
Erste Schritte statt großer Versprechen: Mein Rezept für Tango-Neugier
Ob man Freunde zum Tango-Lernen überreden sollte, und wenn, wie?
Blogger-Kollege Yokoito hat einen ausführlichen Text veröffentlicht – auf Englisch, wohlgemerkt. Und ich schreibe es gleich offen: Ich verstehe nicht, warum man einen Beitrag über Tango-Einsteiger in einer Sprache verfasst, von der man weiß, dass der überwiegende Teil der Leserschaft sie nicht flüssig liest. Die Kommentarspalten sprechen eine klare Sprache: Kaum jemand reagiert, weil sich schlicht kaum jemand die Mühe macht, sich durch einen langen englischen Text zu arbeiten, denn die meisten Kommentare sind in Deutsch. Damit schränkt man die Diskussion unnötig ein.
Aber zum Inhalt.
Er schlägt einen „SCHNELLTEST ZUR TANGO-EIGNUNG“ vor, um herauszufinden, ob Tango etwas für jemanden sei. Aber ein Zugang über Musik-Listen halte ich nach meiner Erfahrung nicht für zielführend.
Für eilige Leser: In diesem Text geht es um die Frage, wie ein schneller Test aussehen könnte, mit dem Tango-Interessierte herausfinden können, ob Tango etwas für sie ist. Meine Antwort: Ein gut zusammengestelltes Musik-„Tasting“ bietet eine realistische Chance auf brauchbare Ergebnisse – im Sinne von: unnötigen Aufwand vermeiden.
Vermutlich waren viele von uns schon in der Situation, mit einem „Muggel“ (also jemandem ohne Tango-Bezug) über die Tangowelt zu sprechen – und irgendwie kommt dann die Frage auf: „Soll ich das mal ausprobieren?“
Und ich behaupte: Bei fast allen löst das sofort die Überlegung aus, wie man einen guten, positiven Einstieg ermöglichen kann. Ja, es gibt einen Blogger, der behauptet, Teil der Tangoszene zu sein und gleichzeitig nach eigener Aussage „Unschuldige“ vor der Tangowelt warnen will (das „behauptet“ bezieht sich auf die offensichtliche Widersprüchlichkeit, weshalb ich das für ein kurioses Geschäftsmodell halte). Solche Vögel darf man getrost als irrelevante, exotische Einzelfälle betrachten.
Es wäre spannend zu hören (z. B. in den Kommentaren), welche konkreten Erfahrungen ihr gemacht habt und wie ihr das angeht. Bis dahin teile ich einfach meine eigenen Gedanken dazu – wie üblich leicht abstrahiert und verallgemeinert.
Natürlich ist das ein Paradebeispiel für Erwartungsmanagement. Ausgangspunkt: Wir mögen die fragende Person und wollen ihr weder Unbehagen noch Enttäuschung oder Zeitverschwendung zumuten – sondern etwas Bereicherndes. Wenn jemand keine körperliche Nähe mag oder völlig bewegungsdysfunktional wirkt, würde ich freundlich, aber bestimmt das Thema wechseln. Ich würde auch klarmachen, dass die Tangowelt kein Automat ist, in den man Geld wirft und anschließend Anspruch auf irgendein Produkt hat. Kurz: Realistische Erwartungen schützen vor Frust und vertaner Zeit – und ein Märchen von Regenbögen, tanzenden Einhörnern und dauerhaft sinnlichem Genuss ohne eigenes Zutun hilft garantiert nicht.
Gehen wir also davon aus, dass diese Grundlagen geklärt sind – wie könnte nun ein Schnelltest aussehen, der möglichst rasch zeigt, ob Tango etwas für jemanden ist? So ein Test sollte die üblichen Qualitätskriterien erfüllen: möglichst wenige Fehl-Positiv- und Fehl-Negativ-Ergebnisse. Wie eingangs gesagt: Ein Fehl-Positiv bedeutet Zeitverschwendung – man investiert ohne Gegenwert. Ein Fehl-Negativ bedeutet, auf sinnliche Freude zu verzichten und sich für schlechtere Alternativen zu entscheiden, weil man fälschlich glaubt, Tango sei nichts für einen.
