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Diskussion
Cambalache

Cambalache

…Todo es igual, nada es mejor
Lo mismo un burro que un gran profesor…

…alles ist gleich, nichts ist besser
es ist das selbe, ob Du nun ein dummer Esel oder ein berühmter Professor bist…

Es wird in letzter Zeit in bestimmten Tangokreisen darüber diskutiert, ob generell Tango als Kunst oder Kultur zu bezeichnen ist. In einem Fall geht es allerdings eigentlich nur um die Anerkennung von Freizeit-Tango-Tänzern, inklusive Tango-Tanzschüler als Künstler oder Kulturschaffende, egal ihn welchem Lernstadium oder in welchem Fertigkeitsniveau, damit ihre Lehrer oder Übungsleiter die Aufnahmekriterien der Künstler-Sozial-Kasse – KSK genannt – erfüllen können. Aber es geht auch um andere Förderungen oder politische Entscheidungen, zum Beispiel um eine eventuelle Veränderung bzw.  Umbau der Künstler-SK zu einer Kulturschaffenden-Sozial-Kasse. 

Dass dieser Tangokreis auch Förderungen für die Allgemeinheit der Tango-Tänzer*innen ins Auge fasst, habe ich bisher in deren Forderungen an Politiker*innen noch nicht erkennen können. Bisher ist nur von Steuererleichterungen und Kranken- bzw. Rentenbeitragserleichterungen und GEMA-Gebühren einiger (Semi)Profis die Rede. Die Forderungen nach Anerkennung ist also bisher nur zweckgebunden. Mal sehen was da noch kommt.  

Alles Kunst - oder Kultur?

Gesamtheitlich wird hier augenscheinlich eine öffentliche Anerkennung einer Tanz-Freizeit-Kultur erwogen, damit eine Gruppe von (Semi)-Professionellen den finanziellen Vorteil der KSK genießen können. Mitgliedern der KSK, also vorwiegend Künstlern, Journalisten, Fotografen, Bühnentänzern, Choreographen usw. wird nämlich der Arbeitgeberanteil der Renten- und Krankenkassenbeiträgen vom Staat bzw. vom Arbeitgeber – bei Künstlern ist das der Veranstalter oder Auftraggeber – finanziert. Daher ergibt sich eine entscheidende Frage: Wer ist denn dann bei Tangounterricht der Arbeitgeber? Ist hier bei Tangolehrern der Tanzschüler  deren Auftraggeber? 

Ich will dieses Unterfangen hier nicht bewerten, denn jede Berufsgruppe hat das Recht finanzielle Vorteile und steuerliche Erleichterungen für sich zu erkämpfen.

Was mich hier allerdings verwundert, ist, dass der Kunstbegriff, je nach persönlichem Nutzen beliebig ausgelegt wird. Ein Tanzschüler ist also schon Kulturschaffender, obwohl er noch mehr bei Tango-Lehrern dazulernen und somit Künstler werden soll. Logisch.

Aber wenn der Begriff Kunst im Sinne von Joseph Beuys so breit aufgestellt wird, sodass jede Fertigkeit, auch die eines Schuhputzers, als Kunst bezeichnet werden kann, ist jedes Bestreben, etwas zu vervollkommnen oder zu verbessern, damit auch fast schon sinnlos. Wir streben doch auch als Tangolehrer nicht nach der bloßen Bezeichnung „Kunst“, sondern nach einer allgemeinen Anerkennung und Respekt vor einer Kunstfertigkeit. 

…alles ist gleich, nichts ist besser…?

Seit Tagen beschäftigt mich dieses Thema; und seit langem nicht nur mich. 
Diese Diskussion ist sehr alt und wiederholt sich auch in ihrer Argumentation.

Doch Tango und kein Sport?

