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Über Satiriker und solche, die es gern wären

Über Satiriker und solche, die es gern wären

Ist satirische Souveränität echte Stärke – oder nur gut gespielte Unangreifbarkeit?

Wir werden durch die Medien permanent mit Comedians und selbsternannten Satirikern konfrontiert. Für manche sind Formate wie extra 3, die heute-show oder ähnliche Sendungen längst zu einer Art wöchentlicher Grundversorgung geworden – eine Mischung aus Information und emotionaler Entlastung, die den Nachrichtenfrust wenigstens für einen Moment erträglicher macht.

Andere wiederum nutzen das Etikett „Satire“, um sich regelmäßig und öffentlich ihren Frust von der Seele zu reden – zugespitzt, pointiert, oft mit dem Anspruch auf besondere geistige Schärfe. Je nach Perspektive gelten sie dann als „genial“ oder schlicht als „arrogant“. Sicher ist: Nicht wenige verfolgen dabei sehr konkrete Interessen – Aufmerksamkeit, Einfluss, nicht zuletzt auch Geld.

Mitunter entsteht der Eindruck, dass einzelne dieser Figuren ein Publikum erobert haben, das keine allzu hohen Ansprüche stellt – ein Publikum, bei dem Vereinfachung bereits als Erkenntnis durchgeht und bei dem Simplizität für Beifall sorgt. Andere wiederum inszenieren sich im Habitus des Erhabenen, als stünden sie über den Dingen, unangreifbar, souverän, unangetastet.

Doch vieles davon ist Fassade. Eine öffentliche Rolle, sorgfältig konstruiert und gepflegt. Dahinter stehen oft keine unerschütterlichen Charaktere, sondern durchaus empfindliche Menschen, die sehr genau wissen, wann sie austeilen – und wann sie sich besser entziehen.

Ich möchte hier einmal – außerhalb der üblichen Tango-Themen – einen Beitrag zu diesem Thema schreiben. Dabei nehme ich drei bekannte Satiriker in den Blick, die jedem ein Begriff sein dürften.

Zugleich geht es mir aber nicht um eine persönliche Abrechnung. Ich werde auch andere Beispiele heranziehen – nicht, um einzelne Personen vorzuführen, sondern um an ihrer Machart zu zeigen, was Satire leisten kann, wo sie funktioniert und wo sie scheitert.

Dieter Nuhr – Die Kunst der Vereinfachung

Dieter Nuhr gehört zweifellos zu den bekanntesten deutschen Kabarettisten und Satirikern der Gegenwart. Er füllt Hallen, erreicht ein Millionenpublikum und hat sich über Jahre eine feste Position im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erarbeitet. Allein das zeigt: Er trifft einen Nerv.

Doch die Frage ist: Welchen?

Nuhrs Humor basiert auf einem Prinzip, das auf den ersten Blick wie Klarheit wirkt, bei näherem Hinsehen jedoch häufig als Vereinfachung entlarvt wird. Komplexe gesellschaftliche Themen werden auf eine Pointe zugespitzt, die so lange reduziert wird, bis sie anschlussfähig ist. Das Ergebnis ist selten Analyse, sondern vielmehr ein Gefühl von Erkenntnis.

Er arbeitet gern mit dem, was man den „gesunden Menschenverstand“ nennt – ein Begriff, der in der Regel genau dann bemüht wird, wenn differenzierte Betrachtung als Zumutung empfunden wird. In dieser Logik erscheinen Debatten über Sprache, gesellschaftliche Entwicklungen oder politische Prozesse schnell als überzogen, unnötig kompliziert oder gar lächerlich. Die Pointe ersetzt hier die Auseinandersetzung.

Das funktioniert, weil es entlastet. Wer lacht, muss nicht weiterdenken.

Dabei ist Nuhr keineswegs unintelligent – im Gegenteil. Seine Stärke liegt gerade darin, komplexe Themen so zu verknappen, dass sie sofort verständlich wirken. Doch genau darin liegt auch sein Problem: Die Vereinfachung wird zur Methode, und die Methode zur Haltung.

