Cliquen auf Milongas – warum die anderen immer zusammenhocken

Zwischen Zugehörigkeit und Ausgrenzung – warum Cliquen entstehen und Fremde sich ausgeschlossen fühlen

Wer regelmäßig Milongas besucht, kennt das Bild. An bestimmten Tischen sitzen meistens dieselben Leute, begrüßen sich herzlich, unterhalten sich angeregt und tanzen bevorzugt miteinander. Wer neu hinzukommt, gewinnt schnell den Eindruck, hier habe sich eine Clique gebildet, zu der Außenstehende keinen Zutritt haben. Und wer dann längere Zeit vergeblich auf eine Tanzaufforderung wartet, findet seine Vermutung bestätigt: Die wollen offenbar unter sich bleiben.

Aber sind solche Cliquen tatsächlich Ausdruck von Überheblichkeit oder Ausgrenzung? Oder beobachten wir hier ein ganz gewöhnliches menschliches Verhalten, das sich in nahezu jeder größeren Gemeinschaft finden lässt?

Wie Cliquen entstehen

Im Laufe meiner vielen Jahre in der Tangoszene habe ich immer wieder festgestellt, dass Menschen ähnliche soziale Bedürfnisse haben. Sie suchen Anerkennung, Zuneigung, Vertrautheit und Kontakte zu anderen. Gleichzeitig sind viele unsicher im Umgang mit fremden Menschen, bei der Wahl ihrer Tanzpartner oder bei der Frage, ob ihre Gesellschaft überhaupt erwünscht ist.

In einer vertrauten Gruppe verschwinden viele dieser Unsicherheiten. Man kennt sich, hat gemeinsam getanzt, Workshops besucht, Milongas erlebt und möglicherweise auch Freundschaften außerhalb des Tango entwickelt. Man freut sich aufeinander, hat sich etwas zu erzählen und weiß, dass man den Abend nicht allein verbringen muss. Eine solche Gruppe kann sich wie ein Stück Zuhause anfühlen.

Dabei entstehen diese Beziehungen meistens ganz beiläufig. Wer sich häufig begegnet, kommt leichter ins Gespräch. Aus Begegnungen werden Bekanntschaften, aus Bekanntschaften vielleicht Freundschaften. Gemeinsame Erlebnisse verstärken die Vertrautheit, und irgendwann sucht man auf einer Milonga ganz selbstverständlich die Gesellschaft dieser Menschen.

Das hat mit elitärem Verhalten zunächst einmal überhaupt nichts zu tun. Es ist ein natürliches soziales Muster, das wir auch in Sportvereinen, unter Arbeitskollegen oder in anderen Freizeitgemeinschaften beobachten können.

Cliquen sind dabei keineswegs immer feste Gruppen. Auf einer bestimmten Milonga trifft sich vielleicht regelmäßig derselbe Kreis. Besuchen einige dieser Menschen eine andere Veranstaltung, treffen sie dort auf weitere Bekannte, und die Zusammensetzung verändert sich. Es gibt keine Mitgliederliste, sondern ein Geflecht sozialer Beziehungen, das je nach Veranstaltung unterschiedlich sichtbar wird.

Im Tango kommt hinzu, dass man sich nicht nur persönlich, sondern auch tänzerisch kennt. Man weiß, wie der andere tanzt, wie er auf Musik reagiert und wie sich die gemeinsame Umarmung anfühlt. Das schafft Vertrautheit, die mit einem vergleichbaren tänzerischen Niveau allein wenig zu tun hat.

Sind Cliquen eine Frage des tänzerischen Niveaus?

Kürzlich las ich einen englischsprachigen Beitrag mit dem Titel „Tango is cliquey. Just not for the reason you think“. Die Autorin erklärt darin die Cliquenbildung hauptsächlich mit dem tänzerischen Niveau. Fortgeschrittene würden bevorzugt mit ähnlich guten Tänzern tanzen, weil große Niveauunterschiede für beide Seiten anstrengend seien. Das Tanzen mit deutlich schwächeren Partnern bezeichnet sie sogar als eine Art „gemeinnützige Arbeit“.

Vielleicht erlebt sie ihre Tangoumgebung tatsächlich so. Aus meiner langjährigen Erfahrung kann ich diese Erklärung allerdings nicht verallgemeinern.

