Gerhards Tango Report – wenn ein Blog nur noch um sich selbst kreist
Wie aus Tangokritik Herablassung wird – und aus einem Blog ein Weltbild
Eigentlich hatte ich ja versprochen, einen gewissen Blog links liegen zu lassen. Dann aber versuchte dessen Autor, einen Schriftsteller immer wieder auf seine Seite zu ziehen und ihn gewissermaßen als Aushängeschild der eigenen Satire zu benutzen. Das ärgert mich inzwischen doch erheblich.
War Kurt Tucholsky nicht gerade einer, der gegen piefige Mitbürger, Wichtigtuer und allerlei Möchtegerne anschrieb – vor allem gegen Menschen, die sich selber etwas zu wichtig nahmen? Also auch Riedl selbst?
Da war aber noch etwas anderes. Wenn jemand einen Tango-Blog betreibt, sollte man eigentlich erwarten, dort Interessantes über Tango als Tanz und über seine positiven wie negativen Begleiterscheinungen zu erfahren. Deshalb möchte ich einmal die Frage stellen, ob es in diesem Blog tatsächlich noch hauptsächlich um Tango geht oder inzwischen nicht viel mehr um eine Art Selbstbestätigung durch die Herablassung über andere. Der Tango liefert dafür ein wunderbares Panoptikum. In ihm scheint sich für den Autor die ganze Fehlerhaftigkeit der Menschheit widerzuspiegeln: Eitelkeit, Dummheit, Gruppenzwang, Geschäftemacherei, Besserwisserei und allerlei kleine Glaubenskriege. Nur einer steht merkwürdig oft außerhalb dieses Panoptikums und beschreibt die Fehler der anderen.
„Der lehrt nicht mehr. Der propagiert.“
„Der lehrt nicht mehr. Der propagiert.
Und wer erzieht den, der studiert?“
Kurt Tucholsky schrieb diese Zeilen 1918 in seinem Gedicht „Professoren“. Er beklagte darin nicht nur den Wandel eines Berufsstandes, sondern vor allem den Verlust einer Haltung: weg vom Lehren, hin zur Selbstdarstellung, zur politischen Pose und zur öffentlichen Wirkung.
Ausgerechnet Tucholsky musste mir in den letzten Tagen immer wieder begegnen. Kein Wunder, Gerhard Riedl zitiert ihn inzwischen mit einer Häufigkeit, bei der man fast meinen könnte, der kleine dicke Berliner sei nachträglich zum Hausautor des „Tango Report“ ernannt worden.
Also habe ich ihn noch einmal gelesen. Zumindest einige wichtige Ausschnitte, die ich noch aus meiner Jugend kannte. Dabei interessierte mich besonders, wen Tucholsky eigentlich vorwiegend ins Visier genommen hat. Hat er etwa Leserbriefe auf Rechtschreibfehler überprüft? Das dürfte damals schwierig gewesen sein, denn erstens haben die Menschen öffentliche Briefe wahrscheinlich mit etwas mehr Akribie verfasst, und zweitens hat die jeweilige Redaktion ein wenig nachgeholfen. Sonst hätte man am Ende vielleicht noch den Lektor infrage gestellt. Das mache ich bei Leserbriefen übrigens auch so: Wenn jemand offenbar versehentlich auf die falschen Tasten gehauen hat, korrigiere ich die Fehler, damit dieser Kommentator nicht unnötig schlecht dargestellt wird. Warum sollte ich mich daran ergötzen, dass ein anderer ein paar Flüchtigkeitsfehler übersehen hat?
Und dann fiel mir auf, dass Tucholsky auch über Lehrer, Lernen, Bildung und Überheblichkeit durchaus einiges zu sagen hatte. Nur passt manches davon erstaunlich schlecht zu dem Bild, das Gerhard Riedl von sich selbst und der Tango-Welt zeichnet.
Denn in seinem Blog entsteht seit einiger Zeit ein merkwürdiges Panorama: Auf der einen Seite die dumme, manipulierbare Masse, die Lehrern, Regeln, Workshops, Traditionen und Moden hinterherläuft. Auf der anderen Seite der unabhängige Beobachter, der das alles durchschaut, sich von niemandem etwas sagen lässt und den Tango lieber aus sicherer Entfernung seziert.
