Diskussion
Flying Monkeys im Tango

Flying Monkeys im Tango

Narzissmus, Neid und soziale Einflussnahme zwischen Milongas, Marathons und Encuentros

Ein Gastbeitrag von Christian Beyreuther

Der Begriff „Flying Monkeys“ stammt ursprünglich aus dem Film The Wizard of Oz. Dort schickt die Hexe ihre geflügelten Helfer aus, um in ihrem Namen zu handeln. Im psychologischen Sprachgebrauch beschreibt man damit Personen, die – häufig unbewusst – die Interessen einer dominanten Persönlichkeit unterstützen und deren Narrative weiterverbreiten.

Als Metapher eignet sich dieser Begriff, um bestimmte soziale Dynamiken in Gemeinschaften sichtbar zu machen. Auch in der Tangoszene.

Tango ist kein neutraler Markt

Milongas, Marathons und Encuentros sind keine rein wirtschaftlichen Produkte. Sie sind soziale Räume, in denen Nähe, Anerkennung, Status und Zugehörigkeit eine Rolle spielen. Entscheidungen darüber, welche Veranstaltung besucht wird, entstehen nicht ausschließlich aus objektiven Kriterien wie Musikqualität oder Organisation. Ebenso wirksam sind Empfehlungen, Stimmungen und persönliche Beziehungen.

Wo Menschen zusammentreffen, entstehen Dynamiken. Und wo es Sichtbarkeit gibt, entsteht auch Konkurrenz.

Konkurrenz, Geltungsbedürfnis und Rivalität

Neben engagierten Veranstaltern und leidenschaftlichen Tänzern gibt es auch neidische Mitbewerber, Tänzerinnen und Tänzer mit starkem Geltungsbedürfnis oder Personen, die Einfluss und Aufmerksamkeit suchen.

Wer eine gut besuchte Milonga organisiert, wer ein stimmiges Marathonkonzept etabliert oder ein erfolgreiches Encuentro durchführt, wird sichtbar. Sichtbarkeit bringt Anerkennung – aber nicht selten auch Vergleich und Konkurrenz.

Nicht jede negative Bewertung entsteht aus sachlicher Analyse. Manchmal spielen Neid, Eifersucht oder das Bedürfnis nach eigener Bedeutung eine Rolle. Das Kleinreden fremder Erfolge kann unbewusst dazu dienen, das eigene Selbstwertgefühl zu stabilisieren. Kritik wird dann weniger aus inhaltlicher Überzeugung formuliert als aus emotionaler Spannung heraus.

Wenn schlecht über andere Veranstaltungen gesprochen wird, hat das daher nicht immer etwas mit tatsächlicher Qualität zu tun. Häufig spiegeln solche Aussagen persönliche Befindlichkeiten wider.

Narzisstische Dynamiken im sozialen Raum

Tango bietet eine Bühne – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Präsenz auf der Tanzfläche, Bewunderung, Applaus, soziale Bestätigung: All das kann Persönlichkeitsanteile verstärken, die stark auf Anerkennung angewiesen sind.

Narzisstische Verhaltensmuster äußern sich oft in dem Wunsch nach Kontrolle, Deutungshoheit und Einfluss. Solange Zustimmung und Bewunderung vorhanden sind, wirken solche Persönlichkeiten charismatisch und überzeugend. Sie können inspirierend sein – solange ihr Einfluss nicht infrage gestellt wird.

Entsteht jedoch Konkurrenz oder verliert jemand an Kontrolle, kann dies als Bedrohung erlebt werden. Kritik wird dann nicht als normaler Austausch wahrgenommen, sondern als Angriff auf die eigene Position.

In solchen Momenten verändert sich häufig die Strategie.

Wenn Flying Monkeys ins Spiel kommen

Wo direkte Einflussnahme nicht mehr ausreicht, werden indirekte Wege genutzt. Loyalität wird mobilisiert. Verbündete werden aktiviert. Bewertungen werden gestreut.

Die sogenannten „Flying Monkeys“ handeln dabei nicht zwangsläufig bewusst manipulativ. Oft glauben sie, im Sinne der Qualität oder der Szene zu sprechen. Tatsächlich verstärken sie jedoch Narrative, die von einer Person ausgehen, deren Einfluss geschwächt wurde.

