
Gedanken über Tango Musik | 8. Teil
„Suspensionen“ – im Unterricht eine Herausforderung
Über Rhythmus im Unterricht habe ich bereits im 13. Teil meiner Reihe „Gedanken über Tango-Unterricht“ geschrieben. Eigentlich gehört dieser Text genauso gut hierher in die Musik-Reihe. Dort habe ich auch konkret beschrieben, wie ich Rhythmus vermittle. Ein Thema habe ich damals bewusst ausgespart: die Suspension. Nicht, weil sie unwichtig wäre – sondern weil sie zu umfangreich ist, um sie nebenbei zu behandeln. Sie verlangt einen eigenen Blick. Den bekommt sie hier.
In einem Kommentar wurde mir vorgeworfen, ich wirke „irgendwie unentschlossen“ – einerseits kritisiere ich die Vermittlung zu vieler Figuren ohne musikalischen Bezug, andererseits klinge es so, als hielte ich eine vertiefte Arbeit an Musikalität im Anfängerunterricht für kaum möglich.
Dieser Eindruck entsteht, wenn man Unterrichtssituationen miteinander verwechselt.
Wer hauptsächlich in Prácticas unterrichtet, arbeitet mit Tänzern, die sich bewusst für Vertiefung entscheiden. In regulären Beginnerkursen sieht das anders aus. Dort beginnt alles bei Null. Kein Körpergefühl für diesen Tanz. Kein musikalisches Bezugssystem. Kein inneres Bild davon, wie Tango sich einmal anfühlen kann.
Warum Suspension im Anfängerunterricht heikel ist
Wenn ich in dieser Phase mit komplexen, verzögerten Schrittübungen zur Suspension beginnen würde – also mit gedehnten, bewusst zurückgehaltenen Bewegungen –, würden sich einige vermutlich fragen, ob sie versehentlich in einem Tai-Chi-Kurs gelandet sind.
Das ist keine Polemik, sondern Erfahrung. Anfänger wollen sich bewegen. Sie wollen Tango erleben, nicht zunächst das bewusste Nicht-Gehen lernen. Wird zu früh verlangsamt, entsteht Irritation statt Qualität.
Es ist daher keine Unentschlossenheit, wenn ich bestimmte Themen nicht sofort in technischer Tiefe behandle. Es ist eine Frage der Reihenfolge. Zuerst braucht es Orientierung, rhythmische Grundordnung und Verbindung im Paar. Man muss ins Gehen kommen, bevor man lernt, bewusst zu verweilen.
Gleichzeitig heißt das nicht, dass Suspension im Anfängerunterricht keinen Platz hat. In Gesprächen mit einer Kollegin habe ich gelernt, dass man dieses Feld auch ohne technische Begriffe öffnen kann. Nicht als Spezialdisziplin, sondern als einfache Erfahrung: Tango darf Pausen haben. Nicht nur musikalische Pausen, sondern Momente des Sammelns im Paar. Kein Zwang, jeden Taktschlag umzusetzen.
Gerade bei Anfängern wirkt diese Erlaubnis entlastend. Wo vorher hektische Reaktion war, entsteht etwas mehr Ruhe. Und mit Ruhe kommt Aufmerksamkeit.
Der erste Zugang
Suspension ist kein Schritt und kein Figurenbaustein. Sie ist ein Zustand. Und Zustände lassen sich nicht verordnen.
Wer noch damit beschäftigt ist, sein Gleichgewicht zu sichern, kann keine Spannung halten. Wer das eigene Gewicht nicht klar organisiert hat, empfindet jedes Innehalten zunächst als Unsicherheit. Deshalb wirkt Suspension am Anfang schnell wie Blockade.
Der Zugang muss also einfach sein. Nicht über Analyse, sondern über Erfahrung.
Ein Satz reicht oft: Ihr müsst nicht jeden Taktschlag tanzen.
In dem Moment verschwindet der innere Zwang, permanent reagieren zu müssen. Der Schritt darf zu Ende geführt werden. Das Paar darf sich sammeln. Suspension beginnt hier nicht als Technik, sondern als Haltung.
Was ist Suspension?
Bevor man weitergeht, sollte der Begriff geklärt sein.
Suspension ist keine Pause und sie ist auch nicht einfach ein langsamer Schritt. Eine Pause kann leer sein. Suspension ist es nicht.
Sie ist der gespannte Moment zwischen zwei Bewegungen. Das Gewicht ist angekommen, die Achse organisiert, die Verbindung stabil – aber der nächste Impuls wird bewusst noch nicht freigegeben. Die Energie bleibt erhalten, sie wird nicht abgebaut.