Satire war für mich immer ein Mittel, sich über Menschen des öffentlichen Lebens zu amüsieren oder sie durch Überzeichnung zu karikieren. Aber nicht, um sich über ganz normale Menschen lustig zu machen, die vielleicht einen Tippfehler produzieren, sich ungeschickt ausdrücken oder einfach anderer Meinung sind. Das empfinde ich als billige Ersatzbefriedigung: Man macht den anderen klein, damit man selber ein wenig größer wirkt. Genau dort beginnt für mich die Grenze zwischen Satire und Herablassung – und genau darum soll es hier gehen.
Der vereinzelte Aufrechte
Durch viele der Texte von Riedl zieht sich die Figur des vereinzelten Aufrechten, der noch klar sieht, während um ihn herum die Dummheit fröhlich ihren Geschäften nachgeht. Die anderen sind „Besserwissende“, „Spinner“, „Volldeppen“, „abgrundtief dumm“, sprachlich dürftig oder intellektuell überfordert. Manche produzieren „Wörtermüll“, andere „Wortgebirge“. Wieder andere kommen offenbar von der „Google-Universität“. Wer anonym schreibt, bekommt gleich noch Zweifel an seiner realen Existenz mitgeliefert. Gerhard dagegen liest seit Jahrzehnten, denkt selbst, lässt sich nichts vorschreiben und betrachtet das Treiben mit jener Mischung aus Spott und Resignation, die offenbar zum Berufsbild des einsamen Satirikers gehört.
Das passt ausgezeichnet zu seinem Tango-Bild. Auch dort gibt es die Masse, die Regeln folgt, Lehrer ernst nimmt, Workshops bucht, historische Musik hört, in der Ronda tanzt und Begriffen wie „traditionell“ oder „authentisch“ hinterherläuft. Die Schafe folgen, die Hütehunde erklären ihnen, wohin, und irgendwo dazwischen tanzt Gerhard: frei, individuell, ohne Schablonen, möglichst ohne Regeln, seinem Gefühl folgend, einer, der sich von keinem Tangolehrer erklären lässt, wie Tango geht.
Nirgendwo sonst ließen sich menschliche Schwächen wahrscheinlich besser darstellen als im Tango, diesem wunderbaren menschlichen Panoptikum. Gerhard hat es über Jahrzehnte ausgiebig studiert. Er sitzt gewissermaßen in seiner Ecke, beobachtet das Treiben und beschreibt als Satiriker die Dummheit der Tango-Welt. Sein Hass auf die dumme Welt bekommt hier eine passende Kulisse, in der sich alles wiederfinden lässt, was ihn stört: Eitelkeit, Gruppenzwang, Geschäftssinn, Expertengehabe und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit.
Von dort aus lassen sich natürlich auch die Versäumnisse der Tangolehrer bestens kritisieren, denn an den Schülern sieht man schließlich, was nicht stimmt. Sie tanzen zu steif, zu regelkonform, zu figurenlastig, zu wenig musikalisch oder zu sehr nach den Vorstellungen ihrer Lehrer. Tangolehrer erscheinen damit als die eigentlichen Erzeuger tänzerischer Unzulänglichkeiten, während die Tänzer nur noch als gläubige Schafe vorkommen, die ihren Hütehunden folgen.
Was für eine tiefe Verachtung steckt eigentlich darin, Menschen hauptsächlich als Opfer darzustellen, als wären sie nur noch manipulierbare Masse? Tänzer sind keine willenlosen Geschöpfe. Sie suchen sich Lehrer aus, verlassen sie wieder, übernehmen manches, verwerfen anderes, entwickeln Vorlieben, treffen Entscheidungen und tanzen am Ende vielleicht sogar ganz bewusst anders, als Gerhard Riedl es für sinnvoll hält. Diese zynische Herablassung gegenüber der angeblich verführten Masse hat für mich wenig mit einem humanistischen oder wohlwollenden Menschenbild zu tun.
Freiheit – aber bitte die richtige
Darin steckt einer der interessantesten Widersprüche dieses ganzen Weltbildes. Riedl fordert einen individuellen Tango jenseits von Regeln und Vorschriften. Er möchte keine Dogmen, keine Schablonen, keine Experten, die einem erklären, wie Tango zu tanzen sei. Gleichzeitig weiß er ziemlich genau, welcher Unterricht „bescheuert“ ist, welche Bewegungen bloß „Getrippel“ sind, welche DJs falsch liegen, welche Lehrer nur ihren Kommerz betreiben und welche Tänzer noch immer nicht verstanden haben, worum es im Tango eigentlich geht.
Der freie Individualist fordert also das Recht, sich nichts sagen zu lassen – und verbringt erstaunlich viel Zeit damit, anderen zu sagen, was sie falsch machen. Man könnte auch sagen: Freiheit für alle, nach bestandener Prüfung bei Gerhard.
