
Preisdebatten im Tango: Warum Milongas lange zu günstig waren – und warum sich das rächt
Ein Gastbeitrag von Christian Beyreuther
Die Diskussion um steigende Eintrittspreise bei Milongas entzündet sich oft am falschen Punkt. Nicht die Erhöhung an sich ist bemerkenswert, sondern dass Veranstalter heute überhaupt gezwungen sind, offen über Zahlen zu sprechen. Genau diese Transparenz hat in der Tangoszene über viele Jahre gefehlt.
Wer über Preise diskutiert, ohne Kosten zu benennen, diskutiert letztlich im luftleeren Raum.
Ein nüchterner Blick auf die Realität
Betrachtet man heutige Veranstaltungsorte – Studios, Säle, Vereinsheime oder angemietete Räume –, wird schnell klar:
Allein die fixen Raumkosten (Miete, Heizung, Strom, Reinigung) bewegen sich häufig im sechsstelligen Bereich pro Jahr. Hinzu kommen Instandhaltung, Versicherungen, Steuerberatung, Verwaltung, Reparaturen, Ausfälle, Urlaube, Krankheitstage und stetig steigende Nebenkosten. Lohnkosten sind dabei oft noch nicht einmal realistisch eingepreist.
Mit anderen Worten:
Bevor auch nur ein Euro verdient ist, müssen Veranstalter jeden einzelnen Tag mehrere hundert Euro erwirtschaften – nur um den Betrieb aufrechtzuerhalten.
Warum Milongas früher so günstig waren
Um die heutige Situation zu verstehen, muss man einen Blick zurückwerfen. Milongas waren über viele Jahre hinweg außergewöhnlich günstig – oft zwischen 6 und 8 Euro Eintritt. Das hatte Gründe:
- Viele Veranstaltungen entstanden privat, in Wohnzimmern, Hinterhöfen, Gemeinderäumen oder günstigen Vereinsheimen.
- Ziel war selten Gewinn, sondern Kostendeckung für einen einzelnen Abend.
- Es herrschte eine Aufbruchstimmung: Tango machen, Menschen zusammenbringen, Orte schaffen.
- Die Motivation war idealistisch, nicht unternehmerisch.
- Diese Phase war wichtig – sie hat die Szene wachsen lassen. Aber sie war kein dauerhaft tragfähiges Wirtschaftsmodell.
Was sich grundlegend verändert hat
Die Rahmenbedingungen haben sich über die Jahre massiv verschoben:
- Räumlichkeiten wurden teurer oder gar nicht mehr kostenlos zur Verfügung gestellt.
- GEMA-Gebühren wurden verpflichtend.
- Gaststätten verlangten Mindestumsätze oder stellten eigenes Personal.
- Ab bestimmten Uhrzeiten fielen Zuschläge an – teilweise doppelte Lohnkosten ab 22 Uhr.
- Versicherungen, Auflagen, Haftungsfragen nahmen zu.
Für viele Betreiber war der tatsächliche Umsatz einer Milonga im Verhältnis zum Aufwand schlicht zu gering. Wenn „der Rubel nicht rollt“, verliert eine Gaststätte oder ein Verein schnell das Interesse, Räume für Milongas bereitzustellen.
Trotzdem wurden die Eintrittspreise über Jahre nicht angepasst – aus Angst, Gäste zu verlieren.
Die große Angst vor dem Preisgespräch
Hier liegt ein zentrales Problem der Szene:
Sobald jemand „zu teuer“ sagt, entsteht eine Gruppendynamik. Andere ziehen nach, Veranstaltungen werden gemieden – und am Ende bleiben weniger Gäste und geringere Einnahmen als zuvor.
Der Versuch, es allen recht zu machen, endet oft damit, dass niemandem geholfen ist – am wenigsten den Veranstaltern.
Dabei zeigt ein Blick auf andere Freizeitbereiche die Schieflage deutlich:
Ein Kinobesuch mit Ticket, Getränk und Snack kostet schnell 25–30 Euro pro Person. Für einen ganzen Abend Tango – Raum, Musik, Organisation – gelten dagegen oft noch Maßstäbe aus den frühen 2000er-Jahren.
Inflation, steigende Energiepreise und Lohnkosten wurden überall akzeptiert – nur bei Milongas nicht.
Die jüngste Ankündigung des el abrazo in Hamburg zur Preiserhöhung ist ein gutes und längst überfälliges Beispiel für Transparenz in der Tangoszene. Wer sich die offen genannten Zahlen anschaut, erkennt schnell: Hier geht es nicht um Gewinnmaximierung, sondern um schieres Überleben.
Allein die Raumkosten liegen bei rund 126.000 Euro pro Jahr, also ca. 10.500 Euro im Monat bzw. etwa 345 Euro pro Tag – und das wohlgemerkt ohne Löhne, Instandhaltung, Versicherungen, Steuerberatung oder unvorhergesehene Ausgaben. Diese Summe muss jeden einzelnen Tag erwirtschaftet werden, bevor auch nur ein Euro übrig bleibt.
