
Gedanken über Tango Unterricht | 41. Teil
Was sind Bezugssysteme – und warum sie beim Lernen manchmal sehr hilfreich sind
Tango wird gern als etwas beschrieben, das man nicht erklären könne.
Man müsse ihn fühlen. Alles andere störe nur.
Das ist bequem – und falsch.
Denn auch wenn Tango im Tanz selbst weitgehend unbewusst geschieht, wird er nicht unbewusst gelernt.
Lernen braucht Orientierung. Und Orientierung braucht Bezugssysteme.
Bezugssysteme sind keine Theorie über Tango.
Sie sind Hilfsmittel, um Komplexität zu strukturieren, Wahrnehmung zu schärfen und Missverständnisse zu vermeiden. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.
Bezugssysteme im Tango – eine erste Einordnung
Im Tango-Unterricht lassen sich drei grundlegende Ebenen unterscheiden, auf die sich Bewegung beziehen kann:
der Raum, in dem sie stattfindet
der Körper, der sich bewegt – allein und im Paar
die Zeit, die durch Musik strukturiert wird
Beim Tanzen selbst werden diese Ebenen nicht getrennt wahrgenommen.
Beim Lernen ist genau diese Trennung oft notwendig.
In diesem Beitrag geht es darum, warum diese Bezugssysteme hilfreich sein können – und warum sie trotzdem nicht das Ziel sind.
Räumliche Bezugssysteme
Räumliche Bezugssysteme klären Orientierung im Raum: Richtung, Weg, Abstand, Platzierung.
Dazu gehören unter anderem:
Tanzrichtung und Ronda
vorwärts, rückwärts oder seitlich – relativ zur Partnerin
Nähe und Distanz zu anderen Paaren
Begrenzung und Nutzung des verfügbaren Raums
Niemand tanzt gut, weil er Raum analysiert.
Aber viele tanzen schlecht, weil ihnen jede räumliche Orientierung fehlt.
Gerade im Unterricht wird oft unterschätzt, wie sehr Unsicherheit im Raum Bewegung verzerrt. Wer nicht weiß, wohin er sich bewegt, kann weder führen noch reagieren – egal, wie sehr er glaubt, „im Gefühl“ zu sein.
Räumliche Bezugssysteme schaffen zunächst Sicherheit.
Erst danach wird Feinheit möglich.
Körperliche Bezugssysteme
Körperliche Bezugssysteme betreffen die Organisation des eigenen Körpers und die Beziehung der Körper zueinander im Paar.
Zu den grundlegenden gehören:
eigene Achse und Gleichgewicht
Gewichtsverlagerung und Standbein
Rotation, Dissoziation und Spiralbewegung
Spannung und Entspannung
die Beziehung der Körper zueinander in der Umarmung
Diese Aspekte werden gern als selbstverständlich vorausgesetzt.
Sind sie aber nicht.
Viele Tänzer halten ihr Körpergefühl für zuverlässig, obwohl es oft vor allem aus Gewohnheit besteht. Ohne klare Bezugssysteme bleibt Wahrnehmung unscharf, nicht überprüfbar und kaum reproduzierbar.
Tango-spezifische körperliche Bezugssysteme im Paar
Über die allgemeine Körperorganisation hinaus gibt es Bezugssysteme, die spezifisch für Tango im Paar sind und sich nur relational beschreiben lassen.
Ein zentrales System ist das Verhältnis von konträren und parallelen Körperrotationen im Paar:
parallele oder gegensätzliche Schulter- und Beckendrehungen, das aneinander Rollen der Körper, das bewusste Zulassen oder Vermeiden von Gegenspannung.
Ein weiteres tango-spezifisches Bezugssystem betrifft die Bewegungsrichtungen im Paar:
das Gegeneinander-Gehen, etwa in Drehungen mit Sacadas, oder das gemeinsame Bewegen in dieselbe Richtung.
Hinzu kommt ein drittes, im Unterricht oft unterschätztes Bezugssystem: die gemeinsame Richtungsbeschreibung im Paar.
Körperbezogene Richtungsangaben wie „rechts“ und „links“ sind in gegenüberstehenden Paaren irreführend. Was für den einen rechts ist, ist für den anderen links. Im Unterricht führt das regelmäßig zu Verwirrung, die nichts mit Technik zu tun hat.
Sinnvoller ist eine paarbezogene Richtungsbezeichnung, die für beide gleich gilt:
die offene Seite – die Seite, auf der sich die Hände auf Schulterhöhe ineinanderschließen
die geschlossene Seite – die Seite, auf der die Arme überkreuz den Partner umarmen
Diese Begriffe beschreiben keine anatomische Seite, sondern eine funktionale Beziehung im Paar. Sie erlauben klare Kommunikation, ohne dass ständig mental übersetzt werden muss.
