Gedanken über Tango Musik | 5. Teil | Nachtrag

Liebe Leserinnen und Leser,

die letzten Beiträge zur Tango-Musik waren ein ernst gemeinter Versuch, sachlich über Musik, Unterricht und deren Bedeutung zu schreiben. Anlass war die wiederholte Behauptung eines Bloggers, man würde sich seinen Inhalten nicht argumentativ stellen.

Also habe ich es getan.

Wer die Texte gelesen hat, weiß: Es ging um Struktur, Didaktik, Tanzbarkeit, historische Entwicklung – nicht um Personen und nicht um Musikgeschmack.

Doch es zeigt sich erneut: Das Interesse an einer inhaltlichen Auseinandersetzung ist offenbar gering. Stattdessen kehrt der bekannte Dreischritt zurück – Abwertung, Ironisierung, Ablenkung. Danach beginnt die Dauerschleife von vorn.

Man darf moderne Musik bevorzugen.
Man darf EdO ablehnen.
Man darf Unterrichtskonzepte kritisieren.

Aber wenn es genügend Milongas mit moderner Musik gibt, wenn niemand gezwungen wird, EdO zu hören, wenn Auswahl existiert und auch niemand Unterricht nehmen muss – dann geht es längst nicht mehr um Vielfalt.

Dann geht es um Deutungshoheit.

Wer traditionelle Milongas regelmäßig als kulturell abgestanden darstellt, führt keinen Geschmacksdiskurs. Er betreibt einen Statusdiskurs. „Modern“ wird zur moralischen Kategorie, „traditionell“ zur Defizitbeschreibung. Das ist rhetorisch wirksam – aber sachlich dünn.

Tango war nie ein ideologisches Projekt. Er ist ein sozialer Tanz. Menschen gehen auf Milongas, weil sie sich zu dieser Musik bewegen können. Nicht, weil sie geschult oder geprägt wurden. Sondern weil sie funktioniert.

Ob jemand
Juan D’Arienzo,
Carlos Di Sarli oder
Osvaldo Pugliese bevorzugt,
ist kein kulturpolitisches Bekenntnis. Es ist eine Bewegungsentscheidung.

Wenn man allerdings beginnt, die dort Tanzenden implizit als rückwärtsgewandt, konditioniert oder geschmacklich unterlegen zu markieren und sogar zu verspotten, verlässt man die Sachebene. Dann wird aus Musikdebatte soziale Herabsetzung.

Warum tut man das?

Weil Polarisierung einfacher ist als Koexistenz.
Weil Zuspitzung Aufmerksamkeit erzeugt.
Und weil es leichter ist, eine Mehrheit für fehlgeleitet zu erklären, als zu akzeptieren, dass der eigene Geschmack nur eine Variante ist.

Die nüchterne Wahrheit bleibt:
Solange die Tanzflächen voll sind, ist diese „Tango-Realität“ tragfähig. Wer sie permanent delegitimieren muss, kämpft nicht gegen Musik – sondern gegen Menschen, die schlicht anders empfinden.

Und Mehrheiten lassen sich schwerer umerziehen als Playlists.

Dass auf konkrete Argumente wieder nicht eingegangen wird, sondern mit Ironie und Ausweichmanövern reagiert wird, ist inzwischen kein Einzelfall mehr, sondern ein wiederkehrendes Muster.

Die Dauerschleife läuft.

Und eines sollte sich dieser Blogger hinter die Ohren schreiben:

Die wachsende Abneigung ihm gegenüber speist sich nicht aus seinen Meinungen. Wachsende Zugriffszahlen belegen keine Zustimmung und Zustimmung keine Fakten. Unterschiedliche Ansichten gehören zu einer lebendigen Szene. Niemand wird abgelehnt, weil er moderne Musik bevorzugt oder traditionelle Konzepte infrage stellt.

Was auf Dauer irritiert, ist etwas anderes: der herablassende Ton gegenüber Menschen, die anders denken, anders hören, anders tanzen – und damit schlicht andere Prioritäten setzen.

Nicht die Position provoziert Widerstand,
sondern die Haltung.

Mit freundlichen Grüßen

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