Hinzu kommt ein wiederkehrendes Muster argumentativer Verkürzung. Positionen werden überzeichnet, bis sie angreifbar sind, um sie anschließend mit einer scheinbar logischen Pointe zu widerlegen. Was bleibt, ist nicht die Auseinandersetzung mit der tatsächlichen Position, sondern deren Karikatur. Der Zuschauer verlässt die Sendung mit dem Gefühl, etwas durchschaut zu haben – ohne dass tatsächlich etwas durchdrungen wurde.

Besonders auffällig ist dabei die Zielrichtung seines Humors. Statt Machtstrukturen oder komplexe Systeme zu analysieren, richtet sich die Pointe häufig gegen diffuse Gruppen, Haltungen oder gesellschaftliche Strömungen. Das erzeugt Zustimmung, weil es keine Anstrengung verlangt. Es ist ein Humor, der weniger erklärt als bestätigt.

Umso bemerkenswerter ist ein anderer Aspekt: In Interviews, in denen er sich gegen Kritik verteidigt, zeigt sich häufig ein ganz anderes Bild. Dort argumentiert Nuhr plötzlich differenziert, nuanciert, mit dem Anspruch, missverstanden worden zu sein. Er fordert dann vom Publikum genau das ein, was er in seinen Programmen weitgehend vermeidet – genaues Zuhören, präzises Hinsehen und die Bereitschaft, zwischen den Zeilen zu lesen.

Hier entsteht eine Schieflage: Während seine Bühnenfigur komplexe Sachverhalte bewusst vereinfacht, verlangt er im Nachhinein eine differenzierte Rezeption seiner Aussagen. Anders gesagt: Er reduziert für den Effekt – und fordert anschließend Komplexität in der Bewertung.

Immer wieder wird ihm eine Nähe zu Alternative für Deutschland oder zumindest zu populistischen Denkmustern nachgesagt. Das greift in dieser Pauschalität zu kurz, denn tatsächlich nimmt er nicht nur verschiedene politische und gesellschaftliche Strömungen, sondern auch die AfD selbst aufs Korn. Dennoch liegt der Ursprung dieser Kritik nicht im Inhalt allein, sondern in der Form.

Wer mit den gleichen vereinfachenden Mitteln arbeitet, mit ähnlichen Verkürzungen und einer Sprache, die komplexe Zusammenhänge auf eingängige Schlagworte reduziert, muss sich gefallen lassen, dass Parallelen gezogen werden. Kritisiert wird dabei weniger seine Satire als solche, sondern die Verflachung, die an genau jene Mechanismen erinnert, die er vermeintlich kritisiert.

Wenn Kritik aufkommt, reagiert Nuhr nicht selten selbst empfindlich – etwa in Form von Klagen über sogenannte „Shitstorms“. Das ist insofern bemerkenswert, als sein eigener Humor nicht gerade zimperlich im Austeilen ist. Hier zeigt sich eine Asymmetrie: Die eigene Zuspitzung gilt als legitime Satire, die Reaktion darauf hingegen als Überempfindlichkeit.

Das ist kein Widerspruch, sondern Teil des Systems. Wer stark vereinfacht, erzeugt zwangsläufig Reibung – und kann sich zugleich als Opfer dieser Reibung inszenieren.

Am Ende bleibt ein Stil, der erfolgreich ist, weil er anschlussfähig ist. Doch Anschlussfähigkeit ist nicht gleichbedeutend mit Tiefe. Und genau an dieser Stelle beginnt die Grenze zwischen Satire und bloßer Zuspitzung.

Oder, zugespitzt formuliert:
Dieter Nuhr erklärt die Welt nicht – er macht sie kleiner, damit sie in eine Pointe passt.

Harald Schmidt – Souveränität oder Inszenierung?

Harald Schmidt gilt vielen als Inbegriff des intellektuellen Entertainers. Sprachlich präzise, schnell, mit einem Gespür für Timing und einem feinen – oft sehr feinen – Zynismus. Über Jahre wurde er als „genial“ etikettiert, als jemand, der dem deutschen Fernsehen eine gewisse Eleganz und Schärfe verliehen hat.