Im Tanz selbst spielen diese Bezeichnungen keine Rolle.
Im Unterricht können sie entscheidend sein.
Ein typischer Unterrichtsmoment
Im Unterricht hört man häufig Sätze wie:
„Jetzt geht bitte nach rechts.“
„Von ihm oder ihr aus betrachtet?“
Spätestens hier ist klar: Das Problem liegt nicht in der Bewegung, sondern in der Beschreibung.
Sobald stattdessen gesagt wird:
„Jetzt bewegen wir uns zur offenen Seite“
oder
„Die Drehung öffnet sich zur geschlossenen Seite“
verschwindet die Verwirrung fast sofort. Nicht, weil die Bewegung einfacher geworden wäre, sondern weil beide Partner dasselbe Bezugssystem teilen.
Die Aufmerksamkeit bleibt bei der Bewegung – nicht bei der Begriffsklärung. Genau hier zeigt sich, wozu Bezugssysteme da sind: Sie lösen kein technisches Problem, sondern ein kommunikatives.
Das musikalische Bezugssystem – Verbindung von Raum und Zeit
Das musikalische Bezugssystem unterscheidet sich grundlegend von den bisherigen.
Es verbindet Raum und Zeit der Bewegung.
Während räumliche Bezugssysteme klären, wohin sich etwas bewegt, und körperliche, wie es geschieht, geht es hier um das Wann – und um die musikalische Ebene, auf die sich Bewegung bezieht.
Voraussetzung ist die gemeinsame Wahrnehmung musikalischer Ebenen. Nicht als Analyse, sondern als geteilte Orientierung. Entscheidend ist, wahrzunehmen, auf welche musikalische Ebene sich der Partner gerade bezieht oder beziehen will.
Bewegung im Tango ist fast immer ein Angebot. Und dieses Angebot richtet sich nicht nur an den Körper der Partnerin, sondern ebenso an einen bestimmten Moment in der Musik.
Ohne diese gemeinsame zeitliche Orientierung bewegen sich beide zwar zur Musik, aber nicht unbedingt miteinander.
Ein Führender, der das nötige Timing Partnerin nicht antizipierend beachtet, gibt seine Signale meistens zu spät und die Folgende fühlt sich „gehetzt“ und „nicht abgeholt“: Sehr häufig bei Ochos zu beobachten, bei denen der Führende die nächste, neue Richtung nicht rechtzeitig angibt.
Musikalische Bezugssysteme, Führung und Einladung
Führung wird oft auf Körpertechnik reduziert: Impuls, Richtung, Spannung.
Das greift zu kurz.
Denn jede Führung im Tango ist auch eine zeitliche Einladung. Wer führt, schlägt nicht nur eine Bewegung vor, sondern implizit auch jetzt – und auf dieser musikalischen Ebene.
Viele Missverständnisse im Paar entstehen nicht aus schlechter Technik, sondern aus unterschiedlichen musikalischen Bezugnahmen. Beide tanzen zur Musik – aber zu verschiedenen Ebenen derselben Musik.
Dann ist eine Einladung körperlich klar, aber zeitlich unlesbar.
Oder musikalisch passend, aber für den Partner nicht erkennbar.
Führung bedeutet hier nicht Kontrolle, sondern Koordination von Aufmerksamkeit. Die Einladung gilt dem Körper – und der Zeit.
*Das ist nicht falsch – kann sogar eine höhere Stufe der Musikinterpretation sein – aber dazu gehört die Wahrnehmung der Musikebene des Partners, – aber für beide. Aber das ist ein anderes Thema: Die „koordinierte, freie Improvisation“ im Paar.
Bezugssysteme als Voraussetzung gemeinsamen Handelns
Bezugssysteme wirken nicht nur im Tango.
Sie sind überall dort notwendig, wo mehrere Akteure gemeinsam handeln.
Sobald Menschen – oder Menschen und Maschinen – zusammenwirken, braucht es geteilte Orientierungen: Absprachen über Raum, Zeit, Richtung, Reihenfolge und Bedeutung von Signalen. Ohne solche Bezugssysteme ist koordiniertes Handeln Zufall.
Das gilt in der Industrie ebenso wie in der Musik – und damit auch im Tanz.
Wer glaubt, ein Orchester könne ohne Noten, ohne Partitur, ohne gemeinsame Zählweise oder ohne Dirigat eine Symphonie spielen, verkennt die Grundlagen kollektiver Leistung. Diese Systeme sind keine Einschränkung der Kunst, sondern deren Voraussetzung.