Schauen wir uns ein paar Optionen an, beginnend mit einer Probestunde bei einem Tangolehrer. Das Setting – wir unterstellen mal methodische Kompetenz – schließt natürlich auch eine geeignete Tanzpartnerin oder einen geeigneten Tanzpartner ein. Der Lehrer kann diese Rolle selbst übernehmen, sei es in einer Privatstunde oder als Teil eines normalen Kurses (wo dann eben das Problem der passenden Partner auftreten kann). Die Dimension „maskuline/feminine Energie“ sollte einigermaßen authentisch vorkommen – bedeutet: entweder ein Lehrer*innenpaar oder ein Lehrer, der zum sexuellen Orientierungsmuster des Gastes passt. Ich selbst bin auf genau diesem Weg zum Tango gekommen: Eine Tanguera-Freundin hatte ein Blind Date mit einem Lehrer für mich arrangiert.
Eine weniger starke Variante, die erfahrenere Tänzer anbieten können, ist eine eigene Probesession. Persönlich finde ich das zwar „kostengünstig“, aber riskant – es ist sehr persönlich und dadurch fehleranfällig als Test. Aber grundsätzlich kann es funktionieren.
Ein Milonga-Besuch wäre ebenfalls eine Möglichkeit. Man bekommt zumindest einen Eindruck vom sozialen Teil, erlebt das Miteinander und sieht, wie das Ganze von außen aussieht. Und man erlebt die Musik im Live-Kontext und kann prüfen, ob sie einem zusagt.
Man könnte einwenden, dass man auf einer normalen Milonga eher das mittlere bis untere Kompetenzspektrum sieht. Encuentros, Marathons oder Festivals bieten mehr Bandbreite, sind aber schwer oder gar nicht für Zuschauer zugänglich. Die andere Frage ist sowieso, ob „Muggel“ überhaupt Qualitätsunterschiede wahrnehmen und realistisch auf die eigenen Ambitionen beziehen können – ich behaupte: eher nicht. Insgesamt halte ich einen Milonga-Besuch als Test „Ist Tango etwas für mich?“ für wenig aussagekräftig. Der Immersionsgrad ist hoch – Musik und Atmosphäre sind real –, aber das eigene Bewegungserleben fehlt.
Videos von Spitzenpaaren sind beeindruckend und können das Gefühl „Das will ich können“ erzeugen, aber sie bieten wenig Immersion und – so meine Behauptung – kaum emotionale Nachhaltigkeit. Außerdem sind sie heikel für das Erwartungsmanagement: Auf welcher Milonga gibt es bitte genug Platz für das Feuerwerk an Schritten und Figuren, das solche Paare zeigen? Das hat mit realistisch Erreichbarem wenig zu tun.
Die sinnvollste Option für einen ersten Tango-Kontakt ist meiner Meinung nach ein musikalisches Tasting mit wirklich gut ausgewählter Musik – vielleicht kombiniert mit ein paar ersten Gehversuchen dazu, um den Bezug zur eigenen Bewegung zu spüren. Tendenziell ist das natürlich ein negativer Test: Wenn jemand die Musik mag, bleiben immer noch genug Hürden übrig – passende Kurskollegen, passende Lehrer usw. Der Vorteil aber: Man kann so eine Playlist beliebig oft hören, ohne jemanden zu brauchen. Und damit Tango auf Dauer sinnlich erfüllend wird – auch stabil genug, um Rückschläge und Motivationslöcher auszuhalten –, muss die Musik ohnehin eine eigene Quelle von Genuss sein.
Wie sollte also eine Tango-Tasting-Playlist aussehen? Zur Vereinfachung nehme ich klassische EdO-Musik. Analoges gilt für andere Stile. Die Annahme: Interessenten haben kein unbegrenztes Zeitbudget – genauer gesagt keine unbegrenzte Geduld. Also sagen wir: 30 Minuten, etwa 12 Titel. Die Musik sollte typisch für eine Milonga sein – also keine Erwartungen wecken, die dort nie erfüllt werden. So sehr ich persönlich eine Auswahl aus sechs maximal kontrastreichen Puglieses und sechs herzschmelzenden Di Sarlis lieben würde – für den Zweck wäre das kontraproduktiv.
Sagen wir: 2 Milongas, 2 Valses und eine Auswahl von Tangos, die das Spektrum von sehr rhythmisch bis sehr lyrisch, sowie von eher einfach bis komplex abdecken – in einer Art Matrix, vier Felder, zwei Titel pro Feld.
