
Preisdebatten im Tango: Warum Milongas lange zu günstig waren – und warum sich das rächt
Ein Gastbeitrag von Christian Beyreuther
Die Diskussion um steigende Eintrittspreise bei Milongas entzündet sich oft am falschen Punkt. Nicht die Erhöhung an sich ist bemerkenswert, sondern dass Veranstalter heute überhaupt gezwungen sind, offen über Zahlen zu sprechen. Genau diese Transparenz hat in der Tangoszene über viele Jahre gefehlt.
Wer über Preise diskutiert, ohne Kosten zu benennen, diskutiert letztlich im luftleeren Raum.
Ein nüchterner Blick auf die Realität
Betrachtet man heutige Veranstaltungsorte – Studios, Säle, Vereinsheime oder angemietete Räume –, wird schnell klar:
Allein die fixen Raumkosten (Miete, Heizung, Strom, Reinigung) bewegen sich häufig im sechsstelligen Bereich pro Jahr. Hinzu kommen Instandhaltung, Versicherungen, Steuerberatung, Verwaltung, Reparaturen, Ausfälle, Urlaube, Krankheitstage und stetig steigende Nebenkosten. Lohnkosten sind dabei oft noch nicht einmal realistisch eingepreist.
Mit anderen Worten:
Bevor auch nur ein Euro verdient ist, müssen Veranstalter jeden einzelnen Tag mehrere hundert Euro erwirtschaften – nur um den Betrieb aufrechtzuerhalten.
Warum Milongas früher so günstig waren
Um die heutige Situation zu verstehen, muss man einen Blick zurückwerfen. Milongas waren über viele Jahre hinweg außergewöhnlich günstig – oft zwischen 6 und 8 Euro Eintritt. Das hatte Gründe:
- Viele Veranstaltungen entstanden privat, in Wohnzimmern, Hinterhöfen, Gemeinderäumen oder günstigen Vereinsheimen.
- Ziel war selten Gewinn, sondern Kostendeckung für einen einzelnen Abend.
- Es herrschte eine Aufbruchstimmung: Tango machen, Menschen zusammenbringen, Orte schaffen.
- Die Motivation war idealistisch, nicht unternehmerisch.
- Diese Phase war wichtig – sie hat die Szene wachsen lassen. Aber sie war kein dauerhaft tragfähiges Wirtschaftsmodell.
Was sich grundlegend verändert hat
Die Rahmenbedingungen haben sich über die Jahre massiv verschoben:
- Räumlichkeiten wurden teurer oder gar nicht mehr kostenlos zur Verfügung gestellt.
- GEMA-Gebühren wurden verpflichtend.
- Gaststätten verlangten Mindestumsätze oder stellten eigenes Personal.
- Ab bestimmten Uhrzeiten fielen Zuschläge an – teilweise doppelte Lohnkosten ab 22 Uhr.
- Versicherungen, Auflagen, Haftungsfragen nahmen zu.
Für viele Betreiber war der tatsächliche Umsatz einer Milonga im Verhältnis zum Aufwand schlicht zu gering. Wenn „der Rubel nicht rollt“, verliert eine Gaststätte oder ein Verein schnell das Interesse, Räume für Milongas bereitzustellen.
Trotzdem wurden die Eintrittspreise über Jahre nicht angepasst – aus Angst, Gäste zu verlieren.
Die große Angst vor dem Preisgespräch
Hier liegt ein zentrales Problem der Szene:
Sobald jemand „zu teuer“ sagt, entsteht eine Gruppendynamik. Andere ziehen nach, Veranstaltungen werden gemieden – und am Ende bleiben weniger Gäste und geringere Einnahmen als zuvor.
Der Versuch, es allen recht zu machen, endet oft damit, dass niemandem geholfen ist – am wenigsten den Veranstaltern.
Dabei zeigt ein Blick auf andere Freizeitbereiche die Schieflage deutlich:
Ein Kinobesuch mit Ticket, Getränk und Snack kostet schnell 25–30 Euro pro Person. Für einen ganzen Abend Tango – Raum, Musik, Organisation – gelten dagegen oft noch Maßstäbe aus den frühen 2000er-Jahren.