Doch bei näherem Hinsehen stellt sich eine andere Frage: Worin genau besteht diese Genialität?

Schmidts Humor basiert weniger auf Analyse als auf Haltung. Es ist die Haltung desjenigen, der sich über die Dinge stellt, sie beobachtet und kommentiert, ohne sich selbst in die Auseinandersetzung hineinziehen zu lassen. Distanz ist sein Kapital. Und diese Distanz wirkt auf viele wie Überlegenheit.

Dabei verschwimmt die Grenze zwischen Satire und Häme immer wieder. Klassische Satire richtet sich gegen Macht, gegen Systeme, gegen Strukturen. Bei Schmidt hingegen trifft der Spott nicht selten Einzelne, ihre Eigenheiten, ihr Auftreten, ihren Habitus. Und er gewichtet öffentliche und private Personen vorwiegend nur nach deren Unterhaltungswert, genau wie Dieter Nuhr es tut. Belanglosigkeit ist wohl der Feind der Satire.

Ein Beispiel: Wenn er ältere Männer dafür kritisiert, dass sie sich mit zu engen Moncler-Jacken, verkehrt herum aufgesetzten Baseball-Caps und weißen Sneakern verjüngen wollen, dann ist das zunächst eine Beobachtung – vielleicht sogar eine treffende. Doch was folgt, ist keine gesellschaftliche Einordnung, sondern ein Abwerten aus der Distanz.

Die eigentliche Frage wäre daher:
Würden sich genau diese Männer, die sich darin wiedererkennen, ihn weiterhin als „genial“ bezeichnen? Oder funktioniert diese Zuschreibung nur so lange, wie man selbst nicht Ziel der Pointe ist?

Hier zeigt sich ein grundlegendes Prinzip seines Humors: Er lebt davon, dass das Publikum lacht – aber nicht über sich selbst, sondern über andere. Die Zustimmung entsteht aus Distanz, nicht aus Erkenntnis.

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf Loriot. Auch er hat sich über Alltagsphänomene wie Mode geäußert – etwa über die allgegenwärtigen weißen Sneaker. Beim Versuch, neue Schuhe zu kaufen, habe man ihm Modelle anbieten wollen, mit denen er – so seine Beschreibung – aussehe, als sei er durch eine Sahnetorte gestapft.

Der Unterschied liegt nicht in der Beobachtung, sondern im Zugriff: Loriot beschreibt, überzeichnet, macht die Situation sichtbar – und bezieht sich dabei stets auch selbst mit ein. Der Witz entsteht aus Wiedererkennung.

Bei Schmidt hingegen bleibt die Distanz bestehen. Die Pointe zielt nicht auf ein gemeinsames Erkennen, sondern auf ein Gegenüber, über das gelacht wird. 

Auch seine Solo-Bühnenauftritte sind geprägt von einer dichten Folge von Wortspielen und Aphorismen, die stark um seine eigene Bühnenfigur kreisen. Dazu kommt gelegentlich eine überzeichnete Geste – nicht zufällig: Harald Schmidt selbst hat darauf hingewiesen, dass sie auf Laurence Olivier zurückgeht. (Opernhaus Zürich, 2022)

Damit wird die Referenz nicht versteckt, sondern demonstrativ gemacht – Bildung wird hier Teil der Bühnenwirkung.

Zweifellos ist Schmidt gebildet, sprachlich versiert und auch als Schauspieler durchaus überzeugend. Doch gerade dort, wo er sich selbst in eine Rolle begibt, wird die Inszenierung besonders sichtbar. Wenn er etwa auf seine Darstellung im „Traumschiff“ angesprochen wird und erklärt, er spiele diese Rolle des Oskar Schifferle, bewusst „exaltiert“, weil es eben die Figur verlange und er seinen Beruf als Schauspieler ernst nehme, wirkt das zunächst plausibel.