Das gilt inzwischen auch außerhalb des Parketts. Andere dürfen natürlich bloggen, schreiben, diskutieren und widersprechen. Nur sollten sie möglichst nicht zu lang schreiben, nicht auf Englisch, nicht zu theoretisch, nicht zu akademisch, nicht anonym und vor allem nicht so, dass Gerhard dabei schlecht aussieht. Genau dadurch wird aus dem viel beschworenen Individualismus eine ziemlich einseitige Angelegenheit: Die eigene Freiheit ist selbstverständlich, die der anderen wird gern geprüft.
Ich hab’s doch schon immer gesagt
Sehr schön lässt sich das an seinem Beitrag über Steffi Stenzels Unterrichtskonzept beobachten. Anfänger sollen dort von Anfang an mit erfahrenen Tänzern tanzen. Gerhard ist begeistert, vor allem darüber, dass er diese Idee schließlich seit Jahren habe. Dass mein damaliger Einwand etwas anderes betraf – nämlich den Vorschlag, Anfänger sollten sich einfach irgendwo erfahrene Tänzer suchen, die dann hoffentlich Lust, Zeit und Nerven haben, sie privat zu betreuen –, spielt plötzlich keine große Rolle mehr. Jetzt handelt es sich um ein organisiertes und bezahltes Kursmodell, also ziemlich genau um das, was damals gerade nicht gemeint war. Aber sei’s drum. Hauptsache: Er hatte es schon immer gesagt. Sogar „Tantiemen“ für seine Idee möchte er großmütig nicht verlangen.
Noch interessanter wird es dort, wo jemand tatsächlich vieles von dem kritisiert, was Riedl seit Jahren kritisiert – nur eben nicht in der passenden Verpackung. Tom Tabaczynski hält vom üblichen Tango-Unterricht ebenfalls wenig. Zu viele Figuren, zu viel Technik, zu wenig Körper, zu wenig unmittelbares Lernen, zu wenig tatsächliche Milonga-Praxis. Eigentlich hätte Tom für Gerhard ein Geschenk des Himmels sein müssen. Da kommt jemand von außen und sagt vieles von dem, was Riedl selbst seit Jahren sagt, und ausgerechnet mit mir streitet dieser Mann dann seitenlang über Unterricht, Somatik, Improvisation, Bewegungsorganisation und Lernprozesse. Endlich also einmal die Gelegenheit, mit vereinten Kräften sachlich gegen Wendel zu argumentieren. Man hätte sich wunderbar zusammentun können. Stattdessen: Schweigen im Wald.
Riedl störten vor allem die Länge der Diskussion, die englische Sprache und die vielen Worte. Aus einer Debatte über Unterricht, Somatik und Lernprozesse wurden „Wörter-Eruptionen“, „Wortgebirge“ und „Wörtermüll“. Später erklärte er schließlich, ich beschäftige mich im Tango gerne „mit dem Jenseits“. Da darf man schon einmal fragen, ob es vielleicht weniger daran lag, dass diese Debatte inhaltlich so uninteressant war, sondern eher daran, dass man für eine wirkliche Auseinandersetzung mit Bewegungsdidaktik, motorischem Lernen und somatischen Konzepten etwas mehr braucht als jahrzehntelange Tango-Erfahrung und eine feste Meinung über Tangounterricht.
Genau hier wäre die Gelegenheit gewesen, die eigene Kritik endlich einmal mit theoretischem Hintergrundwissen zu unterfüttern. Tabaczynski lieferte dafür reichlich Material. Genutzt wurde die Gelegenheit nicht. Vielleicht ist dieses Schweigen aufschlussreicher als mancher lange Blogbeitrag.
Für mich ist das ein weiterer Beleg dafür, dass es Riedl gar nicht um die Argumente oder um eine Vertiefung seiner Tango-Theorien geht, sondern vor allem um die nächste Provokation an der Oberfläche.
Wenn Kritik gefährlich wird
Für mich beginnt hier der eigentliche Kern. Die Herablassung hat eine Funktion: Sie stellt ein Gefälle her. Unten stehen diejenigen, die nicht verstehen, schlecht schreiben, falschen Lehrern folgen, zu viel reden, anonym kommentieren, Regeln nachbeten oder sich als Experten aufspielen. Oben steht derjenige, der das alles durchschaut. Solange dieses Gefälle funktioniert, kann man gelassen spotten. Problematisch wird es erst, wenn jemand die Rollenverteilung nicht akzeptiert. Dann kippt der Ton.