Konkret würde ich folgende Orchester aufnehmen:
– 2× Pugliese (je 40er und 50er)
– 2× Di Sarli (je 40er und 50er)
– 1× Biagi und 1× Troilo
– 1× D’Arienzo und 1× rhythmischer Canaro
Man merkt schnell: 8 Stücke sind wirklich wenig, und man fängt innerlich an zu verhandeln, ob die Liste nicht doch länger sein sollte. Aber ein bisschen Denkdiziplin schadet nicht – und wenn die Basis steht, kann man jederzeit erweitern.
Vor ein paar Tagen habe ich einen kurzen Text in der „Tango DJ“-Facebook-Gruppe gepostet, in dem ich den Grundgedanken einer Tango-Tasting-Playlist vorgestellt und um Meinungen gebeten habe.
Ich hatte versprochen, nicht in die Kommentare zu schauen, bevor ich meine eigene konkrete 12-Stücke-Liste fertig habe. Das ist nun erledigt (und es war nicht leicht!). Hier ist also meine persönliche Tasting-Liste. Eure wird mit Sicherheit anders aussehen – teilt sie gern!
Jetzt, da ich nachsehen konnte, was in der FB-Gruppe geschrieben wurde:
Es gab viele Kommentare mit einem breiten Spektrum an Rat – inklusive „Das mache ich schon seit Jahren so“. Da hake ich später noch nach, wie es gelaufen ist. Außerdem gab es Vorschläge für kleinere Änderungen und einige mit größeren Abweichungen. Die originellste Idee war: nur zwei Stücke zu nehmen, dafür je sechs Coverversionen. (Zugegeben: Cover-Vergleiche sind eine Art Hobby von mir – probiert das mal mit „Comfortably Numb“ oder „Wicked Game“, das macht Spaß. Für eine Tango-Tasting-Playlist wäre das aber wohl etwas überzogen.)
Meine Herangehensweise:
1. Das Interesse an Tango beginnt nicht unbedingt nur mit dem Hören der Musik, sondern mit Tanz – mit Bewegung zur Musik.
Um Begeisterung für den Tango zu wecken, sollte meiner Erfahrung nach der erste Kontakt der Interessenten mit dem Tango nicht mit einer EdO-Playlist beginnen. (Und wenn mit Musik, dann viellicht mit Juan D’Arienzos „CD Tango para Export“ 50er Jahre, „Bar Exposición“ ein wirklich fetziger Tango. Mein Ernst!)
Sondern mit Bewegung zu Musik, möglichst mit einem Beginnerkurs – natürlich mit Tango-Musik. Und mit anderen Menschen, die genauso unsicher sind, genauso hölzern, genauso überfordert – und genau deshalb entspannt.
Tango ist ein sozialer Lernprozess.
Man lernt aneinander.
Man sieht die gleichen Fehler, die gleichen Fortschritte, die gleichen Frustmomente.
Einsteiger brauchen diese Normalität.
Sind auch Einzelstunden geeignet?
Ja, eventuell als kurzer Anheizer, wenn man einem Freund erklären will, wie sich Tango anfühlt – aber nicht als ernsthafter Einstieg. Die private Atmosphäre verschiebt den Fokus, setzt falsche Erwartungen und nimmt den sozialen Lernfaktor komplett raus. Ein Kurs wäre da viel besser.
Aber, bis es dann zu einem Kurs-Besuch kommt, könnte man folgende Dinge ausprobieren, um festzustellen, ob sich der Interessent wirklich für Tango geeignet ist:
2. Kein aktives Missionieren: Interesse muss von der Person selbst kommen
Ich würde niemals jemanden überreden, „doch mal Tango auszuprobieren“. Wer nicht von sich aus neugierig ist, dem fehlt der Motor, der durch die unvermeidbaren Durststrecken trägt.
Bevor ich überhaupt an eine Empfehlung denke, kläre ich zwei einfache Punkte:
– Hat die Person wirklich Interesse? Nicht aus Höflichkeit, nicht aus Romantik, sondern ehrlich.
– Gibt es an seinem Wohnort eine funktionierende Tango-Infrastruktur?
Es nützt nichts, wenn die nächste Milonga 80 Kilometer entfernt ist. Tango lebt von Regelmäßigkeit. Von Wiederholung. Von sozialer Einbettung. Und wer für jeden Tanzabend weite Anreisen hat, gibt früher oder später entnervt auf.