Inflation, steigende Energiepreise und Lohnkosten wurden überall akzeptiert – nur bei Milongas nicht.
Die jüngste Ankündigung des el abrazo in Hamburg zur Preiserhöhung ist ein gutes und längst überfälliges Beispiel für Transparenz in der Tangoszene. Wer sich die offen genannten Zahlen anschaut, erkennt schnell: Hier geht es nicht um Gewinnmaximierung, sondern um schieres Überleben.
Allein die Raumkosten liegen bei rund 126.000 Euro pro Jahr, also ca. 10.500 Euro im Monat bzw. etwa 345 Euro pro Tag – und das wohlgemerkt ohne Löhne, Instandhaltung, Versicherungen, Steuerberatung oder unvorhergesehene Ausgaben. Diese Summe muss jeden einzelnen Tag erwirtschaftet werden, bevor auch nur ein Euro übrig bleibt.
Vor diesem Hintergrund erscheinen Eintrittspreise von 14 Euro (normal), 20 Euro (Unterstützerpreis) und 8 Euro (Sozialpreis) keineswegs hoch – eher vorsichtig kalkuliert. Ich hoffe sehr, dass das Modell der gestaffelten Preise aufgeht und sich genügend Menschen finden, die freiwillig den höheren Beitrag zahlen können und wollen. Genau diese Solidarität entscheidet darüber, ob ein Ort wie das el abrazo langfristig bestehen kann.
Besonders wichtig finde ich, dass hier offen kommuniziert wird, warum Preise steigen müssen. Die Alternative wäre Schweigen, Ausbrennen – und am Ende das Schließen eines weiteren Studios. Dann hilft auch kein nachträgliches Bedauern mehr.
Kurz gesagt:
Diese Preiserhöhung ist gerechtfertigt, transparent und vermutlich eher zu niedrig als zu hoch. Wer solche Orte erhalten will, muss bereit sein, ihren realen Preis mitzutragen.
Erfahrung aus der Veranstalterpraxis
Diese Einschätzung ist keine Theorie. Ich habe selbst über 250 Milongas veranstaltet, darunter zahlreiche mit Live-Musik, im Rahmen eines echten Wirtschaftsunternehmens (GbR). Über Jahre hinweg haben wir trotz hoher Auslastung Verluste gemacht. In einem Zeitraum von mehreren Jahren summierte sich das wirtschaftlich bereinigte Minus auf rund 42.000 Euro.
Nicht, weil schlecht gewirtschaftet wurde – sondern weil Eintrittspreise bewusst niedrig gehalten wurden, um „szeneverträglich“ zu bleiben.
Die Reaktion auf Hinweise, dass Preise steigen müssten, war vorhersehbar:
Vorwürfe, Polemik, das bekannte Narrativ vom „jammernden Veranstalter“. Dass am Ende privat draufgezahlt wurde, interessierte kaum jemanden.
Leidenschaft zahlt keine Rechnungen.
Warum Preiserhöhungen notwendig – und oft zu spät sind
Heute zeigt sich, wohin diese jahrelange Zurückhaltung geführt hat:
Veranstalter brennen aus, geben auf, Räume verschwinden. Und erst dann wird klar, dass Qualität, Kontinuität und Verlässlichkeit ihren Preis haben.
Preiserhöhungen sind keine Preistreiberei. Sie sind der Versuch, das zu erhalten, was über Jahre aufgebaut wurde. Oft sind sie sogar zu vorsichtig kalkuliert – und verschieben das Problem nur um ein oder zwei Jahre.
Ein Wunsch an die Szene
Wenn wir wollen, dass Milongas, Studios und Veranstaltungsorte bestehen bleiben, braucht es ein Umdenken. Nicht jeder muss alles bezahlen – aber diejenigen, die es können, sollten bereit sein, mehr beizutragen. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Wertschätzung.
Denn eines ist sicher:
Wenn es erst „den Bach runtergeht“, wenn Orte schließen und Strukturen verschwinden, ist es zu spät, um festzustellen, dass man eigentlich doch bereit gewesen wäre, ein paar Euro mehr zu zahlen.
Fazit
Die eigentliche Frage lautet nicht:
Warum werden die Preise erhöht?