Am 6. September veröffentlicht Riedl eine „Sehr persönliche Antwort“ an mich. In der folgenden Kommentarspalte weist ein Leser darauf hin, dass er entgegen seinen eigenen Regeln wieder einen anonymen Beitrag freigeschaltet habe. Riedls Antwort: „So ein Volldepp!“ Eine Frau schreibt daraufhin: „Ihre Kraftwörter ekeln mich an, Herr Riedl.“ Seine Antwort: „Darf man im Mädchen-Internat schon ins Internet? Halte ich für verfrüht.“
Ein anderer Leser fragt, ob er seiner Leserschaft „Volldepp“ auch ins Gesicht sagen würde. Riedl antwortet: „Einer realen Person sicherlich nicht. Aber Sie sind ja ein namenloses Synthetik-Wesen.“ Kurz darauf erklärt er selber, die wenigsten Menschen würden im realen Leben andere so anreden; erst die Anonymität des Internets mache aus Feiglingen Helden. Da braucht man eigentlich keine Satire mehr. Der Text erledigt das selber.
Von der Herablassung zur Niederträchtigkeit
Man kann deftig schreiben. Das tue ich selbst. Man kann polemisieren, zuspitzen und sich auch einmal kräftig im Ton vergreifen. Interessant wird es für mich dort, wo eine persönliche Herabsetzung erkennbar an die Stelle der inhaltlichen Antwort tritt. Beim Streit über Tucholsky etwa schreibe ich, er möge den Autor vielleicht noch einmal lesen, weil dessen Texte sich nicht ganz so bequem für seine Argumentation verwenden lassen. Darauf folgt nicht nur der Vorwurf, ich spiele mich als Literatur-Experte auf. Riedl schreibt schließlich: „Aber wenn’s mit dem Tangounterricht nicht so läuft, können Sie ja Tucholsky-Seminare veranstalten.“
Was mein Tangounterricht mit Tucholsky zu tun hatte, blieb sein Geheimnis. Aber es war ein persönlicher Angriffspunkt verfügbar. Da wird einfach eine Behauptung in die Welt gesetzt, ohne jedes Hintergrundwissen – als lässige Spitze en passant eine Lüge fallengelassen, nur um zu diskreditieren. Vermutlich deshalb, weil auf meiner Website derzeit keine Kurse mehr angekündigt werden. Darauf angesprochen, bezeichnet er diese frei erfundene Behauptung allen Ernstes als ‚Satire‘. Damit wird aus der Satire endgültig ein Freibrief: Erst eine diskreditierende Behauptung in die Welt setzen und sie anschließend zur Pointe erklären, sobald jemand nachfragt.
Genau darin zeigt sich für mich die Grenze zwischen Polemik und Niedertracht: Polemik schärft ein Argument, Niedertracht sucht eine Stelle am Menschen, an der es wehtun könnte, wenn das Argument nicht mehr reicht. Und je mehr Riedl sich in die Ecke gedrängt fühlt, desto häufiger scheint genau das zu passieren.
Ein Blog frisst sich selbst
Inzwischen hat sich noch ein zweites bemerkenswertes System entwickelt. Der Blog produziert immer öfter selbst das Material, von dem er anschließend lebt. Gerhard schreibt über andere Blogger, die reagieren darauf, Gerhard schreibt über deren Reaktionen, darauf folgen Kommentare, und die Kommentare werden schließlich wieder Stoff für einen neuen Beitrag. Am 8. September geht es um seine Kommentarspalte, am 17. September um englische Kommentare auf meinem Blog und bei Helge und am 20. September besteht gleich ein ganzer Beitrag im Wesentlichen aus Leserkommentaren. „Botschaften aus Analphabetistan“ heißt er.
Das ist inzwischen ein erstaunlich autarkes System. Man braucht keine neue Tangomusik, keine interessante Unterrichtsfrage, keine Milonga, keine Reise und nicht einmal einen neuen Gedanken. Die eigenen Kritiker liefern den Brennstoff frei Haus. Der Blog wird damit zugleich Anlass, Bühne und Nachbereitung seiner eigenen Konflikte.
Boulevard – aber die Leser sind natürlich nicht dumm
Wenn man diese Art des Bloggens als eine Art Boulevard-Feuilleton bezeichnet, wird es ebenfalls interessant. Gemeint ist damit schließlich keine Aussage über die Intelligenz der Leser, sondern über eine bestimmte Machart: viel Personalisierung, Zuspitzung, Streit, Klamauk, große Überschriften, bekannte Namen und möglichst etwas, worüber man sich aufregen oder amüsieren kann. Das funktioniert bei der „BILD“ seit Jahrzehnten ganz ausgezeichnet und selbstverständlich auch im Internet. Streit zieht, Häme zieht, Prominenz zieht und ein „Volldepp“ vermutlich besser als die fünfte Abhandlung über Bewegungsdidaktik.