Worte aus dem Mund eines langjährigen Tangoprofis, Rodolfo Dinzel, in Buenos Aires erscheinen dann wie eine warme Dusche, unter der ich mich dann doch wieder zu Hause fühlen darf: „Man darf zu jeder beliebigen Musik tanzen, alle Formen anderer Tänze einfließen lassen, aber man darf es dann nicht Tango nennen.“ 

Seit einem Urteil beim Bundessozialgericht gegen eine Tango-Lehrerin, die Einlass in die KSK erstreiten wollte, jedoch damit scheiterte, wobei das Gericht anschließend in der Urteilsbegründung allgemeinen Tangounterricht mit Laien als nicht-künstlerische Tätigkeit und als Breitensport bezeichnete, haben Tango-Vertreter bei gemeinnützigen Fördertöpfen Schwierigkeiten an öffentliche Gelder zu kommen. 

Natürlich ist Tango allgemein kein Breitensport, weil nur die wenigsten Tangotänzer in Wettbewerben mittanzen, aber Tango erfüllt im Moment eines Turniers den Sachbestand eines vergleichenden Wettbewerbs, ist dann also doch Sport. Nicht allgemein, aber dann wohl doch. Insofern ist er in deutscher Rechtsauslegung keine Kunst. Hier erkenne ich Handlungsbedarf, denn der Begriff „Breitensport“ geht einfach zu weit und wird dem Tango nicht gerecht. Allerdings ist der Tango vieler Laientänzer auch nicht Kunst und nur in manchen Fällen Kultur. Wer will das entscheiden? Hier hat der Gesetzgeber im Falle der KSK eindeutige, nachvollziehbare Grenzen  gesetzt. 

Cambalache

In einer Tangowelt, in der ich als Tänzer, mit Freude an der Kunst des Tangos, mit seinen unzähligen Möglichkeiten der Finessen, keinen Spaß an Komplexität haben soll, 

• weil mich dann ein (bestimmter) Encuentro-Tänzer als einen „publikums-orientierten Pseudo-Showtänzer“ betrachten könnte, 

• weil ich im „Dauer-Frauen-Tausch-Klammerblues-Corte-Stakkato-Tango“ nicht den einzigen Sinn im Tango erkennen kann und auch keinen Spaß dabei empfinde,  

• und als Tangolehrer auch nicht mehr darauf hinarbeiten brauche, dass meine Tanzschüler gut tanzen, weil die bloße Beschäftigung mit dem Tango mit rudimentären Mitteln schon als Kunst betrachtet werden könnte, 

kommt mir die ganze Tangowelt wirklich langsam wie ein Kramladen – Cambalache – vor, in dem alles egal erscheint. 

Alles egal, aber irgendwie doch nicht.

Interessenvielfalt und Toleranz sind in der deutschen Tangowelt doch nicht so verbreitet, wie immer vorgegeben wird. Persönliche Motive haben gefälligst hinter dem „wahren“ Tango zurückzustehen und sollten möglichst bei allen gleich zu sein, sonst wird man schnell zum Außenseiter. Sollte man außergewöhnliche Vorstellungen äußern, wird man schon mal schräg angeschaut und aus konformen Cliquen verbannt. Persönlicher Stil wir immer verpönter, weil er nicht massen-partnertausch-kompatibel ist. Selbstzufriedenheit geht einher mit Selbstüberschätzung. Mir scheint der Dunning-Kruger-Effekt nirgendwo präsenter zu sein als in der deutschen Tangoszene und bei Himalaya-Bergsteigern.

Sollte jemand daraus folgern, ich sei frustriert? Nein, nur etwas enttäuscht.

Denn so habe ich nicht angefangen den Tango zu lieben.

Tango als Kultur

Tango ohne Qualitätsanspruch als Kultur zu bezeichnen, fällt nicht schwer, wenn anderes im menschlichen Umfeld auch Kultur ist: Körperpflege, Sprache, sozialer Umgang, Höflichkeit, Fitness, Tanz und vieles andere; Tanz als menschliches Grundbedürfnis für sich, für gesellschaftlichen Austausch und als Gefühlsausdruck. 

