Diskussion
Unfreundliche Milongas – oder unfreundliche Debatten?

Unfreundliche Milongas – oder unfreundliche Debatten?

Kaum ein Thema entzündet die Tango-Gemüter so schnell wie der Vorwurf einer „unfreundlichen Milonga“. Kaum fällt dieses Wort, entstehen zwei Lager. Die einen verteidigen die Freiheit der Wahl. Die anderen beklagen Elitismus und Abschottung. Und oft eskaliert die Diskussion schneller, als man die eigentliche Frage verstanden hat.

Vielleicht lohnt es sich, nicht sofort Position zu beziehen, sondern zunächst die Dynamik zu betrachten.

Von Jürgen Schnitzler:

„Sprechen wir das Unaussprechliche aus: Veranstaltungen werden als unfreundlich bezeichnet, wenn Menschen nur mit anderen Menschen tanzen, von denen sie wissen, dass es Spaß macht, mit ihnen zu tanzen. Sie vermeiden es, mit Menschen zu tanzen, von denen sie wissen, dass es unangenehm ist oder (nach dem, was sie auf der Tanzfläche sehen) wahrscheinlich unangenehm sein könnte.

Diese Menschen werden entweder von Menschen, die schlechte Tänzer sind, oder – leider unvermeidlich – von Menschen, die den Einheimischen unbekannt sind, als unfreundlich bezeichnet.

Wir alle waren schon einmal auf solchen Veranstaltungen. Und obwohl ich die negativen Emotionen verstehen kann (ich habe sie auch schon gehabt), verstehe ich vollkommen, warum das so ist, und ich hege keinen Groll gegen Menschen, die sich so verhalten. Auf Festivals findet man früher oder später Menschen, mit denen man tanzen kann – und ab dem zweiten Tag hat man genug Tanzpartner, die mit einem tanzen.

Wenn nicht, dann fehlen Ihnen offensichtlich einige Eigenschaften, die andere gerne in Ihnen sehen würden. Oder Ihr Parfüm oder Körpergeruch halten andere Tänzer von Ihnen fern.

Je besser die Tänzer mit der Zeit werden, desto schwieriger wird es, geeignete Partner zu finden. Und für die wirklich guten Tänzer macht es keinen Spaß, nur der beliebte Partner zu sein, mit dem jeder tanzen möchte, selbst aber kaum gute Erfahrungen zu machen.

Die Menschen, und dazu gehören auch sehr gute Tänzer und Maestros/Tras, gehen zum Tanzen, um sich zu entspannen – und nicht, um sich durch ungeschickte oder stinkende Tanzpartner noch mehr Stress aufzuhalsen. Einige Tandas mögen aus Höflichkeit in Ordnung sein, aber manche Leute scheinen zu glauben, dass jeder absolut verpflichtet ist, so viel wie möglich mit anderen oder unbekannten Partnern zu tanzen. Wenn die Veranstaltung nicht so ist, bezeichnen sie sie als „unfreundlich”. Diese Vorstellung ist Unsinn.

Natürlich ist Tango ein Gesellschaftstanz. Wir wechseln die Partner. Aber glücklicherweise haben wir die Wahl, mit wem wir tanzen möchten.

Es gibt einen Grund, warum Mirada und Cabeceo immer ein Thema sind. Die Vorlieben der einzelnen Tänzer sind seit den Anfängen des Tangos sehr individuell. Und niemand ist unfreundlich, nur weil er oder sie nicht mit Ihnen tanzen möchte. Aber natürlich steht es Ihnen frei, eine andere Meinung zu haben und diese Vorkommnisse als „unfreundlich” zu bezeichnen.

Und denken Sie daran: Wenn Sie solche Beiträge verärgern, sind Sie wahrscheinlich Teil (oder die Ursache) des Problems.“

Freiheit als Fundament

Tango basiert auf Freiwilligkeit. Mirada und Cabeceo sind keine folkloristischen Rituale, sondern soziale Schutzmechanismen. Niemand wird öffentlich bloßgestellt. Niemand ist verpflichtet, eine Einladung anzunehmen. Eine Tanda ist kein Anspruch, den man einfordern kann.

In diesem Punkt ist die freiheitsbetonte Position unangreifbar. Wer das infrage stellt, rührt an einem Kern des sozialen Tango.

