Ein didaktisches Missverständnis
Wenn man heute auf Milongas schaut, fällt etwas Merkwürdiges auf: Der Sanguichito erscheint erstaunlich häufig – und erstaunlich oft an genau derselben Stelle.
Man sieht ihn immer wieder in derselben kleinen Abfolge: ein Rück-Ocho der Frau, der Mann setzt eine Parada, der Fuß wird eingeschlossen, danach folgt eine Pasada. Diese Kombination hat sich in vielen Unterrichtssystemen fast zu einer Art Standard entwickelt. Für Anfänger ist das verständlich, denn solche festen Sequenzen lassen sich leicht erklären und schnell reproduzieren. Man bekommt das Gefühl, eine Figur gelernt zu haben.
Das Problem ist nur: Der Sanguichito war ursprünglich nie als feste Figur gedacht. Er entstand aus einer Situation. Aus einem Moment im Tanz, in dem der Bewegungsfluss kurz angehalten wird und sich daraus verschiedene Möglichkeiten ergeben. Wenn man ihn dagegen immer als Teil einer vorgefertigten Kombination tanzt, verliert er genau das, was ihn eigentlich interessant macht – seine Spontaneität.
Hinzu kommt, dass solche Sequenzen oft unabhängig von der Musik gelernt werden. Der Ablauf wird reproduziert, egal ob die Musik gerade einen Stopp nahelegt oder nicht. Dadurch wird der Sandwich zu einem Automatismus. Er erscheint nicht mehr als Reaktion auf die Musik, sondern als ein Stück Choreografie, das man an geeigneter Stelle „einbaut“.
Man kann auf vielen Tanzflächen beobachten, dass der Sandwich dadurch zu einer Art Gewohnheitsbewegung geworden ist. Er wird getanzt, weil man ihn kann – nicht weil die Musik ihn gerade verlangt.
Dabei wäre gerade das Gegenteil interessant. Der Sanguichito kann ein wunderbarer musikalischer Kommentar sein, wenn er an der richtigen Stelle entsteht: bei einer kleinen Pause, bei einem rhythmischen Akzent, bei einer Spannung in der Phrase. Dann wirkt er nicht wie eine Figur, sondern wie eine kleine Idee im Tanz.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, den Sandwich im Unterricht nicht in erster Linie als Figur zu vermitteln, sondern als Möglichkeit. Als eine von mehreren Antworten auf eine Parada. Manchmal entsteht daraus eine Pasada, manchmal eine Verzierung – und manchmal eben eine Mordida.
Dann bleibt der Sanguichito das, was er ursprünglich war: ein kurzer Moment des Spiels im Tanz.