Natürlich beobachten wir auf Milongas häufig Gruppen besonders guter Tänzer, die bevorzugt miteinander tanzen. Nur sagt das noch nichts darüber aus, warum diese Gruppen entstanden sind. Viele haben gemeinsam angefangen, dieselben Kurse und Workshops besucht und sich über Jahre hinweg tänzerisch weiterentwickelt. Ihre Freundschaften sind dabei ebenso gewachsen wie ihre Fähigkeiten.

Was heute wie eine geschlossene Gruppe fortgeschrittener Tänzer aussieht, kann ursprünglich eine ganz gewöhnliche Gemeinschaft von Anfängern gewesen sein.

Außerdem können solche Gruppen durchaus offen für unbekannte, hervorragende Tänzer sein. Mit ihnen wird vielleicht sofort getanzt, ohne dass sie deshalb schon zum persönlichen Freundeskreis gehören. Umgekehrt können Menschen innerhalb derselben Clique eng befreundet sein, obwohl ihre tänzerischen Fähigkeiten erheblich auseinanderliegen.

Hier muss man zwischen der Wahl der Tanzpartner und der Entstehung sozialer Beziehungen unterscheiden. Dass gute Tänzer häufig schneller Anschluss finden, ist durchaus plausibel. Sie fallen auf, werden öfter aufgefordert und haben dadurch zusätzliche Gelegenheiten, Bekanntschaften zu schließen.

Das tänzerische Niveau kann also mit der Cliquenbildung zusammenhängen und sie begünstigen. Es muss aber keineswegs ihre Ursache sein. Wer beides gleichsetzt, verwechselt möglicherweise das sichtbare Erscheinungsbild einer Gruppe mit ihrer Entstehungsgeschichte.

Die besondere Situation bei Encuentros und Marathons

Besonders deutlich wird die Wirkung solcher sozialen Netzwerke bei Encuentros und Marathons. Dort begegnen sich häufig Menschen, die sich bereits von zahlreichen anderen Veranstaltungen kennen. Man begrüßt sich überschwänglich, fällt sich möglicherweise um den Hals und findet beim Tanzen schnell zueinander.

Für jemanden, der erstmals teilnimmt, kann das wie eine ziemlich exklusive Gesellschaft wirken. Während die Stammgäste überall Bekannte treffen, muss er erst einmal herausfinden, mit wem er überhaupt Kontakt aufnehmen kann.

Bei begehrten Encuentros kommt hinzu, dass persönliche Empfehlungen bei der Anmeldung eine Rolle spielen können. Wer bereits gut vernetzt ist, hat möglicherweise Vorteile und begegnet dadurch immer wieder denselben Menschen. So entstehen soziale Kreise, die sich selbst verstärken.

Wer regelmäßig auf besonders beliebten Encuentros erscheint, gewinnt innerhalb dieser Szene einen gewissen Bekanntheitsnimbus. Man gehört zu den bekannten Gesichtern, wird herzlich begrüßt und scheint überall dazuzugehören. Das kann leicht als Ausdruck einer besonderen tänzerischen Stellung verstanden werden, obwohl Bekanntheit und tänzerische Qualität keineswegs dasselbe sind.

Für weniger gut vernetzte Teilnehmer wirkt diese Vertrautheit möglicherweise abgrenzend. Dabei freuen sich die anderen zunächst einmal nur darüber, alte Bekannte wiederzusehen.

Wenn Vertrautheit wie Ablehnung wirkt

Hier liegt für mich der eigentliche Kern des Problems. Was sich für die Mitglieder einer Clique wie ein Stück Zuhause anfühlt, kann für Außenstehende wie eine verschlossene Gesellschaft aussehen.

Wer allein am Rand der Tanzfläche sitzt, während andere angeregt miteinander plaudern und tanzen, fühlt sich möglicherweise persönlich zurückgewiesen. Dabei haben die anderen ihn meistens gar nicht abgelehnt. Sie sind lediglich mit ihren vertrauten Kontakten beschäftigt.