Riedl weicht dieser Kritik gern dadurch aus, dass er sie auf seine Leserschaft verschiebt. Wer ihm vorhält, Klamauk und Personalisierung sorgten für Aufmerksamkeit und Zugriffszahlen, soll damit plötzlich behauptet haben, seine Leser seien dumm. Das ist natürlich bequem. Man kritisiert die journalistische Form, und schon steht man da wie jemand, der dem Publikum die geistige Zurechnungsfähigkeit abspricht.
Nur sind das zwei völlig verschiedene Dinge. Menschen lesen Boulevard nicht deshalb, weil sie dumm sind, sondern weil Konflikte, Unterhaltung, Schadenfreude, Empörung und menschliche Schwächen nun einmal Aufmerksamkeit erzeugen. Genau deshalb funktioniert dieses Verfahren so gut. Gerade Riedl müsste das eigentlich wissen. Schließlich berichtet er gern über Zugriffszahlen und weiß damit ziemlich genau, welche Texte besonders gut laufen. Wer aber den Zusammenhang zwischen Klamauk, Konflikt und Aufmerksamkeit anspricht, verkauft deshalb noch lange niemanden für dumm. Er beschreibt nur ein ziemlich altes Medienprinzip.
„Mein Blog soll schließlich unterhalten“
Dazu passt seine ständig wiederholte Erklärung, sein Blog solle schließlich „unterhalten“. Das klingt zunächst harmlos und ist ausgesprochen praktisch. Solange ein Thema leicht genug ist, darf der Autor mit großer Geste über Tangounterricht, künstliche Intelligenz, Literatur, Sprache oder gesellschaftliche Entwicklungen urteilen. Wird die Sache komplizierter und verlangt plötzlich genauere Kenntnisse, belastbare Argumente oder eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Einwänden, kann man sich jederzeit auf den Unterhaltungsauftrag zurückziehen. Dann war alles eben Satire, Ironie oder Klamauk.
Damit schreibt man sich allerdings aus jedem Anspruch heraus, mit ernstzunehmenden Themen auch ernst genommen zu werden. Wer zu Unterricht, KI, Literatur oder anderen komplexen Fragen deutliche Urteile veröffentlicht, kann schlecht erwarten, dass diese nur so lange ernst genommen werden, wie es angenehm bleibt. „Mein Blog soll schließlich unterhalten“ wird sonst zur Universal-Ausrede: ernst genug, um anderen die Welt zu erklären, aber plötzlich nur Unterhaltung, wenn jemand genauer nachfragt.
Gerade bei komplexeren Themen fällt dieses Umschalten auf. Wo eine Debatte Hintergrundwissen verlangt, wird sie schnell zu „Wortgebirgen“, „Wörtermüll“ oder einer Veranstaltung angeblicher Experten. Wenn die Kritik dann noch näher rückt, dient der Hinweis auf die Unterhaltung dazu, den eigenen Anspruch wieder herunterzudimmen. Das ist eine komfortable Konstruktion: Man darf große Themen anfassen, muss sich aber nicht immer an den Maßstäben messen lassen, die für große Themen nun einmal gelten.
Passend zum Thema „Unterhaltung“ findet sich in seinem neuesten Beitrag nun sogar ein kleines Bundeskanzler-Quiz. Offenbar braucht ein Blog, der schließlich unterhalten will, gelegentlich auch etwas Beschäftigungsmaterial für zwischendurch. Was kommt als Nächstes? Vielleicht ein Tango-Horoskop mit Fragen wie: „Wer wird im Oktober mein neuer Lieblings-Tanzpartner?“ Oder ein Kreuzworträtsel mit den Namen sämtlicher Tango-Komponisten – was allerdings schon deutlich schwieriger werden könnte.
Offenbar kommt mein Artikel hier also gerade recht spät. Zwischenzeitlich fehlte wohl etwas Schreibstoff, und da behilft man sich eben mit einer kleinen sauren Gurke, bis wieder irgendwo Zoff hereinklettert. Damit diene ich doch gerne. Ich denke, die Antwort wird recht zeitnah hereinklettern – wahrscheinlich wieder mit der üblichen kleinkarierten Beanstandung fehlender Quellenangaben, obwohl ich hier ausschließlich über einen bestimmten Blog schreibe, den die meisten meiner Leser ohnehin kennen.* Jedenfalls dürfte sie schneller kommen als im sonst recht gemächlichen Zwei-Tages-Rhythmus. Ja, so ist er: Mit beinahe amtlich anmutender Betriebsamkeit wird zuverlässig geliefert – egal was.