Niemand wird hier den Begriff Kultur infrage stellen wollen.

Ich halte es auch für wichtig, dass Tanz als Bestandteil des Lebens endlich auch gesellschaftlich, sowie politisch anerkannt und unterstützt wird. 

Allerdings müsste das folglich bei öffentlichen, finanziellen Förderungen nicht auch andere Sparten von Kultur betreffen? Wie zum Beispiel: Friseure, Fitnesstrainer, Kommunikations- und Rhetorik-Trainer u.a.?
Hier eine Sparte einer anderen vorzuziehen wäre gesellschaftlich nicht zu rechtfertigen. 

Hierbei findet im Kulturbegriff keine Bewertung statt, ob nämlich Tanz Kunst sei oder Mindestkenntnisse voraussetze. 

(Beim Paartanz sind aber schon komplexere Kenntnisse erforderlich, aber eigentlich reicht auf niedrigstem Niveau hier eine schlichte musikalische Gewichtsverlagerung von einem Bein auf das andere in einer Umarmung, um die Mindestanforderung von Paartanz zu erfüllen.) Jede weitere Fertigkeit wird hier je nach Schwierigkeitsgrad mit ästhetischen Gesichtspunkten nach und nach zur Kunst. 

Der verbreitete Satz: „Kunst kommt von Können.“ ist zwar umstritten, findet aber meistens nur bei denjenigen keine Akzeptanz, die diese Anforderungen nicht erfüllen können oder wollen. Vorwiegend findet dieser Satz besonders in der bildenden Kunst viele Anhänger und Gegner. Ich gehöre nicht unbedingt dazu. Allerdings habe ich etwas eingeschränkte Ansichten, was für mich Tango ist. 

Gradwanderung

Der graduelle Unterschied zwischen Kunst und Nicht-Kunst ist sehr schwer zu definieren. Aber der Grad einer Beurteilung dafür wird innerhalb der Tangoszene bei Tänzern allerdings sehr oft nur knapp unterhalb der jeweilig eigenen Tanzkünste angesetzt. 

Tanz erfordert als darstellende Kunst beim Publikum schon klare Maßstäbe, denn ich glaube nicht, dass Zuschauer sich mit leicht nachzuvollziehenden Bewegungen zufriedengeben; dort wird schon eine höherer Grad an Können erwartet. Tanz kann aber auch ohne Publikum den Maßstab Kunst erfüllen. 

Frage: Ist jetzt beim Tanz zur Belegung des Kunstbegriffs ein Publikum erforderlich?

Hier, glaube ich, zur Darstellung vor Publikum, ähnlich wie bei der Musik, ist die Qualität nicht nur ein Vermarktungs- und Wettbewerbsargument, aber auch abhängig vom Kunstverständnis des Publikums.

Denn alle Künstler haben oft Spaß und Gewinn an der Qualität, an der Vervollkommnung einer Fertigkeit, egal, ob vor Publikum, oder nur für sich – beim bloßen Tun. Ob das auch alle Tangotänzer wirklich anstreben, bezweifle ich.

Die Unterscheidung ob Kunst oder nicht, erscheint in der darstellenden Kunst aber leichter als in der bildenden Kunst. 

Ich kann hier als Laie dieses schwierige Thema nicht erklären, daran sind schon andere gescheitert. Hier versuche ich nur leicht nachvollziehbare Argumente darzulegen. 

Eine Tango-Lobby-Gruppe und eine Satzung

Weil ich als Tangotänzer, privat im Hobbybereich, beruflich im Unterrichtsbereich zu Hause bin, interessiert es mich schon, wie meine Fertigkeiten im Bereich der kulturellen Förderung politische Beachtung finden und bei welcher Partei ich diese Interessen im Parteiprogramm repräsentiert wiederfinde. 