Erst weil es gemeinsame Bezugssysteme gibt, können Musiker später frei phrasieren, variieren und interpretieren.
Ohne sie entstünde kein Zusammenspiel, sondern bloß Gleichzeitigkeit.
Im Tango ist es nicht anders.
Auch hier treffen mehrere Akteure aufeinander, die sich in Raum und Zeit koordinieren müssen.
Wer darin bloß eine Einschränkung von Freiheit sieht, versteht keine kollektive Handlung.
Dass diese Systeme im fertigen Tanz nicht sichtbar sind, bedeutet nicht, dass sie überflüssig wären.
Im Gegenteil: Ihre Wirkung zeigt sich gerade darin, dass sie nicht mehr thematisiert werden müssen.
Fazit:
Bezugssysteme sind Werkzeuge, keine Wahrheiten
Räumliche, körperliche und musikalische Bezugssysteme beschreiben nicht, was Tango ist.
Sie beschreiben, wie man ihn lernen kann.
Sie helfen, weil sie Orientierung geben, Wahrnehmung schärfen und Kommunikation ermöglichen. Sie schaden, wenn man sie für den Tanz selbst hält.
Der Gegensatz von Gefühl und Struktur ist künstlich.
Gefühl entsteht nicht vor Orientierung, sondern meist nach ihr.
Bezugssysteme benutzt man, solange man sie braucht.
Danach lässt man sie wieder los.
Nicht, weil sie falsch wären –
sondern weil Tango am Ende getanzt wird,
nicht erklärt.
5 thoughts on “Gedanken über Tango Unterricht | 41. Teil”
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Stellungnahme zu:
https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/01/was-ihnen-ihr-tangolehrer-nicht-erzahlt.html
Riedls erneute Antwort bestätigt leider genau das, was kritisiert wurde: Er zieht sich auf die Behauptung zurück, all das „nicht gesagt“ zu haben, was seine Texte faktisch nahelegen. Die Wirkung seiner Beiträge entsteht jedoch nicht durch einzelne Sätze, sondern durch das wiederholte Muster: Unterricht wird relativiert, Expertise infrage gestellt, professionelle Strukturen als geistige Einengung dargestellt.
Dass keine wörtlichen Zitate angeführt werden, ist dabei kein Argument. Kritik richtet sich an Deutungsrahmen und Argumentationslinien – und die sind eindeutig. Persönliche Erfahrungen werden verallgemeinert und implizit zum Maßstab erhoben, während andere Lernwege systematisch abgewertet werden.
Kurz gesagt:
Riedl zeigt angeblich nur „Alternativen“, positioniert sie aber regelmäßig gegen alles, was nicht seinem eigenen Weg entspricht – und verweigert anschließend die Verantwortung für die Wirkung seiner Texte.
Das ist keine Missinterpretation, sondern ein wiederkehrendes Muster.
Ich frage mich ernsthaft, ob dieser Mann noch in den Spiegel schauen kann, so konsequent wie er sich selbst belügt, Tatsachen verdreht, Schuld umkehrt und alles so lange verbiegt, bis es wieder ins eigene Weltbild passt.
Ach Christian,
wir kennen doch seine Spielchen. Wie solche: „Als Reaktion auf meinen Artikel hat Klaus Wendel nun einen ellenlangen „Nachtrag“ zu seinem Text veröffentlicht. Ein solches „Hinterherschieben“ (nicht zum ersten Mal) wirkt nicht sehr überzeugend. Ich rate stets dazu, sich seine Argumentationen zunächst gut zu überlegen und sie dann aufzuschreiben. Dann müsste man nicht hinterher Schadensbegrenzung betreiben.“
Auch eine gewiefte Verdrehung. Ich lege nach, weil er zu dämlich ist, meinen Text zu verstehen und er verdreht es so, als wäre der erste Beitrag nicht eindeutig gewesen. Den Schaden hat also er verursacht. Er lügt wie gedruckt. Wenn er zu solchen Mitteln greift, muss er ziemlich verzweifelt sein.
Mein Kommentar zu: Was ihr Tangolehrer nicht erzählt:
https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/01/was-ihnen-ihr-tangolehrer-nicht-erzahlt.html
Riedl diskreditiert mit diesem Text nicht einzelne Positionen, sondern pauschal tausende Tänzerinnen und Tänzer, Lehrerinnen und Lehrer sowie Veranstalter, die über Jahre hinweg Zeit, Geld, Energie und Verantwortung in ihren Tango investiert haben – mit Leidenschaft, Ausdauer und oft bis an die persönliche Belastungsgrenze. Was er dabei betreibt, ist keine Kritik, sondern Delegitimierung.
