
Let it snow! – Kein Weihnachtsgruß
Momentan sitze ich in meinem Lieblingscafé, einem der Orte, an denen viele meiner Texte entstehen. In der Vorweihnachtszeit ist es voller als sonst. Vielleicht, weil manche schon Urlaub haben. Vielleicht, weil zwischen Geschenkekauf und Jahresendstress noch ein Rest Gemütlichkeit gesucht wird.
Die Musik allerdings ist unerträglich. Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten zwei Wochen „Let it Snow“ hören musste. Ein Ohrwurm mit Zwangsbeglückungscharakter. Überall diese Sehnsucht nach weißer Weihnacht – als müsste es endlich wieder so werden wie früher. Dabei stehen die Chancen auf Schnee im Osten der Republik tatsächlich ganz gut. Im Ruhrgebiet eher nicht.
Dies ist mein erster ernsthafter Versuch eines Weihnachtsbeitrags auf diesem Blog. Und er scheitert fast daran, dass ich mir nicht mehr sicher bin, ob ich dieses Konsumrausch-Festival nach Black Friday und Cyber Week überhaupt noch wohlwollend begleiten kann. Das angebliche „Fest der Liebe“, das die Geburt Christi feiern soll, wirkt in seiner heutigen Form so entkernt, dass das Wort christlich zu einem der am meisten missbrauchten Begriffe unserer Zeit geworden ist.
Ich bin seit Jahren kein Kirchenmitglied mehr – und dennoch irritiert mich diese Leere jedes Jahr aufs Neue.
Wir sitzen am Ende eines Jahres, das viele als das schlimmste ihres Lebens empfinden. Die Stimmung ist gedrückt, das gesellschaftliche Klima rau. Eigentlich wäre Zusammenrücken angesagt. Stattdessen wird permanent suggeriert, es werde „noch schlimmer“. Diese Stimmung wird gezielt geschürt, um sich nach einem schnellen Reset zu sehnen: Alles soll wieder werden wie früher.
Die „Früher-war-alles-besser“-Welle hat längst auch Kabarettisten erfasst, die der Bevölkerung den gesunden Menschenverstand absprechen. Dabei war der nie verschwunden – er war nur unbequem.
Denn gesunder Menschenverstand endet nicht beim Gendern oder bei Umweltmaßnahmen wie dem vielgescholtenen Flaschendeckel, der Meerestieren schlicht das Leben retten kann. Er endet dort, wo Einsparungen ausgerechnet bei denen gefordert werden, die ohnehin kaum etwas haben: bei Rentnern und Arbeitslosen.
Und wann genau hat man eigentlich zuletzt darauf verzichtet, „Ausländern“ pauschal ein Lebensrecht in Deutschland abzusprechen – obwohl eine funktionierende Wirtschaft ohne Migration nicht einmal denkbar wäre?
Noch nie in meinem Leben hat sich Dummheit so offen, so selbstbewusst und so folgenlos präsentiert wie in den letzten zehn Jahren. Und noch nie war ein Teil der Bevölkerung – immerhin mittlerweile 27% – so eifrig dabei, den eigenen Interessen voll ins Gesicht zu schlagen.
In Kommentarspalten sammeln sich Lobeshymnen auf Stimmen, die Halbwissen eloquent vortragen und dafür als „mutig“, „genial“ oder gar als „Stimme der Wahrheit“ gefeiert werden. Spott wird mit Komik verwechselt, Lautstärke mit Erkenntnis.
Dabei wollte ich eigentlich über Weihnachten schreiben. Über ein Weihnachten ohne Schnee hier im Ruhrgebiet, trotz endloser „Let it Snow“-Dauerschleifen. Es ist längst dunkel geworden – wir haben den kürzesten Tag des Jahres, um 16:26 Uhr geht die Sonne unter.
Vielleicht gehöre ich selbst zu jenen eingebildeten Klugen, die sich über die Dummheit der anderen aufregen. Auch das gehört zu Weihnachten.
Heiligabend verbringe ich dieses Jahr in einem Theater bei Freunden, mit Rembetika, türkisch-griechischer Folklore. Ein Fest, das vor fünfzehn Jahren für Menschen ins Leben gerufen wurde, die mit dem christlichen Heiligabend wenig anfangen konnten – Immigranten, Nachbarn, Freunde. Gemeinsam essen, tanzen, reden.
Mehr Familiensinn und Gemeinschaft als beim deutschen Geschenkzwang, begleitet von amerikanischen Weihnachtsliedern, die man aus schlichter europäischer Solidarität eigentlich meiden sollte.
Und trotz dieser vielleicht misslungenen Weihnachtsbotschaft wünsche ich allen Leserinnen und Lesern eine gute Zeit – mit echten, positiv gestimmten Freunden und Familienmitgliedern. Mit Menschen, bei denen man nicht funktionieren muss, sondern einfach sein darf.
Mehr ist dieses Jahr nicht drin. Aber vielleicht reicht genau das.