Tango zu zweit – oder jeder für sich?

Über Führung, Eigenständigkeit und die Grenzen der Improvisation

Wie unterschiedlich ich einen Tango erlebe, hängt für mich ganz wesentlich davon ab, mit welcher Partnerin ich tanze und welche Möglichkeiten sich daraus für die musikalische Interpretation ergeben. Dabei geht es mir weniger um die technischen Fähigkeiten einer Tänzerin oder darum, wie viele Figuren sie beherrscht. Viel interessanter ist für mich, was sie selbst zum gemeinsamen Tanz beiträgt und wie sie mit meinen Bewegungsvorschlägen umgeht.

Da gibt es Frauen, die sich beinahe wie Puppen bewegen. Sie warten brav auf die Führung, führen jeden angebotenen Schritt möglichst korrekt aus und scheinen vor allem darauf bedacht zu sein, bloß nichts Eigenes hinzuzufügen. Technisch muss das keineswegs schlecht sein. Manchmal funktioniert sogar alles ausgesprochen präzise. Trotzdem fehlt mir etwas. Ich bekomme zwar Reaktionen auf meine Bewegungsangebote, aber kaum eigene musikalische Ideen zurück. Der Tanz bleibt merkwürdig einseitig.

Das andere Extrem kenne ich allerdings ebenso. Tänzerinnen, die eine derart ausgeprägte Eigenständigkeit entwickeln, dass ich mich gelegentlich frage, wozu sie mich überhaupt noch brauchen. Da wird verziert, verzögert, beschleunigt und improvisiert, ohne dass meine eigenen Bewegungsabsichten noch eine erkennbare Rolle spielen. Manchmal komme ich mir dabei vor wie ein Kleiderständer, an dem sich die Partnerin während ihres Solos festhalten kann. Mit etwas Geschick könnte sie vermutlich auch einen richtigen Kleiderständer benutzen. Der würde sich wenigstens nicht durch eigene musikalische Vorstellungen bemerkbar machen.

Zwischen diesen beiden Extremen liegt für mich ein wesentlicher Teil dessen, was Tango interessant macht. Aber wie viel Eigenständigkeit verträgt ein gemeinsamer Tanz eigentlich? Und wer entscheidet darüber?

„Das habe ich nicht geführt!“

Diesen Satz dürfte fast jeder Tangolehrer schon einmal gehört haben. Eine Folgende macht etwas, das der Führende nicht vorgesehen hatte, und schon steht die Schuldfrage im Raum. Dabei wird häufig vorausgesetzt, dass jede Bewegung der Folgenden auf einen entsprechenden Führungsimpuls zurückgehen müsse. Tut sie etwas anderes, hat sie offenbar nicht richtig gefolgt.

Natürlich kann das zutreffen. Wer eine angebotene Bewegung grundsätzlich ignoriert oder eigenmächtig eine andere Richtung einschlägt, macht es seinem Partner nicht gerade leicht. Aber die Vorstellung, eine Folgende dürfe ausschließlich das ausführen, was der Führende zuvor veranlasst hat, reduziert ihre Aufgabe auf eine ziemlich anspruchslose Form des Gehorsams.

Interessant wird es doch gerade dann, wenn eine Tänzerin eigene Ideen entwickelt. Vielleicht verzögert sie eine Bewegung, weil sie einen musikalischen Akzent anders empfindet. Vielleicht nutzt sie einen Moment für eine kleine rhythmische Variation oder gibt einer Bewegung einen anderen zeitlichen Verlauf, als ich ursprünglich vorgesehen hatte. Das kann ausgesprochen reizvoll sein, sofern ich die Gelegenheit bekomme, diese Entscheidung wahrzunehmen und gegebenenfalls aufzugreifen.

Allerdings verlangt das vom Führenden Fähigkeiten, die über das bloße Abrufen seines Figurenrepertoires hinausgehen. Wer seine nächste Bewegung bereits vollständig geplant hat und nun darauf besteht, sie genauso auszuführen, wird mit unerwarteten Reaktionen seiner Partnerin wenig anfangen können. Seine Improvisation besteht dann hauptsächlich darin, eine vorbereitete Bewegungsfolge an die gerade verfügbare Situation anzupassen.

Andererseits kann man vom Führenden auch nicht erwarten, jede beliebige Eigenmächtigkeit seiner Partnerin sinnvoll zu integrieren. Wenn sie ständig eigene Bewegungen beginnt, die vereinbarte Bewegungsrichtung verändert oder ihre Verzierungen unabhängig vom gemeinsamen Ablauf gestaltet, wird aus der Zusammenarbeit irgendwann ein ziemliches Durcheinander.