Da in diesem Sinne Lobbygruppen meine Interessen bei Politikern vertreten sollen, möchte ich als Mitglied einer solchen auch überprüfen können, ob diese Lobby-Vereinigung eine ernstzunehmende und seriöse Gruppe ist, die meine Belange überzeugend vertreten kann. Deren Inhalte möchte ich schon in der Vereinssatzung vorfinden und plausibel formuliert vertreten sehen und vertreten können, wenn ich zum Beispiel bei Mitgliederwerbung und oder einer Darstellung dahinterstehen möchte – zum Beispiel, um mit Vertretern anderer Tanzsparten zwecks Vernetzung darüber zu reden, ohne mich dafür verteidigen zu müssen; wie es aber bereits passiert ist. 

Wenn ich jedoch schon in der Vereinssatzung widersprüchliche Formulierungen finde, fällt es mir sehr schwer, diese vor anderen zu rechtfertigen. 

Hier stoße ich schon in politischen Auseinandersetzungen zur Vertretung dieser in besagter Satzung formulierten Ansprüche meiner Berufsgruppe auf Befindlichkeiten der Menschen, die sich in dieser Satzung benachteiligt oder zurückgesetzt fühlen. 

Das kann man als Befindlichkeiten oder als irrelevant abtun, aber ich fühle mich dann als Mitglied nicht vertreten. Das muss aber jedes Mitglied für sich entscheiden, denn niemand wird zu Mitgliedschaft gezwungen. 

Ein Verein als Lobby-Gruppe?

Ich schreibe hier, mancher wird es geahnt haben, über den Verein proTango e.v., der sich in der Zeit der Corona-Krise bildete, um per Petition und Aktionen auf die finanzielle Situation der von den Corona-Maßnahmen betroffenen Tango-Professionellen aufmerksam zu machen.

Viele Tangoschulen haben Studios, die finanziert werden wollen. Diese Studios bilden oft gleichzeitig als Milonga-Lokale einen Teil der Infrastruktur der Tangoszene, aber auch nicht-tanzunterrichts-abhängige Milongas privater Veranstalter tragen zur Belebung der Tangoszene bei.

Doch bei einer dieser Aktionen der Gruppe wurde das Sterben der gesamten Tangoszene in Deutschland anhand eines Videos etwas apokalyptisch dargestellt, weil einige Tangoprofis ihre Studios als finanziell bedroht ansahen.

 

Ich will das hier nicht satirisch betrachten, sondern ernsthaft anerkennen, denn es ist schon sehr tragisch, dass Tango-Lehrer und Veranstalter ihr Lebenswerk durch eine  Seuche bedroht sahen.

Aber es gehört schon eine gewisse Selbstüberschätzung dazu, daraus auch gleich den Tod des gesamten Tangos in Deutschland ableiten zu können. Ich übertreibe? Seht es Euch selbst an: Stimme und Timbre tragen zusätzlich zur Dramatik bei.

Hier wird wohl etwas übertrieben, denn wenn zum Beispiel meine Milonga und Tangoschule nicht mehr existieren, wird der Tango trotzdem weiter existieren.

Obwohl ich also zu dieser betroffenen Berufsgruppe gehöre, war ich persönlich nicht  so sehr betroffen, weil ich keine eigenen Studioräume finanzieren musste und sehr schnell staatliche Unterstützung bekam. Ich fand jedoch die Idee einer Interessenvertretung für Tango-Profis sehr interessant, empfand aber dagegen die zur Unterstützung benutzten Videos und Petitionen im Wortlaut sehr dürftig. Geschmacksache ist das schon, aber wenn ich als Vertreter einer Berufsgruppe stellvertretend darauf angesprochen werde, kommt schnell ein Fremdschämgefühl auf. Die zweite Petition, mit ihren nur ca. 950 statt der erforderlichen 50.000 Unterschriften war noch erfolgloser, bewirkte dank meiner Kritik daran aber meine Mitarbeit bei diesem Verein. Hier war ich nun bis vor kurzem in der Arbeitsgruppe „Vernetzung“ tätig, bis ich mich – leider etwas verspätet – bei Gesprächen mit Vertretern anderer Tanzsparten inhaltlich mit der Vereinssatzung* auseinandersetzen musste.

