Wenn der eigene Tango zum Maßstab wird

Vorbemerkung

Auch wenn sich das Folgende vielleicht so liest, als würde ich mich nun zum Psychologen aufschwingen: Das bin ich nicht. Ich kann aber Beobachtungen einordnen, die mir in vielen Gesprächen und im Umgang mit Menschen in der Tangoszene immer wieder begegnet sind.

Man kann auch als Laie mit etwas Menschenkenntnis – oder mit dem, was man selbst dafür hält – ein paar Beobachtungen festhalten, ohne daraus gleich Diagnosen zu machen. Die Beurteilung überlasse ich anderen. Jeder kann das, was ich beschreibe, auch einmal an sich selbst überprüfen. Eigentlich halte ich diese Verhaltensweisen für ziemlich menschlich.

Problematisch wird es für mich erst dann, wenn jemand aus seinen persönlichen Erfahrungen, Vorlieben und Kränkungen allgemeine Wahrheiten über den Tango ableitet und versucht, damit seine Tango-Umwelt zu prägen – und sei es nur schriftlich.

Ich schreibe ebenfalls über Tango. Aber ich versuche wenigstens deutlich zu machen, dass es meine Sicht ist, meine Erfahrung und meine Interpretation. Und ich lerne täglich dazu.

Der Verlust des eigenen Tango-Biotops

Bei Gerhard Riedl und Tom Tabaczynski sehe ich inzwischen eine erstaunliche Parallele. Bei beiden scheint hinter der Kritik am heutigen Tango nicht nur eine theoretische Position zu stehen, sondern auch eine persönliche Verlusterfahrung.

Tabaczynski scheint in bestimmten Milongas in Buenos Aires ein Umfeld gefunden zu haben, in dem er sich wohlfühlte, akzeptiert war und eine bestimmte Form des sozialen Tango erlebte. Spätere Veränderungen – andere Tanzweisen, andere Lernformen, andere Gruppen – erscheinen ihm dann nicht einfach als Wandel, sondern als Beschädigung dieses vertrauten Biotops.

Bei Riedl ist es ähnlich. Er beschreibt immer wieder frühere Freiräume, überschaubare Milongas, bestimmte Musik und eine Form des Tanzens, die durch vollere Räume, andere DJs, Unterrichtssysteme und stilistische Entwicklungen verdrängt worden sei. Aus dieser Erfahrung scheint sich über die Jahre eine immer grundsätzlichere Ablehnung entwickelt zu haben.

Interessant ist, was beide daraus machen. Aus persönlichen Erfahrungen werden große Erklärungen. Einzelne Lehrer, Institutionen, staatliche Regulierungen, Unterrichtssysteme oder Stilströmungen bekommen plötzlich enormen Einfluss auf die Geschichte des Tango. Aus Veränderung wird Verfall, aus Konkurrenz wird Invasion, aus Unterricht ein System, das den eigentlichen Tango beschädigt.

Bei Riedl zieht sich dieses Muster durch ein Buch und inzwischen weit über zweitausend Blogbeiträge. Bei Tabaczynski durch zwei Bücher, in denen ein sehr spezielles Erfahrungsumfeld zum Lern- und Tanzideal erhoben wird.

Und bei beiden wird Kritik schnell persönlich. Wer widerspricht, hat angeblich nicht verstanden, weiß zu wenig, gehört nicht dazu oder ist Teil des Problems.

Vielleicht liegt genau darin die Gemeinsamkeit: Beide scheinen aus dem Verlust eines für sie idealen Tango-Biotops eine allgemeine Theorie darüber zu machen, wer den Tango verdorben hat.

Was als Kulturkritik daherkommt, wirkt dann manchmal eher wie die nachträgliche Theoretisierung einer persönlichen Verlusterfahrung.

Wenn der eigene Tango zur Sonne wird

Aber eigentlich geht es damit vielen anderen genauso. Aus einem persönlichen Erfahrungsraum, aus dem eigenen Tango mit seinen Vorlieben, Gewohnheiten und glücklichen Momenten wird irgendwann das Muster des idealen Tango.

Von da an dreht sich der Tango gewissermaßen wie die Sonne um die eigene Person. Alles, was später hinzukommt, wird an diesem einmal gesetzten Maßstab geprüft und entsprechend einsortiert.