Wo liegt also die Grenze? Für mich dort, wo die Entscheidungen des einen die Bewegungsmöglichkeiten des anderen so stark einschränken, dass dieser kaum noch sinnvoll reagieren kann. Das betrifft beide Rollen gleichermaßen. Auch ein Führender, der seine Partnerin mit einer ununterbrochenen Folge von Impulsen beschäftigt, lässt ihr kaum Gelegenheit, eigene Entscheidungen zu treffen.

Bemerkenswert finde ich, dass im Unterricht häufig ausführlich darüber gesprochen wird, wie eine Folgende auf Führung zu reagieren hat, wesentlich seltener aber darüber, wie der Führende mit ihren eigenen Bewegungsentscheidungen umgehen soll. Dabei gehört gerade diese Fähigkeit zur Improvisation.

Wer interpretiert eigentlich die Musik?

Für mich ist die musikalische Gestaltung einer der wichtigsten Gründe, überhaupt Tango zu tanzen. Ich möchte mich nicht lediglich zu einer Aufnahme bewegen, sondern ihre rhythmischen und melodischen Möglichkeiten nutzen. Und natürlich interessiert mich dabei auch, was meine Partnerin in dieser Musik hört.

Das muss keineswegs mit meiner eigenen Interpretation übereinstimmen. Während ich mich beispielsweise an einer rhythmischen Figur des Orchesters orientiere, kann meine Partnerin gerade eine melodische Entwicklung aufgreifen. Sie möchte vielleicht eine Bewegung ausdehnen, während ich bereits den nächsten Akzent vorbereite.

Daraus muss überhaupt kein Konflikt entstehen. Im Gegenteil, unterschiedliche musikalische Wahrnehmungen können einen Tanz durchaus bereichern. Allerdings nur dann, wenn beide bereit sind, ihre ursprünglichen Absichten gelegentlich zu verändern.

Eine Folgende, die eine musikalische Verzögerung einbringt, bietet mir damit unter Umständen eine neue Möglichkeit an. Ich kann darauf eingehen, selbst abwarten oder die nächste Bewegung entsprechend verändern. Genauso kann ich durch meine Führung eine musikalische Entwicklung vorschlagen, die sie auf ihre Weise ausgestaltet.

Problematisch wird es, wenn einer von beiden seine Interpretation für so wichtig hält, dass die musikalischen Vorstellungen des anderen praktisch keine Rolle mehr spielen. Das kann der Mann sein, der jeden Akzent unbedingt selbst markieren möchte und seine Partnerin kaum zur Ruhe kommen lässt. Es kann aber auch die Frau sein, die ihre Verzierungen und rhythmischen Einfälle unabhängig davon ausführt, was im gemeinsamen Tanz gerade geschieht.

Dabei wird leicht übersehen, dass eine musikalisch passende Bewegung nicht unbedingt auch eine passende Partnerbewegung sein muss. Eine Verzierung kann hervorragend zur Musik passen und trotzdem den Bewegungsablauf des Paares stören. Ebenso kann eine vom Führenden angebotene Figur musikalisch durchaus sinnvoll sein, seiner Partnerin aber jede Möglichkeit nehmen, eine begonnene Interpretation zu Ende zu führen.

Die Musik gibt uns schließlich keine eindeutigen Bewegungsanweisungen. Sie bietet Möglichkeiten, aus denen wir auswählen. Und beim Tango müssen diese Entscheidungen irgendwie miteinander vereinbar werden.

Das verlangt gelegentlich auch die Bereitschaft, eine eigene Idee wieder aufzugeben. Wer das grundsätzlich als Einschränkung seiner persönlichen Freiheit betrachtet, wird beim gemeinsamen Improvisieren früher oder später Schwierigkeiten bekommen.

Wie viel Führung ist zu viel?

Bei der Diskussion über die Eigenständigkeit der Folgenden wird gelegentlich vergessen, dass ihre Möglichkeiten wesentlich davon abhängen, wie der Führende seine Aufgabe versteht.

Es gibt Männer, die offenbar der Meinung sind, eine gute Führung müsse möglichst eindeutig, vollständig und jederzeit kontrollierbar sein. Jede Bewegung wird vorbereitet, eingeleitet und bis zu ihrem Abschluss begleitet. Die Partnerin soll möglichst genau spüren, was sie zu tun hat.