Oft wird gefragt, ob Suspension nicht einfach ein besonders langsamer, gezogener Schritt sei. Technisch gesehen ist das etwas anderes. Ein langsamer Schritt ist eine gedehnte Bewegung: Der Körperschwerpunkt verlagert sich kontinuierlich, die Energie fließt gleichmäßig weiter. Suspension hingegen hält Energie. Der Schwerpunkt bleibt gesammelt, der Muskeltonus aktiv, die Richtung innerlich vorbereitet.
Man könnte sagen: Ein langsamer Schritt verlängert Bewegung. Suspension verdichtet Zeit.
Auch zur Pause besteht ein Unterschied. Eine Pause beendet einen Impuls, die Energie sinkt ab. Suspension hält den Impuls aufrecht. Sie ist kein Abbruch, sondern ein Innehalten mit Spannung.
Das klingt in der Beschreibung komplexer, als es im Erleben ist. Ein Anfänger muss keine biomechanische Analyse verstehen. Es genügt, wenn er lernt, vollständig anzukommen, organisiert zu stehen und nicht sofort weiterzugehen. Saubere Gewichtsübertragung, stabile Achse und bewusstes Sammeln sind bereits Bausteine dessen, was später Suspension tragen kann.
Wie sieht ein Tango mit Suspensionen aus? Ein Video…
Ich setze hier mal die Sekunden-Anzeige ein, um auf die Stellen hinzuweisen:
0:09, 0:14, 0:51, 1:15, 2:05 hier besonders, 2:56
Manche würden es auch Pausen nennen, aber auch die Spannung, die gehalten wird, sind es eben keine Pausen.
Suspension und musikalische Phrasierung
Spätestens hier wird Suspension musikalisch relevant.
Tango-Orchester arbeiten nicht nur mit Taktschlägen, sondern mit Bögen, Dehnungen und Verdichtungen. In langen, getragenen Tönen liegt ein anderes Zeitgefühl als im klaren, treibenden Rhythmus. Suspension entsteht nicht gegen die Musik, sondern aus ihr.
Bei Francisco Canaro, etwa in „Poema“ oder auch in „Invierno“, hört man deutlich, wie sich Linien tragen lassen. Der Puls bleibt vorhanden, doch die Phrase dehnt sich. Wer hier mechanisch weiterläuft, ignoriert einen Teil der musikalischen Architektur.
Bei Juan D’Arienzo ist die Energie kompakter und federnder. Suspension ist möglich, aber kürzer und elastischer. Osvaldo Pugliese hingegen baut Spannung häufig über längere Zeit auf; hier wird innere Verzögerung beinahe selbstverständlich.
Suspension folgt also der Struktur der Musik, nicht einer stilistischen Mode.
Bewegungsfluss als Voraussetzung
Bevor Suspension jedoch gestaltet werden kann, braucht es Kontinuität. Viele Paare tanzen brüchig, ohne es zu merken. Bewegung und Stillstand wechseln sich ungewollt ab, weil Unsicherheit die Führung übernimmt.
Das ist keine Suspension, sondern Fragmentierung.
Suspension setzt einen durchgehenden Bewegungsfluss voraus. Die Energie bleibt spürbar, auch wenn der Schritt kurz verweilt. Ein gutes musikalisches Beispiel dafür ist der späte Carlos Di Sarli, etwa in „Indio Manso“ aus den 1950er Jahren. Diese Musik fließt ruhig und kontinuierlich. Gerade darin entsteht Raum für Spannung.
Ohne inneren Fluss wird Innehalten zu Stillstand. Mit innerem Fluss wird es zu Spannung.
Realität auf der Milonga
All das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, wo Anfänger auf der Milonga tatsächlich stehen. Sie kämpfen damit, die Umarmung zu stabilisieren, die Ronda zu lesen, Kollisionen zu vermeiden und im Takt zu bleiben. In dieser Situation zusätzlich musikalische Feinheiten analysieren zu sollen, wäre überfordernd.
Suspension beginnt daher nicht mit musikalischer Analyse, sondern mit Einfachheit: sauber ankommen, bewusst sammeln, nicht jeden Impuls sofort umsetzen. Im Zweifel ist ein ruhiger Moment besser als hektische Korrektur.
Gelassenheit kommt vor Differenzierung.
Und damit schließt sich der Kreis.
Das Was eines Tanzes lässt sich relativ schnell vermitteln. Das Wie braucht Zeit. Suspension ist kein dekoratives Zusatzthema, sondern Teil dieser Qualität des Wie.
Sie entscheidet nicht darüber, ob man sich bewegt – sondern darüber, wie man sich bewegt.