Sondern:
Warum erwarten wir immer noch, dass engagierte Veranstalter diese Last dauerhaft alleine tragen?
Transparenz, wirtschaftliche Ehrlichkeit und realistische Preise sind keine Bedrohung für die Szene – sie sind ihre Voraussetzung für Zukunft.
21 thoughts on “Preisdebatten im Tango: Warum Milongas lange zu günstig waren – und warum sich das rächt”
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Konkretes Beispiel aus meiner Stadt: eine Freitagsmilonga mußte aus dem Hinterzimmer eines Restaurants weichen, weil die Betreiber nachgerechnet haben: Mit Tischen und Essensbetrieb machen sie dort höhere Umsätze, und die werden sie vermutlich auch brauchen, um wirtschaftlich über die Runden zu kommen. Ich bin sicher, daß so ziemlich alle Milongabesucher privat kostenbewußt handeln und im Zweifel versuchen, das Meiste für ihr Geld zu bekommen – da wäre es schon sehr heuchlerisch, das bei anderen zu kritisieren.
Ansonsten, Räume und finanzielle Unterstützung durch öffentliche Gelder: Es wird so viel teilweise extrem „nischiges“ Zeug gefördert, gerne unter Flaggen wie „Vielfalt“: warum nicht auch hier?
Zum Thema GEMA: vor einiger Zeit gab es mal einen sehr guten Beitrag von Vio zum Thema Gemeinfreiheit von Tangomusik (habe das im Blog auch aufgegriffen, ich liefere den Link noch nach). Ja, die Tango-Community ist nicht so groß, daß sie für Politiker interessant wäre – dennoch bin ich sicher, daß es da Raum für Initiativen gibt.
Scheinbar hat die Regulierungswut unserer Regierenden nun auch die Kunst im Würgegriff. Eine Schande ist das.
Das ist hier kein Forum für Wutbürger!
Achso. Die Regulierungen bleiben also folgenlos.
Habe ich wieder was gelernt.
Wir musst Du schon konkreter werden: Welche staatliche Regulierungswut, bzw. welche neuere Regulierung betrifft Milonga-Preise?
Es geht mir jetzt ganz ehrlich mächtig auf den Sack, dass ich dir wiederholen muss, was im Artikel steht.
Aber ich leiste dir gerne eine Hilfestellung! Ich bin ja ein ganz netter Mensch.
Also, in dem Artikel steht unter der Zwischenüberschrift „Was sich geändert hat“:
5. Punkt: „Versicherung, Auflagen und Haftungsfragen nehmen zu.“
2. Punkt: GEMA-Gebühren wurden verpflichtend
4. Punkt: ab 22 Uhr teilweise doppelte Lohnkosten
Wenn das keine Regulierungen oder deren Folgen sind, dann weiß ich auch nicht, was unsere Regierung so macht.
Könntest Du mal für einen Moment Deinen schnappatmungs-aufgeladenen Ton etwas mäßigen? Du musst hier garnichts! Und so nett klingst Du hier auch nicht gerade.
Also:
Deine genannten Punkte belegen keine neue „Regulierung durch die Regierung“.
GEMA war auch früher schon verpflichtend, wird heute nur konsequenter durchgesetzt.
Versicherungen, Auflagen und Haftungsfragen ergeben sich vor allem aus bestehendem Recht und aus verschärfter Auslegung, nicht aus neuen politischen Maßnahmen.
Die angeblich „doppelten Lohnkosten ab 22 Uhr“ hängen von Tarifverträgen und Zuschlägen ab und gelten nicht pauschal.
Du weißt offensichtlich wirklich nicht, was unserer Regierung diesbezüglich so macht.
Was aber auch nicht bedeuten soll, dass ich mit der jetzigen Regierung zufrieden bin!
Ich genieße es nicht, solche Diskussion zu führen und wenn für dich „Recht“ und die „Strenge der Umsetzung“ nicht aus unserem Parlament mit der Gesetzgebungskompetenz entsteht, dann beende ich die Diskussion hier.