Aber Freiheit existiert nie im luftleeren Raum.

Atmosphäre entsteht zwischen den Menschen

Eine Milonga kann formal korrekt funktionieren und sich trotzdem kühl anfühlen. Niemand verletzt Regeln. Niemand sagt etwas Unfreundliches. Und dennoch entsteht bei manchen das Gefühl, nicht vorzukommen.

Atmosphäre ist kein Paragraph. Sie entsteht aus Haltung, Blicken, Offenheit, Gesprächsbereitschaft. Wenn sich feste Kreise bilden, wenn Einladungen fast ausschließlich innerhalb bekannter Konstellationen bleiben, dann entsteht für Außenstehende schnell der Eindruck einer geschlossenen Gesellschaft. Das muss kein böser Wille sein. Aber es ist eine Wirkung.

Und Wirkungen sind real, auch wenn niemand sie beabsichtigt hat.

Die bequeme Erklärung vom „Level“

In solchen Debatten wird häufig auf das tänzerische Niveau verwiesen. Wer wenig tanzt, sei vielleicht noch nicht so weit. Auch das kann stimmen. Niemand möchte Schmerzen oder Stress in der Umarmung.

Aber diese Erklärung ist zu einfach. Genuss im Tango hängt nicht allein von Technik ab. Sensibilität, Musikalität, Präsenz, Humor, Respekt – all das wirkt ebenso stark. Und neben der Qualität spielen soziale Faktoren eine Rolle: Bekanntheit, Zugehörigkeit, Attraktivität.

Wer alles auf „Level“ reduziert, vereinfacht eine komplexe soziale Realität.

Erinnerung und Durchlässigkeit

Die Gegenposition erinnert an etwas Wichtiges: Viele von uns waren einmal Anfänger. Wir haben davon gelebt, dass erfahrene Tänzer Geduld mit uns hatten. Vielleicht war das für sie nicht immer das Highlight des Abends, aber es war ein Beitrag zur Szene.

Daraus entsteht bei manchen kein Pflichtgefühl, sondern eine Haltung. Eine lebendige Szene braucht Durchlässigkeit. Sie braucht Neugier auf Unbekanntes. Sonst wird sie enger.

Auch das ist kein moralischer Hammer, sondern eine Beobachtung.

Wo Diskussionen kippen

Bis hierhin ließe sich sachlich diskutieren. Doch dann geschieht oft etwas anderes. Die Argumente werden zugespitzt. Kritik wird als Neid gedeutet. Selektion wird als Arroganz gebrandmarkt. Aus einer sozialen Frage wird eine Identitätsfrage. Wer widerspricht, gilt als „Teil des Problems“. Wer boykottiert, gilt als moralischer Richter.

Und plötzlich geht es nicht mehr um Atmosphäre oder Dynamik, sondern um Recht behalten.

Genau hier beginnt das, was man heute im Internet schnell „Beefen“ – ein Begriff aus der Jugendsprache – nennt.

Ein struktureller Widerspruch

Seltsamerweise sind es oft genau diejenigen, die in allen Códigos nur Reglementierung erkennen und gegen Vorschriften wettern, die gleichzeitig ihre eigene Freiheit absolut setzen und kaum reflektieren, wie diese Freiheit sozial wirkt. Umgekehrt fordern manche, die mehr Offenheit wollen, implizite Verpflichtungen ein und schränken damit wiederum Freiheit ein.

Beide Seiten verteidigen Freiheit – aber jeweils ihre eigene.

Und genau hier wird es spannend, weil eine Milonga eben kein privates Wohnzimmer ist, sondern ein komplexes soziales Ereignis. Dort treffen mehrere Ebenen aufeinander:

– individuelle Wünsche nach Genuss und Qualität
– Konkurrenzdruck um Aufmerksamkeit, Einladungen, Status
– Unsicherheit und Verletzbarkeit
– Gruppenbildung
– wirtschaftliche Interessen
– unterschiedliche Erfahrungsstufen

Das ist kein harmonischer Naturzustand. Es ist ein soziales Spannungsfeld.

Die eigentliche Frage ist deshalb nicht:
Wie setzen wir uns durch?
Sondern:
Wie halten wir dieses Spannungsfeld aus, ohne es eskalieren zu lassen?

