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Gedanken über Tango Unterricht | 45. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 45. Teil

Der Sanguichito – Mordida, Sandwich und Parada

Eine kleine Bewegung mit großer Geschichte

Der Sanguichito gehört zu jenen Bewegungen im Tango, die fast jeder Tänzer irgendwann lernt und die dennoch selten wirklich verstanden werden. Viele begegnen ihm relativ früh im Unterricht. Meist erscheint er als Teil einer kleinen Kombination: Rück-Ocho, Parada, Sandwich, Pasada. Eine hübsche Sequenz, leicht erklärbar, schnell gelernt. Doch wenn man genauer hinschaut, merkt man bald, dass der Sanguichito eigentlich keine Figur ist. Er ist vielmehr ein Moment im Tanz – ein kleines Ereignis zwischen zwei Füßen und damit auch zwischen zwei Menschen.

Die verschiedenen Namen dieser Bewegung erzählen bereits etwas über ihren Charakter. Mordida bedeutet wörtlich „Biss“. Das Bild ist deutlich: Der Fuß wird kurz gepackt, gehalten, eingeschlossen. Sandwich oder Sanguichito beschreibt dagegen die Form der Füße. Der Fuß eines Partners befindet sich zwischen den beiden Füßen des anderen, wie die Füllung zwischen zwei Brotscheiben. Beide Begriffe treffen also unterschiedliche Aspekte derselben Situation: ein kurzes Einfangen des Fußes und ein kleiner Rahmen um ihn herum.

Historisch ist diese Bewegung keineswegs eine moderne Spielerei des Unterrichts. Bereits in frühen Beschreibungen des Tangos aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts finden sich Bewegungen dieser Art. Sie gehören zu einer Gruppe von Elementen, die man als eine Art Spiel mit den Füßen beschreiben könnte. Dazu zählen Barridas, kleine Blockaden, Ganchos und eben auch Mordidas. Diese Bewegungen dienten nicht in erster Linie der Fortbewegung im Raum. Sie entstanden aus improvisierten Ideen im Tanz, aus kleinen Überraschungen, aus dem Dialog zwischen den Partnern.

Eine Bewegung, die es immer schon gab

Ich kann mich an den Sandwich von Beginn meiner Tango-Zeit an erinnern. Er gehörte zu den ersten kleinen „Kunststücken“, die man lernte. Damals erschien er mir fast wie eine kleine Zauberei: Der Fuß der Partnerin wird gestoppt, zwischen die eigenen Füße genommen – und plötzlich entsteht ein Moment, in dem beide Tänzer innehalten.

Rückblickend ist interessant, dass der Sanguichito eine der Bewegungen ist, die sich über die Jahrzehnte erstaunlich konstant gehalten haben. Viele Figuren im Tango sind gekommen und gegangen. Manche wurden Mode, verschwanden wieder oder wurden später neu interpretiert. Der Sandwich dagegen taucht in sehr vielen Generationen des Tangos auf. Schon frühe Beschreibungen des Tangos aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts erwähnen ähnliche Bewegungen, und auch ältere Tänzer aus Buenos Aires erzählen, dass solche kleinen „Fußspiele“ schon immer Teil des Tangos waren.

Vielleicht liegt das daran, dass der Sanguichito so einfach und gleichzeitig so vielseitig ist. Er braucht keine große Vorbereitung und keinen großen Raum. Er entsteht oft ganz beiläufig aus einer Parada, aus einem kurzen Stopp der Bewegung. Und plötzlich ist er da: ein kleiner Moment, in dem zwei Füße miteinander spielen.

Gerade diese Einfachheit hat wahrscheinlich dazu geführt, dass viele Tänzer mit dem Sandwich experimentierten. Man konnte ihn auf unterschiedliche Weise tanzen: kurz und rhythmisch, seitlich, eng im Paar oder etwas geöffnet. Manche machten ihn fast nur als kleinen Akzent, andere entwickelten daraus kleine Varianten. In gewisser Weise gehörte der Sanguichito zu den Bewegungen, an denen sich der persönliche Stil eines Tänzers zeigen konnte.

Wenn man sich an seine eigene Tangoanfangszeit erinnert, merkt man oft, dass diese Bewegung schon damals da war. Und wahrscheinlich war sie auch schon lange vorher da – als kleine Idee im Tanz, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Parada – der Moment des Stopps

Die Mordida entsteht meistens aus einer Parada. Parada bedeutet schlicht: Stopp. Der Leader setzt seinen Fuß so, dass die Bewegung der Partnerin für einen Moment angehalten wird. Dieser Stopp ist eigentlich der entscheidende Moment. Der Fuß wird nicht geschoben und nicht gezogen, sondern nur angehalten. In diesem Augenblick entsteht eine kurze Pause im Bewegungsfluss.