Ich habe keine Lust, mit dir eine Metadebatte zu führen, weil ich vermute, dass du Angst hast, du könntest einen eventuellen AfD-nahen Kommentar unwidersprochen gelassen haben. Für diese Berührungsängste habe ich keine therapeutische Kompetenz.
Mein Leben ist dafür auch zu kurz dafür und ich bin da auch nicht kompetent.
Viele Spaß hier noch.
Da liegen aber die Nerven ziemlich blank, oder? Im Übrigen versteh ich doch, dass seitens der Regierung nicht gerade kulturfördernde Maßnahmen im Raum stehen, aber wir wollen doch mal sachlich bleiben und die verbreitete Floskel „Die da oben sind an allem Schuld“ nicht mit oberflächlichen Behauptungen noch unglaubwürdiger machen.
Die Debatte über steigende Preise im Tango wird auffallend oft emotional geführt, selten jedoch sachlich. Anstatt sich mit Zahlen, Kostenstrukturen und veränderten Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen, wird die Diskussion schnell auf Motive, Haltungen oder angebliche Absichten einzelner Akteure verschoben. Das ersetzt Analyse durch Zuschreibung – und bringt niemanden weiter.
Niemand behauptet ernsthaft, Tango sei ein lukratives Geschäftsmodell. Im Gegenteil: Wer sich ehrlich mit Veranstaltungsrealitäten beschäftigt, weiß, dass viele Formate über Jahre hinweg nur durch persönliches Engagement, unbezahlte Arbeit und private Querfinanzierung existiert haben. Transparenz über Kosten ist daher kein Zeichen von „Gewinnstreben“, sondern ein Versuch, Realität sichtbar zu machen.
Ebenso wenig hilft es, heutige Probleme mit Verweisen auf frühere, informelle Strukturen abzutun. Die Rahmenbedingungen haben sich verändert: Räume sind teurer, Auflagen komplexer, Versicherungen verpflichtend, Personal- und Energiekosten gestiegen. Wer diese Faktoren ignoriert, verweigert sich der Gegenwart.
Kritik an wirtschaftlichen Überlegungen wird häufig moralisch aufgeladen: als Gegensatz von Idealismus und Professionalität. Das ist eine falsche Dichotomie. Idealismus und Verantwortung schließen sich nicht aus – sie bedingen einander. Wer dauerhaft Orte für Tanz, Begegnung und Kultur erhalten will, muss irgendwann rechnen, nicht um reich zu werden, sondern um nicht zu verschwinden.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob man Preise „mögen“ muss, sondern ob man bereit ist, anzuerkennen, dass Kultur Räume, Menschen und verlässliche Strukturen braucht. Wer Diskussionen darüber abwürgt oder ins Persönliche zieht, vermeidet genau diese Auseinandersetzung.
Sachlichkeit wäre ein guter Anfang.
Sehr geehrter Herr Beyreuther,
Was hat sich den grundlegend verändert?
Räumlichkeiten waren immer teuer.
Mindestumsätze für Gaststätten sollten bei (teuer) angemieteten Räumen nicht anfallen.
Aber es stimmt Milongabesucher verzehren meist nur Wasser.
Die Gema-Gebühren waren immer verpflichtend. Werden die Veranstaltungen nicht angemeldet droht eine Strafzahlung die doppelt so hoch ist. Das war immer so.
Welche Lohnkosten verdoppeln sich nach 22:00 Uhr. Tango DJ werden es sicher nicht sein, die arbeiten doch meist Nachts. Oder ist damit das Service-Personal für Getränke/Sicherheit gemeint. Die erhalten Mindestlohn und ab 22:00 Uhr sicher nicht das doppelte.Da stimmt was nicht.
Versicherungen, Auflagen, Haftungskosten sind was für große Veranstaltungen, die sowieso teurer sind, ob kostendeckend weiß ich nicht.
Fazit: Milongas waren nie wirtschaftlich, wenn sämtliche Beteiligte fair bezahlt werden. Früher nicht – heute auch nicht. Abgesehen von einigen Hotspot mit wirklich vielen fair zahlenden Besuchern.
Zum Kommentar von Karin Schubert:
Wo bitte soll das sein? Oder diskutieren wir hier im luftleeren Raum?
Oder sind es eigene Schüler die fairerweise freien Eintritt haben?