Vor diesem Hintergrund erscheinen Eintrittspreise von 14 Euro (normal), 20 Euro (Unterstützerpreis) und 8 Euro (Sozialpreis) keineswegs hoch – eher vorsichtig kalkuliert. Ich hoffe sehr, dass das Modell der gestaffelten Preise aufgeht und sich genügend Menschen finden, die freiwillig den höheren Beitrag zahlen können und wollen. Genau diese Solidarität entscheidet darüber, ob ein Ort wie das el abrazo langfristig bestehen kann.
Besonders wichtig finde ich, dass hier offen kommuniziert wird, warum Preise steigen müssen. Die Alternative wäre Schweigen, Ausbrennen – und am Ende das Schließen eines weiteren Studios. Dann hilft auch kein nachträgliches Bedauern mehr.
Kurz gesagt:
Diese Preiserhöhung ist gerechtfertigt, transparent und vermutlich eher zu niedrig als zu hoch. Wer solche Orte erhalten will, muss bereit sein, ihren realen Preis mitzutragen.
Erfahrung aus der Veranstalterpraxis
Diese Einschätzung ist keine Theorie. Ich habe selbst über 250 Milongas veranstaltet, darunter zahlreiche mit Live-Musik, im Rahmen eines echten Wirtschaftsunternehmens (GbR). Über Jahre hinweg haben wir trotz hoher Auslastung Verluste gemacht. In einem Zeitraum von mehreren Jahren summierte sich das wirtschaftlich bereinigte Minus auf rund 42.000 Euro.
Nicht, weil schlecht gewirtschaftet wurde – sondern weil Eintrittspreise bewusst niedrig gehalten wurden, um „szeneverträglich“ zu bleiben.
Die Reaktion auf Hinweise, dass Preise steigen müssten, war vorhersehbar:
Vorwürfe, Polemik, das bekannte Narrativ vom „jammernden Veranstalter“. Dass am Ende privat draufgezahlt wurde, interessierte kaum jemanden.
Leidenschaft zahlt keine Rechnungen.
Warum Preiserhöhungen notwendig – und oft zu spät sind
Heute zeigt sich, wohin diese jahrelange Zurückhaltung geführt hat:
Veranstalter brennen aus, geben auf, Räume verschwinden. Und erst dann wird klar, dass Qualität, Kontinuität und Verlässlichkeit ihren Preis haben.
Preiserhöhungen sind keine Preistreiberei. Sie sind der Versuch, das zu erhalten, was über Jahre aufgebaut wurde. Oft sind sie sogar zu vorsichtig kalkuliert – und verschieben das Problem nur um ein oder zwei Jahre.
Ein Wunsch an die Szene
Wenn wir wollen, dass Milongas, Studios und Veranstaltungsorte bestehen bleiben, braucht es ein Umdenken. Nicht jeder muss alles bezahlen – aber diejenigen, die es können, sollten bereit sein, mehr beizutragen. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Wertschätzung.
Denn eines ist sicher:
Wenn es erst „den Bach runtergeht“, wenn Orte schließen und Strukturen verschwinden, ist es zu spät, um festzustellen, dass man eigentlich doch bereit gewesen wäre, ein paar Euro mehr zu zahlen.
Fazit
Die eigentliche Frage lautet nicht:
Warum werden die Preise erhöht?
Sondern:
Warum erwarten wir immer noch, dass engagierte Veranstalter diese Last dauerhaft alleine tragen?
Transparenz, wirtschaftliche Ehrlichkeit und realistische Preise sind keine Bedrohung für die Szene – sie sind ihre Voraussetzung für Zukunft.
3 thoughts on “Preisdebatten im Tango: Warum Milongas lange zu günstig waren – und warum sich das rächt”
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So wirklich glaubwürdig ist der Artikel für mich nicht, was die Kalkulation angeht.
Bei einigen der Milongas, die ihre Preise stark erhöht haben, beobachte ich, daß bestimmte Besucher, ohne im Schritt inne zu halten, am Eingang vorbeispazieren ohne einen Eintritt zu zahlen.
Auf Nachfrage wurde mir gesagt, daß diese Personen auf einer Gästeliste stehen würden, die mehr als zwei Dutzend Personen umfasst.
Positiv formuliert muß ein Veranstalter dann immer bei den Milongas aus eigener Tasche drauf legen, um die fehlenden Eintritte zu kompensieren.
Oder könnte es sein, daß eigentlich die normal zahlenden Gäste die vom Veranstalter großzügig eingeladenen Free-Rider mitfinanzieren dürfen?
Soviel zum Thema einer knappen Kalkulation.
Hallo Karin,
Wenn ich Dich also richtig verstehe: Soll das im Umkehrschluss heißen, dass Milonga-Veranstalter deshalb so teuer sind, weil ihre Gästelisten zu lang sind? Und weil diese zu lang ist, stimmt deshalb ihre Kosten-Kalkulation nicht? Da müssten sie mal drüber nachdenken.Interessante Begründung, weil da noch niemand drauf gekommen ist.
Excellent article, thank you for putting it on paper. Similar issues in Ireland scene and organisers frightened to charge a reasonable amount. Anthony