Gedanken über Tango-Unterricht | 67. Teil

Über Prácticas und die Kunst des Übens

Eigentlich sollte guter Tango-Unterricht irgendwann so ähnlich ablaufen wie eine ideale Práctica. Nicht deshalb, weil der Lehrer nichts mehr vorbereitet oder sich aus dem Unterricht verabschiedet, sondern weil die Schüler zunehmend selbst anfangen sollten, ihren Tanz zu beobachten, Fragen zu stellen und Probleme zu erkennen. Gefragt ist also eine Schülerschaft, die nicht nur wissen möchte, was als Nächstes kommt, sondern die ihren eigenen Tanz reflektieren und verbessern will. Und die bereit ist, ein Problem nicht als Makel zu verstehen, sondern als Herausforderung.

Damit hätten wir allerdings schon Voraussetzungen, die ein wenig Vorbereitung benötigen. Denn ebenso, wie Tanzschüler tanzen lernen wollen, müssen sie auch lernen, wie man effektiv übt. Und genau daran hapert es meistens. Viele verstehen unter Üben schlicht Wiederholen. Eine Bewegung funktioniert nicht, also macht man sie noch einmal. Und noch einmal. Und noch einmal. Irgendwann klappt sie vielleicht zufällig, und man hält das Ergebnis für Lernen. Im ungünstigsten Fall hat man aber lediglich gelernt, denselben Fehler immer sicherer zu reproduzieren.

Eine Práctica ist deshalb noch lange keine gute Lernveranstaltung, nur weil das Wort Práctica auf dem Programm steht. Unter diesem Begriff werden inzwischen sehr unterschiedliche Dinge angeboten, die zum Teil kaum mehr miteinander zu tun haben.

Aber erstmal hier die gebräuchlichsten Práctica-Modelle:

1. Die Práctica als kleine Milonga

Die wahrscheinlich häufigste Form ist im Grunde eine kleine Milonga. Musik läuft, die Leute tanzen, zwischendurch wird geredet, getrunken und vielleicht einmal etwas ausprobiert. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Es kann ein schöner Abend sein. Nur sollte man sich nicht einreden, dass deshalb automatisch besonders viel geübt wird.

Gerade etwas erfahrenere Tänzer tun dort meistens genau das, was sie ohnehin können. Sie benutzen ihre vertrauten Bewegungen, weichen Schwierigkeiten aus und umgehen Situationen, bei denen sie sich unsicher fühlen. Nach zwei Stunden haben sie dann viel getanzt, aber nicht unbedingt etwas verändert. Das kann Spaß machen, ist aber noch keine gezielte Práctica.

2. Selbstständiges Üben

Die zweite Form ist das tatsächliche selbstständige Üben. Zwei Tänzer nehmen sich etwas vor: einen Ocho, eine Sacada, einen Richtungswechsel, eine bestimmte Kombination oder irgendein Problem, das ihnen zuletzt aufgefallen ist. Das ist schon erheblich sinnvoller. Nur stößt man dabei ziemlich schnell auf ein grundsätzliches Problem: Gerade die eigenen Fehler erkennt man häufig nicht.

Wenn eine Bewegung nicht funktioniert, wissen die Beteiligten meistens nur, dass sie nicht funktioniert. Warum sie nicht funktioniert, ist damit noch lange nicht geklärt. Also wird wiederholt. Vielleicht wird die Bewegung langsamer gemacht, vielleicht größer, vielleicht kleiner. Man probiert herum, bis es irgendwann geht. Beim nächsten Mal funktioniert es wieder nicht, und niemand weiß genau, weshalb.

Genau hier liegt eine Grenze des selbstständigen Übens. Wer bereits wüsste, woran es liegt, hätte einen entscheidenden Teil des Problems schon gelöst.

3. Die angeleitete Práctica

Für mich ist deshalb die angeleitete Práctica die interessanteste Form. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Unterricht unter einem anderen Namen anzubieten. Eine Práctica sollte nicht dazu dienen, den Teilnehmern noch schnell drei neue Figuren beizubringen, bevor die Musik eingeschaltet wird.