Das kann ein hohes Maß an technischer Präzision ermöglichen. Aber wenn der Führende sämtliche zeitlichen und räumlichen Entscheidungen selbst trifft, bleibt für die Partnerin wenig übrig, was sie eigenständig gestalten könnte. Selbst eine ausgezeichnete Tänzerin wird dann möglicherweise auf das bloße Ausführen der angebotenen Bewegungen reduziert.

Dabei ist eine deutliche Führung keineswegs zwangsläufig eine einengende Führung. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob ich meiner Partnerin eine Bewegungsrichtung verständlich anbiete oder ob ich versuche, ihre Bewegung während des gesamten Ablaufs zu kontrollieren. Im ersten Fall kann sie ihre Bewegung selbst organisieren. Im zweiten Fall wird sie ständig von meinen Impulsen abhängig gehalten.

Umgekehrt bedeutet das bloße Weglassen von Führung noch lange nicht, dass dadurch automatisch mehr Freiheit entsteht. Eine Folgende muss erkennen können, welche Möglichkeiten ihr gerade offenstehen. Wenn ich überhaupt keine verständlichen Bewegungsangebote mache, wird sie unter Umständen lediglich unsicher.

Es geht also nicht darum, möglichst wenig zu führen. Viel interessanter ist die Frage, an welchen Stellen Führung notwendig ist und wann sie überflüssig oder sogar hinderlich wird.

Dabei spielt auch die Partnerin eine Rolle. Manche Tänzerinnen wünschen sich eine sehr deutliche Führung, weil sie ihnen Sicherheit gibt. Andere empfinden dieselbe Art zu tanzen als unangenehm. Was für die eine ein klarer Bewegungsvorschlag ist, erlebt die andere möglicherweise als unnötige Bevormundung.

Hinzu kommen persönliche Vorlieben und Sympathien. Eigenheiten, die wir bei einer geschätzten Partnerin großzügig hinnehmen oder sogar reizvoll finden, können uns bei einer anderen ausgesprochen stören. Das gilt selbstverständlich auch für die Bewertung der Führung. Nicht jede als unangenehm empfundene Bewegung muss deshalb bereits ein technischer Fehler sein.

Improvisation im Berufsverkehr

Bisher haben wir allerdings eine wesentliche Bedingung des sozialen Tangos weitgehend außer Acht gelassen: die anderen Paare auf der Tanzfläche.

Auf einer leeren oder nur mäßig besuchten Piste lässt sich vieles ausprobieren. Ich kann Bewegungen verändern, Richtungen wählen, meiner Partnerin Zeit für eigene musikalische Entscheidungen geben und auf unerwartete Reaktionen eingehen. Die räumliche Organisation verlangt vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit.

Ganz anders sieht es auf einer überfüllten Milonga aus. Dort bin ich als Führender ständig damit beschäftigt, den verfügbaren Raum einzuschätzen, die Bewegungen der anderen Paare zu berücksichtigen und meine eigenen Entscheidungen an die Verkehrssituation anzupassen. Ich muss wissen, wohin ich mich bewegen kann, ob ein Richtungswechsel möglich ist und welchen Raum meine Partnerin für die nächste Bewegung benötigt.

Dabei stellt sich eine Frage, die in den üblichen Beschreibungen der gleichberechtigten tänzerischen Improvisation erstaunlich selten auftaucht: Wie viel Aufmerksamkeit bleibt mir eigentlich noch für die eigenständigen musikalischen Ideen meiner Partnerin, wenn ich gleichzeitig den Verkehr organisieren muss?

Wir verfügen schließlich nicht über unbegrenzte Aufmerksamkeit. Je anspruchsvoller die räumliche Situation wird, desto mehr Konzentration beansprucht ihre Bewältigung. Das bedeutet keineswegs, dass musikalische Improvisation auf vollen Tanzflächen unmöglich wäre. Aber ihre Voraussetzungen verändern sich erheblich.

Die Folgende ist dabei zunächst von einem großen Teil dieser Planungsarbeit entlastet. Sie muss nicht ständig die weitere Bewegungsrichtung des Paares festlegen und kann ihre Aufmerksamkeit stärker auf die Musik und die eigene Bewegung richten. Daraus ergibt sich allerdings nicht automatisch das Recht, ihre musikalischen Vorstellungen unabhängig von der räumlichen Situation auszuleben.

Wenn ich gerade versuche, zwischen mehreren Paaren einen sicheren Bewegungsweg zu finden, kann eine unerwartete Richtungsänderung meiner Partnerin erhebliche Schwierigkeiten verursachen. Auch eine ausgedehnte Verzierung, die auf einer leeren Piste vollkommen unproblematisch wäre, kann unter solchen Bedingungen den gemeinsamen Bewegungsablauf behindern.