*Wer den folgenden Text besser verstehen möchte, kann diese Satzung lesen, aber ich versuche auch ohne dessen umständliche Lektüre die Wiedersprüche darin plausibel zu machen.

Politik oder Befindlichkeiten

Der Verein proTango e.V. befindet sich noch in einer Konsolidierungsphase, eine Gemeinnützigkeit wird angestrebt und wurde beantragt. Die Vereinssatzung ist zwar schriftlich formuliert und veröffentlicht, allerdings werden Teile der Satzung und Formulierungen offenbar noch diskutiert und sicherlich später angepasst. Der Verein stellt sich personell gut und kompetent auf, Fachwissen und Erfahrungen sind bei vielen vorhanden. 

Aber mein Befürchtung ist, dass der Verein ein wenig den Überblick verloren hat und zu forsch voranschreitet. Gründlichkeit ist zwar im Vereinsleben zu bemerken, aber es fehlt mir der Bezug zur Praxis, obwohl alle im Vorstand praxisorientierte Erfahrungen haben.

Meine Kritik an der Satzung kam im Verein zu einem ungünstigen Zeitpunkt an, weil viele Punkte schon diskutiert wurden und Quereinsteiger wie ich dann mit Wiederholungen verständlicherweise nerven können. Auch, weil eventuell lobby-bedingte Formulierungen und Vereinsziele noch vor der Wahl bei Politikern eingebracht werden müssen, besteht wohl kein vorrangiges Interesse, auch aus Zeitmangel, alles nochmal durchzukauen. Deshalb auch hier mein Beitrag. 

Denn die trennscharfe Formulierung der Vereinsziele ist auch bei grundsätzlicher Akzeptanz den Politiker*innen sehr wichtig, wenn sie sich im Sinne der Vereinsmitglieder einsetzen sollen. 

Und hier sehe ich Klärungsbedarf und die Begründung dieses Artikels: 

Wenn jedoch meine Vorbehalte im Verein als nicht relevant bezeichnet werden, die nicht das „große politische Ziel“ einer Mehrheit des Vereins beträfen, muss ich da energisch widersprechen, denn Politiker*innen entscheiden auch im Sinne der Befindlichkeiten ihrer Wähler. 

Und die Wählerschaft besteht nun mal nicht nur aus Tangotänzern, sondern zum Teil auch aus Salsa-, Swing-, Standard-, u.a. Tänzern mehr und auch aus vielen anderen Kulturschaffenden, die ihre Interessen gleichberechtigt betrachtet sehen wollen. Da reicht nicht die bloße Aussage, dass diese Gruppen ja auch Lobby-Gruppen bilden könnten, wie das im Verein argumentiert wird, wenn Neidkritik aufkommt.

Denn ein(e) Politiker*in wird immer Entscheidungen einer großen Zielgruppe ins Auge fassen. Wenn also eine Gruppe ihre speziellen Interessen nicht im Parteiprogramm wiederfindet, bildet sich normalerweise erst dann aus der Not heraus auch eine ganz spezielle Lobby-Gruppe mit diesen speziellen Zielen. 

Das Verfahren des Vereins proTango ist hier aber umgekehrt: 

Nämlich hier stehen erst die Eigeninteressen einer kleinen Gruppe ohne Hinzunahme anderer Interessengruppen. 

Viele Berufsgruppen der Tangowelt finden sich nämlich auch in anderen Tanzsparten wieder. Da es diese Lobbygruppen wie proTango aber noch nicht in allen Tanzsparten gibt, sah man sich gezwungen, hier vorzupreschen, bevor eine große gewerkschaftsähnliche Idee nur zerredet wird. Also hier entsteht schon eine Vernetzung mit anderen Gruppen; der Gedanke war also nicht fremd. Es tut sich etwas. 

Hier, an dieser Stelle, scheinen sich alle Probleme in Luft aufzulösen, wenn doch anscheinend schon so viel getan wird.  

