Tom Tabaczynskis Somatic Milonguero ist ein ambitioniertes Buch. Es will nicht nur einen verbreiteten Tango-Unterricht kritisieren, sondern aus Somatics, Contact Improvisation, Improvisationstheorie, Sprachlernforschung, historischen Quellen und persönlichen Beobachtungen auf Milongas in Buenos Aires ein zusammenhängendes Modell dafür entwickeln, was Tango Milonguero ausmacht und wie dieser gelernt werden kann. Gerade deshalb habe ich das Buch nicht nur als Sammlung interessanter Anregungen gelesen, sondern als Theorie. Eine solche Theorie muss sich für mich daran messen lassen, ob ihre Voraussetzungen tragen, ob ihre Schlussfolgerungen tatsächlich aus diesen Voraussetzungen folgen und ob sich überprüfen lässt, dass das vorgeschlagene Lernmodell in der Praxis auch das hervorbringt, was es hervorbringen soll.
Einige Ausgangspunkte des Buches teile ich durchaus. Unterricht, der hauptsächlich nach dem Prinzip Zeigen – Nachmachen – Üben – Korrigieren funktioniert und immer mehr fertige Schrittfolgen produziert, kann Tänzer hervorbringen, die Bewegungsprodukte sammeln, ohne die Bedingungen zu verstehen, unter denen diese Bewegungen sinnvoll werden. Ebenso halte ich eine somatische Beschäftigung mit Spannung, Körperorganisation, Wahrnehmung und Bewegungsökonomie für sinnvoll. Auch die Forderung nach Adaptivität, nach einer stärkeren Orientierung an Partner, Raum und sozialem Kontext ist keineswegs abwegig.
Meine Zweifel beginnen dort, wo aus diesen interessanten Einzelgedanken ein allgemeines Lernmodell entsteht. Je genauer ich dieses Modell betrachtet habe, desto mehr stellte sich für mich die Frage, ob hier tatsächlich gezeigt wird, wie Tango Milonguero gelernt wird, oder ob eine bestimmte sichtbare Tanzqualität nachträglich mit einem theoretischen Modell erklärt wird, dessen tatsächliche Entstehungs- und Lernbedingungen weitgehend unüberprüft bleiben.