind es ausgerechnet diese Stammgäste, die Preissteigerungen besonders treffen und sich dagegen wehren. Andererseits sind sie genau jene Gruppe, ohne die viele Milongas gar nicht existieren könnten. Wirtschaftliche Realität und soziale Funktion fallen hier nicht automatisch zusammen.
Vielleicht wäre gerade an diesem Punkt mehr Ehrlichkeit notwendig: Nicht jede Preisdebatte ist Ausdruck von Ungerechtigkeit oder Abzocke, sondern oft schlicht das Ergebnis eines intensiven Nutzungsverhaltens. Wer Tango wie ein tägliches Grundnahrungsmittel konsumiert, erlebt Preisänderungen anders als jemand, der einmal pro Woche oder im Monat tanzen geht. Diese Unterschiede gehören zur Realität der Szene – auch wenn sie unbequem sind.
Vielleicht wäre es sinnvoll, für diese Viel-Tänzer eigene Regelungen zu entwickeln, etwa in Form von Monatskarten oder festen Vereinbarungen für Stammgäste. Damit würde anerkannt, dass sie nicht nur regelmäßig konsumieren, sondern wesentlich zur Atmosphäre und zum tänzerischen Niveau einer Milonga beitragen. Solche Modelle wären kein Entgegenkommen aus Mitleid, sondern eine nüchterne Entscheidung im Interesse von Stabilität und Kontinuität der Veranstaltung.
1 thought on “Unterschiedliche Eintrittspreise mit unterschiedlichen Voraussetzungen”
Schreibe einen Kommentar Antwort abbrechen
Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.
Lieber Klaus, ich danke dir sehr für diese umfassende Darstellung.