Doch genau hier beginnt der Zweifel. Ist diese Überzeichnung wirklich nur der Rolle geschuldet – oder nicht vielmehr ein Versuch, sich von genau diesem Format abzusetzen? Ein stilles Signal: Ich gehöre eigentlich nicht dazu.

Die Exaltiertheit wirkt dann weniger wie Rollentreue als wie ironische Distanz. Nicht als Eintauchen in die Figur, sondern als bewusste Brechung – ein Mitspielen unter Vorbehalt. Das „Traumschiff“ wird so zur Bühne eines doppelten Spiels: Einerseits Teilnahme, andererseits demonstrative Abgrenzung.

Oder zugespitzt: Nicht die Rolle wird ernst genommen, sondern die eigene Position darin abgesichert.

Man könnte es auch nüchterner formulieren: Es ist ein gut bezahltes Angebot, das es ermöglicht, an attraktiven Orten zu drehen – und gleichzeitig die eigene intellektuelle Distanz zu bewahren.

Schmidt selbst hat einmal sinngemäß formuliert, dass das Verletzen von Gefühlen nicht justiziabel sei. Das ist juristisch korrekt. Doch daraus eine Art künstlerische Lizenz abzuleiten, jede Form von Spott als legitim zu betrachten, ist eine Entscheidung – keine Notwendigkeit.

Seine oft bewunderte Souveränität besteht nicht zuletzt darin, sich Kritik weitgehend zu entziehen. Er rechtfertigt sich nicht, erklärt nichts, lässt den „Dreck“, wie er es selbst formuliert hat, hinter sich. Für viele ist das ein Zeichen von Größe, von Gelassenheit, von Überlegenheit.

Andere lesen darin etwas anderes: Arroganz. Oder zumindest eine Haltung, die sich der eigenen Wirkung bewusst entzieht.

Interessant wird es dort, wo diese Souveränität brüchig wird. Wenn Widerspruch nicht einfach abperlt, sondern sichtbar irritiert, zeigt sich, dass auch hinter dieser Figur kein unberührbarer Beobachter steht, sondern ein Mensch, der sehr wohl reagiert – nur eben nicht immer öffentlich.

Das wirft eine zentrale Frage auf:
Ist diese oft beschworene satirische Souveränität tatsächlich Ausdruck von Stärke – oder lediglich eine gut gepflegte Inszenierung von Unangreifbarkeit?

Am Ende bleibt ein Stil, der stark von seiner Form lebt. Von Timing, von Sprache, von Haltung. Doch Form ersetzt nicht automatisch Inhalt. Und Distanz ist nicht dasselbe wie Erkenntnis.

Oder zugespitzt formuliert:
Harald Schmidt erklärt die Welt nicht – er kommentiert sie von oben herab und überlässt dem Publikum die Entscheidung, ob es das für Scharfsinn oder nur für gut formulierte Geringschätzung hält.

Vince Ebert – Vom Erklärer zum Erregten

Hinweis zum Video
Auch hier Verfälschung statt Aufklärung für einen Lacheffekt
Die Deutsche Bahn hat unter dem Namen „Umwelt Plus“ (Personenverkehr) bzw. „Eco Plus“ (Güterverkehr) ein Angebot verkauft, bei dem Kunden gegen Aufpreis eine „CO₂-freie Fahrt“ buchen konnten.
Das Prinzip:
  • Die Bahn kaufte zusätzlich Strom aus erneuerbaren Energien ein speiste ihn ins Bahnstromnetz ein und ordnete diese Menge rechnerisch den „Umwelt-Plus“-Fahrten zu
  • Der Strom fließt also nicht, wie hier vorgeschoben,  getrennt in einzelne Züge. Es ist natürlich ein gemeinsames Netz.

Vince Ebert war einmal ein Sonderfall im deutschen Kabarett. Als Physiker brachte er etwas mit, das vielen fehlte: die Fähigkeit, komplexe naturwissenschaftliche Zusammenhänge verständlich und zugleich unterhaltsam zu vermitteln. Seine Stärke lag darin, Weltbilder mit Fakten zu konfrontieren, Denkfehler aufzudecken und dabei einen Humor zu entwickeln, der auf Erkenntnis beruhte.