Zur Kalkulation el abrazo: Aus welcher (öffentlichen) Quelle stammen die Zahlen?
Sehr geehrter Herr Sommer,
vielen Dank für Ihre Nachricht und die differenzierten Nachfragen. Ich versuche, diese gesammelt und nachvollziehbar zu beantworten.
Was hat sich grundlegend verändert?
Räumlichkeiten waren schon immer ein Kostenfaktor. Der entscheidende Unterschied zu früher liegt heute jedoch in den rechtlichen, versicherungs- und vertraglichen Rahmenbedingungen.
In vielen Fällen ist es inzwischen Voraussetzung, vor der Anmietung eine Veranstalter- oder Betriebshaftpflichtversicherung nachzuweisen. Ohne diese kommt kein Mietvertrag zustande. Solche Versicherungen verursachen laufende Fixkosten – unabhängig davon, ob eine Milonga gut oder schlecht besucht ist.
Zudem sind Anmietungen heute fast ausschließlich vertraglich detailliert geregelt: Haftung, Sicherheit, Nutzung, Verantwortung und Auflagen sind klar definiert. Frühere informelle oder halbprivate Lösungen sind kaum noch möglich. Das wirtschaftliche Risiko liegt dadurch deutlich stärker beim Veranstalter.
Zur GEMA:
Die GEMA war immer verpflichtend. Allerdings wurde sie bei privat oder semi-privat organisierten Milongas früher nicht immer angemeldet. Heute ist das Risiko deutlich höher: Kontrollen sind häufiger, Strafzahlungen empfindlich.
Zu Lohnkosten und Gastronomie:
Ein oft unterschätzter Punkt sind die Personalkosten in der Gastronomie. Auch wenn Milongabesucher meist wenig konsumieren – häufig nur Wasser –, müssen Bedienung und Servicepersonal dennoch bezahlt werden. Gerade in den Abendstunden steigen die Personalkosten deutlich, während der Umsatz gering bleibt.
Dieser Umstand frisst den ohnehin knappen Gewinn schnell auf und ist ein wesentlicher Grund, warum viele Gaststätten wenig Interesse an Milongas haben oder höhere Mieten bzw. Mindestumsätze verlangen.
Zur Frage der sogenannten „Free Rider“:
Ich kenne keinen seriösen Veranstalter, der regelmäßig größere Gruppen kostenlos einlässt und dies systematisch über zahlende Gäste querfinanziert. Freispiele betreffen in der Regel Helfer, DJs, Künstler oder Personen, die konkret zum Gelingen der Veranstaltung beitragen. Ein anderes Vorgehen wäre wirtschaftlich unsinnig.
Zur grundsätzlichen Wirtschaftlichkeit von Milongas:
Hier stimme ich Ihnen zu: Milongas waren nie wirklich wirtschaftlich, wenn alle Beteiligten fair bezahlt werden. Weder früher noch heute. Der Unterschied ist, dass frühere Defizite oft durch private Mittel, günstige Räume oder informelle Strukturen abgefedert wurden. Diese Möglichkeiten sind heute weitgehend weggefallen.
Zur Kalkulation des el abrazo:
Die genannten Zahlen stammen aus der öffentlichen Kommunikation des Studios selbst. Genau diese Transparenz halte ich für bemerkenswert und notwendig, weil sie eine sachliche Diskussion überhaupt erst ermöglicht.
Fazit:
Die heutige Situation ist nicht das Ergebnis von Preistreiberei, sondern das Resultat veränderter Rahmenbedingungen, steigender Fixkosten und einer jahrelangen Zurückhaltung bei Eintrittspreisen aus Angst, Gäste zu verlieren. Diese Rechnung geht zunehmend nicht mehr auf.
Mit freundlichen Grüßen
Christian Beyreuther
So wirklich glaubwürdig ist der Artikel für mich nicht, was die Kalkulation angeht.
Bei einigen der Milongas, die ihre Preise stark erhöht haben, beobachte ich, daß bestimmte Besucher, ohne im Schritt inne zu halten, am Eingang vorbeispazieren ohne einen Eintritt zu zahlen.