Aus dieser Pause können verschiedene Dinge entstehen. Der Leader kann den Fuß sofort wieder freigeben, er kann eine Pasada ermöglichen oder eine Verzierung entstehen lassen. Eine weitere Möglichkeit ist, den Fuß zwischen die eigenen Füße zu nehmen – und genau dann entsteht die Mordida. Der Sandwich ist also nicht der Kern der Bewegung, sondern nur eine von mehreren Möglichkeiten, die aus einer Parada hervorgehen können.

Spiel und Neckerei im Tanz

Wenn eine Mordida gut getanzt wird, entsteht ein kleiner Dialog zwischen den Tänzern. Der Leader hält den Fuß der Partnerin für einen Moment fest, nicht um Kontrolle auszuüben, sondern um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Der Tanz hält kurz inne, beide nehmen diesen Moment wahr. Vielleicht antwortet die Partnerin mit einer kleinen Verzierung, vielleicht steigt sie über den Fuß hinweg, vielleicht bleibt sie einfach ruhig stehen. In jedem Fall entsteht eine kurze Kommunikation.

Gerade deshalb wurde der Sanguichito oft als eine Art spielerische Neckerei verstanden. Der Fuß wird eingefangen, aber nur für einen Augenblick. Es ist kein dramatischer Akt, sondern eher ein Augenzwinkern im Tanz.

Viele frühe Tangotänzer experimentierten mit solchen Momenten. In den Anfangszeiten des Tangos tanzten Männer häufig miteinander, um Bewegungen zu entwickeln und auszuprobieren. Dabei entstanden zahlreiche kleine Varianten und Tricks mit den Füßen. Der Sanguichito bot dafür ideale Möglichkeiten, weil er technisch einfach ist und sich leicht variieren lässt. So entwickelten Tänzer ihre eigenen kleinen Versionen – manchmal ein seitliches Einschließen, manchmal ein kurzer rhythmischer Stopp, manchmal eine Variante, bei der der Leader selbst zwischen die Füße der Partnerin gerät. Solche Details gehörten oft zum persönlichen Stil eines Tänzers.

Die musikalische Dimension

So spielerisch diese Bewegung ist, so sehr steht sie unter einer wichtigen Bedingung: Sie muss musikalisch passen. Gerade hier entstehen auf vielen Tanzflächen Probleme. Der Sanguichito wird häufig getanzt, ohne dass er wirklich zur Musik gehört. Er erscheint einfach an der Stelle, an der man ihn gelernt hat.

Dabei sollte man sich bewusst machen, dass der Sandwich im Grunde ein Stillstand im Tanz ist. Der Bewegungsfluss wird kurz unterbrochen. Ein solcher Stillstand kann nur dann überzeugend wirken, wenn auch die Musik Raum dafür lässt. Besonders deutlich wird das bei sehr rhythmischen Orchestern wie etwa D’Arienzo. Diese Musik lebt von ihrem Vorwärtsdrang. Der Puls ist klar, präzise und treibend. Wenn man hier plötzlich eine lange, dramatische Mordida einbaut, entsteht ein Widerspruch. Die Musik drängt nach vorne, während der Tanz stehen bleibt.

Ein Sandwich kann auch zu solcher Musik funktionieren, aber dann eher kurz, fast rhythmisch – als kleiner Akzent im Fluss der Bewegung, nicht als längere Szene.

Diese Variante gefällt mir musikalisch, auch weil die Umarmung dafür nicht sehr geöffnet wird und der Mann den hinteren Fuss nach der Öffnung nur als Stütze benutzt. 

Ein musikalischer Gedanke

Vielleicht hilft es, den Sanguichito nicht als Figur zu betrachten, sondern als musikalischen Gedanken. Er funktioniert besonders gut an Stellen, an denen die Musik selbst eine kleine Spannung oder eine Pause enthält. Dann wirkt er wie ein kurzer Kommentar zur Musik, ein kleines Augenzwinkern im Tanz.

Der Sanguichito gehört zu den charmantesten Gesten des Tangos. Für einen Augenblick hält der Leader den Fuß seiner Partnerin fest – nicht um sie zu stoppen, sondern um mit ihr zu spielen. Aber gerade weil dieser Moment so klein ist, muss er mit Gefühl eingesetzt werden. Wenn er zur Musik passt, kann er den Tanz bereichern. Wenn er nur aus Gewohnheit getanzt wird, verliert er seine Leichtigkeit. Und genau diese Leichtigkeit ist es, die ihn eigentlich so schön macht.