Gerade deshalb fällt die Entwicklung umso stärker ins Auge.

Wo früher Argumente standen, treten heute häufiger Zuspitzungen in den Vordergrund. Wo einst Studien, Daten und naturwissenschaftliche Herleitungen den Ausgangspunkt bildeten, wirken manche Aussagen heute eher wie Meinungen, die nachträglich pointiert werden. Das ist ein Wandel – nicht zwingend in der Person, aber in der Machart.

Besonders deutlich wird das in politischen und gesellschaftlichen Einschätzungen. Wenn etwa behauptet wird, etablierte Parteien seien „zu weit nach links gerückt“, obwohl gleichzeitig ein allgemeiner Rechtsruck im politischen Spektrum diskutiert wird, entsteht eine Spannung zwischen Wahrnehmung und Realität. Diese Spannung wird jedoch nicht aufgelöst, sondern zugespitzt.

Auch in anderen Themenfeldern zeigt sich diese Verschiebung. Während frühere Programme versuchten, komplexe Entwicklungen – etwa im Bereich Klima oder Technologie – zu relativieren und einzuordnen, erscheint der Ton inzwischen deutlich aufgeregter. Einzelne Beispiele oder persönliche Anekdoten werden stärker gewichtet, als es ihrer Aussagekraft entspricht, und zu allgemeinen Zustandsbeschreibungen verdichtet.

Das Problem liegt dabei weniger in der Meinung selbst als in der Methode. Wenn aus Einzelfällen ein Gesamtbild konstruiert wird, ohne die zugrunde liegenden Daten offenzulegen, verliert der Humor seinen ursprünglichen Anspruch. Er erklärt nicht mehr – er behauptet.

Damit nähert sich Ebert einem Typus von Satire, der weniger auf Erkenntnis als auf Empörung setzt. Der Witz entsteht nicht mehr aus dem Aufdecken von Widersprüchen, sondern aus der Verstärkung bestehender Stimmungen. Das ist wirkungsvoll, aber es ist ein anderer Ansatz als der, mit dem er bekannt geworden ist.

Oder anders formuliert:
Aus dem wissenschaftlichen Satiriker, der mit Fakten irritierte, ist zunehmend ein Kommentator geworden, der mit Zuspitzung bestätigt.

Und genau darin liegt die eigentliche Irritation.

Und, den hatte ich leider völlig vergessen (Danke, Lilly!):

Jan Böhmermann – Aufklärung oder Haltung in Hochglanz?

Jan Böhmermann nimmt im deutschen Humorbetrieb eine Sonderrolle ein. Er ist kein klassischer Comedian, kein Kabarettist alter Schule und auch kein Journalist im engeren Sinne. Am ehesten lässt er sich als hybrider Satiriker beschreiben – irgendwo zwischen Redaktion, Bühne und politischem Kommentar.

Sein Format lebt davon, dass es mehr will als Unterhaltung. Es will einordnen, aufdecken, erklären. Und genau darin liegt seine Stärke – und gleichzeitig sein Problem.

Wenn Böhmermann gut ist, dann ist er sehr gut. Dann gelingt ihm etwas, was im deutschen Fernsehen selten geworden ist: komplexe Themen verständlich zu machen, ohne sie völlig zu banalisieren. Seine Beiträge sind oft sauber recherchiert, dramaturgisch durchdacht und handwerklich auf einem Niveau, das man sonst eher aus internationalen Formaten kennt.

Aber: Diese Qualität ist nicht neutral.

Böhmermann arbeitet fast immer aus einer klaren Haltung heraus. Seine Sendung ist kein offenes Denkangebot, sondern eher eine geführte Argumentation mit satirischen Mitteln. Der Zuschauer wird nicht eingeladen, selbst zu urteilen, sondern eher dahin gelenkt, ein bestimmtes Urteil zu übernehmen.