Der Lehrer ist vielmehr Ansprechpartner. Ein Paar arbeitet an etwas, stößt auf ein Problem und bittet um Unterstützung. Der Lehrer schaut hin, fragt nach, beobachtet vielleicht zunächst nur und verändert dann eine Kleinigkeit. Oder er zerlegt die Bewegung und konzentriert sich mit den Tänzern auf genau die Stelle, an der etwas schiefgeht.

Der entscheidende Unterschied zum üblichen Unterricht besteht darin, dass das Problem nicht vom Lehrer kommt, sondern zunächst von den Tänzern selbst. Die Frage lautet nicht: „Was sollen wir jetzt machen?“, sondern: „Warum funktioniert das bei uns nicht?“ Das ist ein völlig anderer Ausgangspunkt.

4. Die Práctica als Vorbereitung auf die Milonga

Eine weitere Form wird meiner Ansicht nach viel zu wenig genutzt: die Práctica als Vorbereitung auf die Milonga. Denn später auf der Tanzfläche müssen Tänzer nicht nur Bewegungen können. Sie müssen vor allem entscheiden können, wann und wo diese Bewegungen möglich sind.

Sie müssen Abstände einschätzen, Richtungen verändern, etwas abbrechen, warten, den Raum beobachten und auf andere Paare reagieren. All das lässt sich üben. Mehrere Paare auf begrenztem Raum, eine eindeutige Tanzrichtung, keine langen Figurenfolgen und keine riesigen Ausweichflächen, auf denen sich jeder nach Belieben austoben kann. Plötzlich entsteht genau die Situation, für die Tango eigentlich gedacht ist: eine gemeinsame Tanzfläche.

Beim Ronda-Training nutze ich deshalb auch die Gelegenheit, die einzelnen Paare genauer zu beobachten. Es gibt Paare, die bevorzugt vorwärts und ziemlich geradlinig tanzen. Das kann wunderbar funktionieren – solange vor ihnen Platz ist. Nur gibt es leider auf vielen Milongas die Angewohnheit, dass die Paare in der äußeren Spur irgendwann mehr stehen als tanzen. Dann wird aus der Ronda eine Warteschlange.

Ein Paar, das nicht in der Lage ist, auch einmal nahezu auf der Stelle weiterzutanzen, gehört dann meiner Ansicht nach nicht in diese äußere Spur. Solche Paare sollte man im Training ausdrücklich dazu auffordern, die zweite oder dritte Spur von außen zu benutzen – sofern es die überhaupt gibt. Denn idiotischerweise scheinen für viele Tänzer die inneren Spuren einer Tanzfläche gar nicht zu existieren. Lieber stehen alle brav hintereinander außen in einer Reihe, während innen das Chaos ausbricht.

Auch das gehört für mich zum Ronda-Training und damit zu einer guten Práctica: nicht nur die ideale Ronda zu üben, sondern auf die schlechten Gewohnheiten vorzubereiten, denen man später tatsächlich begegnet. Eine Milonga funktioniert schließlich nicht automatisch vernünftig, nur weil sich dort erfahrene Tangotänzer bewegen.

Für mich gehört deshalb die Ronda von Anfang an in eine Práctica. Nicht erst dann, wenn die Schüler angeblich genug Figuren gelernt haben, um irgendwann einmal auf eine Milonga gehen zu dürfen.

5. Die Práctica Spezial: für musikalisches Tanzen

Eine fünfte Form wäre für mich eine spezielle Práctica für musikalisches Tanzen. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, den Schülern musikalische Theorie zu erklären oder ihnen vorzuschreiben, auf welchen Akzent sie gefälligst zu tanzen haben. Es geht darum, sie überhaupt erst dazu zu bringen, genauer hinzuhören und aus dem Gehörten tänzerische Entscheidungen zu entwickeln.

Dafür kann man sehr viel mit Einschränkungen arbeiten. Ein Tango wird mehrfach getanzt, aber jedes Mal mit einer anderen Aufgabe: einmal nur auf den Grundrhythmus achten, einmal auf markante Akzente, einmal auf Pausen, einmal auf die melodische Linie und einmal auf die Dramaturgie des gesamten Stücks. Wichtig ist dabei, dass nicht sofort bewertet wird, ob etwas „richtig“ oder „falsch“ getanzt wurde. Interessanter ist zunächst die Frage: Was hast du überhaupt gehört, und warum hast du dich an dieser Stelle genau dafür entschieden?

