
Gedanken über Tango Musik | 6. Teil
1:1-Rhythmus und Charakter – warum Troilo mich gezwungen hat, anders zu tanzen
Vor einigen Tagen hatte ich ein längeres Gespräch mit einer DJ, die zugleich unterrichtet und in ihren Prácticas musikalisches Tanzen bewusst in den Mittelpunkt stellt. Dort geht es weniger um Figuren oder Technikdetails als um Wahrnehmung und Entscheidung. Irgendwann kamen wir auf Aníbal Troilo zu sprechen, und wir waren uns schnell einig, dass man ihn ohne Übertreibung zu den genialsten Orchesterleitern des Tango zählen kann.
Mich hat Troilos Musik früher irritiert. Ich empfand sie als unruhig, beinahe nervös. Erst mit Abstand wurde mir klar, dass diese Nervosität nicht in der Musik lag, sondern in meiner Art, sie zu behandeln. Ich hörte den Puls und war überzeugt, jeden Schlag 1:1 umsetzen zu müssen. Ein Video aus den 1990er-Jahren, in dem ich mit Ingrid Saalfeld vortanze, macht das im Rückblick deutlich sichtbar. Der Tanz ist rhythmisch korrekt und technisch sauber, doch er wirkt überladen. Jeder Impuls wird sofort beantwortet, kein Moment darf sich sammeln, nichts darf stehen bleiben. Wir waren im Takt – aber nicht im Charakter der Musik.
Zugegeben, es wirkt aus heutiger Sicht betrachtet „wie zwei Duracell-Hasen auf Speed“, aber trotzdem sehr inhaltslos. Aber aus damaliger Sicht (1996) war Showtanz noch Aktionismus. Das Stück ist übrigens von Anibal Troilo:
“ Milongeando en el 40″
Choreografisch interessant, weil unsere Antonio Todaros Figuren auch ziemlich original 40er-Jahre-Tango war, wie der Titel es vorgab.
Naja, 1:1 haben wir es doch einigermaßen hinbekommen.
1:1 als Grundlage – und seine Grenze
1:1-Tanzen bedeutet zunächst nichts anderes, als jeden hörbaren Schlag körperlich zu realisieren. Rhythmische Sicherheit ist dabei keine Nebensache, sondern das Fundament jedes sozialen Tanzens. Ohne Pulsgefühl gibt es weder Orientierung im Paar noch Verlässlichkeit im Raum.
Die Grenze dieses Prinzips wird dort sichtbar, wo jeder Schlag als gleichwertige Handlungsanweisung verstanden wird. In dem Moment verlieren Vorbereitung, Akzent, Verdichtung und Auflösung ihre jeweilige Bedeutung, weil sie identisch behandelt werden. Der Tanz bleibt korrekt, reagiert jedoch nicht mehr differenziert auf das, was tatsächlich klingt. 1:1 liefert Struktur; Charakter entsteht erst durch Gewichtung.
Wie sieht perfekte 1:1 Umsetzung aus?
In diesem Video lässt sich bei Chicho & Moira gut erkennen, dass rhythmisch nahezu jeder Akzent umgesetzt wird. Das muss man zunächst einmal leisten – nur wenige Tänzer sind dazu in der Lage. Es wirkt beinahe wie eine perfekte Übersetzung der Musik, als hätte der Komponist eigens eine zusätzliche Partitur für das Tanzpaar geschrieben. Allerdings eignet sich die Musik „Don Juan“ von Carlos Di Sarli auch besonders für eine derart präzise rhythmische Umsetzung.
Direktheit und Verdichtung – Donato und Troilo
Als Rhythmus-Tänzer habe ich nie ein Problem mit unmittelbarer Umsetzung gehabt. Bei Edgardo Donato funktioniert diese Direktheit ausgezeichnet. Wenn dort eine Synkope aufblitzt oder das Klavier einen Impuls deutlich markiert, darf der Fuß reagieren, ohne dass der musikalische Zusammenhang leidet. Die Energie dieser Musik liegt vorne, im Impuls.
Bei Troilo ist der Puls ebenfalls klar, doch er wird anders geführt. In den Aufnahmen mit Francisco Fiorentino entsteht eine ausgeprägte Spannungsarchitektur: instrumentale Einleitung, gesungene Strophe, gesungener Refrain und häufig eine deutlich wahrnehmbare Steigerung zum Schluss. Der Pianist Orlando Goñi markiert den Puls, aber nicht hart, sondern elastisch. Der Schlag ist präsent, doch er federt und trägt.
Wenn man diese Elastizität ignoriert und jeden Impuls identisch umsetzt, wird aus innerer Verdichtung äußerer Aktion. Genau das geschah in meinem früheren Tanz. Nicht der Puls war falsch, sondern seine Gleichbehandlung.
Charakter zeigt sich im Umgang mit Zeit
Der entscheidende Unterschied zwischen 1:1-Umsetzung und charakterbezogenem Tanzen liegt im Umgang mit Zeit. Bei Troilo entsteht Spannung nicht nur auf dem Schlag, sondern im Verhältnis zu ihm. Eine Bewegung kann minimal vorbereitet oder leicht verzögert werden, ohne dass der Puls verloren geht. Diese feine Verschiebung verändert die Qualität des Tanzes grundlegend.
