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Gedanken über Tango Musik | 5. Teil

Gedanken über Tango Musik | 5. Teil

Musik im Unterricht – Funktion vor Geschmack

Ich habe bereits im Beitrag „Gedanken über Tango-Unterricht | 37. Teil – Musikalität vor Repertoire-Vielfalt“ darüber geschrieben, warum Musikalität im Unterricht systematisch zu kurz kommt.

Hier möchte ich noch einmal ausdrücklich auf die Musik im Unterricht eingehen.

Um es vorwegzunehmen: Beim Thema Musik fliegen schnell die Kugeln.
Deshalb gleich zu Beginn: Das hier Geschriebene ist meine Meinung, meine Erfahrung aus vier Jahrzehnten Unterricht und DJ-Praxis – kein Almanach, kein Kanon, kein Lehrbuch darüber, wie Unterrichtsmusik „zu sein hätte“.

Ausgangspunkt: Struktur ist Voraussetzung

Theresa – DJane aus München, Tango-Freundin und differenziert hörend – hat darauf hingewiesen, dass Musik für einen Gesellschaftstanz eine klare Struktur braucht.
Einen stabilen Puls, das, was Ignacio Varchausky „tiempo fijo“ nennt.
Ohne verlässlichen Beat keine Synchronisation.
Ohne Synchronisation kein sozialer Tanz. Darüber gibt es keinen Dissens.

Ebenso richtig ist ihr Hinweis, dass musikalische Komplexität kein Privileg moderner Strömungen ist. Synkopen, Kontrapunkt, dynamische Wechsel finden sich bereits bei Julio de Caro, später bei Aníbal Troilo, Carlos Di Sarli oder Lucio Demare.

Komplexität gehört zur traditionellen Musik. Punkt.

Aber die entscheidende Frage lautet für mich nicht:
Ist die Musik komplex?
Sondern:
Wann ist diese Komplexität im Unterricht funktional?

Musikalität entsteht spät – nicht aus bösem Willen

Wenn wir ehrlich sind, haben die meisten von uns nicht im ersten oder zweiten Jahr musikalisch getanzt. Wir haben Schrittfolgen gelernt, Figuren gesammelt, Achsen gesucht. Musikalität – im Sinne bewusster Auswahl, Pause, Dehnung – kam später. Warum?

Weil Technik Aufmerksamkeit bindet. Weil Raumorientierung Kraft kostet. Weil Verbindung Energie fordert. Musikalität ist kein moralischer Vorsatz.
Sie entsteht, wenn Kapazität frei wird.
Und genau deshalb ist die Frage der Unterrichtsmusik keine ästhetische, sondern eine didaktische.

Technik, Reduktion und Gleichgewicht

Technik dient der Musik. Aber nur, wenn sie verfügbar ist.

Wer früh eine große Figurenvielfalt vermittelt, erzeugt lange Sequenzen. Lange Sequenzen lassen sich kaum variieren. Man tanzt sie ab. Musikalität wird zur Dekoration. Musikalität entsteht nicht aus Vielfalt.
Sondern aus Reduktion.

Reduktion bedeutet:
Weniger Bewegungsmaterial. Mehr Bewusstheit. Mehr Entscheidungsspielraum.

Und hier kommt ein Punkt, der oft unterschätzt wird: Gleichgewicht.

Pausen zu tanzen – wirklich zu stehen – setzt Gleichgewicht voraus.
Reduzieren setzt Gleichgewicht voraus. Bewegungsfluss setzt Gleichgewicht voraus.

Viele Schüler lernen sehr früh, das freie Bein möglichst schnell zu heben. Möglichst schnell aufs neue Standbein zu wechseln. Der Gewichtstransfer geschieht reflexhaft, ohne Zwischenmoment.
Was fehlt, ist Suspension.

Dieser minimale, offene Moment zwischen zwei Zuständen.
Dort entsteht musikalische Dehnung.
Dort entsteht Wahl. Ohne Gleichgewicht wird Bewegung zur Kompensation. Und dann entstehen Muster.