Auf Nachfrage wurde mir gesagt, daß diese Personen auf einer Gästeliste stehen würden, die mehr als zwei Dutzend Personen umfasst.
Positiv formuliert muß ein Veranstalter dann immer bei den Milongas aus eigener Tasche drauf legen, um die fehlenden Eintritte zu kompensieren.
Oder könnte es sein, daß eigentlich die normal zahlenden Gäste die vom Veranstalter großzügig eingeladenen Free-Rider mitfinanzieren dürfen?
Soviel zum Thema einer knappen Kalkulation.
Hallo Karin,
Wenn ich Dich also richtig verstehe: Soll das im Umkehrschluss heißen, dass Milonga-Veranstalter deshalb so teuer sind, weil ihre Gästelisten zu lang sind? Und weil diese zu lang ist, stimmt deshalb ihre Kosten-Kalkulation nicht? Da müssten sie mal drüber nachdenken. Interessante Begründung, weil da noch niemand drauf gekommen ist.
Hallo Karin, danke für deine Rückmeldung und die Beobachtung.
Ehrlich gesagt kann ich mir eine dauerhaft geführte Gästeliste mit zwei Dutzend Freikarten bei regulären Milongas kaum vorstellen. Mir ist kein Veranstalter bekannt, der in dieser Größenordnung kostenlos Einlass gewährt und das strukturell einpreist. Einzelne Freikarten – etwa für DJs, Musiker, Helfer oder Gäste in besonderen Situationen – gibt es natürlich. Aber das ist etwas völlig anderes als ein systematisches „Durchschleusen“ auf Kosten der zahlenden Gäste.
Ich selbst habe über viele Jahre hinweg zahlreiche Milongas veranstaltet und dabei insgesamt rund 42.000 Euro Verlust gemacht. Das entspricht etwa 4.000 Euro pro Jahr. Glaubst du ernsthaft, dieser Betrag käme dadurch zustande, dass regelmäßig Dutzende Menschen keinen Eintritt zahlen? Das würde rechnerisch bedeuten, dass bei nahezu jeder Veranstaltung massiv Einnahmen „verschenkt“ wurden – das entspricht schlicht nicht der Realität.
Viel plausibler ist eine andere Erklärung:
Die Kostenstruktur von Milongas wird häufig unterschätzt oder ausgeblendet. Raumkosten, Technik, GEMA, DJs, Reinigung, Werbung, Ausfälle, Krankheit, steigende Energiepreise – all das summiert sich, auch wenn der Saal gut gefüllt ist. Von „knapper Kalkulation“ zu sprechen, heißt nicht, dass jemand trickst, sondern dass oft kein Puffer mehr vorhanden ist.
Und ja, es irritiert mich ebenfalls, wenn Menschen mit hohem Bildungsgrad, gutem Einkommen – teilweise mit teuren Autos vor der Tür – darüber diskutieren, ob 7 oder 10 Euro Eintritt „zumutbar“ sind. Das ist kein Vorwurf, sondern eine nüchterne Beobachtung. Kultur kostet Geld, auch im Tango.
Kurz gesagt:
Verluste entstehen nicht durch angebliche Massen von Freikarten, sondern durch jahrelang zu niedrig angesetzte Preise, aus Angst, Gäste zu verlieren. Diese Angst ist menschlich – wirtschaftlich ist sie auf Dauer fatal.
Deshalb halte ich Transparenz und realistische Preise für den einzig ehrlichen Weg. Alles andere führt früher oder später genau zu dem, was wir jetzt beobachten: Diskussionen, Schließungen – und die Frage, warum es immer weniger Orte gibt.
Hallo Katrin,
meine Milonga in Dresden (ca.550.000 Einwohner) findet 1-2 mal monatlich an einem Donnerstag statt. Es kommen im Durchschnitt 45 Gäste. Eintritt 7,00 x 42, Azubis/Studis 3,00 x 3 macht an Einnahmen 303,00 , abzüglich 200,00 Saalmiete, 30,00 für Einlass, bleiben 73,00 übrig. Ich bin von 18.30 bis 24.00 vor Ort, einschließlich Stühle und Tische vorher und nachher stellen. Macht also einen Stundenverdienst vor Ort von 13,27 €. Davon gehen noch die Fahrtkosten ab und die Vorbereitung fürs DJing zu Hause ebenso. Gratis kommen bei mir nur Leute rein die nicht Tango tanzen können und sich das mal anschauen wollen. So sieht die ganz normale Realität aus. Grüße, Leo
Lieber Leo,
danke für deine Offenheit und dafür, dass du die Zahlen so ehrlich auf den Tisch legst. Genau solche Beispiele zeigen, wie die Realität für viele Veranstalter aussieht.