3. Tango ist kein Wellness – aber man muss es niemandem gleich ins Gesicht schlagen
Es stimmt: Tango kostet Zeit, Energie, Geld und Nerven.
Aber Menschen am Anfang mit der gesamten Liste an Hürden zu erschlagen, ist nicht „ehrlich“, sondern ungeschickt.
Tango hängt nicht am Umfang der Hindernisse, sondern am inneren Antrieb:
– Begeisterungsfähigkeit
– Ausdauer
– Reflexionsfähigkeit
– Frustrationstoleranz
– Ehrlichkeit mit sich selbst
Wer das mitbringt, kommt durch.
Wer es nicht mitbringt, scheitert – und zwar unabhängig davon, wie leicht oder schwer man ihm den Einstieg macht.
4. Anzeichen, dass jemand sich für Tango eignet
Es gibt bestimmte Charakterzüge, die enorm hilfreich sind:
– Kein Hang zur Selbstüberschätzung. Ohne dieses Minimum an Demut funktioniert Tango nicht.
– Liebe zur Sache statt Drang zur Selbstdarstellung. Wer Tango als Bühne für das eigene Ego sucht, landet früher oder später in der Frustrationshölle.
– Bereitschaft, sich hineinzuführen – im wörtlichen und übertragenen Sinne.
Dazu kommen rollenspezifische Merkmale:
Männer
– Der Wille, Verantwortung zu übernehmen.
– Den Mut, Entscheidungen zu treffen.
– Keine Angst vor Fehlern – man macht sie sowieso.
Ein Mann, der ständig zögert, verliert sich im eigenen Kopf und kommt beim Führen keinen Millimeter voran.
Frauen
– Die Fähigkeit, sich auf einen Partner einzulassen – ohne Aktivität und Unterordnung zu verwechseln.
– Bewegungsintelligenz statt Passivität.
– Wachheit statt Sich-Tragen-Lassen.
Ein gutes Followering ist kein Gehorsam, sondern ein Dialog.
Obwohl ich eigentlich von diesen Eigenschaften ausgehe, habe ich auch Überraschungen erlebt.
5. Und jetzt zur eigentlichen Streitfrage: Eine Playlist als „Einstiegstest“?
Der Kollege schlägt vor, Menschen eine sorgfältig kuratierte Liste mit Pugliese, Di Sarli, Troilo, Biagi usw. vorzusetzen, um herauszufinden, ob sie Tango mögen.
Meine Kritik ist einfach: Das ist pädagogisch falsch herum gedacht.
Musik braucht Körpererfahrung.
Ohne Bewegung bleibt Tango-Musik abstrakt.
Und Tango-Musik – besonders klassische EdO-Musik – ist für Anfänger nicht intuitiv.
Biagi kann blitzsauber, großartig und tief berührend sein – aber vielen Anfängern klingt er trocken oder „kantig“.
Pugliese ist zwar musikalisch ergreifend, aber für viele erst nach Monaten zugänglich.
Troilo überfordert rhythmisch und klingt für Laien „zerrissen“ und „fahrig“.
Es ergibt keinen Sinn, Menschen, die noch nie einen Tango-Schritt gemacht haben, mit musikalischen Feinheiten zu testen.
Der Zugang entsteht nicht durch Hören, sondern durch Tun.
Einsteiger brauchen Musik, die sich öffnet:
melodisch, gesungen, mit klarer Struktur und emotionaler Direktheit.
Erst wenn der Körper drin ist, versteht das Ohr.
6. Der Kern des Missverständnisses
Eine Playlist kann später ein Werkzeug sein:
– um Stilrichtungen zu lernen
– um Vorlieben zu erkennen
– um musikalische Präferenzen zu schärfen
Aber sie taugt nicht als diagnostisches Instrument, um festzustellen, ob Tango „etwas für jemanden ist“.
Denn Tango entsteht nicht im Kopf.
Nicht im Ohr, sondern im Körper mit der ersten gemeinsamen Bewegung mit Musik und Partner/in.