Ich habe häufig erlebt, dass auch vermeintlich arrogante oder unnahbare Tänzer im Grunde ziemlich unsicher sind. Spricht man sie an, stellt sich manchmal heraus, dass sie selbst nicht wissen, wie sie Kontakt aufnehmen sollen, oder Angst vor einer Abfuhr haben. So können zwei Menschen einander für überheblich halten, obwohl beide eigentlich gerne miteinander tanzen würden.

Natürlich hilft dieses Wissen nur begrenzt, wenn man einen ganzen Abend lang allein herumsitzt. Einsamkeit verschwindet nicht dadurch, dass man ihre sozialen Ursachen versteht. Aber vielleicht hilft es, die Situation nicht sofort als persönliche Ablehnung zu interpretieren.

Wenn Cliquen für eine Milonga zum Gift werden

So natürlich die Entstehung von Cliquen auch sein mag, für eine Milonga können sie ausgesprochen problematisch werden. Besonders dann, wenn die Stammgäste fast ausschließlich miteinander beschäftigt sind und neue Besucher kaum Anschluss finden.

Eine Milonga kann aus lauter freundlichen Menschen bestehen und trotzdem auf Fremde ausgesprochen unfreundlich wirken. Niemand muss sich abweisend verhalten. Es genügt schon, dass alle ihre vertrauten Gespräche führen und bevorzugt miteinander tanzen.

Wer nach zwei Stunden und vielleicht einer einzigen Tanda wieder nach Hause fährt, wird kaum begeistert von einer solchen Veranstaltung erzählen. Und wenn sich diese Erfahrungen wiederholen, bleiben neue Gäste irgendwann aus. Die Milonga wird zunehmend zur Veranstaltung eines festen Kreises, der sich selbst genügt.

Das kann für die Stammgäste ausgesprochen angenehm sein, für die Entwicklung einer offenen Tangogemeinschaft ist es allerdings wenig förderlich.

Hier tragen auch Veranstalter und regelmäßige Besucher Verantwortung. Niemand muss mit jedem tanzen oder seine Freundschaften vernachlässigen. Aber einen neuen Gast zu begrüßen, einen freien Platz am Tisch anzubieten oder ein Gespräch zu beginnen, ist keine besondere gesellschaftliche Leistung.

Manchmal genügt schon eine solche kleine Geste, damit sich jemand willkommen fühlt und gerne wiederkommt.

Und was tun, wenn man sich ausgeschlossen fühlt?

Natürlich kann man einen ganzen Abend damit verbringen, beleidigt auf seinem Stuhl zu sitzen und darauf zu warten, dass einen endlich jemand wahrnimmt. Man kann aber auch selbst auf Menschen zugehen, ein Gespräch beginnen oder sich zu anderen an den Tisch setzen.

Das erfordert manchmal Überwindung, besonders wenn man sich ohnehin schon fremd fühlt. Aber soziale Beziehungen entstehen nun einmal durch Begegnungen. Wer ausschließlich darauf wartet, von anderen in einen bestehenden Freundeskreis aufgenommen zu werden, macht sich von deren Initiative abhängig.

Dabei muss man auch nicht unbedingt Anschluss an die vermeintlich besonders angesagten Gruppen suchen. Vielleicht sitzen am Nachbartisch Menschen, die sich genauso fremd fühlen und sich über ein Gespräch freuen würden.

Natürlich gibt es auch tatsächlich abgeschottete Gruppen und Veranstaltungen, bei denen neue Gäste kaum eine Chance haben, Anschluss zu finden. Wenn man sich wiederholt um Kontakte bemüht und trotzdem auf Desinteresse stößt, muss man sich das nicht endlos antun. Es gibt schließlich auch andere Milongas.

Entscheidend scheint mir, zwischen dem eigenen Gefühl und den vermuteten Absichten anderer zu unterscheiden. Dass ich mich ausgeschlossen fühle, bedeutet noch lange nicht, dass die anderen mich ausschließen wollen.

Und irgendwann erlebt man vielleicht selbst die umgekehrte Situation. Man betritt eine Milonga, wird von mehreren Bekannten herzlich begrüßt, setzt sich zu ihnen und freut sich auf einen schönen Abend.

Ohne darüber nachzudenken, dass jemand am anderen Ende des Saales gerade denkt: Schon wieder diese Clique!

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