Umgekehrt sollte sich der Führende fragen, ob er auf einer überfüllten Tanzfläche tatsächlich noch jede musikalische Idee mit einer entsprechenden Figur beantworten muss. Vielleicht wäre es sinnvoller, die Bewegungsmöglichkeiten bewusst zu reduzieren und der Partnerin innerhalb dieses kleineren Rahmens mehr Raum für eigene Interpretationen zu lassen.

Interessant ist dabei, dass sich die Aufgaben der beiden Rollen unter solchen Bedingungen nicht einfach gerecht aufteilen lassen. Der Führende trägt die Hauptverantwortung für die Navigation, während die Folgende innerhalb der angebotenen Bewegungsmöglichkeiten möglicherweise mehr Gelegenheit zur unmittelbaren musikalischen Ausgestaltung hat.

Wie viel Prozent der Improvisation entfallen dann eigentlich auf den Führenden und wie viel auf die Folgende? Eine solche Rechnung wäre natürlich unsinnig. Aber die Frage macht deutlich, dass beide unter völlig unterschiedlichen Bedingungen improvisieren.

Und vielleicht zeigt sich gerade auf einer vollen Piste, wie gut zwei Menschen tatsächlich miteinander umgehen können. Wer die räumlichen Schwierigkeiten wahrnimmt und seine eigenen Ansprüche entsprechend verändert, kann den gemeinsamen Tanz erheblich erleichtern. Wer dagegen unabhängig von der Situation auf seinen Bewegungs- oder Gestaltungsideen besteht, macht dem anderen unnötig das Leben schwer.

Wann wird aus dem Dialog ein Monolog?

Beim Tango wird gerne von einem Dialog zwischen Führendem und Folgender gesprochen. Das klingt schön und ist auch nicht grundsätzlich falsch. Allerdings setzt ein Dialog voraus, dass beide Beteiligten nicht nur eigene Vorstellungen äußern, sondern auch bereit sind, auf die des anderen einzugehen.

Dazu gehört für mich weder eine möglichst passive Folgende noch ein Führender, der sich darauf beschränkt, seiner Partnerin bei ihren eigenen Aktivitäten als bewegliche Stütze zu dienen. Beide haben unterschiedliche Aufgaben, und beide können diese Aufgaben auf sehr unterschiedliche Weise erfüllen.

Wie viel Eigenständigkeit dabei sinnvoll ist, lässt sich kaum allgemeingültig festlegen. Mit einer erfahrenen Partnerin, die meine musikalischen Vorstellungen kennt und deren Bewegungsentscheidungen ich gut einschätzen kann, ergeben sich andere Möglichkeiten als mit einer Tänzerin, mit der ich zum ersten Mal tanze. Auf einer leeren Tanzfläche kann ich andere Freiheiten zulassen als im Gedränge einer vollen Milonga. Und bei manchen Orchestern entstehen andere musikalische Möglichkeiten als bei anderen.

Dabei gibt es auch unterschiedliche persönliche Vorlieben. Nicht jeder möchte seine Tanda als möglichst offenes improvisatorisches Experiment erleben. Manche genießen gerade eine klare Aufgabenverteilung und fühlen sich damit ausgesprochen wohl. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden, solange beide mit dieser Form des Tanzens zufrieden sind.

Für mich persönlich wird Tango allerdings besonders interessant, wenn meine Partnerin mehr einbringt als die möglichst korrekte Ausführung meiner Bewegungsangebote. Ich möchte ihre musikalischen Entscheidungen wahrnehmen können, gelegentlich von ihnen überrascht werden und daraus neue Möglichkeiten entwickeln. Genauso erwarte ich aber auch, dass meine eigenen Ideen nicht lediglich als Gelegenheit für eine weitere Soloeinlage betrachtet werden.

Vielleicht liegt die Grenze der Eigenständigkeit deshalb gar nicht in der Anzahl der selbstständig ausgeführten Bewegungen. Entscheidend ist vielmehr, ob die beiden noch bereit und in der Lage sind, ihre jeweiligen Entscheidungen aufeinander zu beziehen.

Ein Gespräch wird schließlich nicht dadurch interessanter, dass beide möglichst viel reden. Und wenn einer nur noch schweigt, während der andere ununterbrochen seine eigenen Gedanken vorträgt, ist es auch kein besonders anregender Dialog mehr.

Beim Tango ist das nicht wesentlich anders. Nur dass wir dabei zusätzlich noch aufpassen müssen, nicht mit den anderen Paaren zusammenzustoßen.

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