Leider nicht! Deshalb stelle ich einige Fragen, weil der Vorsitzende Jörg Buntenbach zwischen persönlicher und sachlicher Kritik unterscheiden und meine deshalb als persönliche Befindlichkeit einstufte. Wahrscheinlich, weil sich unsere Diskussion festgefahren hatte. Doch darüber kann man sich im Folgenden nun selbst ein Bild machen.

Fragen an proTango…

Da ich diese Fragen aber auch zur Vorlage bei Politikern, beim Finanzamt (zwecks Beantragung der Gemeinnützigkeit) und bei Kritikern beachtenswert finde, stelle ich sie hier nochmals: 

1.  Wen vertritt dieser Verein überhaupt real? Wo sind genauere weitere Vereinsziele definiert als in Absatz 2.1. oder 2.2. der Satzung? Wer wird explizit vertreten und unter welchen Bedingungen? Profis oder die tanzende Öffentlichkeit? Beides wird in der Präambel der Satzung erwähnt, ist zur Definition der Gemeinnützigkeit wichtig, wird aber nicht erklärt. 

2. Warum soll ich einem Verein beitreten, ihn finanziell unterstützen, wenn dessen Ziele nur politisch sind, diese also nur von politischen Parteien durchgesetzt werden können, und ich dann obendrein auch noch als Nicht-Mitglied davon profitiere, wenn eine Wahl dieser Partei doch eigentlich als ausreichend erscheint? Mir unterstellte man anhand dieser Frage, die nicht meine persönlichen Gründe meines Austritts betrifft, egoistische Interessen.

3.   Sehr seltsam finde ich den Passus im Verhaltens-Codex für Mitglieder: Artikel 2 – Das Mitglied von proTango e.V. tritt auf einem hohen professionellen Niveau auf, so dass es dem Ansehen der Tangoszene dienlich ist und weder angegriffen noch in Verruf gebracht wird.“

Ist mit einem bloßen Nachweis einer Steuernummer, der zur Mitgliedschaft erforderlich war oder ist (?), ein professionelles Niveau zu definieren?  Ansonsten wird doch in deren Qualifikationen kein Nachweis erbracht. Also meine Frage: Was ist mit „professionell“ gemeint? (Mittlerweile werden auch Übungsleiter  als Mitglieder anerkannt).  Gilt dieser hohe Anspruch auch bei deren Qualität als Tänzer, Tanzlehrer? Zu diesem heiklen Themas drückt sich der Verein geschickt um einen klaren qualitativen Anspruch herum.Denn wir wissen doch alle, wie viele unqualifizierte „Tangolehrer“ es in der Szene gibt. Sollen diese praktisch nur anhand ihrer Steuernummer als „Tangoprofis“ gelten. Für mich ist das ein schlechter Witz. Wo ist da  Anspruch und Nutzen für den Tango zu erkennen?  Oder wird hier etwa doch nicht versucht, mit dem Begriff „professionell“ eine qualitative Bewertung eines fachlichen Könnens zu assoziieren? Professionell ist doch nur eine Feststellung, ob das Mitglieder davon seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Aber wovon? Also doch keine ehrenamtlichen Mitglieder und Hobby-Veranstalter, wie in der Präambel erwähnt? Oder setzt sich der Verein eigentlich nur aus Profis mit eigennützigen Interessen zusammen? Anscheinend ein Widerspruch, wenn gemeinnützige Vereinsziele und Mitgliederinteressen da nicht konform gehen. Liege ich damit wirklich so daneben? Stichwort: Widersprüchlichkeit durch Gemeinnützigkeit v/s Eigennutz. 
Ich bin wirklich sehr gespannt, ob der Antrag auf Gemeinnützigkeit genehmigt wird.