Ein toleranter Umgang entsteht nicht durch mehr Regeln – und auch nicht durch völlige Regelverweigerung. Er entsteht durch Bewusstsein.

Man kann Wahlfreiheit verteidigen und trotzdem wahrnehmen, wie das eigene Verhalten wirkt.
Man kann Offenheit schätzen, ohne daraus eine Pflicht zu machen.
Man kann Konkurrenz spüren, ohne sie zur Ideologie zu erheben.

In Wahrheit wollen fast alle das Gleiche: einen schönen Abend. Niemand geht zur Milonga mit dem Ziel, anderen zu schaden. Aber in einem Raum, in dem Begehren, Status, Körperlichkeit und Sichtbarkeit eine Rolle spielen, entstehen Reibungen zwangsläufig.

Vielleicht wird manchmal vergessen, dass es kein Nullsummenspiel ist. Der schöne Abend des einen muss nicht auf Kosten des anderen gehen. Aber er wird es dann, wenn man beginnt, die eigene Perspektive absolut zu setzen.

Toleranz heißt in diesem Kontext nicht, alles gut zu finden.
Toleranz heißt, Ambivalenz auszuhalten.

Dass jemand selektiv tanzt, ohne arrogant zu sein.
Dass jemand sich ausgeschlossen fühlt, ohne neidisch zu sein.
Dass jemand Regeln schätzt, ohne autoritär zu denken.
Dass jemand Freiheit liebt, ohne rücksichtslos zu werden.

Das klingt einfach. Ist aber anspruchsvoll.

Vielleicht beginnt ein gelungener Abend nicht mit der Frage „Was steht mir zu?“ oder „Was schulde ich?“, sondern mit einer anderen:

Was trage ich heute dazu bei, dass dieser Raum nicht enger, sondern weiter wird?

Das ist keine moralische Forderung. Es ist eine Einladung zur Selbstverantwortung.

Denn schiefgehen wird immer etwas. Jemand fühlt sich übersehen. Jemand fühlt sich bedrängt. Jemand tanzt nur in seiner Blase. Das ist unvermeidlich. Entscheidend ist, ob daraus sofort ein Lagerkampf entsteht – oder ob man es als Teil eines lebendigen sozialen Gefüges begreift.

Vielleicht ist die eigentliche Kunst im Tango nicht nur die Umarmung auf der Fläche, sondern die Fähigkeit, mit Unterschiedlichkeit umzugehen, ohne sie sofort zu dramatisieren.

Und vielleicht liegt genau darin die Synthese: nicht Recht zu behalten, sondern den Raum gemeinsam zu halten.

Wenn Debatten im Netz kippen

An diesem Punkt kommt eine zweite Ebene ins Spiel, die mit der Milonga selbst nur noch indirekt zu tun hat: die Art, wie wir im Internet diskutieren.

Texte wie der zitierte Beitrag sind rhetorisch geschickt gebaut. Zunächst wird zugespitzt formuliert: Wer sich ausgeschlossen fühlt, sei womöglich selbst das Problem. Dann wird mit Beispielen nachgelegt – mangelnde Attraktivität, Körpergeruch, fehlende Eigenschaften. Schließlich wird betont, niemand sei verpflichtet zu tanzen. Und am Ende folgt die Immunisierung: Wer sich ärgert, bestätigt nur die These.

Das ist kein analytischer Text. Das ist ein polarisierender Text.

Er erzeugt Zustimmung bei denen, die sich bestätigt fühlen. Und Empörung bei denen, die sich angegriffen fühlen. Beides produziert Reaktionen. Likes. Kommentare. Sichtbarkeit.

Was er nicht produziert, ist Klärung.

Statt die Mechanik einer sozialen Dynamik zu untersuchen, wird sie personalisiert. Aus einer komplexen Wechselwirkung von Erwartungen, Status, Atmosphäre und Struktur wird eine Charakterfrage. Wer sich beschwert, ist defizitär. Wer selektiv tanzt, ist souverän. Oder umgekehrt: Wer selektiv tanzt, ist arrogant. Wer das kritisiert, ist moralisch überlegen.

So entsteht Spaltung.

Und diese Logik ist kein Tango-Phänomen. Sie ist ein gesellschaftliches Muster.