Wenn der Sandwich zur Gewohnheit wird

Ein Problem entsteht, wenn der Sanguichito zur Routine wird. Auf vielen Tanzflächen sieht man ihn immer wieder an derselben Stelle auftauchen. Rück-Ocho, Parada, Sandwich, Pasada – immer wieder dieselbe Abfolge. Dadurch verliert die Bewegung ihren ursprünglichen Charakter. Was einmal als spontane Idee entstand, wird zu einer automatischen Figur.

Hinzu kommt, dass viele Tänzer beim Sandwich den Abstand im Paar stark vergrößern. Die Umarmung öffnet sich, der Leader tritt zurück, und plötzlich entsteht eine Art Mini-Show mitten im Tanz. Dabei kann eine Mordida durchaus in enger Umarmung entstehen. Dann bleibt sie klein und beiläufig, und gerade dadurch wirkt sie elegant. Sie erscheint nicht als große Geste, sondern als kleine Idee innerhalb des Tanzes.

Ein technisches Detail – der „Sancho“ nach der Pasada

Wenn ich mich an den Sandwich aus meiner frühen Tangozeit erinnere, gehörte noch etwas fast automatisch dazu: Nach der Pasada der Frau kam meist ein Gancho – oder, wie viele damals sagten, ein „Sancho“. Das gehörte praktisch zum festen Ablauf der Figur. Rück-Ocho, Parada, Sandwich, Pasada – und dann der Gancho der Frau.

Ich lasse diesen „Sancho“ in meinen Tangos  grundsätzlich weg. 

Denn das Problem dabei ist, dass diese Gewohnheit technisch eigentlich wenig Sinn ergibt. In der klassischen Unterrichtsversion steht der Mann nach dem Sandwich mit seinen Füßen relativ weit auseinander. Die Frau steigt über den vorderen Fuß des Mannes hinweg – die Pasada entsteht – und genau in diesem Moment soll sie aus dieser Position einen Gancho machen. Nur sind zu diesem Zeitpunkt die Knie der beiden Tänzer meist viel zu weit voneinander entfernt. Der notwendige Kontaktpunkt, der einen natürlichen Gancho ermöglichen würde, fehlt.

Deshalb sieht man auf vielen Tanzflächen eine etwas gezwungene Version dieser Bewegung. Die Frau versucht, den Gancho aus einer Position zu machen, die biomechanisch eigentlich gar nicht dafür gedacht ist. Das Bein muss dann künstlich angehoben oder umgelenkt werden, und der Gancho wirkt eher wie eine dekorative Pflichtübung als wie eine organische Reaktion im Tanz.

Eigentlich wäre die Lösung ganz einfach. Nachdem die Frau ihre Pasada gemacht hat, müsste der Mann seinen Fuß – über den sie gerade gestiegen ist – noch einmal leicht in ihre Richtung setzen. Dadurch verkleinert sich der Abstand zwischen den Knien beider Partner. Erst in dieser Nähe entsteht die typische Situation, aus der ein Gancho natürlich entstehen kann. Der Kontaktpunkt ist dann vorhanden, und der Haken entsteht fast von selbst, statt konstruiert zu wirken.

Dass man diese einfache Anpassung selten sieht, liegt wahrscheinlich daran, dass viele Tänzer den Sandwich immer noch als starre Figur gelernt haben. Die Abfolge wird reproduziert, ohne dass man sich noch einmal anschaut, wie die Körper tatsächlich zueinander stehen. So bleibt eine kleine technische Ungenauigkeit über Jahrzehnte bestehen – und wird immer wieder weitergegeben.

Dabei zeigt gerade dieses Detail, wie wichtig es ist, den Sandwich nicht als fertige Choreografie zu betrachten. Wenn man ihn als Situation im Tanz versteht, ergeben sich die nächsten Bewegungen ganz logisch aus der Position der Partner. Und dann wird auch klar, dass ein Gancho nach der Pasada nur dann wirklich funktioniert, wenn die beiden Tänzer wieder näher zueinander gekommen sind.

Ein didaktisches Missverständnis

Wenn man heute auf Milongas schaut, fällt etwas Merkwürdiges auf: Der Sanguichito erscheint erstaunlich häufig – und erstaunlich oft an genau derselben Stelle.