Ein Veranstalter wird als „nicht professionell genug“ beschrieben.
Ein neues Konzept als „nicht passend für die Szene“ etikettiert.
Ein DJ als „problematisch“ dargestellt.

Solche Bewertungen verbreiten sich schnell. Wiederholung erzeugt Glaubwürdigkeit. Glaubwürdigkeit formt Wahrnehmung. Und Wahrnehmung beeinflusst Entscheidungen.

So entstehen soziale Realitäten, die mit objektiver Qualität nur noch bedingt zu tun haben.

Gute Veranstalter werden klein gemacht

Besonders schmerzhaft ist es, wenn engagierte und professionelle Veranstalter zur Zielscheibe werden. Wer mit Herzblut arbeitet, investiert Zeit, Geld und Energie. Wenn der Erfolg sichtbar wird, wächst nicht nur Anerkennung, sondern mitunter auch Missgunst.

Erfolg provoziert Vergleich. Vergleich erzeugt Spannungen. Und Spannungen suchen ein Ventil.

Das Kleinreden anderer kann dabei zur Strategie werden – bewusst oder unbewusst. Nicht weil die Veranstaltung schlecht wäre, sondern weil sie erfolgreich ist. Kritik dient dann nicht der Verbesserung, sondern der Relativierung.

Für die Betroffenen ist das oft schwer nachvollziehbar. Sie fragen sich, warum ihr Geschäftsmodell nicht stabil läuft, obwohl Qualität und Engagement vorhanden sind. Die Antwort liegt nicht immer im eigenen Konzept. Manchmal liegt sie im sozialen Umfeld.

Kein Format ist immun

Wichtig ist: Diese Dynamiken betreffen nicht ein bestimmtes Veranstaltungsmodell. Milongas, Marathons und Encuentros können gleichermaßen Ziel oder Nutznießer solcher Prozesse sein.

Es geht nicht um ein Format. Es geht um menschliches Verhalten.

Wo Anerkennung, Einfluss und Sichtbarkeit eine Rolle spielen, entstehen auch Konkurrenz, Neid und Machtfragen. Tango ist davon nicht ausgenommen.

Wie man dem entgegenwirken kann

Der erste Schritt ist Bewusstsein. Eigene Erfahrung sollte Grundlage jeder Bewertung sein. Wer selbst tanzt, kann Atmosphäre, Musik und Qualität unmittelbar wahrnehmen.

Es ist hilfreich, Menschen mit starkem Geltungsanspruch oder augenscheinlicher Deutungshoheit kritisch zu begegnen – nicht respektlos, aber selbstständig. Einfluss ersetzt keine Substanz.

Gelegentlich gegen den Strom zu schwimmen, stärkt die Vielfalt einer Szene. Neue oder weniger etablierte Veranstaltungen zu besuchen bedeutet nicht Illoyalität, sondern Unabhängigkeit.

Ebenso wichtig ist es, die eigenen Emotionen zu reflektieren. Neid, Vergleich und Eifersucht sind menschlich – doch sie müssen nicht handlungsleitend werden.

Und schließlich braucht es Integrität: nicht schlecht über andere zu sprechen, nur um sich selbst zu erhöhen. Qualität setzt sich langfristig durch – wenn man ihr Raum gibt.

Eine Frage der Haltung

Tango lebt von Begegnung, nicht von Kontrolle. Von Verbindung, nicht von Manipulation.

Milongas, Marathons und Encuentros sind unterschiedliche Ausdrucksformen derselben Leidenschaft. Keine ist per se überlegen. Entscheidend ist nicht das Format – entscheidend ist die Haltung der Menschen, die sie gestalten und besuchen.

Eine reife Tangokultur entsteht dort, wo Eigenständigkeit, Fairness und Großzügigkeit stärker sind als Neid, Macht und Gefolgschaft.

Dort, wo Menschen selbst sehen, selbst hören, selbst tanzen – und sich ihre eigene Meinung bilden.

1 thought on “Flying Monkeys im Tango

    • Author gravatar

      Lieber Christian,
      Danke dir für das Teilen deiner Gedanken: was ich auch beobachte: wer nicht selbst Erfahrung hat im Veranstalten von Events, hat oft keine Vorstellung davon, wieviel Zeit, Herzblut, Kreativität und finanzielle Ressourcen in die Organisation von solchen Events eingebracht wird.💃🏻🎶

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung