Diskussion
Freiheit statt moralischer Erpressung

Freiheit statt moralischer Erpressung

Über Milongas, Encuentros und das Recht, Nein zu sagen

Ein Gastbeitrag von Christian Beyreuther 

In letzter Zeit wurde in der Tangoszene wieder mal über „unfreundliche Veranstaltungen“ gesprochen. Gemeint sind meist Milongas oder Encuentros, auf denen Menschen nicht mit jedem tanzen, sondern auswählen. Manche vermeiden unangenehme Erfahrungen. Manche bleiben bei vertrauten Partnern. Manche suchen ihr eigenes Niveau.

Und prompt heißt es: elitär. ausgrenzend. unsolidarisch.

Ich halte diese Empörung für falsch.

Tanzen ist Entscheidung, keine Verpflichtung

Tango ist ein Gesellschaftstanz – ja.
Aber er ist keine soziale Verpflichtungsveranstaltung.
Wer eine Tanda tanzt, entscheidet sich bewusst für jemanden.
Nicht aus Pflicht. Nicht aus schlechtem Gewissen. Sondern aus Lust, Neugier, Resonanz.

Wer daraus eine moralische Bringschuld konstruiert, verkennt das Wesen dieses Tanzes. Eine Tanda ist ein intimer Dialog. Und Dialog funktioniert nicht per Zwang.

Encuentros sind kein Grundkurs mit Musik

Als Veranstalter von Encuentros weiß ich sehr genau, was Menschen dort suchen:

    •    Musikalische Tiefe

    •    Technische Sicherheit

    •    Elegante Navigation

    •    Subtile Kommunikation

    •    Entspannung auf hohem Niveau

Niemand fährt Hunderte Kilometer, zahlt Hotel, Teilnahmegebühr und Zeit, um sich durch Frust zu kämpfen.
Encuentros sind bewusst konzipierte Räume.
Wer dort tanzt, erwartet Qualität. Und Qualität bedeutet auch Auswahl.
Das ist kein Skandal. Das ist Ehrlichkeit.

„Niveau zieht Niveau an“ – und das ist normal

Man kann es drehen und wenden:

Menschen suchen Resonanz auf ihrem Level.

    •    Anfänger fühlen sich mit Anfängern wohler.

    •    Fortgeschrittene suchen Komplexität.

    •    Sehr gute Tänzer möchten nicht permanent kompensieren oder unterrichten.

Das ist keine Arroganz. Das ist menschlich.
Nicht jeder mag Spaghetti Carbonara.
Manche wollen rote Soße.
Und niemand wird gezwungen, beides zu essen.

Warum sollte ausgerechnet beim Tango plötzlich ein moralisches All-you-can-dance-Buffet gelten?

Der Mythos der Verpflichtung

Es gibt kein geschriebenes Gesetz, dass jeder mit jedem tanzen muss.
Zum Glück.
Der Cabeceo ist keine demokratische Gleichverteilungsmaschine.
Er ist ein Instrument freiwilliger Zustimmung.

Wer „Nein“ moralisch problematisiert, stellt das Prinzip gegenseitiger Wahl infrage. Und das führt geradewegs zurück in Zeiten, in denen Beziehungen nicht auf Freiheit basierten.

Wir leben in einer liberalen Gesellschaft. Warum sollte ausgerechnet auf der Tanzfläche ein Zwang entstehen, den wir im echten Leben längst überwunden haben?

Unfreundlich – oder einfach selbstbestimmt?

Nicht jede nicht getanzte Tanda ist eine Kränkung.
Nicht jede Auswahl ist Abwertung. Nicht jede Nicht-Einladung ist Geringschätzung.
Manchmal passt es nicht.
Manchmal fehlt Chemie. Manchmal fehlt Niveau.

Manchmal möchte man einfach nur genießen. Das ist legitim.

Verantwortung – ja. Moralkeule – nein.

Als Veranstalter trage ich Verantwortung für Atmosphäre, Musik, Rahmen, Respekt. Aber nicht dafür, persönliche Anziehung zu regulieren. Ich schaffe den Raum.
Die Tänzerinnen und Tänzer füllen ihn.
Wer Freiheit will, muss auch Auswahl aushalten.
Wer Liberalität fordert, darf sie nicht nur für sich selbst reklamieren.
Tango lebt von Anziehung, nicht von Zuteilung.
Von Spannung, nicht von Pflicht.
Von Begegnung, nicht von moralischer Buchhaltung.

Und wer Encuentros besucht, weiß genau das.

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