Nach meiner Erfahrung und nach häufigen Umfragen sind viele Anfänger bei erstem Hören von Tango sehr überrascht, von traditionellen Tangos etwa enttäuscht wegen der oft schlechten, veralteten Aufnahme-Qualität, von modernen Tangos – trotz Hi-Fi-Hörgewohnheiten – aber auch nicht sehr angetan. Entgegen verbreiteter Annahme sind aber von Piazzolla nur 30% begeistert. Sie finden auch keine Anhaltspunkte zur möglichen Bewegung damit. Aber Ihre Vorstellungen von üblichen Klischees weichen völlig von der Realität ab.
Ich bin deshalb bei der Musikauswahl bei Anfängern sehr sorgsam, um ihnen nicht zu Beginn das Tanzen zu verleiden, oft auch nach mehrmaligem Nachfragen von deren Vorlieben.
Und: Tango entsteht im Austausch!
Im Körper, im Raum, im sozialen Lernfeld, im gemeinsamen Scheitern und Wiederaufstehen.
Eine Playlist bildet all das nicht ab.
Fazit
Ich gehe da ganz von meinen Erfahrungen aus:
Nicht jede Person, die sich für Tango interessiert, wird von mir sofort und ohne Rückfragen überredet. Im Gegenteil – ich bin da eher skeptisch, oft sogar zu ehrlich.
Wer schnelle soziale Kontakte sucht, schnelle Erfolgserlebnisse und das unkomplizierte „Reinspringen“ in eine Tanzszene, dem rate ich eher zu Salsa oder Swing. Diese Tänze sind schneller zu lernen, und nach einem halben Jahr hat man ein solides Repertoire, mit dem man in den entsprechenden Szenen problemlos mitmischen kann.
Beim Tango sieht das anders aus.
Da braucht es die etwas robusteren Eigenschaften, über die ich oben geschrieben habe: Ausdauer, Reflexionsfähigkeit, Frustrationstoleranz, eine gewisse Hingabe. Kurz: ein dickeres Fell.
Rein ökonomisch betrachtet ist Tango ein Tanz mit hohen „Eintrittskosten“:
Er verlangt Arbeit, Zeit, Übung, Konzentration und eine Menge Einsatz.
Ich sage allen klar: Es lohnt sich – aber nur, wenn man wirklich trainiert.
Als wöchentlicher Zeitvertreib im Sinne eines „Jodel-Diploms“ taugt Tango nicht.
Wer nur ein bisschen nebenbei tanzen will, sollte sich lieber einen anderen Tanz suchen.
Und zur Musik:
Eine Auswahl aus Salsa, Bachata, Zouk, Swing oder anderer eingängiger Tanzmusik eignet sich zur ehrlichen Motivation oft besser als eine EdO-Playlist. Wer überhaupt erst einmal Lust aufs Tanzen bekommt, findet später schon zu „seinem“ Stil.
Mir geht es am Ende darum, dass Menschen überhaupt tanzen – es muss nicht immer Tango sein.
12 thoughts on “Erste Schritte statt großer Versprechen: Mein Rezept für Tango-Neugier”
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Ja, das habe ich wirklich missverstanden, das tut mir leid.
Aber ich muss doch nochmal einhaken. Wenn es um ein Vorgespräch geht, dann wäre ich sehr dagegen, ausschließlich Musik vorzustellen, die „den gängigen Klischees“ entspricht. Diese Musik kann schnell nerven (nicht nur in meinem Fall), und im Vorgespräch wäre es doch eine tolle Sache, sowohl rhythmische als auch romantische Tangos, und vielleicht noch zarte und dramatische und gemütliche und lustige vorzustellen. Es ist doch gerade eines der tollen Features unseres Tanzes, dass die Musik – und damit die Gefühle, die sie auslöst, und die Stile, mit denen man dazu tanzen kann – so vielfältig ist.
Und dieses Vorstellen der Musik wäre toll nicht in Form einer festen Playliste, sondern vielleicht als interaktiver Prozess mit den Zuhörern ….
Gut, da sind wir offensichtlich anderer Meinung: Ich habe oft festgestellt, dass gute YouTube-Tango-Videos mehr bewirken. Und die vielleicht mit Musik-Stücken, die genau das wiedergeben, was Du meinst. Denn, das Auge ißt mit.
Ich versuche mal Dich mit diesem Video für einen ganz anderen Tanz zu begeistern: https://youtu.be/PPqfcEXAm-M?si=YkcPf46hcB-10SqO
🙂
Ja klar, Videos sind toll, um einen Eindruck zu vermitteln!