Analphabetistan
Unter dieser Überschrift sammelt Riedl Rechtschreibfehler, schiefe Formulierungen und sprachliche Patzer seiner Kritiker und versieht sie mit kleinen Kommentaren. Manches davon ist durchaus lustig. Nur ersetzt es ziemlich bequem die eigentliche Auseinandersetzung. Vielleicht hat ein Kritiker einen brauchbaren Einwand, vielleicht aber auch ein Komma falsch gesetzt. Dann kann man sich aussuchen, was mehr Spaß macht.
Besonders schön ist die nachträgliche Verarbeitung des „Volldepp“. Noch einmal wird die Frage zitiert, ob Riedl Menschen so auch ins Gesicht anreden würde. Seine neue Antwort: „Allen nicht. Aber bei einigen machts umso mehr Spaß!“ Damit ist wenigstens geklärt, dass wir es nicht mit einem bedauerlichen Ausrutscher zu tun hatten. Es gehört inzwischen zum Programm.
Goethe hilft immer
Überhaupt gehören große Namen inzwischen fest zur Ausstattung des Blogs. Goethe, Schiller, Schopenhauer, H. G. Wells, Tucholsky, Dieter Hildebrandt, Werner Schneyder – an kultureller Begleitung mangelt es nicht. Beim Beitrag über künstliche Intelligenz erklärt Riedl gleich zu Beginn, dass ihm jegliche Fachkenntnisse fehlen, um KI beurteilen zu können. Danach geht es unter Berufung auf Fachleute trotzdem um Kontrollverlust, Cyberangriffe, Biowaffen, geistige Verarmung und die Zukunft der Menschheit. Zur Sicherheit beginnt und endet der Text mit Goethes „Zauberlehrling“. Wenn schon keine Fachkenntnis vorhanden ist, sollte wenigstens der Bildungskanon stimmen.
Beim Streit über deutsche und englische Sprache kommen Shakespeare, Molière, Goethe, Schiller, Tucholsky und Schopenhauer zum Einsatz. Riedl erlaubt sich dabei sogar „ein wenig Nationalstolz“. Wer widerspricht, bekommt die Rangordnung gleich mitgeliefert. „Die Texte von Kurt Tucholsky begleiten mich nun seit einem halben Jahrhundert“, erklärt Riedl und fügt hinzu, sein Gegenüber sei nicht der Erste, dem zu diesem Autor „dummes Zeug“ einfalle. Ein anderer Kommentar beginnt seiner Ansicht nach „abgrundtief dumm“, weshalb er den Rest gar nicht erst lesen müsse. So spart man Zeit und muss sich vor allem nicht mit jedem Einwand beschäftigen.
Tucholsky und Gerhard
Besonders interessant fand ich deshalb Riedls Beitrag über Kurt Tucholsky am 18. September. Er habe sich seit 50 Jahren mit keinem Autor so intensiv beschäftigt. Dann folgt der Satz: „Wer Satiren schreibt, sollte sich immer wieder fragen: Wie hätte ‚Tucho‘ es gemacht?“ Da wird es spannend, denn nun beschreibt er einen Einzelgänger, einen Satiriker, einen Mann, der sich mit vielen anlegte, gegen Dummheit und Überheblichkeit anschrieb und gelegentlich daran verzweifelte, ob seine Texte überhaupt etwas bewirkten.
Da liegt für mich der Verdacht nahe, dass Riedl in diesem Tucholsky-Porträt auch ein wenig sich selbst beschreibt. Der einsame Satiriker, der die Dummheit der Zeitgenossen erkennt, während die Welt sich leider nicht bessert. Erich Kästner beschrieb Tucholsky als einen „kleinen, dicken Berliner, der mit seiner Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten wollte“. Man kann verstehen, warum Gerhard dieses Bild gefällt.
Nur waren Tucholskys Gegner unter anderem Militarismus, Nationalismus, politische Heuchelei, Justizwillkür und die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit. Gerhard sammelt Rechtschreibfehler aus seiner Kommentarspalte. Jeder Satiriker sucht sich eben die großen Fragen seiner Epoche selbst aus.
Und was sagte Tucholsky zu Lehrern?