Der Kern des Problems ist nicht, dass Riedl Unterricht kritisch sieht oder Improvisation betont. Das darf man. Der Kern des Problems ist, dass er jede Form von Kompetenz, die nicht seiner eigenen Biografie entspricht, grundsätzlich entwertet. Wer gelernt hat, wer unterrichtet, wer organisiert, wer Strukturen aufbaut oder Verantwortung übernimmt, wird bei ihm automatisch verdächtig: verkrampft, kontrollierend, systemgläubig, unfrei.
Gleichzeitig erhebt er seine eigene Erfahrung zum Maßstab für alle – ohne sie jemals derselben Prüfung zu unterziehen, die er bei anderen anlegt. Unterricht sei überflüssig, Ausbildung führe in Sackgassen, Regeln verhinderten Lernen. Belege dafür bleibt er schuldig. Stattdessen liefert er Anekdoten, Selbstvergewisserung und ein permanentes „Ich habe es anders erlebt“. Das ist keine Analyse, das ist Selbsterzählung.
Besonders perfide ist dabei die Logik:
Weil es im Tango keine formalen Abschlüsse gibt, erklärt Riedl jede Form von Expertise für fragwürdig – außer der eigenen. Wer viel gelernt hat, hat angeblich nichts verstanden. Wer wenig gelernt hat, dafür aber überzeugt auftritt, gilt als authentisch. So immunisiert man sich elegant gegen jede fachliche Kritik.
Damit verschiebt er den Diskurs vollständig: Es geht nicht mehr um Inhalte, Qualität oder Praxis, sondern um Gesinnung. Wer nicht seiner Sicht folgt, hat „Angst vor Fehlern“, „Kontrollbedürfnis“ oder ein deformiertes Verhältnis zur Musik. Das ist kein Dialog, das ist Abwertung.
Der größte Widerspruch bleibt jedoch:
Riedl fordert Freiheit, Offenheit und Improvisation – verweigert sie aber konsequent allen, die zu anderen Schlüssen gekommen sind als er. Seine Freiheit endet dort, wo andere ihre anders erworbene Kompetenz ernst genommen wissen wollen.
Mit diesem Artikel hat er sich endgültig ins Abseits gestellt. Nicht, weil man seine Meinung nicht teilen dürfte, sondern weil er jede andere Erfahrung systematisch entwertet, während er selbst keinerlei belastbare Kompetenz nachweist. Wer Kompetenz abschafft, um sie exklusiv für sich zu beanspruchen, argumentiert nicht frei – er argumentiert bequem.
Kurz gesagt:
Riedl schreibt nicht über Lernen, er schreibt gegen Lernen.
Er schreibt nicht über Tango, er schreibt über sich.
Und wer so argumentiert, verspielt jede Glaubwürdigkeit als ernstzunehmender Diskussionspartner.
Auf den Punkt gebracht!
Lieber Klaus,
ich glaube, es macht inzwischen keinen Sinn mehr, auf Riedels Beiträge einzugehen. Seine Glaubwürdigkeit hat er über die Zeit selbst verspielt. Jedes Mal, wenn er andere angreift, provoziert oder abwertet, tappen wir in dieselbe Falle: Wir reagieren, wollen richtigstellen, einordnen, widerlegen – und genau davon lebt sein Blog.
Das Muster ist immer gleich. Er setzt auf Zuspitzung, persönliche Herabsetzung und bewusste Provokation, um Reaktionen zu erzeugen. Die inhaltliche Auseinandersetzung steht dabei längst nicht mehr im Vordergrund. Es geht um Aufmerksamkeit, um Bestätigung durch Widerspruch, um das Gefühl, relevant zu bleiben. Jede Antwort liefert ihm genau das.
Vielleicht ist es deshalb klüger, seinen Standpunkt einfach stehen zu lassen. Er kann schreiben, kommentieren und polemisieren, so viel er möchte. Die entscheidende Frage ist nicht, was er sagt, sondern: Wer glaubt ihm noch? Und da bin ich ziemlich sicher, dass die Tango-Gemeinschaft ihm längst nicht mehr folgt. Nicht aus Bosheit, sondern aus Ermüdung.
Deine Texte und Analysen haben Substanz und stehen für sich. Sie brauchen keine Spiegelung durch jemanden, der sich seit Jahren im Kreis dreht. Schweigen ist in diesem Fall kein Ausweichen, sondern eine bewusste Entscheidung, dem Spiel keine Bühne mehr zu geben.
Herzliche Grüße
Christian