Rebotes – nützlich, aber schnell automatisiert

Rebotes sind ein gutes Beispiel. Sie funktionieren räumlich. Sie passen rhythmisch fast immer auf 2 oder 4. Man macht nichts offensichtlich Falsches. Gerade deshalb werden sie schnell zum Dauergebrauch. Wie Satzfüller beim Sprechen.

Versucht man im Mittelstufenkurs bewusst auf Rebotes zu verzichten und stattdessen Pausen zu setzen, merkt man schnell, wie schwierig Reduktion ist. Nicht weil Rebotes schlecht sind. Sondern weil Gleichgewicht fehlt.

Musikalische Dehnung braucht Stabilität. Zeit aushalten heißt Gleichgewicht aushalten.

Fehlt diese Basis, wird Bewegung hektisch. Und hektische Bewegung wird fälschlich für Musikalität gehalten.

Welche Musik im Unterricht?

Jetzt zur konkreten Frage.

Ich arbeite im Unterricht überwiegend mit rhythmisch klaren Tangos der 30er und frühen 40er Jahre. Musik mit stabilem Puls, transparenter Phrasierung, positiver Grundenergie.

Unterricht ist technisch fordernd. Ich brauche Musik, die trägt.

Sehr häufig verwende ich:

    • Edgardo Donato – warm, energetisch, positiv.

    • Francisco Canaro klar, rhythmisch, melodisch

    • Juan D’Arienzo – rhythmische Erdung.

    • Rodolfo Biagi mit

    • Alberto Duval – klar strukturiert, rhythmisch präsent.

    • Ricardo Malerba (41–43) – lebendig, nicht schwermütig.

    • Ángel D’Agostino mit Ángel Vargas – deutliche 8er-Phrasen, Gesangsorientierung bei stabilem Puls.

    • Carlos Di Sarli – Sextett der 30er („Chau Pinela“) sowie ausgewählte 50er.

    • Osvaldo Pugliese differenziert: 1945er Rhythmik („Raza Criolla“) früher, Yumba-betonte Stücke wie „La Yumba“ oder „Beba“ später.

Das ist eine funktionale Auswahl. Kein Werturteil.

Melancholie in städtischen Milongas

In vielen urbanen Milongas dominiert melancholische Musik.
Der Sänger Raúl Berón wird unverhältnismäßig oft gespielt – leider auch mit Lucio Demare (mein Geschmacksurteil). Musikalisch hochwertig – keine Frage.
Aber im Unterricht funktioniert das kaum. Nach kurzer Zeit sinkt die Energie. Schüler werden schwer.
Ähnlich geht es mir mit Alberto Castillo. In Buenos Aires beliebt – aber mir persönlich geht er nach mehr als drei Stücken auf die Nerven (und den Tanzschülern auch). Nicht meine Stimme.
Das ist keine musikwissenschaftliche Kritik. Das ist eine körperliche Reaktion. Und Tanz ist körperlich.

Hörästhetik versus Bewegungsperspektive

Viele DJs kuratieren aus Hörperspektive. Sie wählen, was emotional dicht, nuanciert, „interessant“ ist. 
Die Tanzfläche reagiert anders.

Fragen aus Bewegungsperspektive lauten: Trägt das Stück? Bleibt der Puls stabil? Erzeugt es Raumbewegung?
Das sind andere Kriterien.

Anfängern komplexe Musik „nicht vorenthalten“

Theresa schrieb:
„Ich bin jedoch der Meinung, dass man den Anfängern die komplexere Musik, sofern sie einen klaren Takt hat, nicht vorenthalten sollte.“
Das Wort „vorenthalten“ ist interessant.

Es legt nahe, dass komplexere Musik etwas ist, das grundsätzlich dazugehört – etwas, das Teil der Tango-Erfahrung ist und deshalb auch Anfängern zugänglich sein sollte.

Und darin steckt ein wichtiger Gedanke: Tango-Musik ist vielschichtig. Wer nur die rhythmisch klaren, strukturell einfachen Stücke hört, bekommt nur einen Ausschnitt der Tradition. Die emotionale Tiefe, die kontrapunktische Arbeit, die dynamischen Spannungsbögen – all das gehört dazu.

Die Frage ist also nicht, ob Anfänger diese Musik hören dürfen oder sollen.
Sondern in welcher Funktion sie eingesetzt wird.
Komplexere Musik kann inspirieren. Sie kann Neugier wecken. Sie kann zeigen, dass Tango mehr ist als Schritt auf Schritt. Gerade musikalisch sensiblere Menschen reagieren darauf oft sehr positiv.
Gleichzeitig stellt sie höhere Anforderungen. Sie fordert Auswahl. Sie verlangt, nicht jedem Impuls zu folgen. Sie verlangt Stabilität im eigenen Timing.

Deshalb ist für mich entscheidend, ob diese Musik im jeweiligen Lernstadium als Inspiration wirkt – oder als zusätzliche Belastung.
Es geht also weniger um „vorenthalten“ oder „anbieten“, sondern um Einbettung.

In welchem Rahmen? Mit welcher Zielsetzung? Mit welcher Vorbereitung?

Komplexität gehört zum Tango. Aber Entwicklung braucht Reihenfolge.
Und vielleicht liegt der eigentliche Konsens genau dort:
Musik ist nicht nur Klang, sondern pädagogisches Werkzeug. Und Werkzeuge entfalten ihre Wirkung im richtigen Moment.

Entwicklung des Geschmacks

Mit wachsender Erfahrung verändert sich der Musikgeschmack. Man entdeckt Pugliese neu. Man hört Troilo differenzierter.
Aber diese Reifung darf nicht rückwärts auf Anfänger projiziert werden.

Unterricht muss vom Entwicklungsstand ausgehen – nicht vom eigenen aktuellen Geschmack.

Schlussgedanke

Musik im Unterricht ist kein ästhetisches Statement.
Sie ist Werkzeug.

Werkzeug für Synchronisation. Werkzeug für Raumordnung. Werkzeug für Lernprozesse.

Ich kann eine Aufnahme lieben – und sie dennoch nicht im Unterricht einsetzen. Komplexität ist Erweiterung. Nicht Startpunkt.

Und wirkliche Musikalität beginnt nicht im Reagieren auf alles – sondern im bewussten Entscheiden.

Hier ist eine YouTube-Liste mit Musik, die im Text erwähnt wird, als praktische Orientierung.  Ich habe Titel ausgewählt, die typisch für die jeweiligen Orchester/Phasen im Unterrichts-Repertoire sind (rhythmisch klar, tanzbar, “tragend”), soweit sie auf YouTube gut repräsentiert sind:

Einzel-YouTube-Links nach Stil / Orchester

Rhythmisch klar, tanzbar (Unterrichts-Basis)

🔹 Juan D’Arienzo – Klassiker

🔹 Rodolfo Biagi – Starker Puls für Anfänger & Mittelstufe

🔹 Edgardo Donato – warm und positiv

🔹 Ricardo Malerba – 1941–43

🔹 Ángel D’Agostino & Ángel Vargas – klare 8er-Phrasen

🔹 Carlos Di Sarli – transparent

Komplexere/klassische Stücke (später im Unterricht)

Osvaldo Pugliese – Klassiker für Fortgeschrittene

La Yumba gilt als Beispiel für rhythmische Tiefe, die in fortgeschritteneren Gruppen sinnvoll einzusetzen ist – weil sie Spannung, Dynamik und Akzentvariation bietet.

Warum diese Auswahl?