Manchmal habe ich tatsächlich den Eindruck, dass Menschen, die nie Verantwortung übernommen, nie eine Milonga organisiert oder nie wirtschaftlich dafür geradegestanden sind, keinerlei Vorstellung davon haben, was hinter so einem Abend steckt. Über manche Kommentare kann man da nur den Kopf schütteln.
Deine Rechnung macht deutlich:
Selbst bei guter Planung bleibt am Ende kaum etwas übrig – und das bei sechs Stunden vor Ort, plus Vorbereitung, Nacharbeit und Fahrtkosten. Von „Gewinn“ kann da keine Rede sein.
Was viele komplett ausblenden:
Man geht immer in Vorleistung. Technik fällt nicht vom Himmel.
Eine Musikanlage, die einen Raum von 150–200 m² vernünftig beschallt, liegt schnell bei 8.000–10.000 €. Dazu kommen Licht, Kabel, Mischpult, Ersatzteile. Wenn man es schön machen will: Dekoration, Lampen, Atmosphäre – alles kostet.
Und dann die Musik:
Ein solides DJ-Repertoire entsteht nicht nebenbei. Wer ernsthaft auflegt, braucht tausende Titel. Auch das ist eine Investition, die sich nicht von selbst bezahlt.
Ein Punkt, der ebenfalls regelmäßig unterschätzt wird, ist die GEMA.
Ich bin selbst GEMA-Berater bei Pro Tango, weil ich mich mit der Materie wirklich auskenne. Ein Raum mit etwa 150 m², bei 10 € Eintritt, im entsprechenden Tarif, inklusive Mehrwertsteuer und GVL, kostet bei einem Abend von rund 5 Stunden etwa 116 €.
Im Umkehrschluss heißt das:
Du brauchst fast 20 zahlende Tänzer, nur um die GEMA zu bezahlen – bevor Saalmiete, Technik, DJ, Einlass oder sonst irgendetwas gedeckt ist.
Das zeigt ziemlich deutlich, wie fern manche Diskussionen der Realität sind. Manche Leute haben schlicht keine Ahnung, wovon sie reden.
Dein Beispiel macht klar:
Das ist keine Luxus- oder Komfortfrage, sondern schlichte wirtschaftliche Realität.
Danke, dass du das so transparent machst. Genau solche Stimmen braucht diese Debatte.
Herzliche Grüße
Christian
Lieber Christian,
als GEMA-Berater müsstest du aber auch die Angemessenheitsregelung kennen. Die lautet: „Übersteigt der von uns berechnete Preis für die Musiknutzung 11,89 % Ihrer tatsächlichen Nettoeinnahmen können Sie einen Angemessenheitsantrag stellen. Für die Neuberechnung setzen wir dann 11,89 % Ihrer Gesamtnettoeinnahmen an.“ (alle Details bei https://www.gema.de/de/w/hilfe/musiknutzer/rechnungen/rechnung-pruefen-lassen/meine-veranstaltung-schlecht-besucht-wie-angemessenheitsantrag?)
In meiner Milonga im Giesinger Bahnhof muss ich regulär auch über 100 Euro GEMA pro Abend zahlen. Mit der Angemessenheit, die man nachträglich, wenn die Besucherzahl und der Umsatz feststeht, beantragen kann, sind es dann (bei meiner Raumgröße und 10 Euro Eintritt) ca. 1,30 Euro pro Teilnehmer, was immer noch viel ist.
Herzliche Grüße, Theresa
Hallo Theresa,
ja, die Angemessenheitsregelung ist mir natürlich bekannt – und du hast völlig recht:
Gerade bei kleineren Milongas oder schwächerer Auslastung kann sie durchaus sinnvoll sein.