Das größere Problem: Zuspitzung statt Verständnis

Im Internet funktioniert Zuspitzung besser als Differenzierung. Extreme Aussagen erzeugen Resonanz. Nuancen nicht.

Ein differenzierter Text, der sagt: „Hier wirken mehrere Faktoren zusammen, und beide Seiten haben legitime Punkte“, wird kaum 50 empörte Kommentare auslösen. Ein Text, der Menschen indirekt als das Problem bezeichnet oder eine Szene als „verkommen“ erklärt, schon eher.

Beef bringt Reichweite. Synthese nicht.

Das Problem ist nur: Reichweite ist nicht Erkenntnis.

Wenn jede Diskussion sofort zur moralischen Auseinandersetzung wird, geht das eigentliche Thema verloren. Dann geht es nicht mehr darum, wie wir mit Konkurrenzdruck und Verletzbarkeit umgehen, sondern darum, wer sich durchsetzt.

Und genau hier liegt mein eigentliches Anliegen.

Konkurrenz und Gemeinschaft – ein reales Spannungsfeld

Eine Milonga ist kein harmonischer Wellnessraum. Sie ist ein soziales Ereignis mit Konkurrenzdruck. Aufmerksamkeit ist begrenzt. Einladungen sind begrenzt. Zeit ist begrenzt. Körperlichkeit und Status spielen eine Rolle.

In einem solchen Raum entsteht Reibung zwangsläufig.

Die Frage ist nicht, wie wir sie vermeiden. Die Frage ist, wie wir sie aushalten, ohne sie zu eskalieren.

Ein Boykott kann ein Signal sein. Aber er erklärt nichts. Er verstärkt Lager. Ebenso wenig hilft es, Kritik mit einem Neidvorwurf abzutun. Das beendet das Gespräch.

Wenn wir wirklich weiterkommen wollen, müssten wir genauer hinsehen:

– Welche Strukturen fördern Durchlässigkeit?
– Welche Verhaltensweisen erzeugen ungewollt Exklusivität?
– Welche Erwartungen bringen Menschen mit?
– Wie kann Wahlfreiheit erhalten bleiben, ohne soziale Kälte zu normalisieren?

Solche Fragen verlangen Geduld. Und Geduld erzeugt weniger Applaus als Empörung.

Toleranz ist keine Schwäche

Vielleicht ist das eigentliche Problem nicht, dass Menschen selektiv tanzen oder sich ausgeschlossen fühlen. Vielleicht ist das Problem, dass wir kaum noch lernen, Ambivalenz auszuhalten.

Es ist möglich, Wahlfreiheit zu verteidigen und gleichzeitig sensibel für ihre Wirkung zu bleiben.
Es ist möglich, sich ausgeschlossen zu fühlen, ohne die andere Seite moralisch zu verurteilen.
Es ist möglich, strukturelle Probleme zu benennen, ohne sofort zum Boykott aufzurufen.

Toleranz heißt nicht, alles gut zu finden.
Toleranz heißt, Widersprüche stehenzulassen, ohne sie sofort in Feindbilder zu verwandeln.

Das ist anstrengender als ein schneller Schlagabtausch. Aber es ist nachhaltiger.

Was wir wirklich wollen

Am Ende wollen fast alle dasselbe: einen schönen Abend. Musik, Begegnung, Verbindung.

Niemand geht zur Milonga mit dem Ziel, anderen das Leben schwer zu machen. Aber wenn wir anfangen, jede Spannung ideologisch aufzuladen, machen wir es uns selbst schwer.

Vielleicht ist die größere gesellschaftliche Schieflage genau das: dass Diskussionen sofort in moralische Lager kippen. Dass Zuspitzung attraktiver ist als Verständnis. Dass man lieber Recht behält, als gemeinsam klüger zu werden.

Wenn wir im Tango – in einem so sensiblen sozialen Gefüge – nicht mehr fähig sind, differenziert zu diskutieren, wie wollen wir es dann anderswo schaffen?

Vielleicht beginnt Veränderung nicht mit Boykott oder Spott.
Sondern mit der Bereitschaft, genauer hinzusehen, bevor man zuschlägt.

Und vielleicht ist das die eigentliche Synthese: nicht die Freiheit abzuschaffen, nicht Verantwortung zur Pflicht zu machen – sondern beides im Bewusstsein zu halten, ohne daraus ein Schlachtfeld zu machen.

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