Das unterscheidet ihn deutlich von klassischen Kabarettisten, die Widersprüche offenlegen und Spannungen stehen lassen. Bei Böhmermann werden diese Spannungen oft aufgelöst – zugunsten einer klaren Position.

Damit bewegt er sich auf einem schmalen Grat:

    • Einerseits hebt er das Niveau deutlich über viele Comedy-Formate hinaus
    • Andererseits ersetzt er gelegentlich Differenzierung durch Haltung

Das führt zu einem paradoxen Effekt:
Seine Sendung wirkt aufklärerisch – ist aber gleichzeitig nicht frei von selektiver Zuspitzung.

Man könnte es so formulieren:

Böhmermann erklärt nicht nur die Welt – er sortiert sie gleich mit.

Für viele Zuschauer ist das genau der Reiz. Für andere – wahrscheinlich auch für dich – bleibt ein Rest Skepsis:

Ist das noch Analyse, oder schon Meinung in sehr guter Verpackung?

Die ehrliche Antwort lautet:
Es ist beides.

Was gute Satire leisten kann

Nach all den Beispielen stellt sich am Ende die entscheidende Frage:
Was ist eigentlich gute Satire?

Ein Blick auf Formate wie extra 3 mit Christian Ehring oder auf Arbeiten von Georg Schramm zeigt, dass Satire mehr sein kann als bloße Zuspitzung. Hier wird nicht nur gelacht – hier wird eingeordnet, hinterfragt und offengelegt.

Noch deutlicher wird das bei Die Anstalt. Diese Sendung hat sich längst von dem entfernt, was man gemeinhin unter „Satire“ versteht. Zwar arbeitet sie weiterhin mit Überzeichnung, mit Ironie und mit pointierten Szenen, doch ihr eigentlicher Kern liegt woanders: in der Aufklärung.

„Die Anstalt“ ist in vieler Hinsicht lehrreicher geworden als so manches klassische Nachrichtenformat. Sie beleuchtet Hintergründe, verknüpft Zusammenhänge und zwingt das Publikum, sich mit komplexen Themen auseinanderzusetzen. Der Humor ist hier kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um Erkenntnis zu ermöglichen.

Damit steht sie in einer Tradition, die älter ist als das, was heute oft als „Satire“ verkauft wird. Es ist die Tradition des politischen Kabaretts: nicht das schnelle Lachen, sondern die gedankliche Reibung steht im Mittelpunkt. Die Pointe ist nicht das Ziel, sondern der Einstieg in ein tieferes Verständnis.

Der Unterschied zu den zuvor beschriebenen Formen könnte kaum deutlicher sein. Während dort Komplexität reduziert wird, um Zustimmung zu erzeugen, wird sie hier sichtbar gemacht, auch wenn das anstrengender ist. Während dort das Publikum in seiner Haltung bestätigt wird, wird es hier herausgefordert.

Gute Satire – oder vielleicht besser: gutes Kabarett – zeichnet sich nicht dadurch aus, dass sie möglichst treffsicher austeilt, sondern dadurch, dass sie Orientierung bietet. Sie stellt Fragen, statt vorschnelle Antworten zu liefern. Und sie traut ihrem Publikum zu, mehr zu verstehen als nur die Pointe.

Oder, um es auf den Punkt zu bringen:
Gute Satire macht die Welt nicht kleiner, damit sie in einen Witz passt – sie macht sie verständlicher, auch wenn das bedeutet, dass man über den Witz hinaus denken muss.

Übersicht – Vorzüge und Essenz

  • Dieter Nuhr
    Vorzug: hohe Anschlussfähigkeit, verständlich, schnell zugänglich
    Essenz: reduziert Komplexität auf Pointe – liefert Gefühl von Erkenntnis statt tatsächlicher Durchdringung

  • Harald Schmidt
    Vorzug: sprachliche Präzision, Timing, intellektuelle Schärfe
    Essenz: lebt von Distanz und Überlegenheit – Grenze zwischen Satire und Häme bleibt bewusst unscharf