Nachdem Gerhard Riedl seinen Lieblingsautor nun so häufig bemüht, lohnt sich auch ein Blick darauf, was Tucholsky selbst über Lehrer und Unterricht geschrieben hat. In „Ein Kind aus meiner Klasse“ von 1925 fällt sein Urteil über die eigene Schulzeit ziemlich vernichtend aus. Er beklagt verlorene Jahre, schlechten Unterricht und Lehrer, die ihren Schülern weder richtiges Denken noch Sehen noch Arbeiten beigebracht hätten. Einer seiner schärfsten Sätze lautet: „Wir hatten keine Lehrer, wir hatten keine Führer, wir hatten Lehrbeamte.“
Das Interessante daran ist weniger die Härte seiner Lehrerkritik als die Richtung, in die sie geht. Tucholsky macht die Schüler nicht zur dummen Herde. Er beschreibt sie vielmehr als Menschen, denen schlechter Unterricht Möglichkeiten vorenthält. Wenn später trotzdem etwas aus ihnen geworden sei, dann trotz der Schule und nicht wegen ihr. Das ist ein ziemlich anderer Blick auf Lernende als die Vorstellung, Tänzer seien im Wesentlichen gläubige Schafe, die ihren Lehrern hinterherlaufen.
Tucholsky interessierte sich übrigens tatsächlich für Pädagogik. Er gab schon früh Privatunterricht und beschäftigte sich mit pädagogischen und psychologischen Fragen. Ganz so weit hergeholt wäre es also gar nicht gewesen, ihn bei einer Diskussion über Lernen und Unterricht einmal ernsthaft heranzuziehen. Und dann gibt es eben noch sein Gedicht „Professoren“ mit der Zeile, die am Anfang dieses Beitrags stand: „Der lehrt nicht mehr. Der propagiert.“ Gerade bei jemandem, der seit Jahren erklärt, was Tangolehrer alles falsch machen, wäre die Frage vielleicht gar nicht uninteressant, ob man über Unterricht vor allem urteilen oder sich auch einmal gründlicher damit beschäftigen sollte, wie Menschen eigentlich lernen.
Tucholsky hatte offenbar einiges gegen schlechten Unterricht. Von Verachtung gegenüber den Lernenden lese ich bei ihm erstaunlich wenig.
Was darf die Satire?
Nachdem Riedl mich mehrfach darauf hingewiesen hatte, wie lange er Tucholsky schon kenne, habe ich tatsächlich „Was darf die Satire?“ noch einmal gelesen. Dort beschreibt Tucholsky den Satiriker als „gekränkten Idealisten“, der die Welt gut haben möchte und deshalb gegen das Schlechte anrennt. Also fragte ich Riedl, gegen welches Schlechte er eigentlich kämpfe, wenn er Tippfehler und falsche Kommas seiner Kommentatoren unter „Botschaften aus Analphabetistan“ sammelt.
Seine Antwort beginnt: „Nun haben Sie also tatsächlich Tucholskys bekanntesten Text genauer gelesen? Prima – das ist schon mal ein Anfang!“ Danach bekomme ich noch ein paar Lesehinweise. Schließlich habe ich auf diesem Gebiet offenbar erheblichen Nachholbedarf. Die Rollen bleiben also sauber verteilt: Gerhard liest Tucholsky seit 50 Jahren, ich habe angefangen. Gerade diese kleine Bemerkung sagt über das Verhältnis, in das er seine Kritiker gern stellt, vielleicht mehr als eine ganze Abhandlung über Satire.
Dass ich seit 40 Jahren Tango unterrichte, scheint hingegen weitgehend belanglos zu sein. Schließlich kann nach Riedls Logik jeder Tango tanzen und sich als Lehrer aufspielen, ohne dafür je eine staatliche Prüfung abgelegt zu haben. Merkwürdig nur, dass Riedl ausgerechnet seine eigene jahrzehntelange Beschäftigung mit Tucholsky – seine „50 Jahre Tucholsky“ – als eine Art Rangordnung benutzt, während jahrzehntelange praktische Erfahrung im Tango offenbar kaum etwas zählt.
Wohlgemerkt: in einem Tango-Blog!
Der freie Tango mit Gerhards TÜV
Ich kann mit vielem, was Riedl am üblichen Unterricht kritisiert, durchaus etwas anfangen. Auch ich halte nichts davon, Menschen jahrelang durch Figurenprogramme zu treiben, auch ich halte Improvisation für den Kern des Tango, und auch ich finde, dass einiges, was im Unterricht stattfindet, erstaunlich wenig mit dem tatsächlichen Tanzen auf einer Milonga zu tun hat. Nur ziehe ich daraus nicht den Schluss, dass die Menschen, die anders tanzen, Opfer schlechter Lehrer sein müssen.