Nur ein paar kurze Anmerkungen. Zum einen, mir kommt in Deinem Text das Wort „überreden“ etwas zu oft vor. Zwar negativ konnotiert, aber da scheint einge gewisse Fixierung zu sein. Dafür finde ich keine Erwähnung möglicher Belohnungen, die aus meiner Sicht im sinnlichen Genuß liegen.
Zum anderen, eine „Tasting-Playliste“ ist ein ziemlich niederschwelliger Einstieg und nicht Ersatz, sondern Vorstufe, quasi zum Ausschluss möglicher Hürden, bevor es an die Brotkrumenspur von Belohnungen geht, die zu organisieren der Job von Lehrern sein könnte bzw. sollte. Ich bin selbst ziemlich musikgetrieben, es kann schon sein, daß ich die Bedeutung daher überschätze bzw. die Methode nur bei Leuten funktioniert, die ähnlich ticken. Jedenfalls gibt es eine Reihe von Tanzstilen, die ich persönlich ausschließen würde, weil meine Mustererkennung mir sagt, daß ich die Musik schon bald langweilig oder gar nervig finden werde.
1. Also kommt Dir das Wort „überreden“ zu häufig vor, obwohl ich es in meinem Text nur einmal verwendet habe. Interessant!
„Ich würde niemals jemanden überreden, ‘doch mal Tango auszuprobieren’.“
Ich habe es auch nicht an anderer Stelle gestrichen oder umformuliert. Mehr war da schlicht nicht.
2. Meine Interessenten, die Tango ausprobieren wollen, sind in der Regel ohnehin schon stark auf den Tanz selbst fixiert. Die wenigsten haben eine konkrete Vorstellung davon, wie Tangomusik überhaupt klingt. Es gibt zwar einige, die über die Musik zum Thema finden – aber das ist eine Minderheit.
3. In Gesprächen mit Bekannten über Tango steht fast immer der Tanz im Vordergrund, nicht die Musik. Das Interesse richtet sich auf die Bewegung, die Nähe, das gemeinsame Erleben – erst danach auf das, was im Hintergrund läuft.
4. Es gibt genügend Menschen, die seit Jahren Salsa tanzen, ohne die Musik je langweilig zu finden. Salsa ist für meine Ohren keine Hörmusik – sie ist laut, repetitiv und oft nervig –, aber als Tanzmusik funktioniert sie hervorragend. Sie trägt einen Abend.
Umgekehrt gibt es Salsa-Fans, die Tango als monoton empfinden, weil sie keinen Zugang über die Bewegung finden.
Das bestätigt meine Erfahrung: Die Bindung zur Musik entsteht über den Tanz. Nicht umgekehrt.
5. Wenn ich mich richtig erinnere, war bei Dir Piazzolla der erste Auslöser, der Dich Richtung Tango gezogen hat. Erst später kam EdO ins Spiel (oder irre ich mich?). Bei mir war es genau anders herum: Piazzolla hat mich überhaupt nicht motiviert – im Gegenteil. Erst D’Arienzo und Canaro haben mich tanzen lassen. Gekannt habe ich sie vorher nicht; erst im Kurs habe ich gemerkt: Das ist der Tango, den ich tanzen will. Aber ich habe gehört, dass viele frühere Tänzer/innen über Piazzolla zum Tango kommen sind. Heute ist das nicht mehr so.
Jeder hat seinen eigenen Zugang, das ist klar. Aber ob sich daraus ein allgemeines Muster ableiten lässt? Wohl kaum.
Die Mehrheit der Tango-Interessierten, die ich kennengelernt habe, wollte in erster Linie Tango tanzen – die Musik kam erst im zweiten Schritt.
In Kürze: Piazzolla? Da musst Du mich mit jemandem verwechseln. Woran ich mich erinnere: Es gab mal eine Zeit, da fand ich Narcotango und Elektrotango ganz toll. Ansonsten: ich glaube, am Anfang war alles irgendwie Tangomusik, das mit dem Unterscheiden von Orchestern kam erst später.
Was die Funktion einer Tangomusik-Tasting-Playliste angeht: ich merke, irgendwie kriege ich es Dir mit Text nicht erklärt. Ich werde es bei Gelegenheit mal mit einer Flussdiagramm-Grafik versuchen, vielleicht funktioniert das besser.