Gerade hier zeigt sich sehr schnell, wie stark viele Tänzer auf gelernte Bewegungsmuster zurückgreifen. Die Musik läuft, aber eigentlich tanzen sie ihr gewohntes Repertoire ab. Ein Ocho kommt, weil gerade ein Ocho „dran“ ist, eine Drehung, weil man dort immer eine Drehung macht. Musikalisches Tanzen beginnt aber erst dort, wo eine Bewegung aus dem entsteht, was man gerade hört – und nicht aus dem Vorrat dessen, was man kann.

Eine solche Práctica kann deshalb auch einmal sehr reduziert sein. Nur gehen. Nur Gewichtswechsel. Nur einfache Richtungsänderungen. Vielleicht eine ganze Tanda lang keine einzige Figur. Das nimmt den Tänzern zunächst Möglichkeiten weg, zwingt sie aber dazu, sich stärker mit der Musik zu beschäftigen. Wer nichts „zeigen“ kann, muss irgendwann anfangen zuzuhören.

Besonders interessant wird es, wenn unterschiedliche Aufnahmen oder Orchester gegenübergestellt werden. Donato verlangt andere Entscheidungen als Di Sarli, Biagi andere als Pugliese. Nicht, weil jedes Orchester eine festgelegte Tanzweise vorschreibt, sondern weil Rhythmik, Phrasierung, Dynamik und musikalische Dramaturgie unterschiedliche Angebote machen.

Auch hier sollte der Lehrer nicht zum Ansager werden, der ständig erklärt, was jetzt zu hören ist. Besser ist es, Fragen zu stellen: Was hat sich verändert? Wo würdest du warten? Wo entsteht für dich Spannung? Wo löst sie sich? Welche Bewegung passt für dich dazu – und warum?

Genau darin liegt für mich der Sinn einer musikalischen Práctica: nicht den „musikalisch richtigen“ Tango zu lehren, sondern Tänzer dazu zu bringen, Musik bewusster wahrzunehmen und daraus eigene tänzerische Entscheidungen zu entwickeln.

Dazu könnte man noch hinzufügen, dass die Prácticas auch für die besseren Tänzer genutzt werden sollten, um zu Übungszwecken mit schlechteren Schüler/innen zu tanzen. 

Man muss erst lernen, wie man übt

Das eigentliche Problem beginnt häufig schon mit der Aufforderung: „Übt das mal.“ Damit kann ein Anfänger ungefähr so viel anfangen wie ein Klavierschüler mit dem Hinweis: „Beschäftige dich jetzt eine Stunde sinnvoll mit dem Klavier.“

Gutes Üben beginnt mit einer konkreten Frage. „Wir üben heute Ochos“ ist keine besonders konkrete Frage. „Warum verliere ich beim Ocho den Kontakt zu meiner Partnerin?“ ist eine. „Warum braucht mein Partner immer so viel Platz für diese Bewegung?“ ist eine. „Warum funktioniert das im Unterricht, aber nicht auf der Milonga?“ ebenfalls.

Je genauer die Frage, desto besser lässt sich üben. Dabei muss zunächst nicht einmal sofort eine Lösung gefunden werden. Viel wichtiger ist oft, überhaupt festzustellen, wo das Problem beginnt. Bei der Gewichtsverlagerung? Beim Abstand? Bei der Richtung? Beim Timing? Bei der Umarmung? Oder entsteht es vielleicht schon einen Schritt vorher?

Wer immer sofort eine Lösung präsentiert, nimmt seinen Schülern möglicherweise genau den interessantesten Teil des Lernens ab.

Nicht immer gleich die ganze Figur

Ein weiterer Klassiker beim Üben ist die Angewohnheit, immer wieder die gesamte Bewegung zu wiederholen. Wenn eine Figur aus sechs Schritten besteht und das Problem beim vierten entsteht, warum sollte man dann jedes Mal wieder bei Schritt eins anfangen?