4.  Gibt es eigentlich genaue Zahlen über die beschriebenen Interessengruppen, die man hier gesamtheitlich zu vertreten glaubt?
Es gab bisher keine Umfragen und deshalb noch nicht einmal zuverlässige Daten, die aber den Politikern doch so wichtig sind. Wie will man als Lobby-Gruppe politisch ernst genommen werden, wenn diese nicht einmal zuverlässige Zahlen der vertretenen Gruppe kennt?

5.  Werden auch Vertreter anderer Berufsgruppen unterstützt, die nicht gemeinnützig sind, wie z.B. in der Präambel erwähnte Mode-Designer? (diese werden aber in der zur Begründung der Gemeinnützigkeit herangezogenen Weltkulturerbe-Satzung nicht erwähnt.) 

6.  Ist allein durch deren Erwähnung in der Vereinssatzung nicht die angestrebte Anerkennung als gemeinnütziger Verein gefährdet? Denn es kostet jedes Mal durch solche Nachlässigkeit Vereinsgelder; eine Rechenschaftspflicht gegenüber den Vereinsmitgliedern besteht hier sicherlich. Eine Gemeinnützigkeit eines Vereins definiert sich doch nicht nur aus Verzicht auf Gewinne, sondern auch aus gemeinnützigen Vereinszielen. Ich verstehe nicht, dass der hinzugezogene Vereinsanwalt hier keine Kritikpunkte findet, denn Kulturförderung allein ist doch kein ausreichend definiertes Vereinsziel.

7.  Ist die Einbeziehung des „Weltkulturerbes Tango“ als Vereinsziel sinnvoll, wenn sie zwar international, aber national nicht rechtlich relevant ist? Denn beim Weltkulturerbe Tango sind speziell die beiden Länder Argentinien und Uruguay als Erbträger aufgeführt. Die weltweite Verbreitung des immateriellen Kulturerbes wird zwar erwähnt, der ausdrückliche Schutz bezieht sich aber auf die Länder – also ortsbezogen. Spezialisten müssten das hier nochmal erklären, worum ich bitte, denn diese Auslegung ist erstmal nicht nur meine eigene. Hier besteht für mich Klärungsbedarf. Originaltext bei Antragstellung:
R.2: Die Eintragung des Elements in die Repräsentative Liste würde zur Sichtbarkeit des immateriellen Kulturerbes und zu einem tieferen Verständnis des Tangos als einer regionalen Ausdrucksform beitragen, die aus der Verschmelzung mehrerer Kulturen entstanden ist;

8.  Sind zum Beispiel Encuentro-Veranstalter, (übrigens sind dort auch Profis darunter)  und ein großer Teil der dort beheimateten Tänzer vom Verein ausgeschlossen, wenn diese nicht die Vorraussetzungen der Gemeinnützigkeit erfüllen; nämlich durch den nicht-öffentlichen Zugang durch die Allgemeinheit?

9.  Warum widersprechen sich in der Präambel dieser Satzung die zu vertretenden Tanzrichtungen: es werden zuerst nur der unterstützungswürdige, improvisierte Tango „Argentino“ und dann weiter unten auch Showtänzer nebenbei erwähnt, die ja vorwiegend choreografisch und nicht improvisiert tanzen, aber nicht explizit unterstützt werden sollen; zumindest wird es aber nicht erwähnt. Weltkulturerbe ist der „Tango vom Rio de la Plata“, aber nicht nur der Tango „Argentino“. Es sind nur Kleinigkeiten, korrekturbedürftig, und müssen irgendwann in einem großen „Abwasch“ (und nicht in einem kostenaufwändigen „Abstimmungs-Kleinerlei) bereinigt werden. Aber sollte der Verein relativ zeitnah an Politiker herantreten wollen, werden solche Kleinigkeiten zwar nicht relevant sein, werfen aber bei deren Prüfungsgremien ein schlechtes Licht auf die oberflächlich erscheinende Vereinsstruktur.