Ja, sorry, vielleicht habe ich das verwechselt mit dem Piazzolla-Einstieg. War es viellicht in einem Kommentar von Bernhard?
Diese Tangomusik-Tastingliste halte ich, im Gegensatz zu Dir nicht gerade für einen niederschwelligen Einstieg. Es sind zwar viel schöne Tangos dabei, aber motivieren sie wirklich einen Beginner zum Tanzen? Na gut, vielleicht als Hürde. Wenn er/sie diese überwunden hat, besteht da wirklich Interesse.
Da ich selbst Salsa gerne tanze und ich, was Tanzen angeht, ein Rhythmiker bin und die kubanische Percussionisten für die beste der Welt halte, werde ich meine Vorliebe präzisieren und es mehr als Vorliebe zum Son bezeichnen, so nennen die Kubaner ihre Salsa. Salsa ist erst in New York als „Latino-Soße“ in den Jazz-Höhlen entstanden, als die exil-kubanischen Musik 1962 die Musik der Patios in den USA prägten. Großer Tanzspaß entsteht vor allem bei einer „Rueda de Casino“, wenn man das mal sehen hat, wie ich in Santiago de Cuba, ist man angefixt. Diese Poly-Rhythmik, beispielsweise von Amaldito Valdez, einem Timbales-Spieler, ist einfach abgefahren. Und der Tanzspaß bei der Salsa beruht auf Spiel mit der Rhythmik und für Tänzer deshalb überhaupt nicht eintönig. Aber so ist es: Musik, die man tänzerisch nicht versteht. wirkt eben langweilig oder nervend. Das gilt auch für uns Tango-Tänzer.
Nachtrag: Was Du über Salsa schreibst – ich bin nicht sicher, ob ich mir die Fähigkeit wünschen soll, Spaß beim Tanzen zu haben, obwohl mich die Musik im Grunde genommen langweilt oder stört. Ich glaube, ich komme ganz gut ohne sie klar.
Lieber Klaus!
Es mag ja sein, dass Tango nicht mit der Musik „beginnt“, sondern mit den Bewegungen und dem Kämpfen damit. Aber deshalb im Tango-Unterricht für Anfänger keinen Tango zu spielen, finde ich absurd. Du selbst betonst ja immer die enge, ja magische Verbindung zwischen Musik und Tanz.
Und der Tango ist ein einzigartiges Genre in der Musik des 20. Jahrhunderts. Jeder Mensch, der ein bisschen Musik kennt und liebt, merkt das sofort. Ich habe ein Paar von Berufsmusikern rein dadurch, dass ich ihnen mal eine Hör-Session mit Tangos bereitet habe, dazu motiviert, Tango-Unterricht zu nehmen, und sie sind dabei geblieben. Sie haben in der Hör-Session kennengelernt, wie toll die Tango-Musik ist.
Deshalb spiele ich für Anfänger „richtige“ Tango-Musik und taste mich dabei vor, welche Stilrichtungen und Orchester bei ihnen ankommen. Ja, es gibt tatsächlich Leute, denen die „typische Anfänger-Musik“ von Anfang an zu langweilig ist. Und bei mir selbst war die erste Tango-CD, die ich mir kaufte, von Pugliese, weil ich ihn gleich als Anfängerin zu hören bekam und sofort toll fand.
Theresa
Liebe Theresa,
ich bin bestimmt nicht einer der wirklich guten Schreiber und Missverständnisse können immer mal entstehen. Aber, dass Du mich jetzt so dermaßen missverstanden hast, kann nur einen Grund haben: Du den Text von Yokoito nicht genau gelesen, übersehen (er war in einem Aufklappmenü versteckt) oder den Ausgangspunkt meines Beitrages nicht mitbekommen.
Er schrieb: „Für eilige Leser: In diesem Text geht es um die Frage, wie ein schneller Test aussehen könnte, mit dem Tango-Interessierte herausfinden können, ob Tango etwas für sie ist. Meine Antwort: Ein gut zusammengestelltes Musik-„Tasting“ bietet eine realistische Chance auf brauchbare Ergebnisse – im Sinne von: unnötigen Aufwand vermeiden.