Man kann Bewegungen zerlegen. Man kann zwei Schritte üben. Man kann eine einzige Gewichtsverlagerung untersuchen. Man kann sich ausschließlich damit beschäftigen, was zwischen zwei Schritten passiert. Das spart nicht nur Zeit, sondern schärft auch die Wahrnehmung. Plötzlich verschwindet die eigentliche Schwierigkeit nicht mehr irgendwo innerhalb einer ganzen Figurenfolge.

Langsam ist nicht automatisch besser

Auch der beliebte Rat „Macht das erst einmal ganz langsam“ ist mit Vorsicht zu genießen. Manche Bewegungen lassen sich sinnvoll verlangsamen, andere verändern dadurch ihren Charakter. Rhythmus, Dynamik und Bewegungsfluss gehören schließlich ebenfalls zum Tango.

Sinnvoller ist es häufig, die Schwierigkeit zu reduzieren. Weniger Schritte, weniger Raum, weniger Möglichkeiten. Vielleicht etwas langsamer, aber nicht so langsam, dass aus einer Bewegung nur noch eine technische Trockenübung wird. Anschließend muss das Geübte wieder zurück in den Tanz. Um gut zu tanzen, sollte man Abläufe oder Sequenzen in verschiedenen Tempi üben. 

Partnerwechsel entlarven Gewohnheiten

Wer immer mit demselben Partner übt, kann erstaunlich perfekte Lösungen entwickeln, die exakt zwischen diesen beiden Menschen funktionieren. Der eine weiß irgendwann schon, was gleich kommen soll, der andere gleicht unbewusst Fehler aus. Nach einer Weile halten beide das dann für Führung.

Ein gelegentlicher Partnerwechsel kann solche Illusionen ziemlich schnell zerstören. Das bedeutet nicht, dass man ständig Partner tauschen muss. Aber wenn etwas nur mit genau einer Person funktioniert, darf man zumindest die Frage stellen, ob tatsächlich geführt und verstanden wird oder ob zwei Menschen einfach gelernt haben, sich gegenseitig zu helfen.

Weniger Möglichkeiten können mehr bringen

Eine meiner liebsten Übungen besteht darin, Möglichkeiten wegzunehmen. Keine Drehungen. Keine Rückwärtsschritte. Keine Kreuzung. Nur bestimmte Positionen. Nur eine kleine Fläche. Oder die Aufgabe, eine ganze Tanda lang möglichst wenig zu machen.

Beschränkung verhindert Improvisation nicht. Sie kann sie sogar erst ermöglichen. Wer hundert Möglichkeiten hat, benutzt meistens seine drei Lieblingslösungen. Wer nur drei Möglichkeiten hat, muss anfangen, über deren Verwendung nachzudenken.

Und irgendwann muss das Geübte wieder verschwinden

Eine Práctica darf nicht damit enden, dass irgendeine Bewegung nach zwanzig Wiederholungen endlich klappt. Jetzt muss sie wieder in den Tanz zurück. Musik an. Nicht zählen. Nicht vorher vereinbaren, was kommt. Nicht mehr denken: Gleich mache ich genau die Bewegung, die wir gerade geübt haben.

Wenn sie dann nicht mehr funktioniert, war sie noch nicht gelernt. Sie war nur eingeübt. Das ist ein erheblicher Unterschied.

 

Und nun zum Unterricht

Damit sind wir beim eigentlichen Punkt. Wer im Unterricht als Lehrer ständig die Ideen liefert – egal, ob Figuren, Wiederholungen, technische Details oder somatische Übungen –, erzieht seine Schüler irgendwann zum Konsum. Der Lehrer wird zum Lieferanten, der ständig nachschüttet. Die Schüler gewöhnen sich daran, brav das zu tun, was gerade verlangt wird, und glauben, damit ihren Anteil am Lernprozess erledigt zu haben: Der Lehrer zeigt etwas, sie machen es nach. Danach warten sie auf das nächste Angebot.