Der Tango wird dann mehr als ein Hobby. Er wird zum Lebensraum. Lob beim Tanzen wird als persönliche Anerkennung erlebt, Ablehnung auf der Tanzfläche als Kränkung, der eigene Wert als Tänzer zum Spiegel des eigenen Wertes als Mensch.

Vielleicht erklärt das auch, warum in den Tango so viel Tugend hineingelesen wird: Bescheidenheit, Wahrhaftigkeit, Authentizität, Respekt, Demut, soziale Reife.

Dabei ist Tango nichts außerhalb des Menschlichen. Er ist kein moralisch höherer Zustand und keine Gegenwelt zu Eitelkeit, Konkurrenz, Unsicherheit, Geltungsbedürfnis oder Macht. All das gibt es dort genauso wie überall sonst.

Vielleicht liegt genau darin ein häufiger Denkfehler: Man verwechselt das, was einem der Tango persönlich gegeben hat, mit dem, was Tango an sich sein soll. Und plötzlich wird aus einer schönen Erfahrung eine Norm für alle anderen.

Wenn Kritik am Tanz zur Kritik am Menschen wird

Genau deshalb kann schon die Kritik am Tanz einer Person viel tiefer treffen, als sie eigentlich müsste. Beanstandet man eine Bewegung, eine Art zu führen oder zu folgen, hört der andere womöglich nicht mehr: „Da funktioniert etwas tänzerisch nicht“, sondern: „Mit mir stimmt etwas nicht.“

Ich habe selbst eine Zeit lang bei Facebook ziemlich ausführlich Missstände und bestimmte Gewohnheiten im Tango kritisiert. Nicht einzelne Menschen direkt, sondern Verhaltensweisen. Was ich damals unterschätzt habe: Wer sich in einer solchen Beschreibung wiedererkennt, fühlt sich sehr schnell persönlich angegriffen. Seitdem bin ich mit öffentlicher Kritik vorsichtiger geworden.

Denn im Tango lässt sich allgemeine Kritik an Handlungen kaum sauber von den Menschen trennen, die diese Handlungen ausüben. Wer über Jahre hinweg bestimmte Tänzergruppen, Gewohnheiten oder Verhaltensweisen abwertend etikettiert, sollte sich deshalb nicht wundern, wenn ihm irgendwann deutliche Antipathie entgegenschlägt.

Gerhard Riedl scheint genau das zu unterschätzen. Wenn er etwa mit Begriffen wie „Gerontoanschleicherei“ arbeitet, mag er meinen, nur ein beobachtetes Phänomen zu beschreiben. Tatsächlich trifft er damit aber Menschen: Ältere Tänzerinnen und Tänzer, Menschen, die spät mit Tango begonnen haben, noch unsicher sind oder sich auf der Tanzfläche vorsichtig bewegen. Für sie ist das kein abstrakter Missstand, sondern eine ziemlich persönliche Herabsetzung.

Die ganze Frage der Authentizität, des Könnens und manchmal sogar des persönlichen Wertes wird nach und nach in diesen Tanz hineingelegt. Deshalb kann schon eine scheinbar allgemeine Kritik viel stärker verletzen, als derjenige ahnt, der sie formuliert.

Ich glaube, in diese Falle rutscht fast jeder Tänzer irgendwann einmal. Man sitzt auf einer Milonga, wird eine Stunde lang nicht aufgefordert und merkt plötzlich, wie die Stimmung kippt. Aus einem völlig banalen sozialen Umstand werden Selbstzweifel: Bin ich nicht gut genug? Nicht attraktiv genug? Will niemand mit mir tanzen?

Und ehe man sich versieht, hat ein Abend auf einer Tanzfläche Einfluss auf das eigene Selbstwertgefühl.

Vielleicht ist genau das ein Grund, warum im Tango so schnell aus Geschmacksfragen Glaubensfragen werden. Wenn der Tanz zu eng mit der eigenen Identität verschmilzt, wird Kritik am Tango leicht als Kritik an der eigenen Person empfunden.

Und dann wird es schwierig, noch gelassen darüber zu streiten.

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