Bei Räumen bis ca. 200 m² (ich nehme an, das trifft bei dir zu) lässt sich die GEMA-Rechnung nachträglich über den Angemessenheitsantrag auf 11,89 % der tatsächlichen Nettoeinnahmen begrenzen. Bei 10 € Eintritt und Anwendung der 1/3–2/3-Regel (Musik per Tonträger, Essen/Trinken vorhanden) landet man dann – je nach Besuch – tatsächlich bei etwa 1–1,50 € pro Person, was immer noch kein Schnäppchen ist.
Man darf dabei allerdings nicht vergessen:
Für Räume bis 200 m² greift grundsätzlich ein Mindestsatz, der – je nach aktuellem Tarif – bei rund 70–75 € zzgl. MwSt. und GVL-Zuschlag liegt. Dieser wird auch bei Angemessenheit nicht unterschritten. Voraussetzung ist zudem, dass man der GEMA den tatsächlichen Umsatz offenlegt. Du liegst dann nur knapp unter 116 Euro, so wie von mir angegeben.
Bei größeren Veranstaltungen oder Wochenend-Events mit höherem Gesamtumsatz kann die Angemessenheitsregelung dagegen sogar ungünstiger sein. In solchen Fällen fahre ich oft besser mit der pauschalen Abrechnung nach Raumgröße und Eintrittspreis, ohne Umsatzmeldung – das hängt stark vom Einzelfall ab.
Wer zusätzlich Mitglied im Bund der GEMA-Zahler e. V. ist, erhält 20 % Rabatt auf die reguläre Rechnung. Dieser Rabatt entfällt allerdings, wenn man nach Angemessenheit abrechnet – auch das muss man in die Kalkulation einbeziehen.
Kurz gesagt:
Beide Modelle haben ihre Berechtigung. Entscheidend sind Raumgröße, Eintrittspreis, tatsächlicher Umsatz und Veranstaltungsformat. Eine pauschale Lösung gibt es leider nicht – genau das macht die Kalkulation für Milongas so schwierig.
Viele Grüße
Christian
Excellent article, thank you for putting it on paper. Similar issues in Ireland scene and organisers frightened to charge a reasonable amount. Anthony
Eigentlich wundere ich mich schon sehr darüber, dass ich mir erlaubt habe, eine Veröffentlichung des el abrazo in Hamburg aufzugreifen und mir dazu öffentlich Gedanken zu machen – und dass daraus nun ein persönliches Narrativ konstruiert wird.
Ich finde es bemerkenswert und ausdrücklich begrüßenswert, dass es endlich einmal einen Veranstalter gibt, der konkrete Zahlen offenlegt. Genau diese Transparenz fehlt in der Tangoszene seit Jahren fast vollständig. Wer über Eintrittspreise diskutieren will, ohne Kosten zu benennen, diskutiert im luftleeren Raum. Dass hier einmal Fakten auf dem Tisch liegen, ist kein Skandal, sondern überfällig.
Dass nun behauptet wird, diese Diskussion diene irgendwelchen Eigeninteressen, ist frei konstruiert – um es deutlich zu sagen: schlicht lächerlich. Die genannten Zahlen stammen nicht von mir, sondern vom Veranstalter selbst. Ich habe sie weder erfunden noch instrumentalisiert, sondern lediglich sachlich eingeordnet und kommentiert. Wer sich ernsthaft mit dem Artikel beschäftigt, sollte sich vor allem diese Zahlen ansehen – denn sie sind nicht meine, sondern sprechen für sich.
Wer daraus eine persönliche Agenda ableiten will, weicht der eigentlichen Frage aus:
Wie sollen Milongas, Studios und Veranstaltungsorte unter heutigen Bedingungen dauerhaft bestehen können?
Diese Debatte ist notwendig, unbequem und längst überfällig. Sie auf Personen zu reduzieren oder mit Unterstellungen zu überziehen, hilft niemandem weiter – weder Veranstaltern noch Tänzerinnen und Tänzern.
Beiträge, die der Sache nicht dienlich sind, sind es am Ende auch nicht wert, dass man weitergehend darauf eingeht.