  • Vince Ebert
    Vorzug: ursprünglich analytischer Zugang, Verbindung von Wissenschaft und Humor
    Essenz: Wandel vom erklärenden zum zuspitzenden Stil – zunehmend Empörung statt Erkenntnis

  • extra 3 / Christian Ehring
    Vorzug: zugängliche politische Einordnung, klare Haltung
    Essenz: verbindet Humor mit Information – bestätigt weniger, erklärt mehr

  • Georg Schramm (leider nicht mehr sehr aktiv) 
    Vorzug: analytische Tiefe, präzise Rollenarbeit
    Essenz: klassisches Kabarett – fordert Denken statt bloßes Lachen

  • Die Anstalt
    Vorzug: außergewöhnliche Recherche, komplexe Zusammenhänge verständlich gemacht
    Essenz: Aufklärung mit satirischen Mitteln – weniger Unterhaltung als Erkenntnisarbeit

  • Jan Böhmermann
    Vorzug: Recherche, Inszenierung, Aktualität
    Essenz: Haltung durch satirische Dramaturgie vermitteln – selektive Perspektive, moralischer Ton

Schlussgedanke

Zwischen all diesen Formen verläuft keine Linie zwischen „gut“ und „schlecht“, sondern zwischen zwei grundlegend verschiedenen Ansätzen:

    • Humor, der vereinfacht und bestätigt
    • und Humor, der komplex macht und herausfordert

Oder noch klarer:

Nicht jede Pointe ist Erkenntnis –
aber gute Satire beginnt genau dort, wo die Pointe nicht das Ende ist.

Jeder wird unter den genannten Persönlichkeiten seine eigenen Favoriten haben. Und nicht jeder wird meine Einordnung teilen.

Satire bewegt sich nun einmal auf dünnem Draht.

PS:

An diesen Beitrag sollte sich manch einer erinnern, wenn wieder behauptet wird, das alles sei „Satire“ – nur weil es zugespitzt formuliert ist.

4 thoughts on “Über Satiriker und solche, die es gern wären

    • Author gravatar

      Also ich finde das nachträgliche Verändern von Texten – dazu gehört auch das Nachtreichen von Teilen – sehr schwierig.
      Muss das sein? Geht es hier nur um das Rechthaben? Man hat eben keinen Fehler gemacht. Für die Lesenden gibt es kaum eine Möglichkeit, die Genese des Textes wahrzunehmen.

      Sorry – musste das mal loswerden …
      Alles gute weiterhin und liebe Grüße

      Andy

      P.S. Wenn ich schon dabei bin: Müssen die KI-Visualisierungen zu Beginn eines Beitrages sein? Die Ästhetik ist doch sehr beschränkt.

      • Author gravatar

        Hallo Andy, vielen dank für Deine Kritik, die mir intuitiv sagt, dass Du durch die Nachträge meinen Texten nicht trauen kannst.
        Kannst Du aber:
        Nachträgliche Änderungen sind völlig normal und in vielen Fällen sogar notwendig:

      • Tippfehler korrigieren
      • Gedanken präzisieren
      • neue Erkenntnisse einarbeiten
      • Struktur verbessern
      • Das macht jeder ernsthafte Autor.
        Problematisch wird es erst hier:
        wenn Aussagen inhaltlich verändert werden, ohne das kenntlich zu machen
        wenn Kritik „wegkorrigiert“ wird, sodass Kommentare plötzlich ins Leere laufen
        wenn sich die Argumentation im Nachhinein so verschiebt, dass frühere Reaktionen unverständlich wirken
        Da entsteht der Eindruck von: „Der Text bewegt sich nachträglich aus der Schusslinie.“
        Das tue ich aber nicht.
        Was das Bild am Anfang der Texte angeht, stören die mich auch, aber habe im WordPress-Theme „OMG“ noch keine Möglichkeit gefunden dieses zu ändern, bleibe aber dran.
        Liebe Grüße von Klaus

  • Author gravatar

    Du hast den einzigen deutschen Satiriker mit Haltung und Format vergessen: Jan Böhmermann.

    Bitte noch nachtragen.

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