Viele klassische Tangos, die in Milongas populär sind, finden sich auch in thematischen YouTube-Playlists, z. B.:
Tango-Playlist mit vielen Orquestas: https://www.youtube.com/playlist?list=PLWBMVcbDEAH9G03v1-AaFc_HXiqHNjcz6

Diese enthalten typischerweise Stücke von Biagi, D’Arienzo, Pugliese, Di Sarli u. a., die wir im Artikel besprochen haben.

Tango-YouTube-Playlist – nach Stufen

1. Basis – klarer Puls & tanzbare Struktur (Unterricht)

„TANGOS & VALSES – LAS MEJORES ORQUESTAS“
Tango Mix: D’Arienzo, Biagi, Pugliese, Di Sarli
Eine lange, tanzbare Auswahl mit D’Arienzo, Biagi, Pugliese, Di Sarli – ideal zum Üben von Puls und Grundrhythmus.

Juan D’Arienzo – „El Rey del Compás“ (klarer Rhythmus für Anfänger)
https://www.youtube.com/results?search_query=Juan+D%27Arienzo+tango
(> D’Arienzo-Aufnahmen zeigen klassischen, leicht tanzbaren Tangopuls)

Rodolfo Biagi – energetisch, starker Beat
https://www.youtube.com/results?search_query=Rodolfo+Biagi+tango
(Biagi ist bekannt für seinen klaren Rhythmus und eignet sich gut für Unterrichtsmusik)

Edgardo Donato – warm & tragend
https://www.youtube.com/results?search_query=Edgardo+Donato+tango
(Donato-Milongas und -Tangos mit positiver Energie)

Ricardo Malerba – klassisch tanzbar
https://www.youtube.com/results?search_query=Ricardo+Malerba+tango
(Malerba-Stücke der 40er sind transparent und lebendig)


2. Mittlere Stufe – Rhythmische Differenzierung & Gesang

Tango Mix: Canaro, D’Arienzo, Biagi, Di Sarli & mehr
Tango Klassiker: Canaro, D’Arienzo, Biagi…
Eine Mischung, die Instrumentales und gesangsnahe Tangos verbindet – gut zum rhythmisch differenzierten Üben.

Ángel D’Agostino & Ángel Vargas – klare 8er-Phrasen
https://www.youtube.com/results?search_query=Angel+D%27Agostino+Angel+Vargas+tango
(Gesangsausrichtung bei stabilem Rhythmus für Mittelstufentanz)


3. Erweiterte Stufe – komplexere Dynamik für Fortgeschrittene

Osvaldo Pugliese – tiefere Rhythmik & Dramaturgie
https://www.youtube.com/watch?v=HSUKSq2L06Q
(Längere Playlist mit Pugliese-Tangos – gute Materialbasis für Fortgeschrittene)

Troilo, Di Sarli, Canaro & weitere Klassiker
https://www.youtube.com/playlist?list=PLpyTFmDKcu5BxuVVlSYLgicFxacPr_xIQ
(Eine längere Sammlung mit Biagi, Pugliese und weiteren traditionellen Orquestas)


Wie du daraus deine eigene Playlist machst

  1. Öffne jeden Link.

  2. Füge die Videos einzeln deiner YouTube-Playlist hinzu, z. B. „Tango Unterricht – klarer Puls“, „Tango Mittelstufe – Gesang & Form“, „Tango Fortgeschrittene – Komplexität“.

  3. Sortiere nach Tempo & Gefühl

    • ruhig / klar → Anfänger

    • präsent / variabel → Mittelstufe

    • dramatisch / komplex → Fortgeschrittene


Hintergrund zur Auswahl

  • D’Arienzo hat sich als „Rey del Compás“ etabliert und bietet klaren Beat für den Einstieg (rhythmisch unterstützend).

  • Biagi ist energetisch und fördert Pulsgefühl durch starke rhythmische Präsenz.

  • Donato und Malerba eignen sich durch stabile Phrasierung und positive Energie.

  • D’Agostino/Vargas bringt klare Gesangsphrasen bei gemeinsamem Puls.

  • Pugliese hat eine dramatischere Rhythmik, für spätere Stufen interessant.

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