Man sieht ihn immer wieder in derselben kleinen Abfolge: ein Rück-Ocho der Frau, der Mann setzt eine Parada, der Fuß wird eingeschlossen, danach folgt eine Pasada. Diese Kombination hat sich in vielen Unterrichtssystemen fast zu einer Art Standard entwickelt. Für Anfänger ist das verständlich, denn solche festen Sequenzen lassen sich leicht erklären und schnell reproduzieren. Man bekommt das Gefühl, eine Figur gelernt zu haben.

Das Problem ist nur: Der Sanguichito war ursprünglich nie als feste Figur gedacht. Er entstand aus einer Situation. Aus einem Moment im Tanz, in dem der Bewegungsfluss kurz angehalten wird und sich daraus verschiedene Möglichkeiten ergeben. Wenn man ihn dagegen immer als Teil einer vorgefertigten Kombination tanzt, verliert er genau das, was ihn eigentlich interessant macht – seine Spontaneität.

Hinzu kommt, dass solche Sequenzen oft unabhängig von der Musik gelernt werden. Der Ablauf wird reproduziert, egal ob die Musik gerade einen Stopp nahelegt oder nicht. Dadurch wird der Sandwich zu einem Automatismus. Er erscheint nicht mehr als Reaktion auf die Musik, sondern als ein Stück Choreografie, das man an geeigneter Stelle „einbaut“.

Man kann auf vielen Tanzflächen beobachten, dass der Sandwich dadurch zu einer Art Gewohnheitsbewegung geworden ist. Er wird getanzt, weil man ihn kann – nicht weil die Musik ihn gerade verlangt.

Dabei wäre gerade das Gegenteil interessant. Der Sanguichito kann ein wunderbarer musikalischer Kommentar sein, wenn er an der richtigen Stelle entsteht: bei einer kleinen Pause, bei einem rhythmischen Akzent, bei einer Spannung in der Phrase. Dann wirkt er nicht wie eine Figur, sondern wie eine kleine Idee im Tanz.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, den Sandwich im Unterricht nicht in erster Linie als Figur zu vermitteln, sondern als Möglichkeit. Als eine von mehreren Antworten auf eine Parada. Manchmal entsteht daraus eine Pasada, manchmal eine Verzierung – und manchmal eben eine Mordida.

Dann bleibt der Sanguichito das, was er ursprünglich war: ein kurzer Moment des Spiels im Tanz.

Hier ein paar Sanguichito-Variationen…

Fazit

Der Sanguichito gehört zu diesen kleinen Bewegungen im Tango, die fast jeder kennt und die doch erstaunlich oft missverstanden werden. Viele lernen ihn früh als feste Figur: Rück-Ocho, Parada, Sandwich, Pasada – und vielleicht noch ein Gancho hinterher. Doch gerade diese schematische Vermittlung hat dazu geführt, dass er auf vielen Tanzflächen heute eher wie eine Routine wirkt als wie das, was er eigentlich sein könnte.

Ursprünglich war der Sanguichito kein choreografisches Element, sondern ein Moment im Tanz. Ein kurzer Stopp, aus dem sich verschiedene Möglichkeiten entwickeln konnten. Manchmal entstand daraus eine Mordida, manchmal eine Pasada, manchmal auch einfach ein Weitergehen. Gerade diese Offenheit machte seinen Reiz aus. Es war ein kleines Spiel zwischen den Füßen, eine Neckerei, ein kurzer Dialog.

Wenn der Sandwich jedoch automatisch an derselben Stelle erscheint, verliert er genau diese Qualität. Dann wird er zur Gewohnheit. Besonders problematisch wird das, wenn er unabhängig von der Musik getanzt wird oder wenn daraus übertrieben dramatische Szenen entstehen, die den Fluss der Musik eher stören als unterstützen.

Auch technisch lohnt sich ein genauerer Blick. Viele der tradierten Kombinationen – etwa der automatische Gancho nach der Pasada – ergeben biomechanisch nur wenig Sinn, weil die Position der Partner dafür oft gar nicht geeignet ist. Solche Gewohnheiten zeigen, wie schnell aus einer improvisierten Idee eine starre Figur werden kann.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, den Sanguichito wieder einfacher zu sehen. Nicht als Pflichtfigur, sondern als Möglichkeit. Als kleine Idee im Tanz, die aus einer Parada entstehen kann – wenn Musik, Raum und Situation es nahelegen.

Dann wird der Sandwich wieder das, was er einmal war: kein Effekt, keine Routine, sondern ein kurzer Moment des Spiels im Tango.

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