Fazit

Das sind nur Beispiele, und sie mögen vielleicht nicht als erheblich wirken, haben aber oft große Auswirkungen; unten an der Basis, durch berechtigte Kritik und deshalb auch in der politischen Vermittlung besonderer Wünsche an die Bevölkerung, wenn sich zum Beispiel dort der Tango als Kunst etablieren möchte, aber in der Wahrnehmung der Bevölkerung sich nur als eine mit anderen Tanzsparten vergleichbare „Freizeitbeschäftigung“ entpuppen wird.

Dann scheint auch der Wunsch nach einer öffentlich finanzierten Kultur-Sozial-Kasse schwer zu vermitteln sein. Der Wunsch einer Aufnahme wird zwar nicht auf die Tangokultur begrenzt aufgeführt, wird aber bei internen Vereinszielen nicht auf andere Tanzsparten ausgeweitet. Das wirkt nicht sehr solidarisch mit Tänzern anderer Sparten, mit denen man sich aber doch zu vernetzen wünscht.

Warum holte sich der Verein diese Vertreter anderer Tanzsparten nicht vorher ins Boot, bevor sie in die Öffentlichkeit und an Politiker*innen herantritt? Als „Gesamt-Tanz-Lobby-Verband“ ist alles viel erfolgreicher umzusetzen, wenn Politiker*innen in den Interessengruppen eine Mehrheit wittern. Ein Verein mit gerade einmal 130 Mitgliedern trotz ca. geschätzten 10-15-tausend (?) Tänzern erscheint da nicht gerade repräsentativ.

Ich hoffe, das sich der proTango e.v. als gemeinnütziger Verein rechtzeitig damit auseinandersetzt, damit wenigstens WIR an der Basis, WIR Tänzer und Tango-Liebhaber mit den Zielen des Vereins, wie dort postuliert, uns dort auch wiederfinden, wenn man schon auf uns als Gemeinnutzen Bezug nimmt.

Die größte Unsicherheit entsteht jedoch bei mir, wenn sich der Verein einerseits nur auf seine Mitglieder bezieht, aber dabei die große Menge der Tänzer inhaltlich für seine Vereinsziele in Anspruch nimmt, wenn also der Begriff Gemeinnutz vorerst als Vorwand für Eigeninteresse benutzt wird. Da sich aber der Verein selbst, wenigstens in seiner Satzung, dahingehend nicht klar definiert, sehe ich da großen Klärungsbedarf.

Dass der Verein keine Bewertungsmaßstäbe, z.B. für Lehrerqualitäten, anlegen möchte, ist verständlich, denn eine fachliche Beurteilungen kann man leider durch die Vielfalt, die persönlichen Stile, die Interessen der Tänzer im Tango nur schwer vertreten. Die Kriterien wären auch zu umfangreich, und wenn, dann auch objektiv nur anhand der tänzerischen Qualitäten ihrer Tanzschüler anzulegen. Wer aber testet hier schon Tanzschüler? Ich wäre bereit, so einen Berufsverband anzustreben, aber das ist in Deutschland sehr schwierig zu realisieren.

Jedoch könnten vielen Lehrer-Anfängern, durch die scheinbar bewertungsfreie Möglichkeit einer Legitimierung per Vereinsmitgliedschaft, eine Tür geöffnet werden, sich auch ohne fachliche Qualifikation, nur mit Steuernummer, in den Unterrichtsmarkt zu wagen. 

Ob dies nun ein Wunsch der etablierten Tango-Lehrer-Profis im Verein sein kann, wage ich in Frage zu stellen.

Also dieses heiße Eisen einer Berufsausbildung mit Mindestqualifikation anzufassen, ist eher einem Berufsverband, ähnlich dem ADTV, zuzumuten; hier wäre ein Lobby-Verein auch überfordert.

Ich hoffe nur, dass ich mit dieser öffentlichen Fragestellung den Antrag auf Gemeinnützigkeit nicht gefährde, aber ich glaube nicht, dass die Prüfungsstelle meinen Blog liest.

Der Verein hat ja auch einen Fachanwalt für Vereinsrecht. Ich bin darin nur Laie.

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