Nun muss ich ausnahmsweise einmal einen gewissen Blogger in Schutz nehmen, der immer wieder meint, im Tango-Unterricht werde zu viel geredet. Im Grunde stimmt das sogar. Wahrscheinlich meint er allerdings weniger das Reden an sich als das ungefragte Indoktrinieren. Auf diese Spur bin ich gekommen, als ich ihn einmal fragte, ob er denn in seinem früheren Chemie-Unterricht selbst nie geredet habe. Seine Antwort lautete, nicht wörtlich, aber sinngemäß: „Ich möchte doch zuallererst, dass die Schüler überhaupt einmal etwas sagen.“

Das leuchtet mir ein. Denn genau darum geht es: Schüler müssen selbst denken, beobachten, fragen, formulieren und auf Probleme stoßen dürfen. Unterricht wird nicht dadurch besser, dass der Lehrer weniger Wörter produziert, sondern dadurch, dass das Reden einem Lernprozess dient und nicht nur der Selbstdarstellung des Lehrers.

Wenn mit der Kritik also gemeint ist, dass im Unterricht zu viel ungefragt erklärt, doziert und indoktriniert wird, dann stimme ich sogar zu. Nur frage ich mich: Warum sagt man es dann nicht genau so? Geredet wird schließlich überall. Die Frage ist nur, ob zielgerichtet und didaktisch klug geredet wird oder ob jemand einfach sein Wissen ablädt.

Wahrscheinlich hat er das irgendwo auch einmal genauer erklärt. Es liegt dann vermutlich nur tief in seinem Blog verborgen. Wollen wir’s hoffen.

Kein Produkt, sondern ein Lernprozess

Insofern liefert man als Lehrer kein Produkt, sondern einen ergebnisoffenen Lernprozess. Man verkauft keine fertigen Bewegungen, keine Figurenpakete und auch keine endgültige richtige Lösung. Man schafft Bedingungen, unter denen Schüler lernen, ihren eigenen Tanz wahrzunehmen, Fragen zu entwickeln, Probleme einzugrenzen und nach Lösungen zu suchen.

Das Ergebnis kann deshalb bei zwei Schülern durchaus unterschiedlich aussehen. Und genau das ist kein Fehler des Unterrichts. Im Gegenteil: Es kann ein Zeichen dafür sein, dass tatsächlich gelernt und nicht nur reproduziert wurde.

Die Aufgabe des Lehrers wird dadurch keineswegs kleiner. Sie wird anspruchsvoller. Es ist nämlich erheblich einfacher, zehn Minuten lang eine neue Figur vorzuführen, als einer Gruppe zuzuhören, unterschiedliche Probleme zu erkennen und im richtigen Moment genau so viel Hilfe anzubieten, wie wirklich nötig ist. Man muss beobachten können, Fragen stellen, Zusammenhänge erkennen und manchmal auch aushalten, dass die Lösung nicht sofort entsteht.

Wer als Lehrer immer die fertige Antwort liefert, mag kurzfristig sehr kompetent wirken. Er produziert aber unter Umständen Schüler, die ohne ihn kaum weiterkommen. Wer dagegen Schüler dazu bringt, selbst zu beobachten, selbst Fragen zu stellen und selbst nach Lösungen zu suchen, macht sich langfristig ein Stück weit überflüssig.

Und genau das sollte meiner Ansicht nach das Ziel guten Unterrichts sein.

Die ideale Práctica und der ideale Unterricht

Für mich liegen deshalb gute Práctica und guter Unterricht viel näher beieinander, als man zunächst denkt. Beide sollten keine Orte sein, an denen ständig neues Material produziert wird. Sie sollten Räume sein, in denen Tänzer lernen, ihren eigenen Tanz zu untersuchen.

Man tanzt. Etwas fällt auf. Man hält an. Man stellt eine Frage. Man untersucht das Problem. Man verändert etwas. Und dann tanzt man weiter.

Der Lehrer steht dabei nicht ständig im Mittelpunkt. Aber er ist da, wenn seine Erfahrung gebraucht wird. Irgendwann sollte ein Schüler nicht mehr darauf warten, dass jemand von außen sagt: „Das war falsch.“ Er sollte selbst merken: „Da stimmt etwas nicht.“ Und im besten Fall sollte er auch wissen, wie er herausfinden kann, woran es liegt.

Dann beginnt selbstständiges Lernen.

Und vielleicht ist genau das die beste Definition einer guten Práctica.

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