Vermutlich waren viele von uns schon in der Situation, mit einem „Muggel“ (also jemandem ohne Tango-Bezug) über die Tangowelt zu sprechen – und irgendwie kommt dann die Frage auf: „Soll ich das mal ausprobieren?“
Und ich wollte widerlegen, dass Tango-Interessierte zuerst auf die EdO-Playliste abfahren könnten, denn sie haben immer zuerst den Tanz im Mindset.
Wenn ich als Tango Lehrer einen Anfänger-Unterricht ohne Musik beginnen könnte, wäre das also ein ziemliches Fiasko.
„Also nochmal: Es geht um ein Vorgespräch um herauszufinden, ob ein/e Tango-Interessierte/r für Tango geeignet wäre.“
Nichts für ungut, ich muss da wahrscheinlich nochmal ran und das klar stellen.
Danke aber für den Hinweis.
Lg. Klaus
Lieber Klaus, jetzt hast du einiges umformuliert, um dem Missverständnis entgegenzutreten, du würdest Tango-Anfänger ohne Tango-Musik unterrichten. Ich hatte die Passage, wo du eher zu Swing oder Salsa rätst, ein bisschen so verstanden. Nun lese ich bei dir heraus, dass es deiner Meinung nach nicht darauf ankommt, Anfängern die Feinheiten der Musik nahezubringen, sondern ihnen zum Einüben der Tanzelemente eher Musik mit extrem klarem Rhythmus zu spielen. Da ist was dran! Natürlich ist man, wenn man ganz neu mit den Tücken des sich in der Umarmung Bewegens kämpft, überfordert mit subtiler, komplexer Musik.
Wenn ich an meine Anfänger-Zeit zurück denke, muss ich allerdings sagen, dass mich die D’Arienzo For Export CD nicht gerade angemacht hätte. Ich kam aus dem Tanzsport, wo „Tango“ eigentlich Marschmusik war, und ich war beim argentinischen Tango sofort sehr angetan davon, dass die Musik, die mir vorgesetzt wurde, nicht so holzhammer-mäßig war wie die Musik aus der Retorte, mit der Turniertänzer üben.
Auch abgesehen von meiner persönlichen Erfahrung (und frühen Vorliebe für Pugliese) finde ich es nicht optimal, extra schlichte Musik für Anfänger auszusuchen. Klar, wenn es im Unterricht darum geht, einen Schritt zum allerersten Mal zu probieren und das auch noch zu zweit, muss die Musik wirklich einfach sein. Ich spiele in solchen Fällen Canaro oder Donato oder OTV oder langsamere D’Arienzo, und zwar eher leise. Wenn die Bewegung dann schon flüssiger geht, wähle ich die Musik vielfältiger aus und versuche auch rauszukriegen, was den Leuten gefällt. Sobald sie in die Milonga gehen, und damit sollten sie nicht zu lange warten, werden die Anfänger sowieso mit vielerlei Arten von Musik konfrontiert. Was ich jedenfalls ablehne, sind Regeln für DJs wie „wenn Anfänger da sind, sollte man keinen Pugliese oder Troilo spielen“. Das nimmt die Leute nicht für voll. Manche können sehr früh etwas damit anfangen und freuen sich an der tollen Musik. Und diejenigen, die den Zugang nicht so leicht kriegen, können z.B. mal den anderen Tänzern zuschauen und sich inspirieren lassen.
Die Idee einer „Test-Playliste“, um vor jedem Tanzunterricht herauszufinden, ob sich Tango für jemand eignet, finde ich auch nicht so gut. Ich ermuntere mögliche Interessenten eher, einfach mal in eine Milonga zu gehen. Viele kriegen dort leuchtende Augen und möchten lernen, so zu tanzen, wie sie es dort sehen.
Liebe Theresa,
leider verwechselst Du immer noch die Titel, die ich im Unterricht auflege – und auch Deinen Vorschlägen ähneln – mit denen, die ich in Vorgesprächen mit Interessenten benutzen würde, um sie zu begeistern. Dabei sind die Tango for Export-Titel von D’Arienzo diejenigen, die am meisten den gängigen Klischees entsprechen und zum Tanzen anreizen könnten, ohne es praktisch zu probieren! Es geht in meinem Beitrag immer noch darum: Wie stelle ich vorher fest, ob ein/e Tango-Interessent/in sich wirklich als nachher „Durchhalter“ beim Tango(Kurs) eignet?