Tanztechnisch bedeutet das, dass die Gewichtsübernahme nicht als unmittelbare Reaktion auf den hörbaren Impuls erfolgt, sondern als bewusst aufgebauter Prozess. Der freie Fuß wird klar projiziert, während das Standbein einen Hauch länger tragend bleibt, sodass sich Spannung im Zentrum sammeln kann, bevor das Gewicht vollständig übergeht. Dadurch entsteht eine Bewegung, die nicht geschossen, sondern getragen wirkt. Ebenso kann es musikalischer sein, über vier Schläge hinweg nur zwei vollständig gesetzte Schritte zu tanzen, wenn diese innerlich vorbereitet und klar im Boden verankert sind, als jeden Schlag gleichmäßig abzuzählen. In Drehbewegungen zeigt sich dieselbe Qualität, wenn die Rotation nicht durch abrupt segmentierte Einzelschritte entsteht, sondern durch eine kontinuierliche Führung im Oberkörper, die die Beine folgen lässt. Entscheidend ist dabei nicht ein geringeres Tempo, sondern eine andere Gewichtung von Impuls und Ausführung.
Im instrumentalen Beginn einer Aufnahme wie Toda mi vida wirkt ein vorbereiteter, vollständig gesetzter Schritt dichter als mehrere gleichförmig durchgezählte Bewegungen. Mit dem Einsatz der Stimme verschiebt sich die Aufmerksamkeit zusätzlich auf melodische Bögen, sodass äußere Aktion eher reduziert als gesteigert werden sollte. Die Musik entwickelt sich; sie verlangt nicht permanente Reaktion, sondern differenzierte Teilnahme.
Es geht also nicht darum, weniger Rhythmus zu tanzen, sondern ihn anders zu gewichten.
Carlos Espinoza & Noelia Hurtado tanzen „Uno“ von Anibal Troilo
Hören als Voraussetzung für Differenzierung
Viele Tänzer kennen die Namen der Orchester, doch das bedeutet nicht automatisch, dass sie deren Klang unterscheiden können. Zwischen Juan D’Arienzo, Aníbal Troilo und Carlos Di Sarli liegen deutliche Unterschiede im Umgang mit Puls, Phrasierung und Energieverteilung. Diese Unterschiede werden jedoch erst wirksam, wenn man sie bewusst hört.
Wer eine Tanda im Sitzen anhört, ohne sofort tanzen zu wollen, beginnt, Spannungsbögen und Übergänge wahrzunehmen. Man hört, wo ein Orchester Druck aufbaut, wo es zurücknimmt, wo es Spannung über mehrere Takte trägt. Erst dieses differenzierte Hören ermöglicht später eine differenzierte Bewegung. Ohne diese Wahrnehmung bleibt der Tanz zwangsläufig gleichförmig, selbst wenn er rhythmisch korrekt ist.
Sebastián Arce & Mariana Montes tanzen „Melodía de Arrabal“. Auch hier wird nicht jeder Taktschlag in sichtbare Aktion übersetzt, sondern der romantische Charakter der Musik in den Vordergrund gestellt. Die Ruhe und Souveränität tragen diesen Tanz, während rhythmische Phrasierungen nur fein und gezielt aufgegriffen werden – fast so, als würde man sie sich wie ein Bonbon bewusst herauspicken. Gerade diese Reduktion und selektive Akzentuierung verleihen der Interpretation ihre Tiefe.
Warum viele Milongas klanglich nivelliert wirken
Auf vielen Milongas wechselt das Orchester, doch der Bewegungsduktus auf der Fläche bleibt erstaunlich konstant. D’Arienzo, Troilo oder Di Sarli erzeugen kaum sichtbare Unterschiede. Das liegt nicht an der Musik, sondern an der Art, wie sie behandelt wird. Wenn 1:1 zur universellen Lösung wird, entsteht eine sichere und sozial kompatible, aber ästhetisch nivellierte Bewegungskultur.
Die Musik wird dann Hintergrund, nicht Gestalter. Der Puls dient als gemeinsamer Nenner, während klangliche Eigenheiten kaum noch körperliche Konsequenzen haben. Die Folge ist eine Atmosphäre, die sich trotz wechselnder Orchester nur geringfügig verändert. Was eigentlich Vielfalt sein könnte, erscheint als Variation im Tempo, nicht als Unterschied im Charakter.
Eine unbequeme Schlussfolgerung
Rhythmische Sicherheit bleibt das Fundament, doch sie darf nicht als Endziel missverstanden werden. Charakter entsteht dort, wo Impulse gewichtet und Spannungen ausgehalten werden, anstatt sie reflexhaft zu entladen. Nicht wer einmal aus dem Takt gerät, verfehlt die Musik, sondern wer sie nicht unterscheidet.
Wenn alles gleich getanzt wird, bleibt am Ende nur das Raster.
Und für Troilo wäre das eindeutig zu wenig.