Genau dort trennt sich unsere Sicht. Riedl möchte einen freien, individuellen Tango, nur wirkt dieser freie Tango manchmal erstaunlich normiert. Wer Regeln befolgt, historische Musik liebt, Workshops besucht, sich an einer Ronda orientiert oder schlicht Freude an einem anderen Tango hat, steht schnell auf der falschen Seite. Der unabhängige Tänzer soll frei sein, aber offenbar möglichst in der richtigen Richtung. Und wer die falsche Freiheit wählt, gilt schnell wieder als Opfer der Lehrer, der Szene oder irgendeiner Mode.
Resignation
Am 13. September schreibt Riedl schließlich etwas Interessantes. Tango sei heute im Wesentlichen Freizeitindustrie, soziales Ritual und Gemeinschaftserlebnis. Eine Lehrkraft müsse vielleicht gar nicht so viel darüber nachdenken, was genau sie unterrichte. Ein Leser wundert sich darüber, weil Riedl doch seit Jahren die Qualität des Tangounterrichts kritisiert. Seine Antwort: „Das ist vor allem die Aussage von jemandem, der allmählich resigniert…“
Vielleicht ist dieser Satz einer der ehrlichsten des ganzen Monats. Der vereinzelte Aufrechte erkennt seit Jahren, was die anderen falsch machen. Nur hören sie leider nicht auf ihn. Die Lehrer unterrichten weiter, die Tänzer tanzen weiter, die Traditionalisten hören weiter Di Sarli und die Blogger schreiben auch noch, was sie wollen. Irgendwann bleibt nur noch Resignation. Oder ein Blog.
Das eigentliche Thema
Vielleicht ist „Gerhards Tango Report“ inzwischen gar kein Tango-Blog mehr im eigentlichen Sinn. Vielleicht ist es ein Blog über Gerhard Riedls Blick auf die Welt, in dem Tango noch eine besonders ergiebige Kulisse liefert. Tangounterricht bestätigt seine Kritik an Lehrern, DJs bestätigen seine Kritik an Experten, Tradition bestätigt seine Kritik an der Herde, andere Blogger bestätigen seine Kritik an Bloggern und Leserkommentare bestätigen seine Kritik an Kommentatoren. Goethe, Schiller und Schopenhauer liefern die kulturelle Ausstattung, und Tucholsky schließlich das Bild des unbequemen Satirikers, der einsam gegen die Dummheit anschreibt.
Das funktioniert erstaunlich zuverlässig, nur hat diese Konstruktion einen Preis. Wer die anderen ständig kleiner machen muss, um selbst als unabhängiger Beobachter über ihnen stehen zu können, verliert irgendwann den wohlwollenden Blick auf Menschen. Dann werden aus Tänzern Schafe, aus Kritikern Dummköpfe und aus Widerspruch persönliche Anmaßung. Wenn die Ironie nicht mehr reicht, wird eben nachgetreten.
Dabei bietet sich gerade die Tango-Szene als Panoptikum menschlicher Eigenarten besonders an. Wo werden unsere Unzulänglichkeiten, die tänzerischen ebenso wie die charakterlichen, deutlicher sichtbar als hier? Beim Tanzen zeigen sich Menschen manchmal von ihren nacktesten Seiten: unsicher, eitel, ehrgeizig, empfindlich, selbstverliebt, großzügig, hilfsbereit oder einfach komisch. Gerade das macht sie für mich nicht nur verletzlich, sondern auch sympathisch.
Wir erleben diese Schwächen miteinander, gehen mit ihnen um und schätzen und akzeptieren uns trotzdem. Natürlich zerreißen wir uns gelegentlich auch gegenseitig das Maul. Auch das gehört dazu. Aber gerade weil Tango Menschen so ungeschützt zeigt, sollte man mit dieser Verletzlichkeit nicht umgehen, als sei sie eine Ausstellung menschlicher Defekte, über der man selbst als überlegener Beobachter schwebt. Darin herumzurühren und sie zum Betätigungsfeld der eigenen Überheblichkeit zu machen, halte ich für verwerflich.
Vielleicht ist das inzwischen der eigentliche Kern des „Tango Report“: weniger Tango als Weltbild, ein Weltbild, in dem einer erstaunlich häufig recht hat und die anderen erstaunlich häufig zu dumm sind, es zu merken. Nur einer gerät bei all dieser Satire erstaunlich selten wirklich ins Visier: Gerhard Riedl.